Flugblätter

Von Regina Keyler

Flugblatt: Bert-Brecht-Bau-Info, 3. Februar 1977, (Quelle: Universitätsarchiv Tübingen S 4/50)
Flugblatt: Bert-Brecht-Bau-Info, 3. Februar 1977, (Quelle: Universitätsarchiv Tübingen S 4/50)

Definition der Quellengattung

Nach einer gängigen Definition ist ein Flugblatt dadurch gekennzeichnet, dass es aus zwei oder mehr kleinformatigen Seiten besteht, die vornehmlich mit Text bedruckt sind und an Interessenten verteilt werden oder ausliegen. Mehrseitige Flugblätter werden auch als Flugschrift bezeichnet. Sie dienen in erster Linie zur schnellen Information und können effektiv und zielgenau verteilt werden. Ihrer Zweckbestimmung nach kann man Flugblätter heute in drei Kategorien einteilen: Politik (z.B. Wahlwerbung), Wirtschaft (z.B. Werbung für kommerzielle Produkte) und Kultur (z.B. Veranstaltungshinweise).[1] In der langen Geschichte der Flugblätter wechselten sich die Schwerpunkte in den drei Kategorien ab.

Historische Entwicklung

Einladung von Graf Eberhard zum Besuch der Universität, Flugblatt von 1477, (Quelle: Universitätsarchiv Tübingen U 1a)
Einladung von Graf Eberhard zum Besuch der Universität, Flugblatt von 1477, (Quelle: Universitätsarchiv Tübingen U 1a)

Für die politische und gesellschaftliche Kommunikation hatten Flugblätter eine große Relevanz. Da sie relativ billig herzustellen waren und Informationen schnell verbreiten konnten, waren sie vor allem für Gruppen mit geringer finanzieller Ausstattung und ohne Zugriff auf die Medien von Bedeutung.[2]

Ihren ersten Höhepunkt hatten sie während der Reformation, als erstmals das durch Gutenberg revolutionierte Druckverfahren für die großflächige Verbreitung von Texten eingesetzt wurde. Zwar waren die Flugblätter damals nicht kostenlos, sondern mussten erworben werden; durch die relativ hohen Auflagen, die Weitergabe der Blätter und öffentliches „Ausrufen“ erreichten sie dennoch einen großen Adressatenkreis. In ihrer ersten Hochphase behandelten Flugblätter jedoch nicht nur religiöse Themen: Sie verbreiteten auch Nachrichten über Naturereignisse, gesellschaftliche Vorkommnisse oder politische Geschehnisse. Nicht zuletzt während der Studentenproteste der 1960 und 1970er Jahre erhielten die Flugblätter große Bedeutung bei der universitätspolitischen Meinungsbildung, jedoch auch bei der Diskussion allgemeinpolitischer Themen über die Universität hinaus. Das Flugblatt heißt inzwischen „Flyer“ und im Mittelpunkt steht nicht mehr nur der Text oder die politische Aussage, sondern auch die Grafik, deren Ziel es ist, die Aufmerksamkeit auf den Inhalt zu lenken. Die Herstellung der Flyer ist sehr preiswert geworden, so dass sie oft nicht gezielt, sondern eher wahllos verbreitet werden. Die Funktion der Flugblätter zur Mobilisierung von Gleichgesinnten haben inzwischen die Sozialen Medien weitgehend übernommen.

Aufbau und Inhalt

Aufbau und Inhalt von Flugblättern können pauschal über die Jahrhunderte ihrer Verbreitung nur schwer beschrieben werden. Thematisch behandeln sie immer das, was gerade aktuell ist und für das um Aufmerksamkeit geworben werden soll. Ihr Äußeres entspricht dem jeweiligen vorherrschenden Zeitgeschmack.

Überlieferungslage und ggf. vorarchivische/archivische Bearbeitungsschritte

Flugblätter gehören zur „grauen“ Literatur, für ihre Sammlung und Dokumentation fühlt sich oft niemand zuständig. Idealerweise werden Belegexemplare von den Herausgebern ins Archiv gegeben. Dann würde die oft vom Zufall abhängige, aufwändige Sammelarbeit entfallen, die vielfach zu nur lückenhaften Sammlungen führt.

Eine andere Möglichkeit an Flugblätter heranzukommen, ist die Übernahme der Sammlungen von Sammlern. Dies hat allerdings den Nachteil, dass sich dann Exemplare des Flugblatts an verschiedenen Stellen des Archives befinden können, was doppelten oder dreifachen Aufwand an Erschließung und Bestandserhaltung erfordert.

Quellenkritik und Auswertungsmöglichkeiten

Die Flugblätter bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts waren dadurch gekennzeichnet, dass sie inhaltliche Informationen verbreiteten, die die Meinung des jeweiligen Herausgebers wiedergab. Flugblätter können jedoch auch Hinweise auf bestimmte Ereignisse geben, z.B. Veranstaltungen oder Aufrufe zu Demonstrationen. Allgemein können Flugblätter auch hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes ausgewertet werden. In ihnen spiegelt sich häufig die zeitgenössische Grafik wider. Flugblätter als Quellengattung erlangten vor allem in den Forschungen zur Reformationsgeschichte unter kommunikationshistorischen Gesichtspunkten Bedeutung, ja darüber hinaus für die gesamte Mentalitätsgeschichte der Frühen Neuzeit.[3]

Hinweise zu Benutzung

Flugblätter finden sich in Archiven sowohl in gesonderten Sammlungen als auch als Bestandteil von Konvoluten privater oder amtlicher Herkunft. Die Erschließungstiefe kann sehr unterschiedlich sein, von pauschalen Hinweisen bis zur exakten bibliothekarischen Einzelblattaufnahme. Da Flugblätter häufig auf billigem Papier gedruckt sind, kann ihr Erhaltungszustand problematisch sein.

Anmerkungen

[1] Teske, Sammlungen.
[2] Delabar, “Burn, Ware-House, Burn!”, S. 269.
[3] Illustrierte Flugblätter, S. 9.

Literatur

  • Delabar, Walter, “Burn, Ware-House, Burn!” Zu den Flugblättern der Kommune I, in: Flugblätter von der Frühen Neuzeit, S. 269–292.
  • Flugblätter von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart als kulturhistorische Quellen und bibliothekarische Sondermaterialien, hg. v. Christiane Caemmerer, Frankfurt a.M./Berlin/Bern/Wien [u.a.] 2010.
  • Illustrierte Flugblätter der Frühen Neuzeit. Kommentierte Edition der Sammlung des Kulturhistorischen Museums Magdeburg, hg. v. Michael Schilling (Magdeburger Museumshefte Sonderheft), Magdeburg 2012.
  • Nichtamtliches Archivgut in Kommunalarchiven. Teil 2: Bestandserhaltung, Dokumentationsprofil, Rechtsfragen (Texte und Untersuchungen zur Archivpflege 25), Münster 2012.
  • Sammlungen in Archiven, hg. v. Norbert Reimann (Veröffentlichung des Landesarchivs Berlin 3), 2. Auflage, Berlin 2008.
  • Scholz, Harry/Spoden, Jutta, Erschließung und Digitalisierung der Flugblatt-Flugschriftensammlung im Archiv der sozialen Demokratie (AdsD), in: Der Archivar 52 (1999), S. 327–329.
  • Teske, Gunnar, Sammlungen und nichtamtliche Überlieferung, in: Praktische Archivkunde. Ein Leitfaden für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste Fachrichtung Archiv, hg. v. Norbert Reimann/Wolfgang Bockhorst, 2. Auflage, Münster 2008, S. 151f.
  • Trumpp, Thomas, Zur Ordnung und Verzeichnung von Plakaten im Archiv, in: Der Archivar 41 (1988), S. 237–250.

Zitierhinweis: Regina Keyler, Flugblätter, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde, URL: […], Stand: 08.01.2018.

 

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