Klosterchroniken

Von Tabea Scheuble

Bamberger Schreiberbild mit der Selbstdarstellung des Michelsberger Skriptoriums, Bamberg-Michelsberg, um 1150, (Quelle: Staatsbibliothek Bamberg, Msc.Patr. 5, fol. 1v)
Bamberger Schreiberbild mit der Selbstdarstellung des Michelsberger Skriptoriums, Bamberg-Michelsberg, um 1150, (Quelle: Staatsbibliothek Bamberg, Msc.Patr. 5, fol. 1v)

Definition der Quellengattung

Die Klosterchronik kann als besondere Form der historiographischen Gattung der Chronik gelten, die sich durch ihren Entstehungsort und ihr spezifisches Augenmerk auf die jeweilige Klostergeschichte auszeichnet.[1] Ihr Inhalt kann dennoch politisch orientiert sein und reichs- wie territorialgeschichtliche Themen einbeziehen.[2]

Der Terminus „Klosterchronik“ birgt die Herausforderung, sprachlich zwar nur rein monastische Orden zu beschreiben, inhaltlich aber auch chronologisch gegliedertes Schriftgut aus Chorherren- bzw. Chorfrauenstiften oder geistlichen Sammlungen zu umfassen.[3]

Wie auch die Chronik an sich, hält sich die Klosterchronik nicht unbedingt an das „Schema der jährlich aufeinanderfolgenden Nachrichten“[4] der Annalen,[5] sondern bringt die Geschichtserzählung lediglich in eine zeitlich aufeinander aufbauende Reihung.[6] (Die ‚Chronik‘ steht in einem etymologischen Zusammenhang zur Chronographie, der Zeitbeschreibung, aus griech. chrónos (κρόνος) ‘Zeit, Zeitdauer, Zeitverlauf’.[7]) Eine klare Abgrenzung bleibt dennoch schwer, da gerade die Klosterchronik in enger historischer Verbindung zu den Annalen steht: „Zu der Chronistik im weiteren Sinn gehören die Annalen, die sich aus klösterlichen Ostertafeln heraus entwickelt haben und Jahr für Jahr die wichtigsten Ereignisse aus dem Blickpunkt eines Klosters und später auch anderer Institutionen festhalten“.[8] Auch zu anderen selbstreferentiellen Quellentypen wie Tagebüchern ist eine klare Trennlinie oftmals nur schwer zu ziehen.

Historische Entwicklung

Klosterchroniken gingen aus der „Beschäftigung der christl. Spätantike mit Geschichte“[9] hervor. Schon früh waren Klöster Orte der Schriftlichkeit, was sich auch in der Produktion von Schriftgut niederschlug.[10] Im Lexikon des Mittelalters werden neben der klassischen Universal- bzw. Weltchronik auch die sich später entwickelnden Reichs-, Landes-, und Stadtchroniken angeführt. Chronikale Schriftquellen aus dem klösterlichen Kontext finden keine gesonderte Erwähnung. Dies liegt zunächst in ihrer historischen Entwicklung begründet. Zahlreiche mittelalterliche Äbte, wie etwa im 11. Jahrhundert Hermann von Reichenau, fungierten als Verfasser von umfassenden, weltgeschichtlich ausgerichteten Chroniken.[11] Eine Veränderung in der Klostergeschichtsschreibung lässt sich mit der Klosterreformbewegung im 10. und 11. Jahrhundert ausmachen. Zwar wird auch weiterhin Herrschaftsgeschichte in Chroniken aus Klöstern dargestellt, während die eigene, klösterliche Vergangenheit hagiographisch in Viten (Lebensbeschreibungen) von klosterrelevanten Heiligen nur indirekt durchscheint. Dennoch ist in den Handlungs- und Tatenberichten über die einzelnen Äbte der Weg eingeschlagen, auch insgesamt über die Vorkommnisse im Kloster zu berichten.[12]

Im deutschen Südwesten sind Klosterchroniken seit der Gründungsphase des jeweiligen Klosters bis zu seiner Auflösung entstanden; in württembergischen Herrschafts- und Einflussgebieten daher oftmals bis in die Reformationszeit, in katholisch verbleibenden Räumen gegebenenfalls sogar bis in die Zeit der Säkularisation. Ein Beispiel hierfür ist die mit der josephinischen Klosteraufhebung endende Klosterchronik der Franziskanerinnen von Kloster Waldsee (1510–1776).[13]

Klosterchroniken entstanden somit nicht nur aus männlicher Hand bzw. Feder. Vor allem aus dem Spätmittelalter ist eine Vielzahl von Chroniken geistlicher Frauen verschiedener Ordenszugehörigkeit überliefert.

Die Geschichtswissenschaft verortet den Gebrauch des Begriffs ‚Chronik‘ vornehmlich im Mittelalter. In späteren Zeiten ist zunehmend von „Geschichtsschreibung“ oder „Historiographie“ die Rede.[14] Mit der neuzeitlichen (Wieder-)Gründung von Konventen geht auch häufig der Wunsch nach Aufarbeitung der eigenen Klostergeschichte einher. Diese Abhandlungen würden demnach eher als moderne Chronistik bzw. als Geschichtsschreibung des Klosters verhandelt werden.

Aufbau und Inhalt

Klosterchroniken zeichnen sich durch ihre Heterogenität der Gestaltung aus, da sie im Gegensatz zur ars notaria des klassischen Urkundenaufbaus keiner einheitlichen Formvorgabe folgen.[15] Die einzelnen Chroniken können in ihrem Aufbau, Form und Umfang sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Gemeinsam haben die Chroniken jedoch, dass sie meist mit einer Art Vorwort des Verfassers eingeleitet werden, das in verschiedenartigem Ausmaß Hinweise auf den Verfasser oder die Verfasserin und die Schreibumstände gibt. Häufig geschieht dies im Duktus der Bescheidenheit.[16]

Im narrativen Stil beschreibt ein Fließtext die vergangenen Geschehnisse. Der Textkörper ist weniger als bei anderen Quellentypen von Abkürzungen gekennzeichnet, die mit Maß-, Preis- oder anderen relationalen Angaben umgehen oder aus Platz- oder Zeitgründen im Entstehungsprozess auf Abbreviaturen zurückgreifen. Stattdessen bedingt die Konzeption der Klosterchronik als Traditionsgut (als Schriftgut, das darauf angelegt worden ist, für die Nachwelt überliefert zu werden) eine gewisse Schriftästhetik. Klosterchroniken sind daher meist mit einer gut lesbaren Hand geschrieben. Die Reinschrift wollte oftmals auch durch die formelle Gestaltung für die Zeitgenossen optisch ansprechend sein und brachte auch für Initialen (geschmückte Anfangsbuchstaben) und Illuminationen (Buchillustrationen) einen gewissen gestalterischen Freiraum.[17] Die Bilderreihe eines Bamberger Klosterschreibers aus dem Michelsberger Skriptorium im 12. Jahrhundert gibt über die verschiedenen Fertigungsschritte hin zur fertigen Chronik einen Eindruck davon, dass die Buchproduktion und damit auch der Entstehungsprozess einer Klosterchronik sehr aufwändig sein konnte.[18]

Der Textkörper wirkt wie ‚aus einem Guss‘, wenn auch teilweise elliptische Satzstrukturen oder Wiederholungen auftreten (die wiederum Hinweise auf den Bildungsstand des Verfassers geben können).[19] Auch kann die Nähe zur gesprochenen Sprache unterschiedlich deutlich erkennbar sein. Aussparungen für Nachträge im Textkörper sind möglich. Einfügungen, wie auch Randnotizen, die dem Textkörper später kommentierend und erklärend hinzugefügt wurden, bilden verschiedene historische Zeiträume ab. Auch lassen sich jene historischen Schichten im Chroniktext durch Bezugnahmen finden, in denen auf ältere Schriftstücke, auf deren Grundlage der Text verfasst wurde, referiert wird. Des Weiteren lassen sich so auch Rückschlüsse auf mündliche Überlieferungen ziehen. Nicht selten erfolgt dies mit dem Verweis, wie lückenhaft bereits für einen spätmittelalterlichen Schreiber die alten Überlieferungen seien.[20]

Inhaltlich setzen Klosterchroniken oft an der für die Klosterlegitimation zentralen Stiftungsgeschichte zur Klostergründung oder anderen zentralen Weg- und Wendemarken der Klosterschichte ein. Sie führen dann in chronologischer Reihenfolge durch die für die Verfasser oder die Verfasserinnen wichtigen Geschehnisse, meist bis in deren Gegenwart. Der Fließtext ist dabei durch verschiedenartige inhaltliche wie formale Einschübe angereichert, wenn Informationsquellen wie Urkunden und Briefe, aber auch Besitzstände in den Text eingearbeitet und übernommen werden. Verweise auf Bibelstellen fließen als Direktzitate, Sprachbilder und Analogien in den Text ein. Hier kann es zu sprachlichen und formalen Brüchen kommen. Besonders ersichtlich ist dies dann daran, wenn die Schreibsprache in spätmittelalterlichen Klosterchroniken vom Volkssprachlichen ins Lateinische wechselt.

Inwiefern vom Verfasser selbst eine formelle Gliederung der berichteten Vorkommnisse, etwa in einer Kapitelstruktur, die uns erhalten geblieben ist, vorgenommen wurde, ist einzelfallspezifisch und auch durch die Überlieferungsgeschichte der Klosterchronik beeinflusst.[21]

Überlieferungslage und ggf. vorarchivische/archivische Bearbeitungsschritte

Klosterchroniken lassen sich dem Droysenschen Quellentypus der ‚Tradition‘ zuordnen: Sie wurden im Gegensatz zum Alltagsschriftgut mit einem Hintergedanken für die Gegenwart und Nachwelt der Verfasser geschrieben. Sie bargen bereits zur Entstehungszeit einen Aufbewahrungsgedanken. Daher können sich Klosterchroniken im Archiv- oder Bibliotheksbestand des jeweiligen Klosters befinden.

Ein repräsentatives Äußeres verhinderte oftmals die Vernichtung und sorgte für ein Überleben des Schriftstücks auch über das Bestehen des Klosters hinaus. Die Chroniken überdauerten die Zeit dann in Archiven der entsprechenden weltlichen Herrschaften, in denen das Klostergut aufging. Klosterchroniken sind, wenn sie in staatliche Archive wie das Landesarchiv Baden-Württemberg gelangten, nicht wie etwa Lagerbücher in einer eigenen formalen Bestandsgruppe ausgelagert, sondern bei der Überlieferung des einzelnen Konvents verblieben.

Jedoch sind Einschränkungen zu machen. Chronikale Schriften von Klosterfrauen sind zum Teil auch in Sammelhandschriften überliefert. Sie sind dann schwer aufzufinden, da sie bisweilen nicht einmal durch eine Überschrift im sonstigen Textkörper kenntlich gemacht sind.[22] Außerdem sind Chroniken zum Teil weit gereist. So ist das Fehlen einer Chronik im entsprechenden Archiv nicht unbedingt als Nichtüberlieferung selbiger zu verstehen. Eine wohl aus dem Kloster in Kirchheim unter Teck stammende Abschrift der Chronik einer Dominikanernonne aus St. Johannes Baptist ist mittlerweile in einem Wiener Archiv verwahrt.[23] Auch sind Beziehungen zwischen den Klöstern zu bedenken, sodass Ordensgeistliche nicht nur über ihre eigene Reform, sondern auch über die in anderen Klöstern Bescheid wussten und berichteten.[24]

Die Überlieferungsgeschichte der Klosterchronik aus Kirchheim unter Teck zeigt also, dass Chroniken aus Klöstern verschiedene Wege einschlagen konnten. Als ‚Chronik in der Chronik‘ findet z.B. die Kirchheimer Nonnenchronik Eingang in eine Landeschronik des 18. Jahrhunderts. Dem Verfasser dieser Landeschronik, dem herzoglichen Archivar Christian Friedrich Sattler, lag die handschriftliche Klosterchronik vor. Er nutzte sie zum einen für seine zeitgenössische Interpretation der Geschehnisse rund um die Grafen und späteren Herzöge von Württemberg, die an der Konventsreform untereinander als Widersacher teilhatten.[25] Zum anderen überlieferte er die Klosterchronik im Anhang (als ‚Beylage‘) und erstellte damit eine frühe, gedruckte Ausgabe dieser Klosterchronik. Klosterchroniken sind also ggf. nicht immer als handschriftliche Quellen überliefert, können aber ihre Spuren im Schriftgut späterer Jahrhunderte hinterlassen haben.

Zwei weitere Punkte sind zur Überlieferungslage anzusprechen: Zum einen sind Klosterchroniken nicht immer vollständig und umfassend erhalten. Ein Beispiel dafür bietet das im Stuttgarter Hauptstaatsarchiv im Bestand J 1 Nr. 243 aufbewahrte handschriftliche Chronikfragment aus dem 17. Jahrhundert, das vermutlich der Zisterzienserabtei Schöntal in Hohenlohe zuzuordnen ist. Zum anderen bedingt die Heterogenität des Quellentypus, dass nicht alles, was inhaltlich unter dem Schlagwort „Klosterchronik“ gefasst werden könnte, auch als solches bezeichnet wird – weder aktuell, noch von den Schreibenden damals aus dem Kloster. Wenn überhaupt eine Eigenbezeichnung vorgenommen wurde, dann sehr vielfältig: historia, chronica, fundatio, catalogus, narratio, aber auch schlicht als liber etc. Entsprechend sind die volkssprachlichen Versionen.[26] Wenn auch nicht aus dem deutschen Südwesten, so ist doch die Chronik der Priorin Anna von Buchwald aus dem Klosterarchiv Preetz bei Kiel ein herausragendes Beispiel. Denn jene Chronik ist weithin bekannt als ‚Buch im Chor(e)‘.

Quellenkritik und Auswertungsmöglichkeiten

Das Verfassen einer Klosterchronik war von einem großen zeitlichen wie auch materiell-finanziellen Aufwand geprägt. Sie wurde bereits von den Zeitgenossen als bewahrenswürdiges Dokument angelegt. Eine überlieferte mittelalterliche Klosterchronik ist schon allein deswegen eine Besonderheit und gibt einen Hinweis auf ihren hohen archivalischen Sekundärwert.

Klosterchroniken umfassen inhaltlich meist längere, Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte umgreifende Zeitspannen, häufig ab der Klostergründung und die Stifterfamilie einbeziehend. Dies bedingt meist auch ihren Umfang auf zahlreichen Folioseiten. Klosterchroniken sind dabei häufig als Zeugnis einer Umbruchzeit zu sehen, in der sich der Rückbezug auf die Vergangenheit und deren narrative Verschriftlichung für den Verfasser als etwas Lohnenswertes darstellte.[27] Als besonderes "sub-genre" können so sowohl in Männer- als auch Frauenkonventen die Reformchroniken gelten.[28]

So liefern Klosterchroniken einerseits (gefilterte) Sachinformationen über die Vergangenheit des Klosters in längeren zeitlichen Bögen, zum anderen aber auch einen Zugang zur Lebens- und Weltsicht des Verfassers und seinen Wertmaßstäben zur Einordnung und Beurteilung der vergangenen und gegenwärtigen Prozesse. Der Inhalt der chronikalen Niederschrift ist dabei nicht wie bei notariell beglaubigten Rechtstexten von den Zeitgenossen als juristisch korrekt bestätigt worden. Stattdessen zeichnen sich Klosterchroniken gerade durch ihre verfassergebundene Perspektivität und die daraus resultierende Subjektivität der Darstellung aus – wenngleich trotzdem der Anspruch besteht, wahrheitsgemäß zu berichten.[29]

Fälschungen von ganzen Klosterchroniken sind allein durch ihren schieren Umfang unwahrscheinlich. Nicht auszuschließen sind aber durchaus Manipulationen einzelner Bezugsurkunden bzw. die Bezugnahme auf in früheren Zeiten gefälschte Rechtsbriefe. Auch kann die Zuordnung eines Verfassers problematisch sein. Dies ist besonders dann der Fall, wenn der Textkörper nur fragmentarisch überliefert ist oder wenn der überlieferte Text keine konkreten Angaben macht. Zudem können Chroniken als Gemeinschaftsprodukt verschiedener Konventsinsassen entstehen, was sich ggf. in verschiedenen Händen, etwa von Schreibenden und Konventsleitenden widerspiegelt oder einem narrativen ‚wir‘ der Erzählperspektive.[30] Auch muss zwischen intellektueller Grundlage und Abschrift, zwischen konzeptuell Verfassendem und Reinschreibendem keine Personalunion bestehen – noch weniger gegenüber einer zensierenden höheren Autorität. Häufig lässt sich als Quintessenz nur ein Verfasser aus dem Inneren des Klosters festhalten.

Klosterchroniken liegt eine Intentionalität zu Grunde. Zur Legitimation ihres klösterlichen Bestehens, als Berufungsgrundlage wie auch als Handlungsanleitung, richten sich Klosterchroniken an einen gewissen Adressatenkreis. So dienten Klosterchroniken aus Reformzeiten auch dazu, die gegenwärtigen Bewohner oder Bewohnerinnen des Gotteshauses für ihre aus der Vergangenheit hergeleitete Verantwortung zu sensibilisieren, also etwa dem Ziel, sie und die kommende Generation dazu zu bringen, eine Reform zu erhalten und weiterzuführen, oder aber ihr entgegenzutreten. Die alte, schriftliche Konventsüberlieferung wird dabei oft mit Augenzeugenberichten der ältesten Mitglieder des Gotteshauses verbunden, wodurch eine Autorität des Chroniknarrativs geschaffen wird.[31]

Innerklösterliche Dynamiken finden dabei genauso Eingang in die Erzählung wie Werturteile über die Bezugsgeschehnisse um das Kloster. Klosterchroniken können damit mentalitätsgeschichtlich wertvolle Einblicke in zeitgenössische Diskurse und Selbstwahrnehmungen der Klosterbewohnerinnen und -bewohner geben. Gleichwohl liegt in der toposbehafteten Sprache eine Schwierigkeit der Auswertung.

Werturteilende und positionsbestimmende Aussagen in Klosterchroniken geben jedoch nicht unbedingt die Meinung des gesamten Konvents wieder. Sie dienen zwar häufig auch der Schaffung einer gemeinsamen Geschichte und damit Identifikationspunkte. Diese werden allerdings von der dominierenden Seite im Konvent geschrieben – und der Nachwelt als Tatsachenbericht überliefert. Jene Klosterchroniken prägten die Wahrnehmung der Nachwelt und auch die historische Forschung. Quellenkritische Kenntnisse zum historischen Entstehungskontext der Klosterchronik und seiner zeitlichen wie auch räumlichen Nähe zum nacherzählten Geschehen sind so unabdingbar.

Darüber, inwiefern sich Unterschiede in Klosterchroniken aus Männer- gegenüber Frauenkonventen erkennen lassen, wird in der Forschung debattiert. Ob und wie sich die Kategorie Gender im Schreibstil niederschlägt, wird weiter unten im Abschnitt "Forschungs- und Editionsgeschichte" angesprochen. Da Frauenkonvente jedoch durch ihren klausurierten (von der außerklösterlichen Umgebung abgetrennt, das Kloster nicht verlassenden) Lebensstil der außerklösterlichen Welt unter anderen Bedingungen gegenübertraten als ihre männlichen Pendants, lässt sich zunächst festhalten, dass das Bestreben nach Unabhängigkeit von weltlicher Rechtsprechung durchaus ein wiederkehrendes Thema in Klosterchroniken aus weiblichen Ordenshäusern war. Dies manifestiert sich nicht zuletzt in gehäuften Verweisen auf rechtliche Grundlagen, wie päpstliche Bullen und gewährte Freiheiten.[32] Des Weiteren nehmen die liturgischen Pflichten als zentrales Element des Klosteralltags in weiblichen Konventen Raum in ihren Chroniken ein. In Chroniken aus Männerklöstern, wie etwa der stilistisch aufwändig komponierten des Gallus Öhem aus dem Reichenauer Kloster aus dem beginnenden 16. Jahrhundert, reicht der thematische Fokus durch die unterschiedlichen Strukturbedingungen des Klosterlebens weiter in die weltliche Sphäre, sodass gerade Reformberichte aus Männerchroniken stärker auf herrschaftliche Machtverhältnisse abheben.[33]

Abschließend ist zu bemerken, dass nicht nur der verschriftlichte Gehalt einer Klosterchronik von Interesse ist. Klosterchroniken sind auch häufig kodikologisch wertvoll: Der Textkörper kann mit seinen ausgestalteten Initialen, mit den ihn umgebenden Bildern und der Gesamtgestaltung des Bandes, seiner Papiergrundlage und seinem Einband in Bezug gesetzt werden.

Hinweise zur Benutzung

Klosterchroniken sind über staatliche und städtische Archive hinaus uneingeschränkt nutzbar, wenn das entsprechende Kloster den Zugang insgesamt zur Akteneinsicht in sein Klosterarchiv ermöglicht. Zeitliche Sperrfristen sind nicht mehr vorhanden. Die Nutzungsmöglichkeiten von Klosterchroniken im Internet werden zunehmend ausgebaut, indem Klosterbestände digitalisiert werden. Vor allem Editionen sind online bereits verfügbar. Die gedruckte ‚Chronik in der Chronik‘, die Kirchheimer Chronik von Sattler, wie auch die des Gallus Öhem von Reichenau, sind etwa in der digitalen Universitätsbibliothek Heidelbergs verfügbar.[34]

Forschungs- und Editionsgeschichte

Durch ihre literarische Form haben Klosterchroniken schon früh die Aufmerksamkeit der Geschichtsinteressierten und der historischen Forschung erfahren. Die frühneuzeitliche Ausgabe des württembergischen Hofarchivars Sattler (1768) wurde bereits mehrfach erwähnt. Auch in der Folgezeit entstanden gedruckte Ausgaben. Gerade im 18. und 19. Jahrhundert wurden Klosterchroniken aus alten Manuskripten sowohl von (lokalen) Historikern aber auch von Antiquitätensammlern und Archivaren transkribiert und in regionalen Zeitungen oder Kirchengeschichtsjournalen abgedruckt.[35] Im Jahr 1893 erschien Karl Brandis Ausgabe der Chronik des Gallus Öhem, welche der Benediktiner zwischen 1496 und 1504 als „Chronik des gotzhuses Rychenowe“ angefertigt hatte.[36]

Klosterchroniken sind als Quellenbestand im Forschungsinteresse verschiedener Disziplinen verankert, die sich unter anderem sprach- und literaturwissenschaftlich, theologisch-kirchengeschichtlich, kunstgeschichtlich wie auch historisch mit Klosterchroniken in Einzelfallstudien und vergleichend auseinandersetzen.

Einige jüngere Forschungsanliegen und -debatten seien abschließend schlaglichtartig herausgegriffen. Die Forschung zu Reformbewegungen des Mittelalters ließ die alte Frage nach den Gattungstypen aufleben und brachte die ‚Reformchronik‘ als eine über ihre Ursprungsorte und Verfassergruppen übergreifende und quasi quer zu Kloster-, Bischofs-, Stadt-, Herrscherchronik liegende Gattung über die inhaltliche Thematik der Reform in den Diskurs.[37]

In Verbindung zur Frauenklosterforschung, die nicht nur durch das Interesse an Ordensreformen zunehmend Aufmerksamkeit bekommt, wurden in den letzten Dekaden alte Forschungsparadigmen überworfen. Dies erfolgte zunächst durch den schlichten Befund, dass auch chronikale Quellen in Frauenklöstern verfasst und überliefert wurden.[38] Jene Klosterchroniken aus Frauenkonventen widerlegen das bisher vermutete Schweigen und die damit einhergehende Passivität der Klosterfrauen im Reformprozess.

Aus einer anderen Richtung kommend, entwickelten feministisch angelegte Studien und die Genderstudies die Forschung um Klosterchroniken weiter. Die oben bereits angesprochene Frage nach Unterschieden im Schriftgut von Ordensgeistlichen männlichen und weiblichen Geschlechts brachte neben unterschiedlichen Ansichten über die Qualität eines als feminin verhandelten Schreibstils („tone of sweetness“, „clumsy syntax“ etc.) den Zusammenhang von Bildungshintergrund und Konventseigenverständnis neu auf.[39]

Schließlich stellen ganz konkrete Fragen, wie etwa die nach der Verfasserschaft von Klosterchroniken, die Forschung vor die Aufgabe, Erkenntnisse aus verschiedenen Forschungsdisziplinen gewinnbringend zusammenzubringen.

Anmerkungen

[1] Patze, Klostergründung. Siehe auch das gesonderte Kapitel zu Klosterchroniken bei Uffmann, Rosengarten.
[2] Winston-Allen, Convent Chronicles, S. xv.
[3] Vgl. die ‚Klosterchronik‘ aus dem Augustinerchorfrauenstift Inzigkofen. Chronik des Augustinerchorfrauenstifts Inzigkofen.
[4] Wirth, Chronik, Sp. 1955.
[5] „Bebenhäuser Annalen“.
[6] Schnith, Chronik, Sp. 1956.
[7] Schmale/Goetz, Funktion, S. 109.
[8] Sprandel, Chronik, Sp. 351.
[9] Ebd.
[10] Proksch, Klosterreform, S. 24.
[11] Schnith, Chronik, Sp. 1960.
[12] Schmale/Goetz, Funktion, S. 97f.
[13] Heute in der Universitätsbibliothek Freiburg, Hs 182.
[14] Sprandel, Chronik, Sp. 350.
[15] Schmale/Goetz, Funktion, S. 105f.
[16] Für ein Gegenbeispiel siehe die Chronik von Priorin Anna von Buchwald, hier in der englischen Übersetzung von Winston-Allen, Convent Chronicles, S. 119f.: „It is useful to all and eliminates most of the errors which can usually be avoided with great effort… If you read it, you will never go wrong“.
[17] Rohr, Historische Hilfswissenschaften, S.189. Vgl. auch die Kemptener Klosterchronik in der Bayerischen Staatsbibliothek BSB Cgm 5819.
[18] Staatsbibliothek Bamberg Msc. Patr. 5, fol. 1v. (Bamberger Schreiberbild mit der Selbstdarstellung des Michelsberger Skriptoriums. Bamberg-Michelsberg, um 1150).
[19] Winston-Allen, Convent Chronicles, S. 218.
[20] Ebd., S. 199.
[21] Palmer, Chronik, S. 121.
[22] Uffmann, Rosengarten, S.113.
[23] Hirbodian, Gefahr, S. 4; Palmer, Chronik, S.126.
[24] Winston-Allen, Convent Chronicles, S. 127.
[25] Sattler, Geschichte, S. 173–296. Er übergab die Handschrift 1771 an das heutige Hauptstaatsarchiv Stuttgart.
[26] Schmale/Goetz, Funktion, S. 105.
[27] So forderte der benediktinische Abt Gunther von Nordhausen 1481 auf dem Generalkapitel, alle der Bursfelder Union angeschlossenen Klöster mögen die Geschichte ihres Konvents in Form von Annalen oder Chroniken darstellen lassen. Vgl. „Bebenhäuser Annalen“, S. 26.
[28] Proksch, Klosterreform, S. 206.
[29] Uffmann, Rosengarten, S. 111.
[30] Winston-Allen, Convent Chronicles, S. 217.
[31] Ebd., S. 200.
[32] Winston-Allen, Convent Chronicles, S. 213.
[33] Ebd., S. 219.
[34] http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/sattler1777bd4/0163 (11.05.2017); http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/brandi1893bd2/0001 (07.06.2017).
[35] Winston-Allen, Convent Chronicles, S. xii.
[36] Die Chronik des Gallus Öhem.
[37] Proksch, Klosterreform, S. 203–259 (Kapitel 2.4. Die Reformchronistik als Gattung). Ebenso Uffmann, Rosengarten, S. 110–113.
[38] Winston-Allen, Convent Chronicles, S. 1.
[39] Siehe dazu das ausführliche Kapitel von Winston-Allen zu „Femininity-in-writing“. Winston-Allen, Convent Chronicles, S. 216f.
[40] Dies stellt nur eine Auswahl dar und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Editionen sind nur teilweise kritische Editionen.

Literatur[40]

  • Bacher, Rahel, Klarissenkonvent Pfullingen. Fromme Frauen zwischen Ideal und Wirklichkeit (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 65), Ostfildern 2009.
  • Die Chronik der Magdalena Kremerin im interdisziplinären Dialog, hg. von Sigrid Hirbodian/Petra Kurz (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 76), Ostfildern 2016.
  • Cyrus, Cynthia J., The Scribes for Women’s Convents in Late Medieval Germany, Toronto 2009.
  • Das dargestellte Ich. Studien zu Selbstzeugnissen des späteren Mittelalters und der frühen Neuzeit, hg. von Klaus Arnold (Selbstzeugnisse des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit 1), Bochum 1999.
  • Diehl, Gerhard, Exempla für eine sich wandelnde Welt. Studien zur norddeutschen Geschichtsschreibung im 15. und 16. Jahrhundert (Veröffentlichungen des Instituts für Historische Landesforschung der Universität Göttingen 38), Bielefeld 2000.
  • Ehrenschwendtner, Marie-Luise, Die Bildung der Dominikanerinnen in Süddeutschland vom 13. bis 15. Jahrhundert (Contuberium. Tübinger Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte 60), Stuttgart 2004.
  • Goetz, Hans-Werner, Zum Geschichtsbewußtsein in der alamannisch-schweizerischen Klosterchronistik des hohen Mittelalters (11. –13. Jahrhundert), in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 44 (1988), S. 455–488.
  • Heinzer, Felix, Klosterreform und mittelalterliche Buchkultur im deutschen Südwesten (Mittellateinische Studien und Texte 39), Leiden/Boston 2008.
  • Hirbodian, Sigrid, Was ist Landesgeschichte? Überlegungen am Beispiel einer spätmittelalterlichen Klosterchronik, in: Trier – Mainz – Rom. Stationen, Wirkungsfelder, Netzwerke. Festschrift für Michael Matheus zum 60. Geburtstag, hg. von Anna Esposito/Heidrun Ochs/Elmar Rettinger/Kai-Michael Sprenger, Regensburg 2013.
  • Hollywood, Amy, Gender, Agency, and the Divine in Religious Historiography, in: The Journal of Religion 84 (2004), S. 514–528.
  • Krusenstjern, Benigna, Was sind Selbstzeugnisse? Begriffskritische und quellenkundliche Überlegungen anhand von Beispielen aus dem 17. Jahrhundert, in: Historische Anthropologie: Kultur, Gesellschaft, Alltag 2 (1994), S. 462–471.
  • Mengis, Simone, Schreibende Frauen um 1500. Scriptorium und Bibliothek des Dominikanerinnenklosters St. Katharina St. Gallen (Scrinium Friburgense 28), Berlin 2013.
  • Palmer, Nigel F., Die Chronik der Nonne von Kirchheim: Autorschaft und Überlieferung, in: Die Chronik der Magdalena Kremerin im interdisziplinären Dialog, hg. von Sigrid Hirbodian/Petra Kurz (Schriften zur südwestdeutschen Landeskunde 76), Ostfildern 2016, S. 118–149.
  • Patze, Hans, Klostergründung und Klosterchronik. Walter Heinemeyer zum 65. Geburtstag, Ostfildern 2012, S. 251–284, http://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/vuf/article/view/17584/11394 (07.06.2017).
  • Proksch, Constance, Klosterreform und Geschichtsschreibung im Spätmittelalter, Köln 1994.
  • Rohr, Christian, Historische Hilfswissenschaften. Eine Einführung, Köln 2015.
  • Schlotheuber, Eva, Klostereintritt und Bildung. Die Lebenswelt der Nonnen im späten Mittelalter, Tübingen 2004.
  • Schmale, Franz-Josef/Goetz, Hans-Werner, Funktion und Formen mittelalterlicher Geschichtsschreibung, 2. Auflage, Darmstadt 1993.
  • Schmolinsky, Sabine, Sich schreiben in der Welt des Mittelalters. Begriffe und Konturen einer mediävistischen Selbstzeugnisforschung (Selbstzeugnisse des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit 4), Bochum 2012.
  • Schnith, Karl, Chronik, B. Allgemeine Fragestellungen und Überblick (Mittelalterlicher Westen), in: LexMA 2 (1999), Sp. 1956–1960.
  • Sprandel, Rudolf, Chronik. IV. Abendländische Chroniken, in: Religion in Geschichte und Gegenwart (4. Auflage, RGG) 2, 1998, Sp. 350f.
  • Studien und Texte zur literarischen und materiellen Kultur der Frauenklöster im späten Mittelalter, hg. von Falk Eisermann/Eva Schlotheuber/Volker Honemann (Studies in Medieval and Reformation Thought 99), Leiden/Boston 2004.
  • Uffmann, Heike, Wie in einem Rosengarten. Monastische Reformen des späten Mittelalters in den Vorstellungen von Klosterfrauen (Religion in der Geschichte 14), Bielefeld 2008.
  • Wilms, Hieronymus, Das Beten der Mystikerinnen, dargestellt nach den Chroniken der Dominikanerinnen-Klöster zu Adelshausen, Diessenhofen, Engeltal, Kirchberg, Oetenbach, Töss, Unterlinden und Weiler, Leipzig 1923.
  • Winston-Allen, Anne, Convent Chronicles. Women writing about Women and Reform in the Late Middle Ages, 2. Auflage, University Park 2006.
  • Wirth, Gerhard, Chronik, A. Spätantike, in: LexMA 2 (1999), Sp. 1955f.
  • Woodford, Charlotte, Nuns as Historians in Early Modern Germany, Oxford 2002.

Quellen(editionen):

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  • Die Chronik der Anna von Munzingen. Nach der ältesten Abschrift mit Einleitung und Beilagen, hg. von Joseph König (Freiburger Diözesanarchiv 13), Freiburg 1880, http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/6379/ (07.06.2017) .
  • Chronik der St.-Anna-Klause Munderkingen, hg. von Winfried Nuber/Martin Jörg/Wolfgang Schürle (Documenta suevica 7), Konstanz/Eggingen 2005.
  • Chronik des Augustinerchorfrauenstifts Inzigkofen, hg. von Edwin Ernst Weber, Konstanz/Eggingen 2009.
  • Die Chronik des Gallus Öhem, bearb. von Karl Brandi (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Abtei Reichenau 2), Heidelberg 1893.
  • Chronik des Klosters Bernstein, hg. von Bernhard Rüth/Casimir Bumiller (Documenta suevica 1), Konstanz 2003.
  • Die Chronik des Klosters Petershausen, hg. von Otto Feger (Schwäbische Chroniken der Stauferzeit 3), Sigmaringen 1978.
  • Chronik einer Pfullinger Klarisse. Eine Brixener Handschrift, in Faksimile nebst einem Anhang mit begleitenden Texten, hg. von Hermann Taigel, Pfullingen 2002.
  • Sattler, Christian Friderich, Geschichte des Herzogthums Würtemberg unter der Regierung der Graven, Bd. 4, Tübingen 1768, S. 173–296.
  • Schreib die Reformation von Munchen gancz daher. Teiledition und historische Einordnung der Nürnberger Klarissenchronik (um 1500), hg. von Lena Vosding/Anna Durwen (Quellen und Forschungen zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg 37), Nürnberg 2012.
  • Christian Tubingius, Burrensis Coenobii Annales. Die Chronik des Klosters Blaubeuren, hg. von Gertrud Brösamle/Bruno Maier, Stuttgart 1966.

Zitierhinweis: Tabea Scheuble, Klosterchroniken, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde, URL: [...], Stand: 19.06.2017.

 

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