Der Brief im 18. Jahrhundert

Von Thorsten Huthwelker

Brief der Karoline Luise von Baden an Gottlieb Heinrich Treuer vom 11. Oktober 1762, (Quelle: Landesarchiv BW, GLAK FA 5 A Corr 37, 19)
Brief der Karoline Luise von Baden an Gottlieb Heinrich Treuer vom 11. Oktober 1762, (Quelle: Landesarchiv BW, GLAK FA 5 A Corr 37, 19)

Definition der Quellengattung

Die Archivalienkunde hat sich mit einer Definition des Begriffs ‚Brief‘ schwer getan. Allen Versuchen einer Zuordnung ist gemein, dass ein Brief eine schriftliche Mitteilung zwischen einem Aussteller und einem Empfänger sein könnte. Gleichzeitig wurde versucht, das Medium ‚Brief‘ durch die Einführung von Kategorien wie ‚geschäftlich‘ versus ‚privat‘ oder ‚amtlich‘ versus ‚privat‘ vom Verwaltungsschriftgut abzugrenzen. In den letzten Jahrzehnten haben sich viele Archivare und Hilfswissenschaftler in ihren Publikationen darauf versteift, alleine Schreiben mit privatem Inhalt den Charakter eines Briefs zu verleihen. Demgegenüber sei von ‚Schreiben‘ zu sprechen, sobald eine amtliche, geschäftliche oder auch herrschaftliche Beziehung zwischen Aussteller und Empfänger bestehe. Im gleichen Atemzug werden als Beispiele für einen Brief gerne Schriftstücke genannt, die an Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) gerichtet waren. Alleine die Anrede des Empfängers als Geheimrat verdeutlicht jedoch das Dilemma: Goethe wird mit seinem Amtstitel angeredet, der zugleich einen Rangunterschied – also auch eine herrschaftliche Dimension – anzeigen konnte. Dieses Beispiel steht stellvertretend für viele vergleichbare und macht klar, dass in der Praxis eine eindeutige kategorische Trennung nicht möglich ist.

Deshalb soll an dieser Stelle der Minimalkonsens als Definition genügen, der den schriftlichen Informationsaustausch zwischen Empfänger und Aussteller als hartes Kriterium beinhaltet. Als weiche Kriterien können ins Feld geführt werden, dass in aller Regel Anrede und Schluss samt Unterschrift enthalten sind, vorwiegend kein verbindlicher Rechtsinhalt festgeschrieben wird, es dem Brief normalerweise am feierlichen Charakter – im Unterschied zur Urkunde – mangelt und dieser meist verschlossen versendet wird. In Anbetracht des Dargelegten, sollen die Begriffe ‚Schreiben‘ und ‚Brief‘ in der Folge synonym Verwendung finden.

Historische Entwicklung, Aufbau und Inhalt

Brief der Karoline Luise von Baden an Gottlieb Heinrich Treuer vom 11. Oktober 1762, Rückseite, (Quelle: Landesarchiv BW, GLAK FA 5 A Corr 37, 19)
Brief der Karoline Luise von Baden an Gottlieb Heinrich Treuer vom 11. Oktober 1762, Rückseite, (Quelle: Landesarchiv BW, GLAK FA 5 A Corr 37, 19)

Die Briefe des Barockzeitalters waren von einer starken Formelhaftigkeit geprägt. Eine praktische Anleitung zum Verfassen dieser Schreiben boten die so genannten Briefsteller. In diesen Büchern wurde neben den Stilprinzipien ein komplexes Dispositionsschema vorgegeben. Die einzelnen Bestandteile des Briefzeremoniells, wie beispielsweise salutatio (Gruß), exordium (Eingang), narratio (Erzählung), confirmatio (Bestätigung), refutatio (Widerlegung), petitio (Bitte), conclusio (Schluss), subscriptio (Unterschrift), inscriptio (Adresse) konnten nach dem jeweiligen Briefsteller variieren und noch um weitere Elemente ergänzt sein.

Die vornehmlich verwendete Sprache zu Beginn des 18. Jahrhunderts war Französisch; besonders unter Gelehrten wurde das Lateinische nach wie vor auch im Briefverkehr gepflegt. Über die Verwendung des Französischen und den vorherrschenden Kanzleistil setzten sich bemerkenswerterweise immer wieder Frauen hinweg. Als herausragendes Beispiel gilt Liselotte von der Pfalz (1652–1722), die, mit dem Bruder Ludwigs XIV. von Frankreich (1638–1715) verheiratet, unzählige Briefe in deutscher Sprache an ihre Verwandten im Heiligen Römischen Reich schickte. Nicht zuletzt war es eine Frau, die im Verlauf des 18. Jahrhunderts einen entscheidenden Impuls zur Reform des Briefstils gab: Die Brieffreundin und spätere Frau des Johann Christoph Gottsched (1700–1766), Luise Kulmus (1713–1762). Wenn auch der Pietismus und die Empfindsamkeit den Nährboden geboten hatten, war es nicht zuletzt Luise Kulmus, die ihren gelehrten Freund zu diversen sprachreformerischen Schriften inspirierte. Gottsched rief zeitgleich mit Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769) um die Mitte des 18. Jahrhunderts zu einem leichteren und natürlicheren Briefstil auf. Das Gespräch zwischen zwei Personen sollte dem Briefschreiber als Vorbild dienen. Diese Forderungen fanden offene Ohren. Rasch verschwand das Protokoll aus den Briefen, lediglich die Anrede, der Schluss und die Unterschrift blieben erhalten. Einen Höhepunkt dieser Emanzipationsbewegung finden wir im ‚Sturm und Drang‘, als schließlich auch diese verbliebenen Konventionen fallen gelassen werden konnten und sprachlich dem Ausleben der Gefühle freien Lauf gegeben wurde. Selbst Geschäfts- und Verwaltungsschreiben blieben von diesen Änderungen nicht unberührt. Der Handelsbrief- und Kurialstil wurde zurückgedrängt; letzterer 1783 gar mittels einer kaiserlichen Verordnung, die in den habsburgischen Landen in Kraft trat.

Brief der Kaiserin Maria Theresia an Karoline Luise von Baden vom 13. August 1767, GLA Karlsruhe, (Quelle: Landesarchiv BW, GLAK FA 5 A Corr 5, 10)
Brief der Kaiserin Maria Theresia an Karoline Luise von Baden vom 13. August 1767, GLA Karlsruhe, (Quelle: Landesarchiv BW, GLAK FA 5 A Corr 5, 10)

Mit dem Protokoll wich zunehmend auch die französische Sprache. Das aufstrebende Bürgertum, als Motor der neuen Schreibmode, kommunizierte nun in erster Linie in seiner Sprache, ebenso Kaufleute und die Verwaltung, selbst Gelehrte folgten immer mehr diesem Vorbild. Die diplomatische Kommunikation verlief freilich nach wie vor auf Französisch, auch in fürstlichen Kreisen blieb man dem treu – Adelige unterhalb des Fürstenstands tendierten hingegen vermehrt zum Deutschen.

Die Themen der Kommunikation waren äußerst vielgestaltig. Man tauschte Nachrichten aus, kommunizierte politische, wissenschaftliche, geschäftliche, persönliche oder amtliche Informationen. Die Intensität der Briefkultur, vor allem in bürgerlichen Kreisen, führte dazu, dass man das 18. und 19. Jahrhundert rückblickend als Säkula der Briefe bezeichnet.

Geschrieben wurden die Briefe auf Papier. Die vorherrschenden Formate waren Folio und Quart, das heißt man schrieb auf ungefähr zwischen 34 und 33 cm hohem sowie 21 und 20 cm breitem (Folio) beziehungsweise zwischen 24 und 23 cm hohem sowie 19 und 18 cm breitem (Quart) Briefpapier. Nach dem Verfassen wurden die Bögen zusammengefaltet, die letzte, meist vierte Seite blieb in der Regel unbeschrieben, damit nach der Faltung dort Platz für die Adresse war. Zuletzt wurde das Siegel aufgedrückt, das weniger als Beglaubigungsmittel diente, wie es bei Urkunden der Fall war, sondern vielmehr als Verschlussmittel und Erkennungszeichen.

Oftmals wurden jene Seiten nicht archiviert, auf denen die Anschrift des Briefes stand, wenn sich auf dem gleichen Papier nicht auch noch inhaltlich relevanter Text befand. Durch diese Maßnahme gingen viele Informationen verloren: Angaben, über welche Route der Brief lief, auf welche Höhe sich die Kosten für den Transport beliefen oder wo der Brief aufgegeben wurde.[1] Aber nicht nur Fragen der Beförderung lassen sich anhand des Briefumschlags untersuchen. Beispielsweise brachte der Empfänger zuweilen verschiedene Notizen auf dem Umschlag an. Diese lassen mitunter nachvollziehen, wie dieser seine Briefe archivierte.[2]

All dies sind Aspekte, die von der Forschung bisher eher stiefmütterlich behandelt wurden, was selbstverständlich durch das Fehlen der Umschläge bedingt ist.[3] An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass nicht nur Briefbögen zum Schutz der Briefe verwendet wurden, sondern auch Kuverts, die seit der Mitte des 17. Jahrhunderts nachweisbar sind. Gefertigt wurden sie nach dem Prinzip, wie es uns auch heute noch vertraut ist.

Überlieferungslage

Briefe sind kein typisches Archivgut. Trotzdem wird der Archivnutzer immer wieder mit ihnen konfrontiert. Wenn sie auch gerne Akten beigelegt wurden, findet sich doch das Gros dieser Schriftstücke in den Nachlässen – wenn nicht eigens Briefsammlungen angelegt wurden. In der Regel sind Briefe in den Nachlässen der Empfänger erhalten geblieben. Hin und wieder wurden Briefe nach dem Tod des Ausstellers wieder zurückgeschickt. Manche legten in ihrem Testament fest, dass ihre gesamte Korrespondenz nach ihrem Ableben vernichtet werden solle – nur ein Grund dafür, dass viele Briefe verlorengegangen sind.

Erhalten geblieben sind meist die Briefe von berühmten Persönlichkeiten, des gehobenen Bürgertums und des Adels. Was einerseits ein Spiegel der Literalität darstellt, ist andererseits auch ein Spiegel dessen, was frühere Generationen für aufhebenswert erachteten, weshalb kaum Schreiben des niederen Bürgertums oder der arbeitenden Landbevölkerung auf uns gekommen sind.

Überliefert sind im Regelfall die Ausfertigungen. Ein Brief wurde im 18. Jahrhundert normalerweise zuerst als Konzept verfasst. Je nach Wichtigkeit des Schreibens konnte es auch mehrere Konzeptfassungen geben. Diese Konzepte sind in einigen wenigen Fällen im Archiv des Ausstellers erhalten geblieben. In allen Redaktionsstufen kann der Autor die Feder selbst geführt oder den Inhalt einem Schreiber in die Feder diktiert haben. Alleine die Unterschrift wurde im Regelfall vom Autor eigenhändig unter den Text gesetzt. In solch einem Fall lässt sich die Unterschrift normalerweise leicht von der Hand des Schreibers des Haupttexts unterscheiden.[4]

Quellenkritik und Auswertungsmöglichkeiten

Briefe erwiesen sich für die Geschichtswissenschaft als ungemein wichtige Quellengattung, weil sie oftmals dann sprechen, wenn die Rechtsquellen schweigen. So geben sie beispielsweise Auskünfte über Emotionen, individuelle Vorstellungswelten oder aber auch über ganz praktische Fragen von Kommunikation und Mobilität. Zuletzt profitierten insbesondere die Kulturwissenschaften in besonderem Maße von der Aussagekraft der Briefe.

Hinweise zur Benutzung

Die archivische Benutzung von Briefen aus der hier besprochenen Periode ist durch keinerlei Schutzfristen eingeschränkt. Erleichert wird die Benutzung zusätzlich dadurch, dass in den letzten Jahren immer mehr Briefbestände auch auf elektronischer Basis für den Nutzer erschlossen worden sind.[5]

Forschungs- und Editionsgeschichte

Briefe wurden seit jeher in der historischen Forschung als Quelle zu Rate gezogen. Nicht zuletzt aus diesem Grund lagen bereits im 18. Jahrhundert gedruckte Briefsammlungen vor – zu denken ist an die bereits zu Lebzeiten Voltaires (1694–1778) entstandenen Ausgaben seiner Briefe – die sich freilich noch nicht auf dem editorischen Niveau befanden, das wir an heutige Veröffentlichungen dieser Art stellen. Unzählige Editionen sind seit der Zeit dazugekommen.

Das erste historiografische Werk, das sich im deutschsprachigen Raum in umfassender Art und Weise mit Briefen befasste, war Steinhausens zweibändige Monografie „Geschichte des deutschen Briefs“ von 1889/91. Wenn es auch nach wie vor als Standardwerk bezeichnet werden muss, ist ihm doch eine ausgeprägte deutschnationale und bürgerliche Perspektive eigen, die der Aussagekraft mancher Passagen mitunter abträglich ist. Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Brief schließlich auch unter postgeschichtlicher Prämisse untersucht. In der Folgezeit waren es in erster Linie sprachwissenschaftliche Studien, die sich mit der Epistolografie befassten und auch der Geschichtswissenschaft wichtige Impulse gaben. Im Vordergrund standen Brieftheorie sowie stilistische Entwicklungen. Mit der erneuten Konzentration der historischen Disziplinen auf Medien und Kommunikation rückte der Brief in den letzten Jahrzehnten auch auf diesem Gebiet wieder stärker in den Blick der Forschung. Zu nennen wäre auch die Frage nach den Geschlechterrollen, unter welcher in den letzten Jahren wichtige Beiträge publiziert wurden.

Anmerkungen

[1] In GLA Karlsruhe, FA 5 A Corr 37, 19 (www.karoline-luise.la-bw.de/dokument.php?id=4800, 24.6.2017) ist deutlich zu erkennen, dass Karoline Luise von Baden (1723–1783) das Schreiben an ihren Agenten Gottlieb Heinrich Treuer (1715/20–1780) in Den Haag zuerst über Köln laufen lassen wollte. Schließlich lief der Brief dann jedoch über Koblenz. Die Gebühren für diese Strecke, das Franko, hatte sie bereits beglichen (frco Cologne/Coblenz), das Porto für die restliche Strecke musste der Empfänger bezahlen. Offenbar passierte die Nachricht noch eine Zwischenstation, denn es wurden zweimal sechs Sols erhoben (die Ziffern 6 und 12 in Rötel), sodass sich das Porto auf 12 Sols belief, was Treuer auch in seiner Eingangsnotiz festhielt: Recu le 17 octobre 1762 port 12 sols. Nebenbei lässt sich durch das Eingangsdatum auch errechnen, dass der Brief nicht länger als sechs Tage von Karlsruhe nach Den Haag unterwegs war.
[2] Auf der Rückseite des Kuverts hinterließ Karoline Luise von Baden ihre kurzen Archivierungsvermerke, bestehend aus dem Namen des Ausstellers, gefolgt von einer kurzen Inhaltsangabe: Furet dernier Envoy/qu’il propose und auf dem zweiten Umschlag Furet 1. Envoy/Potter/Bredal, GLA Karlsruhe, FA 5 A Corr 149, 199 (www.karoline-luise.la-bw.de/dokument.php?id=8798, 24.6.2017).
[3] Zu all diesen Aspekten siehe Helbig, Postvermerke.
[4] Als seltene Beispiele von erhaltenen Konzepten seien die Bände GLA Karlsruhe, FA 5 A Corr 18–20 erwähnt (www.karoline-luise.la-bw.de/dokumente_gliederung.php, 24.6.2017), die von der Hand der Markgräfin Karoline Luise von Baden stammen. Beispiele von der Unterschrift unter den Text eines Schreibers bieten die Briefe der Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) an eben genannte Fürstin, beispielsweise FA 5 A Corr 5, 10 (www.karoline-luise.la-bw.de/dokument.php?id=360, 24.6.2017).
[5] Hier steckt die Entwicklung freilich noch in den Kinderschuhen. Einen Anfang bieten: www.ub.uni-freiburg.de/recherche/digitale-bibliothek/freiburger-historische-bestaende/nachlaesse/ (24.6.2017) oder www.karoline-luise.la-bw.de (24.6.2017).

Literatur

  • Brenneke, Adolf, Archivkunde. Ein Beitrag zur Theorie und Geschichte des europäischen Archivwesens, bearb. von Wolfgang Leesch, Leipzig 1953 (Nachdruck München 1970).
  • Brockmeyer, Rainer, Geschichte des deutschen Briefes von Gottsched bis zum Sturm und Drang, Univ.-Diss., Münster 1961.
  • Furger, Carmen, Briefsteller. Das Medium „Brief“ im 17. und frühen 18. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2010.
  • Helbig, Joachim, Postvermerke auf Briefen 15.–18. Jahrhundert. Neue Ansichten zur Postgeschichte der frühen Neuzeit und der Stadt Nürnberg, München 2010.
  • Hochedlinger, Michael, Aktenkunde. Urkunden- und Aktenlehre der Neuzeit (Historische Hilfswissenschaften), Köln/Weimar/Wien 2009.
  • Nickisch, Reinard M.G., Brief (Sammlung Metzler 260), Stuttgart 1991.
  • Meisner, Heinrich Otto, Archivalienkunde vom 16. Jahrhundert bis 1918, Göttingen 1969.
  • Schmid, Irmtraut, Briefe, in: Die archivalischen Quellen. Mit einer Einführung in die Historischen Hilfswissenschaften, hg. von Friedrich Beck/Eckart Henning, 5. Auflage, Köln/Weimar/Wien 2012, S. 125–134.
  • Steinhausen, Georg, Geschichte des deutschen Briefes. Zur Kulturgeschichte des deutschen Volkes, 2 Bde., Berlin 1889/91.
  • Vellusig, Robert, Schriftliche Gespräche. Briefkultur im 18. Jahrhundert (Literatur und Leben 54), Wien/Köln/Weimar 2000.

Zitierhinweis: Thorsten Huthwelker, Der Brief im 18. Jahrhundert, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde, URL: [...], Stand: 10.07.2017.

 

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