Auswanderungsakten

Von Annette Riek

Bürgerrechts-Verzichts-Urkunde des Königreichs Württemberg, Oberamt Neckarsulm, (Quelle: Landesarchiv BW, StAL F 187 Bü 44)
Bürgerrechts-Verzichts-Urkunde des Königreichs Württemberg, Oberamt Neckarsulm, (Quelle: Landesarchiv BW, StAL F 187 Bü 44)

Definition der Quellengattung

Vom 18. bis zum 20. Jahrhundert wanderten viele tausend Menschen aus den südwestdeutschen Ländern aus, fortgetrieben von Armut und Not, angezogen von den Chancen und Möglichkeiten in anderen Ländern, vor allem in Nordamerika. Diese massenhafte Auswanderung musste staatlich kontrolliert und geregelt werden, was sich nicht nur in allgemeinen Verwaltungsakten zur Regelung des Auswanderungswesens niederschlägt, sondern auch in den einzelne Personen betreffenden Auswanderungsakten. In diesen Akten ist der Vorgang der Auswanderung schriftlich festgehalten: die Bitte um Auswanderungserlaubnis, die Erteilung oder Verweigerung dieser Erlaubnis, der Verzicht auf das Staatsbürgerrecht und/oder die Aufnahme in einen anderen Staatsverband, die Begleichung von Schulden vor dem Wegzug, die Bedenken der Staatsverwaltung gegen eine Auswanderung oder im Gegenteil auch Maßnahmen zur (finanziellen) Förderung ebendieser. Es handelt sich um die Dokumentation von Einzelfällen, auch wenn diese teilweise in Sammelakten zusammengefasst sind.

Historische Entwicklung

Die Auswanderung aus Baden und Württemberg und der staatliche Umgang mit ihr verliefen in mehreren Phasen, von einem eher restriktiven Umgang, über die Förderung der Auswanderung bis zur bloßen Verwaltung. Auch die Zielländer änderten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts. Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts förderten vor allem Österreich und Russland die Einwanderung in nicht oder nur dünn besiedelte Gebiete ihres Herrschaftsbereichs. Wer aus wirtschaftlichen Gründen die Heimat verließ, siedelte sich daher bis Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem in Preußisch-Polen, Russland, Ungarn und Galizien an. Dies änderte sich mit der ersten großen Auswanderungswelle nach den Krisenjahren 1816/17, als sich viele Auswanderungswillige nun auch nach Nordamerika aufmachten. Von Verwaltungsseite wurde die Auswanderung zu dieser Zeit noch eher kritisch gesehen und versucht zu beschränken, allerdings ohne Erfolg: Trotz eines Rückgangs der Auswanderungen nach 1817 wanderten weiterhin zahlreiche Menschen aus. Mit der Verbesserung der Reisebedingungen und somit auch der Senkung der Reisekosten wurde Amerika nun das bevorzugte Zielland der Auswanderer, was durch besser zugängliche Informationen über die neue Heimat und die Arbeit von Auswanderungsvereinen zusätzlich befördert wurde. Auch die staatliche Haltung zur Auswanderung änderte sich, so wurden ab den 1830er Jahren Auswanderungsagenten und Konsuln tätig, die sich um die Organisation der Emigration und die Anliegen der Auswanderer kümmerten. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Auswanderung auch finanziell gefördert, um auf diese Weise an anderer Stelle sparen zu können, zum Beispiel an der Armenunterstützung oder der Fürsorge für uneheliche Kinder. Mit der beginnenden Industrialisierung besserten sich die Lebensbedingungen in Baden und Württemberg wieder und wirtschaftliche Not trieb immer weniger Menschen in die Emigration, weshalb bald kein Bedarf mehr für die staatliche Auswanderungsförderung gesehen wurde und die Auswanderung wieder nur mehr zu einem formalen Verwaltungsvorgang wurde.

Aufbau und Inhalt

Die historische Entwicklung der Auswanderung ist auch in den Akten ersichtlich, die mit zunehmender Routine der Verwaltung immer formalisierter und weniger umfangreich werden. Viele Auswanderungsakten, vor allem aus späterer Zeit, umfassen nur wenige Seiten: die Bitte um Erteilung der Auswanderungserlaubnis mit Angaben zur Person des Antragstellers bzw. der Antragstellerin sowie die Erteilung oder Verweigerung dieser Erlaubnis. Im Württembergischen enthalten die Akten oft Formulare wie eine Bürgerrechts-Verzichts-Urkunde (oft auch ausschließlich dieses Formular). Meist wird auch die finanzielle Seite behandelt, also ob der/die Auswanderungswillige genug Geld hat und ob er/sie Schulden hat, die vor einer Auswanderung beglichen werden müssen. Zum Zweck der Schuldenliquidation finden sich oft Zeitungen oder Zeitungsausschnitte in den Akten, in denen über die geplante Auswanderung informiert wird und eventuelle Gläubiger dazu aufgerufen werden, sich zu melden. Fehlen die finanziellen Mittel, um die Auswanderung, insbesondere die Überfahrt, zu bezahlen, kann sich die Gemeinde bereit erklären, die Kosten zu übernehmen oder um einen Staatsbeitrag dazu bitten; dann finden sich entsprechende Dokumente in den Akten. Bei Männern kann geprüft werden, ob diese auswandern wollen, um sich der Militärpflicht zu entziehen; dies ist auch ein Grund für die Verweigerung der Auswanderungserlaubnis.

Seltener enthalten die Akten auch Beilagen, die dann aber umso interessanter sind. Hierzu zählen vor allem Auswandererbriefe von bereits ausgewanderten Bekannten und Verwandten, die vom Leben in der neuen Heimat berichten und evtl. Hilfe bei der Auswanderung und Eingliederung in Aussicht stellen. Auch Wanderbücher von Handwerkern können enthalten sein ebenso wie Reise- oder Militärpässe, Auszüge aus Kirchenbüchern oder Auszüge aus Schultheißenamts- oder Gemeinderatsprotokollen.

Überlieferungslage

Auswanderungsakten befinden sich in großem Umfang in der Überlieferung der badischen Bezirksämter sowie der württembergischen Oberämter in den zuständigen Staatsarchiven. Dennoch ist es natürlich möglich, dass Akten nicht erhalten geblieben sind; die Überlieferungslage kann sich von Bezirksamt zu Bezirksamt bzw. von Oberamt zu Oberamt stark unterscheiden. Wer vergeblich nach einer bestimmten Auswanderungsakte sucht, muss auch bedenken, dass viele Auswanderungen illegal erfolgten und möglicherweise nie eine Akte entstanden ist. Eine komplementäre Überlieferung befindet sich teilweise auch bei den württembergischen Kreisregierungen, die die letztliche Entscheidung über die Auswanderung fällten.

Quellenkritik und Auswertungsmöglichkeiten

Für die Erforschung von Familiengeschichten sind Akten einzelner Personen von Bedeutung. Dies betrifft vor allem Familienforscher aus Übersee, die mittels der Auswandererakten mehr über ihre Vorfahren und ihre Herkunft erfahren wollen. Die Auswandererakten geben oft auch Auskunft über Verwandtschaftsverhältnisse, wenn ganze Familien ausgewandert sind oder Personen andere Familienmitglieder in die neue Heimat nachholten.

Auswanderungsakten können auch als Quelle für umfassende sozialgeschichtliche Forschungen zur Migrationsgeschichte dienen. Sie können Auskunft geben über das Leben der Menschen vor der Auswanderung und über die Gründe für diesen Schritt, ebenso wie über das Leben nach der Emigration und den staatlichen Umgang mit der Auswanderung.

Hinweise zur Benutzung

Der allergrößte Teil der Auswanderungsakten ist frei nutzbar. Bei späteren Auswanderungen im 20. Jahrhundert kann es vereinzelt vorkommen, dass diese aufgrund von schutzwürdigen Personendaten gesperrt sind. Schwieriger dürfte es sein, eine gesuchte Akte bzw. Person überhaupt erst ausfindig zu machen. Da die Auswanderungsakten in der Überlieferung der Bezirks- bzw. Oberämter verwahrt werden, ist es wichtig, den Herkunftsort der gesuchten Person zu kennen, zumal innerhalb der Bestände die Unterlagen oft nach den einzelnen Orten geordnet sind. Im württembergischen Bereich fertigten viele Oberämter Verzeichnisse aller Auswanderer aus ihrem Amtsbezirk an, die für die Recherche genutzt werden können.

Das Landesarchiv Baden-Württemberg führte bis 2004 mehrere in den einzelnen Archivabteilungen vorhandene Auswandererdateien zusammen und stellte diese dann im Internet zur Verfügung (www.auswanderer-bw.de). Die Datenbank ermöglicht die Recherche nach Namen und Daten von Auswanderern. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass die Datenbank nicht vollständig ist und dass nur die Findbücher zu den Beständen der Oberämter und Bezirksämter verlässlich Auskunft über die tatsächlich vorhandenen Auswandererakten geben können. Datenbanken mit Listen von Auswanderern für die familiengeschichtliche Forschung werden auch von anderen Organisationen, vor allem aus den USA, im Internet zur Verfügung gestellt.

Forschungs- und Editionsgeschichte

Es gibt zahlreiche lokal- und regionalgeschichtliche Studien zur Auswanderung. Diese legen meist den Schwerpunkt auf Familien- und Ortsgeschichte, oft bestehend aus Namenslisten von Auswanderern eines Ortes. Eine grundlegende Studie zum württembergischen Bereich veröffentlichte Wolfgang von Hippel 1984, für Baden liegt Ähnliches aus neuerer Zeit nicht vor. Hier erschienen allerdings bereits 1892 Beiträge von Eugen von Philippovich, die auch heute noch über den Verlauf der badischen Auswanderung Auskunft geben können.

Literatur

  • Hippel, Wolfgang von, Auswanderung aus Südwestdeutschland (Industrielle Welt. Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte 36), Stuttgart 1984.
  • Hochstuhl, Kurt, Auswanderung aus Baden und Württemberg im 19. Jahrhundert, in: Auswanderung, Flucht, Vertreibung, Exil im 19. und 20. Jahrhundert, hg. vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Laupheimer Gespräche 2001), Berlin 2003, S. 57–71.
  • Meier-Braun, Karl-Heinz/Weber, Reinhold, Kleine Geschichte der Ein- und Auswanderung in Baden-Württemberg (Regionalgeschichte – fundiert und kompakt), Leinfelden-Echterdingen 2009.
  • Philippovich, Eugen von, Auswanderung und Auswanderungspolitik im Großherzogtum Baden, in: Auswanderung und Auswanderungspolitik in Deutschland. Berichte über die Entwicklung und den gegenwärtigen Zustand des Auswanderungswesens in den Einzelstaaten und im Reich, hg. von Dems., Leipzig 1892, S. 97–166.
  • Philippovich, Eugen von, Die staatlich unterstützte Auswanderung im Großherzogtum Baden, in: Archiv für soziale Gesetzgebung und Statistik, Berlin 1892, S. 27–69.
  • Schwarzmaier, Hansmartin, Auswandererbriefe aus Nordamerika. Quellen im Grenzbereich von Geschichtlicher Landeskunde, Wanderungsforschung und Literatursoziologie, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 126 (1978), S. 303–369.

Zitierhinweis: Annette Riek, Auswanderungsakten, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde, URL: […], Stand: 30.06.2017.

Suche
Diese Archivaliengattung gehört zur Kategorie Container.
Durchschnitt (0 Stimmen)
Zum Kommentieren bitte anmelden