Gewalt

von Nadine Seidu und Nora Wohlfarth

Viele Kinder mussten im Heim schwer arbeiten [Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, L1 889]. Aus rechtlichen Gründen wurden die Gesichtszüge der abgebildeten Personen anonymisiert. Zum Vergrößern bitte klicken.
Viele Kinder mussten im Heim schwer arbeiten [Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, L1 889]. Aus rechtlichen Gründen wurden die Gesichtszüge der abgebildeten Personen anonymisiert. Zum Vergrößern bitte klicken.

Der Alltag in stationären Einrichtungen für Kinder und Jugendliche (mit und ohne Behinderung) war in der Nachkriegszeit bis weit in die 1970er Jahre hinein geprägt von verschiedenen Formen von Gewalt. „Schläge waren an der Tagesordnung,“ so berichten es Betroffene. Viele leidvolle Erfahrungen ehemaliger Heimkinder wurden durch die Strukturen der Einrichtungen erst ermöglicht. Neben dieser strukturellen Gewalt lassen sich weitere Formen unterscheiden.

Unter medizinischer Gewalt versteht man ungerechtfertigte therapeutische Maßnahmen, fehlende Erklärungen im Fall von schmerzhaften Behandlungen und daraus folgende Angst vor weiteren Behandlungen oder auch die Vergabe von Psychopharmaka, die ebenfalls zu Angst- und Panikzuständen führen konnten, sei es als Nebenwirkung oder aufgrund fehlender Aufklärung. Auch Fälle von Arzneimittelmissbrauch wie Überdosierungen, Medikamentenversuche oder unnötige Sedierungen und sind bundesweit bekannt geworden. Die Problematik war für Kinder und Jugendliche mit kognitiven Einschränkungen noch verstärkt, da sie besonders Zuwendung und Erklärungen benötigt hätten, aber nur selten bekamen.

Dienst in der Landwirtschaft im Waisenhaus Siloah [Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, L1 889]. Aus rechtlichen Gründen wurden die Gesichtszüge der abgebildeten Personen anonymisiert. Zum Vergrößern bitte klicken.
Dienst in der Landwirtschaft im Waisenhaus Siloah [Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, L1 889]. Aus rechtlichen Gründen wurden die Gesichtszüge der abgebildeten Personen anonymisiert. Zum Vergrößern bitte klicken.

Viele dieser – manchmal durchaus notwendigen, aber unnötig gewaltvoll durchgeführten – Maßnahmen wurden medizinisch begründet. Ebenso wurde körperliche Gewalt nicht selten pädagogisch gerechtfertigt. Dazu gehörten Körperstrafen wie Schläge oder Ohrfeigen bis hin zu schweren Misshandlungen, Essenszwang und -entzug, kalte Bäder oder kaltes Abduschen, Fixieren bzw. der Zwang, still zu stehen, sitzen oder liegen oder auch grenzüberschreitende Berührungen im Intimbereich, z.B. beim Waschen.

Das Recht, Kinder bei Fehlverhalten mit körperlicher Züchtigung zu bestrafen, bewegte sich in einer gesetzlichen Grauzone. Auch Arreststrafen, Essensentzug, Kontaktsperre und Briefzensur waren in den Einrichtungen weit verbreitet und gesellschaftlich durchaus akzeptiert. Sehr häufig wird von Betroffenen zudem von psychischer Gewalt und öffentlichen Demütigungen berichtet. Als psychische Gewalt ist auch die Beleidigung und Abwertung der Kinder und Jugendlichen zu sehen oder Strafrituale, bei denen auch andere Bewohnerinnen und Bewohner einbezogen wurden. Viele Betroffene berichten zum Beispiel von Spießrutenläufen, nachdem sie nachts ins Bett gemacht hatten: Die Kinder mussten ein Spalier bilden und das Kind, das ins Bett gemacht hatte, lief zwischen ihnen durch und wurde beschimpft oder sogar geschlagen. Auch kommen immer wieder Fälle von sexuellen Übergriffen durch Erziehungs- und Hauspersonal und auch durch andere Heimzöglinge ans Licht. Diese reichen von einmaligen Belästigungen bis hin zu schwerem und sich jahrelang wiederholendem Missbrauch.

Auch die Arbeit, die in vielen Einrichtungen in großem Umfang von den Kindern und Jugendlichen geleistet werden musste, konnte gewaltvolle Formen annehmen. Ein Betroffener berichtet: „Während der Arbeit in der Landwirtschaft bin ich fast zusammengebrochen.“ Körperliche Arbeit wurde häufig als Strafe eingesetzt und Arbeit galt als Erziehungsmittel. Auch wenn durch bestimmte Arbeitstätigkeiten Kinder und Jugendliche durchaus in ihrer Entwicklung gefördert werden können, stand doch häufig die Refinanzierung der Einrichtung im Vordergrund. Während also Arbeit häufig eine große Rolle spielte, blieb die Bildung der Kinder oftmals auf der Strecke. Viele Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe boten nur eine Sonderschule an und für viele Kinder mit Behinderung bedeutete eine Einstufung als „nicht förderfähig“, dass sie keinerlei Bildung erfuhren. Für manche Einrichtung ist belegt, dass nicht einmal grundlegende Kulturtechniken vermittelt wurden, wie das Essen mit Messer und Gabel. In Internaten von Gehörlosenschulen wiederum dominierte die Vermittlung der Lautsprache auf Kosten der weiteren Bildung der Kinder. Den Sprechunterricht erinnern viele Ehemalige als unangenehm bis schmerzhaft. So wurde den Kindern beim Unterricht in den Mund gefasst oder an der Zunge gezogen.

Allgemein lässt sich sagen, dass die Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in Heimen häufig auf verschiedenen Ebenen eingeschränkt war. Diese Einschränkungen wiederum führten zu psychischen, körperlichen und nicht zuletzt finanziellen Langzeitfolgen. Sozial waren die Kinder in den Einrichtungen häufig von ihrer Umwelt isoliert – und gewissermaßen auch in den Einrichtungen selber. Die Kinder wurden nicht an Entscheidungen beteiligt, so dass sich grundlegend ein Gefühl des Ausgeliefertseins ausbreitete, das auch bei kurzen Aufenthalten sehr verstörend wirken konnte.

Alle genannten Formen von Gewalt waren in vielen Einrichtungen der Behindertenhilfe, der Kinder- und Jugendhilfe und in psychiatrischen Kliniken weit verbreitet, bundesweit und dementsprechend auch in Baden-Württemberg. Viele Betroffene berichten von zumindest einigen dieser Themen, andere wiederum erlebten wenig oder keine Gewalt. Von den Erfahrungen derjenigen, die in den Einrichtungen eine überwiegend gute Zeit erlebten, weiß man generell weniger. Die Berichte derjenigen, die kein Glück hatten, sind aber völlig ausreichend, um von flächendeckenden, systemischen Missständen zu sprechen, die sich in diesen verschiedenen Formen von Gewalt äußerten. Die angesprochenen Themen werden in weiteren Artikeln vertieft.

 

Literatur

  • Fangerau, Heiner/Dreier-Horning, Anke/Hess, Volker/Laudien, Karsten/Rotzoll, Maike (Hg.), Leid und Unrecht. Kinder und Jugendliche in Behindertenhilfe und Psychiatrie der BRD und DDR 1949 bis 1990, Köln 2021.
  • Pilz, Nastasja/Seidu, Nadine und Keitel, Christian (Hg.), Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975, Stuttgart 2015.

 

ZitierhinweisNadine Seidu, Nora Wohlfarth, Gewalt - Einführung, in: Heimkindheiten, URL: […], Stand: 22.03.2022.

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