Vielfalt und Gemeinsamkeiten in der Heimlandschaft Baden-Württembergs

von Nora Wohlfarth

 

 Erholungsheime wie das Kinderheim Bergfreude in Scheidegg befanden sich oft in ländlicher Umgebung. [Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, U 98]
Erholungsheime wie das Kinderheim Bergfreude in Scheidegg befanden sich oft in ländlicher Umgebung. [Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, U 98]. Zum Vergrößern bitte klicken.

Zwischen 1949 und 1975 kennen wir in Baden-Württemberg etwa 650 verschiedene Erziehungseinrichtungen für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche. Diese Heime unterschieden sich voneinander in vielerlei Hinsicht, wie etwa in Bezug auf Größe, Geschlecht und Alter der Zöglinge, pädagogische Ausrichtung und konfessionellen Hintergrund. Von diesen Einrichtungen waren etwa 130 katholisch und 170 evangelisch; nur etwas mehr als zehn Einrichtungen unterstanden dem Land Baden-Württemberg. Außerdem gab es knapp 100 kommunale Einrichtungen und etwa 150 Einrichtungen, die von Privatpersonen, privaten Vereinen und Stiftungen getragen wurden. Kommunale Einrichtungen schließen hier auch Einrichtungen ein, die von öffentlichen Trägern wie der Arbeiterwohlfahrt, dem Deutschen Roten Kreuz oder dem Paritätischen Wohlfahrtsverband unterhalten wurden.[1] Konfessionelle Träger konnten von einer "langfristigen Bestands- und Belegungssicherheit" ihrer Heime ausgehen, da das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz von 1922 festschrieb, dass Minderjährige in einer Anstalt ihres Bekenntnisses unterzubringen seien.[2]

Diese Heime können als "totale Institutionen" beschrieben werden. "Totale Institutionen" wurden von Erving Goffman als allumfassend beschrieben: Das Leben aller Mitglieder findet nur an dieser einzigen Stelle statt, es gibt keine Trennung von Wohn-, Aufenthalts- und Arbeitsbereich. Das Leben in totalen Institutionen ist "einer einzigen zentralen Autorität" unterworfen.[3] Totale Institutionen zeichnen sich neben ihrer Abgeschlossenheit durch einen genau vorgeschriebenen und streng reglementierten Ablauf des Alltags aus.[4]

Über die Gesamtzahl der Kinder und Jugendlichen, die zwischen 1949 und 1975 in Baden-Württemberg in Heimen untergebracht war, gibt es noch keine Zahlen, für einzelne Jahre hingegen schon. So standen im März 1958 19.262 Kinder unter Pflegeaufsicht der Jugendämter und 107.569 Minderjährige unter Amtsvormundschaft.[5] Ein Blick auf die regionale Verteilung der Einrichtungen zeigt, dass sich eine große Zahl der Heime in städtischen Ballungsgebieten befand. Von den 647 Einrichtungen, die bisher in der Liste Kinder- und Jugendheime in Baden-Württemberg 1949-1975 zusammengetragen wurden, befanden sich 224 in Städten, die heute mehr als 50 000 Einwohner haben, davon alleine 67 in Stuttgart und 27 in Mannheim. Mehr als zehn Heime in einem Ort befanden sich sonst nur noch in Heidelberg, Karlsruhe, Ulm, Reutlingen und Schwäbisch Gmünd.[6] Für die Kinder und Jugendlichen hatte eine städtische Lage zur Folge, dass ihnen viel Kontakt zur Außenwelt möglich war, indem sie zum Beispiel reguläre Schulen außerhalb der Heime besuchen konnten. Dies war anders bei Heimen in ländlichen Gebieten, wo sich Erziehungsheime häufig befanden – das St. Konradihaus in Schelklingen, das Erziehungsheim für Jungen auf dem Schönbühl, das Landeserziehungsheim Schloss Flehingen, um nur einige zu nennen. Heime wie der Tempelhof in Kressberg bei Crailsheim erschwerten den Kindern durch ihre Lage den Kontakt zur Außenwelt. Recht isoliert waren häufig auch die vielen Erholungsheime, die sich im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb befanden. Dort konnten die untergebrachten Zöglinge kaum am Leben außerhalb der Heime teilnehmen. Dies verstärkte die Isolation der Kinder. Anhand von vier baden-württembergischen Heimen, die im Folgenden beispielhaft kurz vorgestellt werden, lassen sich die unterschiedlichen Einrichtungstypen deutlich aufzeigen. Für die jüngsten Kinder gab es Heime für Säuglinge und Kleinkinder bis etwa zum Alter von drei Jahren. In klassischen Kinderheimen wurden Kinder im schulpflichtigen Alter untergebracht. Diese teilten sich ihre Aufgaben mit den Erziehungsheimen, in denen auch ältere Jugendliche untergebracht wurden. Die Erziehungsheime waren in der Regel nach Geschlechtern getrennt. Dort wurden Jugendliche eingewiesen, denen zugeschrieben wurde, sie seien schwer erziehbar. Aufgabe all dieser Einrichtungen sollte sein, die altersspezifischen Bedürfnisse der Kinder und Jugendliche zu erfüllen, um ihnen eine „gesunde“ und ihrem Alter entsprechende Entwicklung zu ermöglichen. In vielen Fällen wurden in den Einrichtungen selbst jedoch die grundlegendsten Bedürfnisse nicht oder nur mangelhaft erfüllt.

 

Säuglingsheime – zu wenig Platz für zu viele Kinder

Diakonissen betreuen eine Säuglingsgruppe im Weraheim in Remshalden-Hebsack. [Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, L1-HA Blickle]. Aus rechtlichen Gründen wurden die Gesichtszüge der abgebildeten Personen anonymisiert. Zum Vergrößern bitte klicken.
Diakonissen betreuen eine Säuglingsgruppe im Weraheim in Remshalden-Hebsack. [Quelle: Landeskirchliches Archiv Stuttgart, L1-HA Blickle]. Aus rechtlichen Gründen wurden die Gesichtszüge der abgebildeten Personen anonymisiert. Zum Vergrößern bitte klicken.

Im Jahr 1913 erbaute der Stuttgarter Rettungsverein vom Guten Hirten (seit 1979: Katholischer Sozialdienst e.V. Stuttgart) das Säuglings- und Kleinkinderheim St. Josef, heute die Kinder- und Jugendhilfe Neuhausen.[7] Die Pflege der Kinder übernahm der Orden der Franziskanerinnen von Heiligenbronn. Das Heim sollte uneheliche Kinder im Alter von unter sechs Jahren aufnehmen, die von ihren Müttern nicht versorgt werden konnten. Bei einer Besichtigung durch das Gesundheitsamt im Jahr 1962 wurden zahlreiche Mängel festgestellt. In dem Bericht hieß es, dass die bleibenden Entwicklungsrückstände von Kleinkindern, die im Säuglingsheim St. Josef in Neuhausen waren, in den jeweilig nachfolgenden Einrichtungen wahrgenommen wurden und zu der – korrekten – Vermutung führten, dass es sich in Neuhausen um ein „personalmäßig ganz unzureichend besetztes Heim handelten muss.“[8] An diesem Beispiel wird deutlich, dass solche strukturellen Mängel, wie sie in Säuglingsheimen häufig vorkamen, auch durch engagiertes Personal nicht auszugleichen waren, da die Schwestern allein mit der rein pflegerischen Minimalversorgung überfordert waren. Der Bericht des Gesundheitsamts macht deutlich, dass in diesem Heim die Gefahr bestand, dass die grundlegendsten körperlichen Bedürfnisse der Kinder nur eingeschränkt erfüllt wurden.

 

Kinderheime – "das vorhandene Unkraut ausjäten.“[9]

Kinderheime und Erziehungsheime unterschieden sich merkbar. Während Kinderheime mehr oder weniger erfolgreich den Versuch wagten, einen Familienersatz und eine tatsächliche Heimat für die Kinder darzustellen, dienten Erziehungsheime der Disziplinierung von als schwer erziehbar geltenden Jugendlichen und waren bekanntermaßen deutlich strenger. Ein Auszug aus einer Zöglingsakte des Ev. Kinderheims Calw-Stammheim von 1956 macht dies ganz deutlich: Es war vorgesehen, ihn nur vorübergehend auf dem Schönbühl zu belassen, damit er einen Denkzettel bekommt.[10] Der besagte Betroffene schreibt, als er nach einem Fluchtversuch erneut im Landeserziehungsheim Schönbühl untergebracht worden war, an seinen ehemaligen Heimleiter: „Erst jetzt seit ich auf dem Schönbühl bin, merke ich erst recht wie gut ich es in Stammheim hatte.“[11]

Das Evangelische Kinderheim in Calw-Stammheim wurde 1826 gegründet und ist der so genannten evangelischen Rettungshausbewegung zuzuordnen.[12] Dieser fühlte sich auch Pfarrer Dr. Christian Gottlob Barth, Gründer des Kinderheims, verpflichtet. Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln wurde durch die heimeigene Landwirtschaft sichergestellt, die darüber hinaus auch eine wichtige Einnahmequelle war. Die Landwirtschaft wurde als pädagogisches Arbeitsfeld betrachtet und die Kinder sollten von klein auf an Arbeit gewöhnt werden.[13] In diesem Kinderheim, das eng mit dem Ort verbunden war, wurden bereits in den 1950er Jahren Familiengruppen eingerichtet. Im Jahr 1969 wurde es schließlich zum Kinderdorf ausgebaut. Bereits zu diesem Zeitpunkt war die Heimerziehung vielfach Kritik ausgesetzt. Aufgrund stark sinkender Belegungszahlen wurde das Heim Ende der 1970er Jahre zu einem Sprachheilzentrum umgewandelt. 1982 endete das Jugendhilfeangebot.

Der langjährige Heimleiter (1909 bis 1949) Gottlieb Gugeler verglich seine Erziehungsarbeit damit, einen verwilderten Acker wieder fruchtbar zu machen:„ Da gilt es vor allem, das vorhandene Unkraut auszujäten. Prügel gehörte dabei ebenso zum Erziehungskonzept: Wen der Herr liebhat, den züchtigt er.“[14]

 

Erziehungsheime für Jungen

Auch in der katholischen Tradition gab es sogenannte Rettungshäuser und diese historische Herkunft beeinflusste die Erziehungsvorstellungen in den Heimen. Allerdings gab es entscheidende Unterschiede zwischen evangelisch und katholisch geprägten Heimen. Während in der evangelischen Heimerziehung das pietistische Element […] eine bedeutende Rolle spielt, war die katholische Heimerziehung überwiegend von den Ideen der sie tragenden Ordensgemeinschaften geprägt, die ihren Zöglingen ein ähnlich ʹheiligesʹ Leben abverlangten, wie sie gelobt hatten. Ein Artikel der regionalen Tageszeitung Donauwacht aus dem Jahr 1920 berichtet: „[…] Nur auf dem Gebiet der katholischen Jugendfürsorge scheint alles beim alten zu bleiben. Ein typisches Beispiel ist das Konradihaus in Schelklingen.[15] Dieses heilige Haus hat dem Zeitgeist weiterhin Rechnung getragen.[…] Alles in allem ist diese Behandlung menschenunwürdig, weshalb mancher lieber ins Gefängnis geht als ins Konradihaus.“ Das St. Konradihaus gilt vielen als ein typisches Beispiel für die sehr strengen Erziehungsheime für Jungen. Es existiert bis heute, hat aber seit diesen Schilderungen zahlreiche Veränderungen erfahren.

 

Erziehungsheime für Mädchen – Erziehungsziel: Hausfrau und Mutter

Das Fürsorgeheim in Oberurbach, gegründet 1883 als Anstalt für entlassene weibliche Strafgefangene evangelischer Konfession, widmete sich neben den entlassenen Strafgefangen auch der gefährdeten und verwahrlosten Jugend und ist ein Beispiel für ein Erziehungsheim für Mädchen und junge Frauen. Das gesamte Leben im Heim sowie die Erziehung waren stark religiös ausgerichtet: Sonntags gingen die Mädchen in die Kirche, sie bekamen Religionsunterricht und es wurde regelmäßig gebetet. Die pietistische Tradition des Remstals wirkte auch im Fürsorgeheim. Veränderungen in den Geschlechterrollen, wie sie sich in den 1920er Jahren entwickelten, hatten in den Erziehungsheimen für Mädchen keinen Platz. Von den jungen Männern im Ort wurden sie häufig gehänselt und zum Teil auch sexuell belästigt, wenn nicht sogar vergewaltigt. Dennoch waren es die Mädchen, denen sexuelle Verwahrlosung vorgeworfen wurde.[16]

Die Einrichtungen des St. Konradihaus und des Fürsorgeheims Oberurbach können beispielhaft für die oftmals strengen, geschlechtsspezifischen Erziehungsheime stehen. Individuelle Lebensziele waren der Struktur des Heims und den geschlechtsspezifischen Rollenbildern untergeordnet.

In den folgenden Einrichtungsportraits finden Sie weitere Beispiele für die genannten Einrichtungstypen.

 

Anmerkungen

[1] Liste Kinder- und Jugendheime.

[2] Schäfer-Walkmann/Störk-Biber/Tries, Die Zeit heilt keine Wunden, S. 47.

[3] Scheutz, Totale Institutionen, S. 5; Goffman, Asyle 1972, S. 15–18.

[4] Scheutz, Totale Institutionen, S. 5f.

[5] Gesetz zur Sicherung der Eingliederung Schwerbehinderter in Arbeit, Beruf und Gesellschaft (Schwerbehindertengesetz – SchwbG), vom 29. April 1974.

[6] Bei den Orten handelt es sich um Konstanz, Aalen, Sindelfingen, Friedrichshafen, Offenburg, Baden-Baden, Göppingen, Waiblingen, Tübingen, Ludwigsburg, Villingen-Schwenningen, Heilbronn, Pforzheim, Freiburg im Breisgau, Esslingen am Neckar, Schwäbisch-Gmünd, Ulm, Reutlingen, Karlsruhe, Heidelberg, Mannheim und Stuttgart.

[7] Die Kinder- und Jugendhilfe Neuhausen, URL: https://www.skf-stuttgart.de/kinder-und-jugendhilfe/index.php (aufgerufen am 29.03.2022).

[8] Landesarchiv Baden-Württemberg, Aktenzeichen 022-K46, Nr. 26.

[9] Carstens u.a.,Vom Kinderheim zum Sprachheilzentrum, S. 6.

[10] Auszug Zöglingsakte, Landesarchiv Baden-Württemberg, Aktenzeichen 022-K46, Nr. 14.

[11] Ebd. Rechtschreibung wie im Original.

[12] Im Folgenden Online: Sprachheilzentrum Calw – Über uns; URL: http://www.jugendhilfe-stammheim.de/ueber-uns (aufgerufen a, 29.03.2022) Carsten u.a., Vom Kinderheim zum Sprachheilzentrum, S.2–7.

[13] Carsten, Vom Kinderheim zum Sprachheilzentrum, S. 6.

[14] Ebd.

[15] Landesarchiv Baden-Württemberg, Aktenzeichen 022-K46 Nr. 30.

[16] Fastnacht, Verwahrlost, unerziehbar, mannstoll?, S. 26f und S. 56.

 

Literatur

  • Carstens, Helmut/Schäffer, Reinhold/Schubert, Martin/Thüringer, Curt (Hrsg.), Vom Kinderheim zum Sprachheilzentrum. 175 Jahre. Hilfe für Kinder in Calw-Stammheim, Calw 2001.
  • Die Kinder- und Jugendhilfe Neuhausen, URL: https://www.skf-stuttgart.de/wir-ueber-uns/chronik.php (aufgerufen am 25.03.2022)
  • Fastnacht, Kathrin, Verwahrlost, unerziehbar, mannstoll? Die Mädchenrettungsanstalt Oberurbach 1883–1945, Urbach 1993.
  • Goffman, Erving, Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen, Frankfurt am Main 1972.
  • Landesarchiv Baden-Württemberg, Verzeichnis der Kinder- und Jugendheime in Baden-Württemberg 1949–1975, URL: https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/62617/Heimverzeichnis.pdf (aufgerufen am 25.03.2022).
  • Schäfer-Walkmann, Susanne/Störk-Biber, Constanze/Tries, Hildegard, Die Zeit heilt keine Wunden. Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Stuttgart 2011.
  • Scheutz, Martin, Totale Institutionen. Missgeleiteter Bruder oder notwendiger Begleiter der Moderne? Eine Einführung, in: Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit 1 (2008), S. 3–19.
  • Sprachheilzentrum Calw – Über uns, URL: http://www.sprachheilzentrum-calw.de/ueber-uns/geschichte.htm (aufgerufen am 27.04.2015).
  • Landesarchiv Baden-Württemberg, Aktenzeichen 022-K46, Nr. 14, 15, 26, 30.

     

Dies ist eine stark gekürzte Fassung von „Fürsorge oder Unterwerfung? Vielfalt und Gemeinsamkeiten in der Heimlandschaft Baden-Württembergs“, erschienen in: Pilz, Nastasja; Seidu, Nadine und Keitel, Christian (Hg.), Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949-1975, Stuttgart 2014.

 

Zitierhinweis: Nora Wohlfarth, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, in: Heimkindheiten, URL: […], Stand: 21.02.2022.

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