Feierabend? Grenzziehungen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit

Von Sarah Messmer

Stempeluhr aus einer Uhrenfabrik in Pforzheim
Stempeluhr mit Kartenapparat einer Pforzheimer Uhrenfabrik, 1930er bis 1950er Jahre [Quelle: Museum der Alltagskultur, Waldenbuch/Foto: Dirk Kittelberger]

Der Fabrikarbeitstag im Industriezeitalter begann in der Regel mit dem ‚Einstempeln‘ der Arbeitszeitkarte an der Stechuhr und endete mit dem ‚Ausstempeln‘. Auch heute noch gibt es moderne Versionen der klassischen Stechuhr, die auf die Sekunde genau aufzeichnen, wann die Erwerbsarbeit beginnt und wann sie endet. In unserer heutigen Arbeitswelt scheinen Arbeitszeiten immer flexibler zu werden und damit der Übergang zur Nicht-Arbeit, also zu Freizeit und Feierabend fließender. Gleitzeit und Homeoffice bestimmen den Alltag und lassen offen, wann und wie genau ein Arbeitstag beginnt und endet. Was stellt eine Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit dar und wie lässt sie sich sichtbar machen?

Vom Fordismus zum Postfordismus

Beschäftigt man sich näher mit dem Thema Arbeitskultur, so lassen sich im kulturwissenschaftlichen Kontext grundsätzlich zwei Entwicklungsparadigmen finden: Fordismus und Postfordismus. Dies sind theoretische Modelle bzw. Grundlagen, unter denen man bestimmte Entwicklungen im Arbeitsalltag fassen kann.

Das fordistische System entwickelte sich im industriellen Zeitalter und diente vor allem dazu, den Arbeitsprozess in den Fabriken zu standardisieren und damit die Produktivität zu erhöhen. Der Arbeitsablauf ist im Fordismus klar aufgebaut: Jeder hat einen zugewiesenen Arbeitsplatz, der auf eine bestimmte Dauer und Kontinuität angelegt ist und die Hierarchien innerhalb eines Betriebes sind eindeutig zu erkennen. Dies hat zur Folge, dass Arbeit und Nicht-Arbeit im Fordismus klar voneinander getrennt sind. Das gilt sowohl räumlich, durch einen öffentlichen Arbeitsort und die Privatwohnung, als auch zeitlich durch festgelegte Arbeits- und Nicht-Arbeitszeiten.

Seit den späten 1970er Jahren ist jedoch ein Wandel in der Arbeitswelt festzustellen. Der Postfordismus löste das fordistische Paradigma ab. Hier sind Arbeit und Freizeit nicht mehr so strikt zu trennen wie im Fordismus. Daher spricht man von Entgrenzung. Statt auf Hierarchien und Standardisierungen, wird auf Eigenverantwortung und Kreativität der Arbeitenden gesetzt. Die Arbeit wird somit flexibler gestaltet und bietet mehr Freiräume. Das bedeutet aber auch, dass Arbeitszeit und Arbeitsort nicht immer klar zu definieren sind. Die Sphären von Arbeit und Freizeit gehen ineinander über, vermischen sich, werden entgrenzt: E-Mails werden beispielsweise noch nach Feierabend beantwortet, Freundschaften werden für berufliche Synergien genutzt oder es wird im Homeoffice statt im Büro gearbeitet.

Das heißt allerdings nicht, dass der Wandel vom Fordismus zum Postfordismus als geradlinige Entwicklungslinie zu verstehen ist. Die beiden Modelle existieren nicht völlig getrennt voneinander, sondern nebeneinander und gleichzeitig. Das bedeutet, Entgrenzungsprozesse sind ebenso in eher fordistisch geprägten Strukturen zu finden, genauso wie klar geregelte Arbeitsabläufe auch in postfordistischen Arbeitsorganisationen existieren können.

Von der Fabriksirene zur Gleitzeit

Die Modelle Fordismus und Postfordismus können uns eine Idee davon geben, wie in unserem Alltag Arbeit strukturiert wird. Eine wichtige Rolle für die Ordnung eines Arbeitstages spielt das Thema der Arbeitszeit. Wann beginnt und endet ein Arbeitstag? Durch welche Gegenstände oder Abläufe wird eine Grenze zwischen privater und öffentlicher Sphäre hergestellt? Bestimmen diese Grenzmarkierungen auch die heutigen Arbeitsverhältnisse?

Gesellschaftliche Normierungen, aber vor allem gesetzliche und betriebliche Rahmenbedingungen takten und regulieren Arbeitszeiten und bestimmen unsere Vorstellungen von diesen. Durch die Einführung des Achtstundentages im Jahr 1918 wurden klare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit gezogen. Diese Grenzen sind gemacht und damit dynamisch und verhandelbar. Erst durch die Taktung des Arbeitstages entstand ein abgrenzbarer Zeitbereich für die Nicht-Arbeit: die Freizeit. Im Jahr 1956 setzte der Deutsche Gewerkschaftsbund die 40 Stunden-Woche durch, infolgedessen der Samstag arbeitsfrei und damit das Wochenende ebenfalls als Freizeit festgelegt wurde.

Im industrialisierten Arbeitsalltag läutete meist eine Fabriksirene den regulären Arbeitstag ein. Eine klare Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit markierten zudem die Stechuhr oder spätere andere Arbeitszeiterfassungsmaschinen. Durch die routinierte Handlung des ‚Ein- und Ausstempelns‘ wird ein Arbeitstag strukturiert und geordnet und somit von der Freizeit abgegrenzt. Sie dient der wechselseitigen Kontrolle von Arbeitnehmer und Arbeitgeber: Die Arbeitszeit muss eingehalten, aber Überstunden auch abgegolten werden.

Wie zeigen sich solche Grenzziehungen in heutigen Arbeitsverhältnissen? Arbeitszeiten werden stärker durch Gleitzeit oder Vertrauensarbeitszeit geregelt. Sie scheinen meist fließend zu sein, sodass oft keine klar markierten Grenzen eines Arbeitstages mehr wahrgenommen werden. Oftmals beginnt die Arbeit schon vor dem Eintritt ins Büro, wenn beispielsweise auf der Fahrt zur Arbeit bereits E-Mails beantwortet werden. Geschäftliche Termine finden während des Abendessens statt oder man bereitet sich am Wochenende von zu Hause aus auf die nächste Arbeitswoche vor. In vielen freiberuflichen Arbeitsverhältnissen muss die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit von den Arbeitenden selbst gezogen und eingehalten werden.

Entgrenzungsprozesse existierten jedoch auch im fordistisch organisierten 19. und 20. Jahrhundert. In vielen historischen Berufen haben sich Arbeit und Freizeit sowohl räumlich als auch zeitlich vermischt, wie beispielsweise Berufe in der Pflege oder im Gastgewerbe zeigen.

Von der Uniform zum Sommerkleid

Straßenkehrerkleidung

Die orangene Uniform besteht aus einer Latzhose, einem Arbeitshemd mit Knöpfen und einer Schildmütze [Quelle: Museum der Alltagskultur, Waldenbuch/Foto: Dirk Kittelberger]

Eine Begrenzung oder Entgrenzung der Arbeit zeigt sich nicht nur an der Veränderung von Arbeitszeitmodellen. Ein weiteres Merkmal ist das Tragen und Ablegen von Arbeitskleidung. Das Anziehen einer Uniform markiert beispielsweise eine klare Grenze von ‚im Dienst sein‘, während das Ablegen der Arbeitskleidung meist den Eintritt in die Freizeit bedeutet.

Die Straßenkehrer-Uniform wurde nur im Dienst, also während der regulären Arbeitszeit getragen. Sie ist durch ihre auffällige orangene Farbe und ihre praktische Beschaffenheit mit vielen verschiedenen Taschen nur für den Einsatz während der Arbeit bestimmt und als Freizeitkleidung nicht geeignet. Das Material der Uniform ist sehr robust und auf Funktionalität im Arbeitsalltag ausgelegt.

Bei Büroangestellten ist diese Trennung anhand der Arbeitskleidung nicht so klar zu erkennen, denn Anzug und Kostüm können auch als Freizeitkleidung dienen. Seit den 1980er Jahren führten Unternehmen sogar einen sogenannten „Casual Friday“ ein, an dem die Angestellten in legerer Kleidung zur Arbeit erscheinen dürfen. Ursprünglich sollte man sich mit diesem Tag auf das bevorstehende Wochenende einstimmen. Allerdings passt dieser Tag zu der Tendenz, dass die Arbeitenden ihre persönlichen Biografien mit an den Arbeitsplatz bringen sollten. Man spricht in der Arbeitssoziologie auch von der Subjektivierung der Arbeit, was bedeutet, dass Angestellte nicht nur als Arbeitskräfte gesehen werden, sondern sich durch ihre persönlichen Leistungen, Werte und Normen in den Arbeitsprozess einbringen sollen.

Entgrenzte Kleidung findet sich zudem in vielen anderen Bereichen, wie beispielsweise bei der Haus- und Heimarbeit: Die Kittelschürze ist primär für die Arbeit im Haus und Garten gedacht. Das Besondere an dieser Schürze ist, dass sie auch als Sommerkleid verwendet werden kann. Die Schürze bedeckt den ganzen Körper und hat durch ein Band um die Taille die Form eines Kleides. An den zwei großen Taschen an der Seite kann man allerdings erkennen, dass die Schürze auch auf Funktionalität ausgelegt ist. Sie dient so als eine Art Arbeits-Uniform und gleichzeitig als private Kleidung. An ihrem Aussehen ist nicht klar abzulesen, ob es sich um Arbeits- oder Freizeitkleidung handelt.

Kittelschürze
Diese Kittelschürze wurde von ihrer Vorbesitzerin gleichzeitig als Sommerkleid genutzt [Quelle: Museum der Alltagskultur, Waldenbuch/Foto: Dirk Kittelberger]

Bei der überwiegend weiblich geprägten Hausarbeit wird schnell deutlich, dass sich die Bereiche privat und öffentlich, Freizeit und Arbeit sehr stark vermischen. Der Arbeitsort ist gleichzeitig der private Bereich, Arbeitszeiten sind hier so flexibel gedacht, dass sie gar nicht erst festgelegt werden können. Allerdings: Hausarbeit ist nicht als Erwerbsarbeit anerkannt. In der feministischen Arbeitssoziologie spricht man daher auch von der sogenannten „Hausfrauisierung“, wenn eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit in einem Arbeitsbereich nicht auszumachen ist. Die klare Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben war und ist also immer noch eher für den männlichen Arbeitsbereich bestimmt und vorgesehen. Am Beispiel der Kittelschürze wird besonders deutlich, wie nah die Bereiche Arbeit und Freizeit in der weiblich dominierenden Haus- und Care-Arbeit beieinanderliegen, da hier sogar Arbeits- und Freizeitkleidung ineinander übergehen und nicht mehr voneinander getrennt werden können.

Für die Grenzziehung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit spielen vor allem gesetzlich geregelte Arbeits- und Ruhezeiten eine erhebliche Rolle. Sie strukturieren und bestimmen unseren Alltag, wodurch die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen öffentlich und privat aufrechterhalten wird. Solche Abgrenzungen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit sind ein Phänomen der Moderne und der Industrialisierung. Dieser Unterschied wird also erst seit dem 18./19. Jahrhundert gemacht.

Heute sehen wir uns oftmals mit einer entgrenzten Lebensweise von Arbeit und Nicht-Arbeit konfrontiert. Arbeits- und Freizeitkleidung, sowie klare Signale durch Stempeluhren können eine Grenze zwischen der Erwerbsarbeit und der eigenbestimmten Freizeit darstellen. Die Dinge, die zur Grenzziehung genutzt und herangezogen werden, können dabei stets neu ausgehandelt und verändert werden.

Literatur

  • Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 100 Jahre Achtstundentag in Deutschland. Historische Meilensteine und aktuelle Zahlen, Dortmund. In: baua-Fakten, Februar 2018. URL: https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Fakten/100-Jahre-Achtstundentag.html (aufgerufen am 13.08.2020).
  • Gestricht, Andreas, Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert. München 2013.
  • Götz, Irene, Fordismus und Postfordismus als Leitvokabeln gesellschaftlichen Wandels. Zur Begriffsbildung in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Arbeitsforschung, in: Irene Götz u.a. (Hg.), Europäische Ethnologie in München. Ein kulturwissenschaftlicher Reader, Münster 2015, S. 25–51.
  • Seifert, Manfred, Arbeitswelten im Wandel. Zur Ethnographie der Arbeitsbedingungen und Arbeitsauffassungen, in: Rheinisch-Westfälische Zeitschrift für Volkskunde 49 (2004), S. 57–94.
  • Sutter, Ove, Erzählte Prekarität. Autobiographische Verhandlungen von Arbeit und Leben im Postfordismus, Frankfurt am Main 2013.

 

Zitierhinweis: Sarah Messmer, Feierabend? Grenzziehungen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020

 

Hinweis: Dieser Beitrag von Sarah Messmer erschien unter dem Titel „Feierabend? Grenzziehungen zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit“ in der Publikation: Karin Bürkert und Matthias Möller (Hg.): Arbeit ist Arbeit ist Arbeit ist … gesammelt, bewahrt und neu betrachtet. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde 2019, S. 61-67.