Die Betzinger Tracht

Von Carmen Anton

Nach dem Kirchgang in Betzingen, Aquarell von Reinhold Braun, um 1860 [Copyright: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]

Nach dem Kirchgang in Betzingen,  Aquarell von Reinhold Braun, um 1860.
[Copyright: Heimatmuseum Reutlingen]

Was die Gutacher Tracht für den Schwarzwald ist, ist die Barocktracht des seit 1907 Reutlingen zugehörigen Betzingen für Schwaben. Sie wird stellvertretend mit der Region assoziiert und zeichnet sich durch ihre auffällig farbenfrohe Gestaltung aus.

Im 19. Jahrhundert wurde diese Kleidung nicht allein von Künstlern als gefälliges Motiv für ihre Gemälde und Fotographien entdeckt. König Wilhelm II. von Württemberg protegierte die Tracht sogar. 1877 wurde – noch zu seiner Zeit als Prinz – eine Amme aus Betzingen an den Königshof geholt, um Wilhelms Tochter zu stillen. Später folgten drei Schwestern der Betzingerin sowie ihre Tochter. Die Frauen wurden fester Bestandteil des königlichen Personals, allerdings mit der Auflage bedacht, sich stets und ständig in Tracht zu kleiden. So wollte Wilhelm II. sicherstellen, dass „sein Betzingen“ an Bekanntheit gewann.

Somit lässt sich die hohe Bekanntheit der Tracht nicht einzig auf die Rezeption ihrer Darstellung in Zeitschriften und anderen Printmedien zurückführen. Sie wurde auch gezielt politisch forciert.

Bereits seit 1841 wurden Betzinger zu Trachtenumzügen geladen, um dort ihr Dorf zu repräsentieren und ihre charakteristische Tracht zu präsentieren. Bis zum Ende des Jahrhunderts wandelte sich der Ort zu einer Arbeitersiedlung, die ohnehin nie besonders umfangreich betriebene Landwirtschaft verlor massiv an Bedeutung. Dennoch übernahmen Einwohner weiterhin bei öffentlichen Anlässen die Rolle repräsentativer, pittoreskes Idyll zur Schau stellender Vorzeigedorfbewohner. Die Änderung ihrer Einkommensverhältnisse im Einklang mit der nach wie vor hohen Nachfrage nach ihrer Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen wirkte sich auch auf den Umgang der Betzinger mit ihrer Tracht aus. Zunächst mit Anerkennung allein vergolten, konnten sie 1876 bereits den durch das Mitwirken an einem Umzug entstehenden Verdienstausfall einfordern, 1896 gar das dreifache dieses Betrages.

Somit kann Betzingen als Paradebeispiel dafür dienen, dass der allgemein assoziierte Zusammenhang zwischen Tracht und Landwirtschaft auch im 19. Jahrhundert schon ein realitätsfernes Konstrukt sein konnte. Die Kleidung wurde in diesem Fall getragen, um von außen herangetragenen Erwartungshaltungen zu entsprechen und schießlich auch, um mit ihr sowie den daran anknüpfenden Vorstellungen romantisierten Bauernidylls schlicht und ergreifend Geld zu verdienen.

Die Gestaltung der Betzinger Tracht

Die charakteristische Gestaltung der Betzinger Tracht umfasst ein weißes Leinenhemd für Mann und Frau gleichermaßen mit langen, voluminösen Ärmeln, die sich am Handgelenk eng verjüngen. Der Saum ist bei der Damenmode mit Spitze verziert.

Konfirmandenbrustblätz der Betzinger Frauentracht, 1891. [Quelle: Heimatmuseum Reutlingen]
Konfirmandenbrustblätz der Betzinger Frauentracht, 1891. [Quelle: Heimatmuseum Reutlingen]
Typisch für die Damentracht ist weiterhin der blaue Faltenrock, dessen Saum eine goldfarbene Borte ziert. Man nennt dieses gewöhnlich den ledigen Frauen und Mädchen vorbehaltene Kleidungsstück „Schnurrock“. Darüber wird eine Leinenschürze getragen, deren Farbe in Abhängigkeit von Gelegenheit und Stand der Trägerin variieren kann. Besonders geprägt hat das Bild der Betzinger Tracht die weiße Schürze, welche die Reinheit und somit Jungfräulichkeit der ledigen Trägerin symbolisiert. Im Alltag darf der Stoff der Schürze jedoch auch farbig oder gar gemustert sein.

Um die Hüften werden rote und grüne Seidenbänder, die Schurzbändel, geschlungen, sodass sie über der Schürze hinab hängen.

An den Rock schließt ein mit ihm verbundenes rotes Schnürmieder an. Dieses ist mit silberner Borte sowie grünen Seidenbändern eingefasst und wird durch eine in der Farbe ebenfalls dem Anlass entsprechend variierende Schnürung, das Breisnestel, geschlossen.

Der Goller aus dunkelrotem Samt liegt so auf Dekolleté, Schultern und Rücken auf, dass die weißen Ärmel nicht von ihm überdeckt werden.
Von Breisnestel und Goller gehalten wurde der „Brustblätz“, ein Stück Samt, welches all jene Teile der Brust verdeckt, die durch die anderen Teile nicht verhüllt wurden. Er erfüllt somit die Funktion einer Art Sichtschutz.

Komplettiert wird die Tracht von einem lila Deckelkäppchen, weißen Strümpfen und flachen, schwarzen Schuhen. Die beiden seitlich vom Hut abgehenden schwarzen Seidenbänder werden in die Haare der Trägerin verflochten. Alternativ wird zu Hochzeiten ein Schappel aufgesetzt.

Als Schmuck dient das „Nuster“, eine Kette aus Granatperlen, sowie das sogenannte „Geldle“, eine gewöhnlich vergoldete Münze mit eingearbeiteten Ösen, an welchen Schmucksteine befestigt werden können. Beide wurden um den Hals getragen.

In der Tendenz werden die Farbtöne der Frauentracht mit voranschreitendem Alter gedeckter und dunkler. Diese Feststellung bezieht sich vor allem auf die Farbe der Schürzen, der Schurzbändel, der Borte am Rocksaum sowie der Bänder an Mieder, Brustblätz und Goller. Aber auch Kirchen- und Festtracht verwenden beispielsweise eine Borte aus schwarzem Samt am Rocksaum. Das entsprechende Kleidungsstück einer solchen Erwachsenentracht erhalten Mädchen zur Konfirmation.

Männer tragen zu ihrem weißen Hemd mit Stehkragen eine ebenfalls weiße Leinenhose, deren Schnitt jenem zeitgenössischer französischer Uniformen nachempfunden ist. Gehalten wird sie von Hosenträgern. Diese Variante verdrängte schon im 19. Jahrhundert weitgehend die ehemals ebenso geläufige Hose aus Hirschleder. Diese war aufgrund des schwierig zu beschaffenden Materials sowie des geringeren Komforts letztlich schlicht nicht mehr zeitgemäß.

Ein lediger Mann trägt eine rote Weste aus Tuch mit zwölf silbernen Knöpfen. Auf Brautschau lässt er traditionell ein ebenfalls rotes Taschentuch aus der Hosentasche hervorschauen. Ein verheirateter Mann indes trägt eine schwarze Samtweste. Unabhängig vom Zivilstand des Trägers wird das Hemd durch eine silberne Hemdnadel in grob dreieckiger Form geschlossen. Deren Gestaltung richtete sich ursprünglich nach dem Beruf des Trägers und kennzeichnete ihn durch einen kleinen Anhänger. Ein kleiner Pflugscharanhänger verwies beispielsweise auf einen Ochsenbauer.

Über Hemd und Weste kann ein weißer, knielanger, kragenloser Kittel mit zwölf Messingknöpfen getragen werden. Das winterliche Pendant zu diesem Weißkittel stellt der gefütterte, aber gleich geschnittene „Dicke Kittel“ dar. Dieser wird allerdings mit sechzehn, statt lediglich zwölf Knöpfen geschlossen.

Als Kopfbedeckung dient die aus Leder gefertigte „Schmerkappe“. Sie ist kreisrund, schwarz und wird von einem Gummiband stabil am Kopf gehalten.

idenmieder mit Hafteln, 19. Jahrhundert [Quelle: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]
Seidenmieder mit Hafteln, 19. Jahrhundert [Quelle: Badisches Landesmuseum Karlsruhe]

Auch die Gestaltung der Männertracht kann in den farblichen Details je nach Anlass und Stand des Trägers variieren. So wird zur Kirchentracht beispielsweise nicht der Weißkittel, sondern ein Obergewand aus blauem Tuch getragen, ergänzt durch ein rotes oder schwarzes – in Abhängigkeit des Zivilstandes – Brusttuch, ein schwarzes Seidenhalstuch, die Lederhose und anstelle der Schmerkapp ein Dreispitz aufgesetzt.

In der Ausstattung beider Geschlechter tritt zutage, dass sich die Trachten unterschiedlicher Anlässe und Alter trotz großer Unterschiede im Gesamtbild doch in der Grundform sehr ähneln. Diesen Umstand wusste man früher zu nutzen: War ein Kleidungsstück nicht länger makellos, so wurde es dem nächst weniger bedeutsamen Anlass zugewiesen, wurde beispielsweise Teil der Alltagstracht, die als Arbeitskleidung diente und bewusst nicht die besten Stücke der eigenen Garderobe beinhaltete. Anpassungen konnten leicht durch das Wechseln von Borten und Bändern vorgenommen werden.
Während noch im 19. Jahrhundert die realweltliche Verwurzelung der Betzinger Tracht im örtlichen Alltag – analog zur Wandlung einer Bauernsiedlung in einen Arbeiterort – abnahm, tat dies der Rezeption Betzingens als Trachtenidyll keinerlei Abbruch. Mit der Anbindung an das Schienennetz etablierte sich neben einem regelrechten Trachten-Tourismus auch eine Betzinger Malschule, die sich ganz dem Portrait der bunten Gewänder und eines idealisierten bäuerlichen Idylls widmete.

Die sehr beliebte Darstellung von Kindern in Tracht, die eine gewisse Alltäglichkeit dieses Phänomens suggeriert, ist dabei mehr auf den allgemeinen Zeitgeschmack, weniger auf reale Grundlagen zurückzuführen. Tatsächlich trugen Kinder die in ihrer Herstellung sehr aufwändige Kleidung vor allem auf ausgewiesenen Trachtenumzügen und vergleichbaren Veranstaltungen, nicht wie aus den Bildern leicht abzuleiten im täglichen Leben.

Um 1900 avancierte die Betzinger Tracht unter Damen zusehends zu einer beliebten Vorlage für Maskenball- und Faschingskostüme. Dabei entwickelten diese Adaptionen der Regionaltracht zusehends ein Eigenleben, wodurch sie sich immer weiter von der Vorlage entfernten und vielfach bloß noch an entfernte Zerrbilder der zugrunde gelegten Tracht erinnerten.

Literatur

  • Gemeinhardt, Heinz Alfred (Hrsg.), Betzingen im Foto. 100 Jahre Reutlingen-Betzingen 1907-2007, Stadt Reutlingen 2007.
  • Landesverband der Heimat- und Trachtenverbände Baden-Württemberg e.V.(Hrsg.), Trachtenvielfalt in Baden-Württemberg, Neckartailfingen 2016.
  • Stadt Reutlingen, Museum Im Dorf Betzingen, Außenstelle des Heimatmuseums Reutlingen, Führung durch das Museum, Reutlingen 1990.

 

Zitierhinweis: Carmen Anton, Die Betzinger Tracht, in: Alltagskultur im Südwesten. URL: [...], Stand: 08.08.2020