Zünftig leben
Zunftgegenstände als Indiz für ein vergemeinschaftetes Leben

Von Nicole Naumann

 Werkstattschild
Werkstattschild. [Quelle: Landesmuseum Württemberg, Stuttgart]

Ausflüge und Weihnachtsessen im Betrieb sind heutzutage selbstverständlich. Solche Anlässe sollen die Loyalität zum Betrieb stärken und ein Zusammenge­hörigkeitsgefühl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fördern. Aktuell beliebt sind sogenannte Firmenläufe, bei denen ganze Belegschaften im Namen des Unternehmens viele Kilometer zurücklegen. Doch wie war das eigentlich früher? Identifizierten sich die Menschen auch schon im Mittelalter mit ihrem Beruf? Wenn ja, wie wurde diese Zugehörigkeit hergestellt?

Früher übernahmen vor allem Zünfte eine solche identitätsstiftende Funktion. Eine Zunft war ein Zusammenschluss von Handwerkern einer oder mehrerer Berufsfelder zu einer Interessensvertretung. Die Organisation in Zünften spielte für alle handwerklichen Berufe vom 14. bis ins 19. Jahrhundert, in ländlichen Gebieten ab dem 18. Jahrhundert, eine prägende Rolle. Eine Zunft war hierar­chisch organisiert und bestand aus Handwerksmeistern. Manchmal schlossen sich auch Gesellen zu einer Zunft zusammen. Diese waren der Meister-Zunft jedoch untergeordnet. Für Lehrlinge gab es keine Interessensvertretung. Die Zunft sorgte für Warenqualität, regelte Preise und begrenzte die Anzahl der Handwerker in einer Stadt. Um ein Handwerk ausüben zu dürfen, war die Mit­gliedschaft lange Zeit Pflicht und Männern vorbehalten. Diese Gemeinschaft fußte auf Regeln und Pflichten, die unter anderem durch die Zunftgegenstände und deren Gestaltung Ausdruck fanden. Trotz dieses ritualisierten und regulier­ten Systems brachte eine Mitgliedschaft viele Sonderrechte und gesellschaft­liches Ansehen mit sich. Als Gegenleistung für die Vorzüge musste die Zunft Aufgaben in der Stadt übernehmen. Mancherorts stellte sie zum Beispiel die Feuerwehr, organisierte das Postsystem oder war in der Stadtpolitik vertreten.

Zunftgegenstände sind alle Gegenstände, die im gemeinschaftlichen Ge­brauch der Zünfte oder in deren Kontext entstanden sind. Die Objektfülle reicht von Schriftgut (Lehrbriefe, Zunftordnungen), über Objektivationen von Festivi­täten (Fahnen, Pokale, Geschirr), bis hin zu alltäglich Präsentem (Tischzeichen, Herbergsschilder). Oft waren diese Gegenstände aus wertvollen Materialien gefertigt und aufwendig gestaltet, wodurch sie sowohl für Mitglieder wie auch Außenstehende zu Bedeutungsträgern wurden. Form und Gestaltung verweisen heute noch auf das jeweilige Handwerk und Gravuren von Widmungen oder Namen der Mitglieder stellen einen konkreten Gemeinschaftsbezug her. Die Zunftgegenstände sind daher als Gestaltung des sozialen Lebens und als Ver­dinglichung sozialer Praktiken zu begreifen.

Arbeit, Wohnen, Tod. Die Zunft in allen Lebenslagen

Die Menschen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit kannten die heutige Unterscheidung von Freizeit und Arbeit sowie die kapitalistische Lohnarbeit noch nicht. Diese Ausdifferenzierungen entwickelten sich erst im 19. und 20. Jahrhundert. Davor galt das Arbeitsethos – man lebt, um zu arbeiten. Beruf und Privates waren kaum trennbar. Die Werkstätten der Meister waren stets im Wohnhaus untergebracht: Es gab also keine räumliche Trennung zwischen Arbeits- und Privatraum. Auch nach außen hin war die Zugehörigkeit zu einer Zunft durch Werkstattschilder an den Häusern der Meister erkennbar. Die darauf abgebildeten Symbole verwiesen auf das spezifische Handwerk. Gleichzeitig waren sie ein Indiz für die die Rechtmäßigkeit des Betriebs, denn ohne Mitgliedschaft in einer Zunft war das Betreiben einer Werkstatt untersagt. Sah man also einen Schlüssel als Schild, war klar, dass hier ein Schlosser wohnte und arbeitete. Auch wenn das Gemeinschaftssystem der Zünfte verglichen mit heute kaum Platz für Individualität und Privates zuließ, profitierten die Mitglieder davon. Am Ende ihres Lebens wussten die Meister ihre Familie und Werkstatt gut versorgt. Die Zunft kam für eine dem Handwerk angemessene Beerdigung auf, stellte die Utensilien für die Trauerfeier und unterstützte die Witwe finanziell bis sie neu heiratete. Dieses System einer Sozialkasse griffen die Gewerkschaften im 19. Jahrhundert auf. Die Gegenstände für Beerdigungen, Funeralgeräte genannt, waren stets mit den Symbolen des jeweiligen Handwerks verziert. Sogar über den Tod des Einzelnen hinaus blieb damit eine Verbindung und Identifikation mit der Zunft bestehen. Fahnen für den Trauerzug oder Tücher und Schilder für den Sarg sind Beispiele für diese Verbundenheit.

Der Willkommpokal – Wie man gemeinsam feiert

 Willkommenspokal
Willkommenspokal. [Quelle: Landesmuseum Württemberg, Stuttgart. Foto: Dirk Kittelberger]

Der Willkomm, auch Willkommpokal genannt, war fester Bestandteil der Zunftgerätschaft. Er wurde oft als Auftragsarbeit gefertigt und ist heute ein Indiz für den Reichtum der jeweiligen Zunft: Je mehr Geld die Zunft Zur Verfügung hatte, desto prunkvoller wurde er gestaltet. Der Reichtum der Zunft war wiederum vom jeweiligen Gewerbe und den Meistern abhängig. Metzger waren meist wohlhabend, Schuster hingegen eher arm. Aber auch die Mitglieder der Zunft zum Herstellungszeitpunkt lassen sich durch Gravuren und Widmungsschilder an einem Willkomm ablesen. Trinkgefäße nutzte man auch zur Bestrafung von Zunftmitgliedern: Bei Regelverstößen wurde das persönliche Trinkgefäß des in Ungnade gefallenen Meisters von denen der anderen separiert und zu ihm nach Hause geschickt. Bis zur Erlaubnis der Rückführung des Gegenstandes war der Meister von der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Das Ende der Zünfte – Wie die Objekte ihren Weg in das Museum fanden

 Deckelbecher
Deckelbecher. [Quelle: Landesmuseum Württemberg, Stuttgart. Foto: P. Frankenstein/H. Zwietasch]

Mit der Durchsetzung der Gewerbefreiheit in Württemberg 1862 lösten sich die meisten Zünfte samt Inventar auf. Ihr Hab und Gut ging in Staatsbesitz über oder gelangte an Privatpersonen, Auktionshäuser und in Museen. Daher wundert es nicht, dass die ersten Objekte der Sammlung des Landesmuseums Württemberg Zunftgegenstände waren – wurde dieses doch im Jahr der Einführung der Gewerbefreiheit gegründet. Somit bildet die Zunftsammlung den Grundstock des Museums, der Einblick in eine vergangene Arbeitswelt geben kann. Begünstigt wurde die Entstehung der Zunftsammlung durch die Sammelwut der Museen im 19. Jahrhundert. Gesammelt wurden alle Gegenstände und Verweise auf Praktiken, die durch die Modernisierung zu verschwinden drohten, so auch die Zunftkultur.

Aus dem Deckelbecher aus Silber, genauer gesagt, der Willkomm der Müller- und Bäckerzunft Tettnang, tranken die Zunftmitglieder bei feierlichen Anlässen. Erkennbar sind neben den Wappen der Müller- und Bäckermeister Tettnangs die eingravierte Zahl „1745“ und eine Brezel als Zeichen der Bäcker. Außerdem ist das Wappen des Grafen Ernst von Montfort zu sehen, der 1745 seinen Sitz in Tettnang hatte. Auf der Unterseite ist die Meister- und Qualitätsmarke, eine Art Herstellernachweis, von Philipp Stenglin eingeschlagen. Eine andere Marke zeigt die Zirbelnuss, die seit dem 15. Jahrhundert das Stadtwappen Augsburgs ziert. Die Geschichte des Bechers wirft Fragen auf: War er eine Auftragsarbeit der Zunft aus Tettnang? Oder war er ein einfacher Silberbecher aus einer Augsburger Werkstatt, der erst nach seiner Herstellung von der Zunft zum Gravieren angekauft wurde? In letzterem Fall könnte der Becher vor 1745 gefertigt worden sein. Auch über seine tatsächliche Nutzung innerhalb der Zunft lässt sich heute nur noch mutmaßen.

Was bleibt?

Zünfte stellten Gemeinschaft über Symbole und Gegenstände her. Sie fußten auf einem gebenden und nehmenden System. Teil einer Zunft zu sein, brachte einerseits soziale Sicherheit und andererseits soziale Kontrolle in allen Lebensbereichen mit sich. Noch heute gibt es Berufsgenossenschaften, die für Gesundheit und Wohlfahrt von Handwerkerinnen und Handwerkern zuständig sind. Diese freiwilligen Interessensvertretungen nennen sich Innungen. Die Interessensvertretung der wandernden Gesellen nennt sich „Schacht“. Der Gedanke einer gemeinsamen Vertretung einer Berufsgruppe hat sich also über die Zünfte hinaus erhalten und abhängig von der Beschäftigungsart differenziert. So sind beruflich Selbstständige, wie Handwerkerinnen und Handwerker in Innungen organisiert. Lohnabhängige in Gewerkschaften.

Dennoch existiert das Zunftsystem mit seinem umfangreichen Einfluss auf das ganze Leben der Mitglieder heute nicht mehr. Dafür haben sich das Verständnis von und die gesellschaftlichen Bedingungen der Arbeit durch Industrialisierung und Individualisierungsprozesse im 20. Jahrhundert zu sehr gewandelt. Während früher beispielsweise Handwerkslehrlinge eine ehrliche, an christlichen Werten orientierte Lebensweise nachweisen mussten, müssen wir heute für die Ausübung eines Berufes keine sozialen Bedingungen mehr erfüllen. In der Regel können wir heute unabhängig von Herkunft und Elternhaus einem Beruf nachgehen und streben nach einer „Work-Life-Balance“, um einen Ausgleich zwischen den heute meist getrennten Bereichen von Privat- und Arbeitsleben zu schaffen.

Wie halten Sie es mit ihrer Work-Life-Balance und wie stark ist Ihr Privatleben von der Betriebsgemeinschaft beeinflusst? Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit besteht heute weiterhin, wie jeder an sich selbst nachvollziehen kann. Wie stark identifizieren Sie sich mit Ihrem Beruf? Deutlich erkennbar wird das Bedürfnis nach Gemeinschaft am Gruppenbild der Firma „Gleason-Pfauter“ aus Ludwigsburg. Jährlich nehmen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam an einem städtischen Firmenlauf teil und tragen das Logo der Firma auf dem Trikot. Haben Sie selbst auch schon einmal an solch einem Event teilgenommen?

Literatur

  • Flecker, Jörg, Arbeit und Beschäftigung. Eine soziologische Einführung, Wien 2017.
  • Haupt, Heinz-Gerhard, Neue Wege zur Geschichte der Zünfte in Europa, in: Haupt, Heinz-Gerhard (Hg.), Das Ende der Zünfte. Ein europäischer Vergleich. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 151, Göttingen 2002, S. 9-38.
  • Kocka, Jürgen, Mehr Last als Lust. Arbeit und Arbeitsgesellschaft in der europäischen Geschichte, in: Zeitgeschichte-online, Januar 2010. URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/mehr-last-als-lust (aufgerufen am 08.08.2020).
  • Schindler, Thomas, Richtschnur Zunft. Lebensweg und Lebensraum des Handwerkers, in: Thomas Schindler u.a. (Hg.), Zünftig! Geheimnisvolles Handwerk 1500-1800. Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, 21.März bis 7. Juli 2013, Nürnberg 2013, S. 104-161.
  • Stieglitz, Leo von, Zünfte in Württemberg. Regeln und Zeichen altwürttembergischer Zünfte vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Begleitbuch zur Ausstellung im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart 7.5.2000 - 17.9.2000. Veröffentlichungen des Museums für Volkskultur in Württemberg, H. 6, Stuttgart 2000.
  • Strieter, Claudia, Aushandeln von Zunft. Möglichkeiten und Grenzen ständischer Selbstbestimmung in Lippstadt, Soest und Detmold (17. bis 19. Jahrhundert), Münster 2011.

 

Zitierhinweis: Nicole Naumann, Zunftgegenstände als Indiz für ein vergemeinschaftetes Leben, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020

 

Hinweis: Dieser Beitrag von Nicole Naumann erschien unter dem Titel „Zünftig leben. Zunftgegenstande als Indiz fur ein vergemeinschaftetes Leben“ in der Publikation: Karin Bürkert und Matthias Möller (Hg.): Arbeit ist Arbeit ist Arbeit ist … gesammelt, bewahrt und neu betrachtet. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde 2019, S. 149-156.