Licht im Dunkeln

Von Inka Friesen

Stromgenerator Neckarwerke
Der 1000-PS-Strom-Generator im Kraftwerk Altbach-Deizisau, 1904 [Quelle: Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg]

Für den Großteil der ländlichen Bevölkerung im 19. Jahrhundert begann der Arbeitstag mit Sonnenaufgang und endete mit Sonnenuntergang. Das Tageslicht gab den Rhythmus vor. Nach Einbruch der Dunkelheit sorgten Kienspäne, daneben auch Talglichter und Öllampen, in den Stuben für spärliches Licht. Kienspäne waren die preiswerteste Art der Beleuchtung und daher weit verbreitet. Sie wurden in spezielle Halter oder einfach in die Mauerritzen gesteckt. Ab 1860 begann die Petroleumlampe als neue, verbesserte Lichtquelle die Öllampen und Kerzen in städtischen Haushalten abzulösen. Auf dem Land setzte sie sich ab etwa 1880 durch. Petroleum brannte deutlich länger, heller und weitgehend rußfrei, war weniger gefährlich und konnte in großen Mengen aus den USA importiert werden. Bis zum Ersten Weltkrieg blieb die Petroleumlampe das am meisten verwendete Licht im Wohnbereich in Stadt und Land, obwohl zu dieser Zeit Gas und Elektrizität als alternative Energiequellen bekannt waren.

Gaslternen
Aussterbende Gaslaternen, 1969 [Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe, Bildarchiv Schlesiger 1969]

Der Hauptanwendungsbereich von Gaslicht war seit den Anfängen in den 1860er Jahren die Straßenbeleuchtung. Daneben kam es in öffentlichen Gebäuden wie Schulen, Krankenhäusern, Bahnhöfen und Theatern sowie in größeren Hotels und Fabriken zum Einsatz. Vor allem in puncto Helligkeit, Gleichförmigkeit und Regulierbarkeit waren herkömmliche Lichtquellen dem Gaslicht unterlegen. Anders als das intime Licht von Kerze und Öllampe, das nur die unmittelbare Umgebung erhellte, war mit der Gasflamme die Ausleuchtung jedes Zimmerwinkels möglich. Ihr großer Nachteil dagegen war der hohe Sauerstoffverbrauch, der bei Theaterbesuchen regelmäßig Kopfschmerzen verursachte.

Um 1900 konnten auch immer mehr städtische Haushalte von einem Anschluss an die Gasversorgung und günstigen Tarifen profitieren. So belieferte Karlsruhe im Jahr 1911, zu dieser Zeit bereits eine Großstadt mit mehr als 134.000 Einwohnern, rund 22.000 von etwa 26.000 Wohnungen mit Gas. Neben der Beleuchtung diente Gas zum Kochen und Heizen. Der Karlsruher Stadtbaurat Otto Helck zeichnete dazu folgendes Bild: „Mehr als die Hälfte des erzeugten Gases wird zu Koch- und Heizzwecken verwendet. Auch in Arbeiterhaushalten hat sich der Gaskochapparat eingebürgert, wodurch es auch den Arbeiterfamilien ermöglicht wurde, auf billige Weise ein warmes Frühstück zu bereiten.“ 

Elektrische Energie spielte um die Jahrhundertwende in privaten Haushalten noch so gut wie keine Rolle. Die Elektrifizierung des Wohnens begann erst nach 1900, nachdem in den 1890er Jahren erste große Städte wie Heilbronn (1892), Pforzheim (1894), Stuttgart (1895), Ulm (1895) und Mannheim (1899) eine Stromversorgung eingeführt hatten. Im Südwesten waren auch kleinere Kommunen wie zum Beispiel Nagold beim Einstieg ins Stromzeitalter vorne mit dabei. 1893 nahm das Elektrizitätswerk Nagold den Betrieb auf und belieferte 70 Häuser mit über 400 Glühlampen sowie sieben Elektromotoren mit Strom. Anders sah die Lage auf dem Land aus: Viele dünnbesiedelte Regionen wie zum Beispiel der Odenwald, die Tauber-Gegend, die Ostalb und Oberschwaben waren um die Jahrhundertwende noch ohne Versorgung oder wurden nur vereinzelt beliefert. In den 1920er Jahren war der Großteil der Ortschaften im Südwesten an die Stromversorgung angeschlossen, das heißt die Möglichkeit, Strom über ein öffentliches Netz zu beziehen, war gegeben. Eine flächendecke Elektrifizierung war um 1930 erreicht. 

Im Wohnbereich wurde elektrische Energie zunächst für die Beleuchtung genutzt. Zwar blieben das Gaslicht und das verbesserte Gasglühlicht vorerst die günstigere Alternative, doch die Begeisterung für das effiziente, saubere, geruchlose und sichere „neue Licht“ war groß. Das zeigt etwa die Ausstellung für Elektrotechnik in Stuttgart 1896, die rund eine Millionen Besucher anzog. Elektrizität galt als Inbegriff für gesellschaftlichen Fortschritt; im Vergleich zum Konkurrenten Gas war elektrischer Strom weitaus prestigeträchtiger. Die Illuminationen bei nationalen Gedenktagen und Großereignissen machen deutlich, welchen besonderen Stellenwert elektrisches Licht in den Anfangsjahren hatte. Die Kohlefadenlampe sorgte schließlich dafür, dass das „Glühlicht“ auch im Alltag nutzbar wurde. Sie ersetzte nach und nach das Gaslicht als künstliche Lichtquelle. Ab den 1930er Jahren ermöglichten der Ausbau der Versorgungsnetze und sinkende Strompreise immer mehr Haushalten auch den Betrieb von elektrischen Geräten.

Im Vergleich zu heute war der damalige durchschnittliche Stromverbrauch eines Privathaushaltes noch gering: 117 kWh pro Jahr. Nicht nur hohe Strompreise und fehlende Elektrogroßgeräte, auch ein anderes Konsumverhalten spielte dabei eine Rolle. Sparsames Haushalten, auch im Umgang mit Energie, war für die Mehrheit der Bevölkerung die gängige Form des Verbrauchens. In den 1960er Jahren legte der häusliche Stromverbrauch aufgrund sinkender Strompreise, einem hohen Nachholbedarf bei der Ausstattung mit Elektrogeräten und zunehmender Wohnungsgröße deutlich zu.

Der vollelektrische Haushalt wurde zum erklärten Ziel von Elektrizitätswirtschaft und Elektroindustrie. Heute ist Strom die wichtigste Energie für den privaten Gebrauch (abgesehen von Heizzwecken) und hat sich gegenüber Kohle, Petroleum und Gas durchgesetzt. Der Einzug von Elektrizität in den Haushalt hat unseren Alltag stark verändert. Mit dem künstlichen Licht, mit dem sich ganze Räume optimal ausleuchten lassen, sind wir nicht mehr abhängig vom natürlichen Tagesrhythmus. Von der Arbeitserleichterung und Zeitersparnis, die Elektrogeräte ermöglichen, ganz zu schweigen. Doch im Unterschied zum Umgang mit Holz oder Kohle sind die Erfahrungen des Energieverbrauchs unkonkret geworden. Konsum und Erzeugung der Energie sind entkoppelt, Kraftwerke befinden sich oftmals mehrere hundert Kilometer von den Haushalten entfernt. War das Anfeuern des Herdes noch eine ganz sinnliche, körperliche Erfahrung, geschieht Energiekonsum heute meist unbewusst. Nur der Blick auf die jährliche Nebenkostenabrechnung lässt den Verbrauch begreiflich werden.

Literatur

  • Herzig, Thomas, Energieverbund. Elektrischer Strom für Stadt und Land. Katalog zur ständigen Ausstellung des Landesmuseums für Technik und Arbeit in Mannheim, Karlsruhe 1995.
  • Ott, Hugo/Herzig, Thomas: Elektrizitätsversorgung von Baden, Württemberg und Hohenzollern 1913/14, in: Historischer Atlas von Baden-Württemberg (Beiwort zur Karte 11,9), Stuttgart 1982.
  • Widmaier, Kurt (Hrsg.), Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW), Beiträge zur Geschichte, Ravensburg 2009.

     

 

Zitierhinweis: Inka Friesen, Licht im Dunkeln, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020