Vorratshaltung – Revolution mit Weckglas und Kühlschrank

Von Felicitas Wehnert

Werbung für Weck-Einmachgläser

Weck Einkochbuch/ hrsg. von der Lehr- und Versuchsküche der Firma WECK, 1955 [Quelle: Badische Landesbibliothek Karlsruhe]

Wie schützt man Lebensmittel vor dem Verderben? Wie durch den Winter kommen? Das sind die Hauptprobleme in früheren Zeiten ohne Kühlschrank und Eingewecktem, ohne Dosennahrung und Tiefkühlkost.

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein waren die Mahlzeiten im Winter meist karg und eintönig: In der Vorratskammer lagerten lediglich Getreide, getrocknete Linsen, Erbsen- und Bohnenkerne, eingelegtes Sauerkraut, getrocknetes Obst und ein Stück Räucherspeck. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Essen vielfältiger. Vor allem zwei altbekannte Konservierungsarten setzten sich jetzt auf breiter Ebene durch: das Entziehen von Wasser durch Trocknen und Dörren, Salzen und Zuckern sowie der Schutz der Hülle durch Einlegen in Öl, Essig und Räuchern. Für den Küchenherd gab es Dörr- und Räucheraufsätze. Mit der Entdeckung des Rübenzuckers wurde das einstige Luxusgut erschwinglich und das Beerenobst konnte zu Marmelade verarbeitet werden. Stockfisch, Salzhering und gepökeltes Fleischbereicherten den Speiseplan zusätzlich.

Noch bis in die 1950er Jahre gehörte eine Speisekammer zu jeder Wohnung – ein kleiner Raum neben der Küche, idealerweise an der Nordseite und damit etwas kühler, mit einem schmalen Fenster oben, damit nur spärlich Licht hereinfällt. In manchen Gründerzeitvillen hat sich diese Kammer noch erhalten. In der Speisekammer lagerten im Vorratsschrank Mehl, Reis und Nudeln, daneben geräucherte Würste und Speck, getrocknete Pilze auf Schnüren aufgereiht, gedörrte Apfelringe, Zwetschgen und Birnenhutzeln für das Früchtebrot zu Weihnachten. Durch ein Fliegengitter war alles vor Mäusen und Insekten geschützt. Stolz und beruhigt war die Hausfrau erst, wenn die Ernte des Herbstes verarbeitet und die Vorräte für den Winter aufgefüllt waren.

Im kühlen Gewölbekeller mit Lehmboden sicherte dann in Steinguttöpfen das eingestampfte Sauerkraut die Vitaminversorgung. In Holzkisten lagerten die Äpfel – sortiert nach Haltbarkeit, die Gewürzluiken vorne, die Brettacher, die bis zum nächsten Frühjahr halten, weiter hinten. Ein Stück entfernt waren die Kartoffeln in einer Holzschütte, die Karotten und Rüben wurden in einer Sandmiete eingegraben. In der Ecke lag das Fässle mit Most zum Vesper und rings an den Wänden stapelten sich auf Regalen Gläser mit Erdbeer-, Johannes- und Himbeermarmelade, eingedünsteten Birnen, süß-sauren Dill-Gurken und Schnippelbohnen. In einem Bottich wurden die Eier im Herbst in eine Wasserglas-Lösung eingelegt, die die Poren der Schale verschließt und damit die Eier vor dem Verderben schützt. Denn in der Mauser während der kalten Jahreszeit legten die Hühner nur spärlich.

Steril und luftdicht im Glas

Die Revolution in der Vorratskammer begann mit einem Glas und einer neuen Technik. 1880 entdeckte der Gelsenkirchener Chemiker Rudolf Rempel ein Verfahren, wie Obst und Gemüse in einem Hohlglas durch Einkochen steril gemacht werden kann. Luftdicht mit Federklammern und Gummiring verschlossen ist es länger haltbar. Das ersetzte die vorher übliche und nicht befriedigende Methode, Früchte in Alkohol in einem Steintopf einzulegen und mit einer Schweineblase zu verschließen.

1895 machte Johann Carl Weck das Geschäft seines Lebens. Er kaufte das Patent und gründete zusammen mit Georg van Eyck 1900 im badischen Öflingen die Firma Weck. Die Einmachgläser, die eine luftdichte Lagerung garantieren, wurden zum Verkaufsschlager, zumal die Firma Weck gleichzeitig eine ausgeklügelte Marketingstrategie entwickelte und Kochkurse und Informationsbroschüren für die Hausfrauen anbot. 1934 wird der Begriff „einwecken“ sogar in den Duden aufgenommen. Bis in die 1960er Jahre spielte Eingewecktes aus dem eigenen Garten oder saisonal günstig erworben eine große Rolle in der Ernährung.

Künstliche Kälte

Werbung für BBC-Sigma-Kühlschrank, 1939. [Quelle: Badische Landesbibliothek Karlsruhe]
Werbung "Lebe gesund durch Elektrokühlung im BBC-Sigma-Kühlschrank", 1939 [Quelle: Badische Landesbibliothek Karlsruhe]

Die zweite Revolution kam mit der Entdeckung der künstlichen Kälte. Der Durchbruch gelang 1876 Carl von Linde mit seiner Kältemaschine und der Kühlung mit Ammoniak. Jetzt konnten die Kühlschiffe tiefgefrorenes Fleisch über den Ozean transportieren und den leichtverderblichen Fisch frisch zum Kunden bringen. Nun gab es abseits der Meere und auch im Südwesten nicht mehr nur Stockfisch und Salzhering, sondern auch Schellfisch und Kabeljau. In Hamburg und anderen Hafenstädten entstanden große Kühlhäuser. Auch die großen Brauereien und Schlachthöfe interessierten sich für die neue Technik.

Bei den kleineren Brauereien im Südwesten hielt sich aber noch bis weit ins letzte Jahrhundert hinein die traditionelle Kühlmethode mit Natureis. Jede Brauerei im Schwarzwald oder in Oberschwaben hatte ihren eigenen Eisweiher: einen flachen See, der im Winter rasch zufriert. Dann wurde das Eis in langen Bahnen herausgeschnitten und mit dem Pferdefuhrwerk zum Eiskeller gebracht. Die waren mit Bedacht angelegt: entweder im Schatten eines mächtigen Gebäudes oder an der Südseite mit einem großen Baum versehen, der Schatten spendete und vor der Sonne schützte. Auch manche Bürgerhaushalte ließen sich Eisblöcke zum Kühlen der Lebensmittel bringen.

Die neue Haushaltstechnik setzte sich bei den Privathaushalten zuerst in Amerika durch. 1910 kamen dort die ersten elektrischen Kühlschränke für den Hausgebrauch auf. In Deutschland dauerte es noch einige Jahrzehnte. Hier war die Firma Bosch in Stuttgart der Pionier. 1933 stellte sie den ersten elektrischen Kühlschrank auf der Leipziger Frühjahrsmesse vor – noch in runder Trommelform. „Ein guter Geist in jeder Küche – zweckmäßig, schön, charaktervoll“: so preist ihn die Werbung an. Das neue Gerät setzte sich allerdings nicht so schnell durch, wie es sich die Hersteller erhofften. Mit 350 Reichsmark waren die Anschaffungskosten vielen zu hoch, zumal noch monatliche Stromkosten dazu kamen. 1935 ging Bosch dann zur eckigen Form über. Es dauerte aber noch bis in die 1960er Jahre hinein, bis sich der Kühlschrank zunächst als Wohlstandssymbol und schließlich als unverzichtbares Haushaltsgerät durchsetzte.

1956 brachte Bosch seine erste Kühltruhe auf den Markt. Die neuen Kühlmöglichkeiten veränderten die Vorratshaltung und den Speisezettel grundlegend. Bereits 1955 wurde die erste Tiefkühlkost auf der Nahrungs- und Genussmittelausstellung ANUGA in Köln vorgestellt. Spinat und Fischstäbchen brachten den Durchbruch. Die Speisekammer wurde durch den Kühlschrank ersetzt, der Vorratskeller reduzierte sich auf die Tiefkühltruhe. Das kam auch den kleineren Wohnungen der Nachkriegszeit entgegen. 1985 besaßen schließlich 99 Prozent der Haushalte ein Kühlgerät.

Aktion Eichhörnchen

Auch das Einkaufsverhalten änderte sich. Nun musste man nicht mehr jeden Tag frisch beim Metzger und auf dem Markt einkaufen, sondern versorgte sich einmal die Woche beim Großeinkauf. Leicht verderbliche Waren wie Quark und Frischkäse kamen nun öfters auf den Tisch und das Kochen mit Fertig-und Halbfertiggerichten war weniger zeitaufwändig und galt als modern.

Neben den privaten Vorräten gab es immer auch noch eine öffentliche Vorratshaltung für Not- und Krisenzeiten. Früher hatte nahezu jede Gemeinde eine Zehntscheune, in der das Getreide lagerte. Heute sind an geheimen Orten verstreut im Land Notfallreserven an Getreide, Reis, Erbsen, Linsen, Kondensmilch, Fett, Milch und Fleischkonserven, die regelmäßig erneuert werden. Lange Jahre gab es aus diesen Beständen die verbilligte Weihnachtsbutter zum Backen. Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1987 oder den Überschwemmungen an Oder 1997 und Elbe 2002 wurden Lebensmittel aus den Reservelagern verteilt.

In Zeiten des Kalten Krieges rief das Bundesernährungsministerium 1961 die „Aktion Eichhörnchen“ mit dem eingängigen Slogan „Denke dran, schaff Vorrat an“ ins Leben. Damit wurde jeder Haushalt aufgefordert, einen Krisenvorrat anzulegen, mit dem seine Mitglieder mindestens 14 Tage überleben können. Kurze Schwarz-Weiß-Filme im Fernsehen und als Vorfilm im Kino zeigten Bauanleitungen, wie in ungenutzten Ecken in den Wohnungen Regale für Dosenwurst, Zwieback und Trockenfrüchte eingebaut werden können. Die aufwändige Werbekampagne verfehlte jedoch die beabsichtigte Wirkung. 1964 verfügten nur rund drei Prozent der Haushalte über entsprechende Vorräte.

Heute legen in Zeiten der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln zu jeder Jahreszeit und fast rund um die Uhr nur noch wenige Haushalte gezielt Vorräte an. Gleichzeitig wächst aber angesichts des Unbehagens über die vielen Zusatzstoffe in der Industrienahrung wieder der Wunsch nach Selbsteingelegtem oder hausgemachter Marmelade und damit auch die Nachfrage nach den altbewährten Einweckgläsern.

 

Literatur:

Zitierhinweis: Felicitas Wehnert, Vorratshaltung – Revolution mit Weckglas und Kühlschrank, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020