Digitalisierung im Büro
Fortschritt oder Gefahr?

Von Miriam Schmidt

 Tischrechner
Tischrechner „Casio AS-A“. [Quelle: Landesmuseum Württemberg. Foto: Dirk Kittelberger]

„Furcht in Japan. Roboter ermorden ihre menschlichen Kollegen. Aus bislang ungeklärten Gründen setzten sie sich plötzlich in Bewegung und töten Arbeitnehmer“, berichtete die Südwestpresse im Mai 1987.

Im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts nahm die Compu­terisierung der Arbeitswelt ra­pide zu. Die Angst vor der neuen Technik war zu dieser Zeit ein verbreitetes Phänomen, wie sich in zahlreichen Zeitungsartikeln aus dem Archiv der Alltagskul­tur des Ludwig-Uhland-Instituts zeigt.

„Kollege Roboter“

‘Computerraum an der Universität Karlsruhe
Neuland: Erprobung "Computer-unterstützter Unterrichtslektionen" an der Universität Karlsruhe, 1986 [Quelle: Stadtarchiv Karlsruhe, Bildarchiv Schlesiger 1986]

In den 1970er und 1980er Jahren hält der Computer Einzug in den Alltag der Angestellten und Dienstleister. Die bis dato nur aus Film und Fernsehen bekann­ten raumgroßen Ungetüme mit unübersichtlich vielen Knöpfen und Schaltern wurden mit neu entwickelten, benutzerfreundlichen Bildschirmen und „Mäu­sen“ immer häufiger sowohl im Büro als auch im Privaten genutzt. Angestellte, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiten seitdem an sogenannten Bildschirmarbeits­plätzen. Die Computer sollten sowohl der Arbeitserleichterung als auch der Effizienz- und Qualitätssteige­rung von Arbeit dienen. Diese Rationalisierung der Arbeits­prozesse steigerte zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der bundesdeutschen Wirtschaft im internationalen Vergleich. Als Konsequenz des Rationalisierungsprozesses mussten sich die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer immer neuen Herausforderun­gen am Arbeitsplatz stellen. So stieß in der Arbeitspraxis der neue „Kollege Computer“ nicht sofort auf ungeteilte Begeiste­rung. Viele sahen sich einer unbekannten Macht gegenüber: „Die Einstel­lung gegenüber dem Rechner ist also sehr stark von der Be­fürchtung bestimmt, den An­forderungen des Umgangs mit dem Arbeitsplatzcomputer nicht gewachsen zu sein.“ Der Computer wurde oftmals mit Sorge, Skepsis und Angst betrachtet. Wovor genau fürchteten sich die Menschen?

Totale Überwachung

Allen voran wurden in den Behörden die Büros der Angestellten fit für die computerisierte Arbeitswelt gemacht. Von der Bundesregierung bis zur Stadtverwaltung erhoffte man sich, beispielsweise in der Verwaltungsarbeit, enorme Vorteile und Arbeitserleichterungen von der elektronischen Datenverarbeitung. Die für 1983 angesetzte Volkszählung innerhalb der Bundesrepublik sollte jedoch der Technikeuphorie der Behörden einen Dämpfer versetzen. Die Bürgerinnen und Bürger der BRD protestierten gegen die Volkszählung, da dabei persönliche Daten aller Einwohner elektronisch erfasst und abgespeichert werden. Die vollkommene Durchleuchtung aller Menschen in Deutschland durch den Staat wurde befürchtet. Zudem bestand Furcht vor der Generierung neuer Wissensbestände, die über die ursprüngliche Funktion der Datenerhebung hinausgehen. Das Gefährdungspotenzial des Computers für die Privatheit des Individuums wurde auf eine neue Stufe gehoben. Infolge des massenhaften Protests wurde das Datenschutzgesetz von 1983 erlassen, das erste dieser Art.

Angst vor der Einsamkeit

Doch nicht nur die Angst um die Preisgabe von privaten Daten wurde in der Öffentlichkeit thematisiert und diskutiert, auch die Sorge um die Vereinsamung am Arbeitsplatz rückte in den Fokus. Zum einen fürchteten Angestellte, dass die Arbeit am Bildschirm zum Verschwinden von Kommunikation und Zusammenarbeit untereinander führen würde. Zum anderen bestand die Sorge, dass durch Computerarbeitsplätze, die mehr und mehr in den eigenen vier Wänden eingerichtet wurden, der Kontakt zu den Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen komplett abbrechen würde. Auch Gewerkschaften zweifelten an dieser Art der Heimarbeit, da sie ihren Einfluss bei der Personalvertretung oder den Schutz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bedroht sahen.

Gesundheitliche Risiken

Auch um ihre Gesundheit bangten Angestellte, Arbeiterinnen und Arbeiter: Der Compu­ter als noch unbekanntes Arbeitsgerät könnte zu organischen Veränderungen führen oder auch für Schwangere ein Risiko darstellen. „Bildschirmarbeitsplätze sind nicht gefährlich“ überschrieb die Stuttgarter Zeitung im November 1995 einen kurzen Beitrag, der darüber aufklärte, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer keine gesundheitlichen Risiken eingingen, wenn sie am Bildschirm arbeiteten. An­hand wissenschaftlicher Studien wurde versichert, dass sie keine organischen Veränderungen, beispielweise am Auge, fürchten mussten. Auch schwangeren Frauen wurde zugesichert, dass sie keine negativen Folgen zu erwarten hätten.

Existenzängste

Die Angst, vom Computer als Arbeitskraft ersetzt zu werden, war in den 1980-Jahren am meisten verbreitet. Durch die Computerisierung wurden viele traditionsreiche Berufe obsolet, menschliche Arbeit wurde durch automati­sierte Arbeit ersetzt. Dieses Phänomen war keinesfalls neu. Seit Beginn der Industri­alisierung fielen aufgrund technischer Neuerungen immer wieder Arbeitsplätze weg, doch waren nun zum ersten Mal auch Berufe des tertiären Wirtschaftssek­tors betroffen: Berufe wie die der Drucksetzer oder der Stenografen wurden nicht mehr benötigt. Doch kamen auch neue Berufe auf, zum Beispiel im Bereich von Layout und Grafikdesign. Am häufigsten vom Verschwinden betroffen waren die Berufe im Datenverarbeitungsbereich beispielsweise von Banken. Der Reutlinger Generalanzeiger berichtete im März 1985 über eine Dis­kussion zwischen der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und Personal- und Betriebsräten der Stadt Reutlingen:

Die Diskussionsteilnehmer kamen übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß die Probleme der Rationalisierung und die Folgen der technologischen Veränderungsprozesse heute schon erhebliche Auswirkungen auf die beruflichen Tätigkeiten vieler Angestellter und ihren Positionen in den Betrieben und Verwaltungen haben. [...] Die Bemühungen zur Vermeidung negativer Rationalisierungsfolgen und zur stärkeren Humanisierung der Arbeit müßten deshalb einen ganz hohen Stellenwert im Katalog der gewerkschaftlichen Arbeit einnehmen.“

Der „Kollege Roboter“ als Jobkiller ist eine Sorge, die uns auch in der heutigen Zeit in der Debatte um die Industrie 4.0 häufig begegnet.

Computer nicht mehr fremd

Die aufgeführten Ängste haben im Verlauf der 1980er Jahre immer weiter nach­gelassen. Vor allem die Diskussion um den Datenschutz und die eigene Privat­heit war bald aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Diese Entwicklung lässt sich dadurch erklären, dass der Computer in den 1970er Jahren und zu Beginn der 1980er Jahre nur aus Science-Fiction-Filmen oder den Nachrichten bekannt war. Die wenigsten Menschen waren schon mit ihm in Kontakt ge­kommen oder konnten gar verstehen, wie er funktionierte. Dies führte unter anderem auch zu einer gespaltenen Arbeiterschaft, in Generalisten und Spezialisten. Die Komponenten des Überblicks, Durchblicks und Ein­blicks im Zusammenhang mit der Computerarbeit wurden auf verschiedene Akteure verteilt. Diese Unwissenheit und das Nicht-Kennen trug viel zu der anfänglichen Skepsis bei.

Mit der zunehmenden technischen Weiterentwicklung wurden die Computer immer handlicher, kleiner, günstiger und auch alltäglicher. So verbreiteten sich Computer bald auch in privaten Haushalten und wurden zu einem vertrauten Gegenstand. Auch durch den Umgang mit Computern beim Kundengespräch, beispielsweise in Banken oder Reisebüros, kamen die Menschen immer mehr mit der neuen Technik in Kontakt. So flaute die Skepsis ab und entwickelte sich zu Neugier. „Die ablehnende Haltung der Deutschen zum Computer gehört offenbar der Vergangenheit an. [... D]ie Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft [verlangt] den Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung“, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Januar 1987. Die Menschen hatten sich scheinbar an ihren „neuen Kollegen“ gewöhnt und arbeiteten mit ihm zusammen.

Beständiger Wandel

Die Angst vor dem Neuen und Unbekannten ist keineswegs ein Phänomen der letzten 40 Jahre. Seit dem Beginn der Industrialisierung werden technische Entwicklungen mit Argwohn, Skepsis und auch Existenzsorgen betrachtet. Angefangen bei den Weberaufständen und den Maschinenstürmen in der Frühindustrialisierung bis zur Angst, dass die eigene Wohnung von der digitalen Dienstleisterin „Alexa“ abgehört wird, zieht sich dieses Phänomen durch die gesamte Geschichte des industriellen und technischen Fortschrittes. Industrialisierung, Mechanisierung und Automatisierung werden überwiegend in Technik- und Industriemuseen be- und verhandelt. Die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust, dem eigenen Verschwinden aus der Arbeitswelt war und ist jedoch die größte Angst der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Schon 1933 warnte der Ökonom John Maynard Keynes vor der technischen Arbeitslosigkeit.

Dass Arbeit, Arbeitsgeräte und Arbeitsplätze verschwinden, weil sie nicht mehr gebraucht werden, ist ebenfalls eine Tatsache. So werden beispielsweise Tischrechner oder Schreibmaschinen, die in den 1970er Jahren aus keinem Büro wegzudenken waren, heute zu Museumsstücken. In den 1980er Jahren haben die Menschen jedoch auch die Grenzen der Automatisierung kennengelernt. Menschliche Flexibilität und Spontaneität lässt sich durch die Maschine, den Computer, nicht ersetzen. Andererseits entstanden durch die Computerisierung immer neue Tätigkeitsfelder und Berufe, die den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern durch Fort- und Weiterbildung zugänglich werden. Die Frage, wie die Zukunft der Arbeitswelt nach der Automatisierung aussieht, lässt sich jedoch nicht beantworten. Sicher ist, dass Arbeit einem stetigen Wandel unterliegt, dem Menschen meist zunächst mit Sorge und Skepsis begegnen. Durch Gewöhnung und Aneignungsprozesse lassen die Ängste jedoch nach und die Arbeiterinnen und Arbeiter können sich neuen Herausforderungen widmen.

Literatur

  • Berlinghof, Marcel, Computerisierung und Privatheit. Historische Perspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 15-16 (2013), S. 14–19.
  • Rinne, Ulf/Zimmermann, Klaus F., Die digitale Arbeitswelt von heute und morgen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 18-19 (2016), S. 3-9.
  • Senghaas-Knobloch, Eva, Lust und Unlust am technischen Fortschritt, in: Thomas Leithäuser/Elfriede Löchel; u.a. (Hg.), Lust und Unbehagen an der Technik, Frankfurt am Main 1991, S. 217–236.

 

Zitierhinweis: Miriam Schmidt, Digitalisierung im Büro. Fortschritt oder Gefahr, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020

 

Hinweis: Dieser Beitrag von Miriam Schmidt erschien unter dem Titel „Digitalisierung im Büro. Fortschritt oder Gefahr?“ in der Publikation: Karin Bürkert und Matthias Möller (Hg.): Arbeit ist Arbeit ist Arbeit ist … gesammelt, bewahrt und neu betrachtet. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde 2019, S. 242-248.