Wohnraum für Arbeiter: Die Arbeiterkolonie Gmindersdorf

Von Martina Schröder, Heimatmuseum Reutlingen

Arbeiterkolonie Gmindersdorf
Gmindersdorf. Arbeiter-Kolonie der Firma Ulrich Gminder in Reutlingen, 1905 [Quelle: Universitätsbibliothek Stuttgart. Das Foto stammt ursprünglich aus der Sammlung Theodor Fischer im Architekturmuseum München.]

Von 1903 bis 1922 ließ die Textilfirma Ulrich Gminder zwischen Reutlingen und Betzingen eine Wohnsiedlung für ihre Arbeiterinnen und Arbeiter bauen: die „Arbeiterkolonie Gmindersdorf“. Sie war Anfang des 20. Jahrhunderts die größte, von privater Hand finanzierte Werksiedlung in Württemberg. Mit ihrer Verbindung von industriellem Weitblick und künstlerischem Anspruch hatte sie weit über die Landesgrenzen hinaus eine Vorbildfunktion.

Arbeiterkolonie Gmindersdorf
Gmindersdorf. Arbeiter-Kolonie der Firma Ulrich Gminder in Reutlingen, Vogelperspektive, 1905 [Quelle: Universitätsbibliothek Stuttgart. Die Original-Zeichnung von Paul Bonatz (Entwuf Theodor Fischer) befindet sich im Heimatmuseum Reutlingen, Inv.Nr. L 2004/0001.01]

Der Wohnungsbau für Arbeiter war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem gesellschaftspolitischen Problem geworden, das mit dem Umbruch der industriellen Revolution zusammenhing. Denn die neue soziale Schicht der Industriearbeiter war bedingt durch die Erschließung von Industriegebieten regional mobil und wechselte des Öfteren die Arbeitsstelle. Die überwiegende Mehrheit besaß kein eigenes Haus mehr, sondern war auf Mietwohnungen angewiesen. Der einsetzende teils private, teils kommunale Arbeiterwohnungsbau löste das Problem der Wohnraumversorgung nur unzureichend. Vor allem in den Großstädten entstanden durch schnell und kostengünstig hochgezogene Mietskasernen überfüllte Proletarierviertel mit unzureichenden hygienischen Bedingungen. Für das Besitzbürgertum waren diese Gegenden mit ihren unkontrollierbaren „proletarischen“ Lebensverhältnissen der sichtbare Ausdruck für die von ihnen gefürchtete Gefährdung der stabilen gesellschaftlichen Ordnung. Vor diesem Hintergrund wurde der Arbeiterwohnungsbau zu einem sozialpolitisch relevanten Thema, mit dem sich die verschiedensten Interessensgruppen – Industrielle, Ingenieure, Architekten, Arbeiterorganisationen, kommunale Stadtplaner – auseinandersetzten.

Auch für die Reutlinger Firma Ulrich Gminder war, wie deren Spinnereidirektor Friedrich Wilhelm Kuhn 1908 formulierte, „die soziale Frage vornehmlich eine Wohnungsfrage“. Nachdem die Firma ihre Belegschaft lange aus den Einpendlern der umliegenden Dörfer rekrutiert hatte, musste sie im Zuge der Unternehmensexpansion verstärkt auf Zuwanderer als Arbeitskräfte zurückgreifen. Die Firmenleitung entschloß sich deshalb 1902, nach dem Vorbild der „Arbeiterkolonien“ in den Industrieregionen des Ruhrgebiets und Englands ebenfalls eine „Wohlfahrtseinrichtung“ zu gründen, um hinzuziehenden Arbeitern, so Kuhn, „ein behagliches Heim zu verschaffen“. Das Angebot einer neuen Heimat sollte der regionalen Entwurzelung der Fabrikarbeiter entgegensteuern und die unsichere gesellschaftspolitische Lage stabilisieren. Die Arbeitersiedlung war für die Firma Ulrich Gminder in erster Linie ein Wirtschaftsfaktor, für den sie zunächst hohe Investitionen tätigen musste: Grundstückskäufe, Kosten für Infrastruktureinrichtungen und Baumaterialien, Honorare für Behörden und Architekten. Diese Ausgaben für die Werksiedlung wurden mit Blick auf eine Stammbelegschaft gemacht. Als zusätzlichen Nebeneffekt versprach sich das Unternehmen eine disziplinierende Aufsicht über die Arbeiter, deren Mentalität noch von der ländlichen Lebensweise geprägt war und die noch nicht den industriellen Anforderungen wie Ordnung, Pünktlichkeit und Sauberkeit entsprach.

Protestschild der Arbeiterkolonie Gmindersdorf
"Hände weg von Gmindersdorf", Protestschild, 1976. Das Schild entstand während der Protestbewegung der Bürgerinitiative Gmindersdorf. Die Bürgerinitiative wollte die Stellung des ganzen Dorfes unter Denkmalschutz verhindern. [Quelle: Heimatmuseum Reutlingen]

Über das wirtschaftliche Interesse hinaus war der Firma Ulrich Gminder auch die ästhetische Wirkung ihrer Arbeitersiedlung ein Anliegen. Obwohl die Errichtung einer Werksiedlung eher als untergeordnete Bauaufgabe galt, verpflichtete sie einen Stararchitekten der damaligen Zeit, den Stuttgarter Professor für Städtebau Theodor Fischer. In einem Schreiben an das Stadtschultheißenamt vom 29. Mai 1904 wies die Unternehmensleitung ausdrücklich darauf hin, dass man „am Entwurf erste Kräfte beteiligt“ habe, „obgleich es sich nur um Arbeiterhäuser in einem Industrieviertel“ handle, das aller Voraussicht nach „nie einen anderen Charakter erhalten“ werde. Für diesen Industrievorort beantragte die Firma die Bezeichnung „Gmindersdorf“, die der Reutlinger Gemeinderat 1905 genehmigte.

Theodor Fischer entwickelte die Arbeitersiedlung Gmindersdorf als Gesamtkunstwerk, das sich von bisher gebauten ähnlichen Einrichtungen abhob. Die künstlerische Gestaltung der menschlichen Umwelt spielte als Planungsfaktor eine vorrangige Rolle. Mit insgesamt 18 verschiedenen Haustypen in einem ländlich-kleinstädtischen Architekturstil und großen Hausgärten gab Theodor Fischer der Siedlung den Charakter eines natürlich gewachsenen Dorfes, das eine hohe ästhetische Lebensqualität hatte. Die Doppel- und Mehrfamilienhäuser boten mit eigenem Eingang, nach Süden liegenden Wohnräumen, Abort, Gas- und Wasseranschluß einen für die damalige Zeit ungewöhnlich guten Wohnstandard. Verschiedene Infrastruktureinrichtungen wie Konsumladen, Bäckerei, Wirtschaft mit Metzgerei, Mosterei und Ziegenstall stellten eine kostengünstige wie zeitsparende Versorgung der Einwohner sicher. Darüber hinaus stiftete die Fabrikantenfamilie einen Kinderhort mit Turn- und Gemeinschaftssaal sowie einen Altenhof, der mit der außergewöhnlichen Architekturform eines Halbrundes die Siedlung abschloss. Diese Sozial- und Wohnfolgeeinrichtungen waren auch Ausdruck einer patriarchalisch verstandenen Fürsorgeverpflichtung der Firma Gminder für ihre Belegschaft.

Die architektonischen und sozialpolitischen Qualitäten von Gmindersdorf wurden bereits von den Zeitgenossen als vorbildhaft bezeichnet. Vor allem in Architekturkreisen galt die Reutlinger Siedlung als Markstein für weitere Entwicklungen. Der Architekturkritiker Karl Weißbach zählte sie in seiner 1910 veröffentlichten Architekturgeschichte der Arbeiterwohnhäuser zu den bedeutendsten Siedlungen in Deutschland, und auch der Vorsitzende der Deutschen Gartenstadtgesellschaft Hans Kampffmeyer sah in ihr 1909 eine nachahmenswerte Anlage. Darüber hinaus hatte Gmindersdorf vor allem durch die zahlreichen Architekturschüler Theodor Fischers, von denen Bruno Taut, Paul Bonatz, Heinz Wetzel und Oskar Pixis direkt an den Planungen beteiligt waren, weitreichende Auswirkungen für den modernen Siedlungsbau des 20. Jahrhunderts.

Literatur

  • Arbeiter-Siedlung Gmindersdorf. 100 Jahre Architektur- und Alltagsgeschichte. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung des Heimatmuseums Reutlingen vom 6. September - 9. November 2003, hrsg. v. Heimatmuseum Reutlingen, Reutlingen 2003.

 

Zitierhinweis: Martina Schröder, Die Arbeiterkolonie Gminderdorf, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: [...], Stand: 10.11.2020