Fastnacht in Aalen (1938)

Von Felix Teuchert

Fastnacht in Aalen 1938 [Quelle: Landesfilmsammlung Baden-Württemberg]

Aalen zählt aufgrund seiner protestantischen Prägung nicht zu den klassischen Fastnachtshochburgen im deutschen Südwesten. Denn in vielen protestantischen Territorien brach die Fastnachtstradition nach der Einführung der Reformation ab. Während des 19. Jahrhunderts breitete sich jedoch der rheinische Karneval aus und gelangte auch nach Aalen. Die rheinische Prägung ist auch in diesem Filmausschnitt von 1938 deutlich zu erkennen, jedenfalls fehlen die für den schwäbischen Raum charakteristischen Weißnarren mit ihren holzgeschnitzten, zum Teil diabolischen Masken und historischen Gewändern. Möglicherweise sind die protestantische Prägung und der Traditionsabbruch die Gründe dafür, dass sich die rheinischen Elemente in Aalen länger halten konnten als anderswo; denn seit der Jahrhundertwende, insbesondere seit den 1920er Jahren erlebte die schwäbische Fastnachtstradition eine Renaissance – auf Kosten des rheinischen Karnevals. Das NS-Regime unterstützte die schwäbische-alemannische Fastnacht, die fortan eine deutsche „Volksfastnacht“ sein sollte.

In diesen Filmaufnahmen von 1938 sind ein Clown, der die Menge animiert, sowie Herren und Damen zu sehen, die auf dem Balkon eines Hotels stehen und die Menge grüßen. Die roten Gewänder erinnern an Talare oder Richterroben. Durch diesen Rollentausch wurden städtische Autoritäten karikiert und entwertet. Inwieweit auch die Faschingsfeier 1938 dazu genutzt wurde, die nationalsozialistische Obrigkeit zu kritisieren und zu verspotten, ist dem Film nicht zu entnehmen. Trotz des subversiven Charakters der Fastnacht handelt es sich um seltene Ausnahmen, dass der Nationalsozialismus während der Fastnacht verspottet wurde. Einer dieser seltenen Fälle ereignete sich 1939 in Weingarten, als eine Holzmaske mit den Gesichtszügen Adolf Hitlers gesichtet wurde. Der Träger der Maske erhob die Hand zum Hitlergruß und soll sich defätistisch geäußert haben, ehe er oder sie in der Menge verschwand.

In Aalen wurde die Fastnachtstradition in den 1960er Jahren wiederentdeckt und reaktiviert. Die Kostüme, in denen sich die verschiedenen Gruppen der Aalener Fastnachtszunft heute präsentieren, weisen im Gegensatz zu den Fastnachtsfeiern in Rottweil oder Villingen, den beiden Hochburgen der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, nur wenige historistische oder historisierende Elemente auf. An den Umzügen beteiligen sich diverse Tanzgruppen und Clowns, deren Kostüme teilweise am rheinischen Karneval, teilweise aber auch am Varieté-Theater angelehnt auch einfach der Phantasie entsprungen sind. Die 1966 gegründete Aalener Fastnachtszunft mit dem Namen „Zum sauren Meckereck“ hat einen lokalpolitischen Hintergrund. Ursprünglich handelte es sich um eine lokalpolitische Kundgebung, bei der die Aalener Bürger ihren Unmut über die Stadtpolitik kundtaten. Da die erste dieser Kundgebungen an einem Faschingsdienstag stattfand und fortan dauerhaft stattfinden sollte, ging daraus eine Fastnachtszunft hervor, die die Fastnacht seitdem mit einer ritualisierten politischen Unmutsbekundung, dem „sauren Meckereck“ verbindet. Seitdem „ehrt“ die Fastnachtszunft Lokalpolitiker, die den Unmut des Volkes auf sich gezogen haben, mit dem „Roten Ochsen“.

Literatur

  • Mezger, Werner: Schwäbisch-Alemannische Fastnacht. Kulturerbe und lebendige Tradition, Darmstadt 2015.

     

Zitierhinweis: Felix Teuchert, Fastnacht in Aalen, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 09.11.2020