Kuschelig warm?

Von Inka Friesen

Kachelofen in altdeutscher Stube
Der Kachelofen war fester Bestandteil vieler Stuben und zentrale Wärmequelle. Altdeutsche Stube mit Kachelofen, Mobiliar und Spinnrad, 1908 [Quelle: Generallandesarchiv Karlsruhe 69 Baden, Sammlung 1995 F I Nr. 1532]

Das Bedürfnis nach Wärme in unseren vier Wänden ist grundlegend. Doch die Möglichkeiten, Räume zu beheizen, waren für viele Haushalte bis weit ins 19. Jahrhundert hinein begrenzt. Neben dem offenen Feuer kamen Kachel- und Eisenöfen zum Einsatz. Je nach Region, aber auch zwischen Stadt und Land gab es bei der Verbreitung große Unterschiede. So dominierte beispielsweise in den Bauernhäusern des Schwarzwaldes der Kachelofen als zentrale Wärmequelle. Das jedenfalls konnte der Volkskundler Elard Hugo Meyer 1900 als Ergebnis einer großangelegten Fragebogenerhebung zum badischen „Volksleben“ berichten:

Altdeutscher Ofen
Altdeutscher Ofen aus Gruibingen, 1935 [Quelle: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg]

In der meist niedrigen, oft noch getäfelten Stube des Schwarzwaldhauses [...] bilden der Ofen und der ihm schräg gegenüber im Eck stehende Eßtisch die beiden Sammelpunkte. Jener ist gewöhnlich ein mächtiger Kachelofen, der von behaglichen Ofenbänken umgeben und im Schwarzwald noch durch die ‚Kunst‘, einen von der Küche in die Stube hineinragenden wärmenden Anbau, erweitert ist.“

Was hier so romantisch anklingt, mag nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Winter in den Bauernhäusern bitterkalt war. Die Stube war der einzige beheizbare Raum. Lediglich in der Küche sorgte gegebenenfalls ein Kochherd für zusätzliche Wärme. In der kalten Jahreszeit war der Ofen in der Stube der Lieblingsplatz der Familie. Hier spielte sich das Leben ab. Der warme Umkreis des Ofens diente als Schlafgelegenheit, Krankenlager und Arbeitsplatz. Hier wurden während der Wintermonate, wenn die Feldarbeit ruhte, die verschiedensten Reparatur-, Hand- und Heimarbeiten erledigt. Daneben nutzte man die Ofenwärme zum Trocknen der Wäsche und für Backvorbereitungen.

So multifunktional wie im bäuerlichen Haushalt war der Ofen in bürgerlichen Wohnungen nicht. In den wohlhabenderen Bevölkerungsschichten stand neben der Wärmefunktion vor allem das dekorative Aussehen im Vordergrund. Zu einer repräsentativen Wohneinrichtung gehörte auch ein aufwendig gestalteter Zimmerofen. Neben Kachelöfen waren Eisenöfen mit kunstvollen, filigranen Verzierungen verbreitet. Ende des 19. Jahrhunderts kamen Öfen mit emaillierter oder gefliester Oberfläche in Mode, die im Jugendstil eine Hochzeit erlebten.

Zimmerofen
Union-Briketts im Zimmerofen, 1951 [Quelle: Badische Landesbibliothek Karlsruhe]

Bei der Weiterentwicklung der Heiztechnik im 20. Jahrhundert spielten der Wunsch nach mehr Komfort sowie die Einsicht, sparsam mit Brennstoffen umgehen zu müssen, eine entscheidende Rolle. Bedeutende Veränderungen brachten zum einen die Zentralheizung, die das mühsame Beheizen einzelner Räume ersetzte, zum anderen der Übergang von festen (Holz, Kohle, Koks) zu flüssigen Brennstoffen (Öl, Gas). In der Folge verschwand das Feuer aus dem Wohnbereich und mit ihm auch seine gemeinschaftsstiftende Funktion. Die Wärmeerzeugung fand nun, versteckt, im Keller statt. Ähnlich wie bei anderen Wohnannehmlichkeiten war die Zentralheizung zunächst ein Luxus, den sich Fabrikanten, Kaufleute oder hohe Beamte leisten konnten. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich das neue Heizsystem in der breiten Bevölkerung durchzusetzen und die Einzelheizungen und -öfen abzulösen.

Ein neues Energiezeitalter läuteten die 1960er Jahre ein: Öl entwickelte sich zur dominierenden Heizenergie. Kohle galt als staubig, schmutzig und veraltet. Als „saubere“ und zukunftweisende Alternative zur Kohle- und Ölheizung kamen in den 1950er und 1960er Jahren elektrische Heizungen auf den Markt. Nach der ersten Ölpreiskrise 1973 gewann Gas als Brennstoff an Bedeutung. Die Krise hat rückblickend dazu geführt, dass ist in unserer Gesellschaft das Bewusstsein über die Endlichkeit fossiler Ressourcen gestiegen ist. Themen wie Energiesparen und Nachhaltigkeit sind in eine breite Öffentlichkeit gelangt. Heute nutzt die Mehrheit der Haushalte Erdgas als Heizenergie. Ein Wandel zeichnet sich bei Neubauten ab: Die Nutzung von erneuerbaren Energien beim Heizen, die seit 2009 auch gesetzlich vorgeschrieben ist, liegt im Trend.

Literatur

  • de la Croix, Madeleine, Heizen mit erneuerbaren Energien wird im Wohnungsbau zum Normalfall, in: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 7/2011.
  • Gerber, Sophie: Küche, Kühlschrank, Kilowatt. Zur Geschichte des privaten Energiekonsums in Deutschland, 1945-1990, Bielefeld 2015.
  • Schivelbusch, Wolfgang, Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert, Wien 1983.

 

Zitierhinweis: Inka Friesen, Kuschelig warm?, in: Alltagskultur im Südwesten, URL: […], Stand: 08.08.2020