Freizeit - Rad- und Turnvereine in Württemberg

Mitteilung des Oberamts Biberach über ein geplantes Radrennen, 6.7.1923, (Quelle: Landesarchiv BW, StAS Wü 65/5 T 1-2 Nr. 242, Bild 477)

Kontext

In den 1920er Jahren eröffneten sich Erwerbstätigen neue Möglichkeiten der individuellen Freizeitgestaltung. Eine solche Entwicklung war durch die Einführung des Achtstundentags sowie der 40-Stundenwoche möglich geworden.

Das neu entstehende Freizeitverhalten begünstigte dabei eine neue Körperkultur, die sich aus einer Rückbesinnung auf die Gesundheit ergab. Zudem war die Arbeitswelt der 1920er Jahre von Rationalisierung, Automatisierung und erhöhter beruflicher Mobilität sowie von Krisenängsten geprägt. Nervenschwächen, Depressionen und Gereiztheit entwickelten sich zu ersten Volkskrankheiten.

Im Trend: Radfahren und Turnen

Die im Zuge der Modernisierung eintretende Weiterentwicklung von Technik und Infrastruktur schuf neue Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. So entstand in der Weimarer Republik aufgrund des Ausbaus des Verkehrsnetzes insbesondere für Autos und Motorräder ein neues Gefühl für Geschwindigkeit und Mobilität. Fahrräder konnten zudem ab 1918 als Massenware produziert werden.

Obgleich das Automobil dank großer Werke wie Daimler in Stuttgart auf dem Vormarsch war, entwickelte sich doch vor allem das Fahrrad nicht nur zum gebräuchlichen Fortbewegungsmittel, sondern zum sportlichen Freizeitspaß. In Württemberg existierten bereits 1920 zahlreiche Rennradvereine, die in Absprache mit den Kommunen Wettbewerbe organisierten. Hierzu zählten beispielsweise der 1846 gegründete Deutsche Rad- und Motorfahrerverband Concordia e.V. in Ulm, der Radfahrerverein Aufhofen-Langenschemmern, der Radfahrerverein Gau III Biberach, der Radfahrerverein Frischauf Steinhausen sowie der Radfahrerverein Eberhardzell. Die Vereinschronik des noch heute existierenden SV Eberhardzell weist ab 1923 zahlreiche Radtreffen auf. In jenes Jahr fiel die Bannerweihe des Radvereins, der am Ende des Jahres bereits 100 Mitglieder zählte.

Dabei mussten die Vereine bei der Absperrung bzw. Absicherung kilometerlanger Radrennen mit den jeweiligen Oberämtern in Kontakt treten. Die Oberämter erkundigten sich im Zuge einer solchen Anfrage bei den betroffenen Gemeinden, die von den Radfahrern durchquert wurden, ob Einwände bestanden. Die Stellungnahmen der Gemeinden waren dabei durchweg positiv gegenüber den Veranstaltungsplänen, wobei sie zudem wichtige Hinweise auf besondere Gefahrenpunkte wie scharfe Kurven, auf die Beschränkung der Geschwindigkeit auf 20 km/h bei Ortsdurchfahrten sowie für das Aufstellen von Posten an besonders gefährlichen Stellen gaben. Da die Rennen meist um fünf Uhr morgens begannen, rechneten die meisten Veranstalter ohnehin mit wenig Straßenverkehr. Auf diese Weise wurde der Sport in Württemberg öffentlich sichtbar.

Eine noch bedeutendere Rolle spielte in Württemberg seit dem späten 19. Jahrhundert das Turnen. Hier hatte vor allem der sozialdemokratisch ausgerichtete Arbeiterturnbund (ATB) mit der Gründung des Turnclubs Stuttgart 1889 Wurzeln geschlagen. Der ATB stand dabei in scharfer Konkurrenz zur bürgerlich orientierten Deutschen Turnerschaft (DT). Im Anschluss an die patriotische Turnbewegung Friedrich Ludwig Jahns (1778-1852) zeichnete sich die DT durch Patriotismus und Nationalismus sowie eine dezidierte Politisierung ihrer Mitglieder aus. Dem stellte der ATB das unpolitische Konzept der Freien Turnerschaft entgegen, innerhalb derer Sport der Stärkung der Arbeitskraft und nicht der Politik zu dienen hatte. Seit 1899 waren in zahlreichen württembergischen Städten wie Feuerbach, Heilbronn, Hofen und vielen anderen Orten Zweigstellen des ATB entstanden. Er verfügte über 100 Vereine mit reichsweit über 10.000 Bundesangehörigen.

Obgleich Vertreter der Sozialdemokratie versuchten, ein politisches Klassenbewusstsein in die Vereine hineinzutragen, führte doch gerade die ab 1914 beginnende Burgfriedenspolitik zu einer weiteren Entpolitisierung der Arbeiterturnerschaften. Erst die militärische Niederlage von 1918 begriffen zahlreiche Angehörige als möglichen Neustart für die politischen Ziele der Sozialdemokratie. Mit der Einführung des Achtstundentages erfüllte sich 1918 eine bereits um die Jahrhundertwende erhobene Forderung des ATB, die Arbeitern und Arbeiterinnen eine aktive Freizeitgestaltung ermöglichte.

Württemberg hatte bis 1919 den 17. Kreis des ATB gebildet. Ab 1919 drohten dem ATB jedoch aufgrund der zunehmenden Attraktivität des Fußballs die Mitglieder wegzulaufen. Der ATB benannte sich in Arbeiterturn- und Sportbund (ATSB) um und versuchte, über eine Ausweitung des Sportprogramms hinaus auch Fußball- und Leichtathletikbegeisterte für sich zu gewinnen. Auf diese Weise mussten sich Mitglieder nicht zwischen rivalisierenden Sportverbänden entscheiden. Hatten die württembergischen Vereine bei Kriegsausbruch ca. 15.000 Mitglieder in 200 Vereinen gezählt, erhöhte sich diese Zahl 1919 aufgrund der Ausweitung des Angebots über das Turnen hinaus auf 30.000 Mitglieder in 285 Vereinen. Württemberg wurde im Zuge der Umwandlung zum 8. Kreis des ATSB.

Einsichten in das Innenleben einer solchen Turnerschaft, die aufgrund des Mitgliederschwunds ab 1919 den Weg in den ATSB einschlug, gewährt der Turnverein Wannweil. Nachdem sich die politischen Wogen nach der Verfassunggebenden Landesversammlung im Januar 1919 in Württemberg weitestgehend geglättet hatten, eröffnete der Turnverein nach dreijähriger kriegsbedingter Pause erneut die Pforten für seine ca. 40 heimkehrenden Mitglieder. Entsprechend des Konzepts einer Freien Turnerschaft betonte der Vorstandsvorsitzende Wilhelm Schuster in einer Monatsversammlung vom 10. März 1920: „Unser schwäbischer Turn- und Spielverband vertritt keinerlei politische Bestrebungen und wendet seine Hauptaufgabe dem Turnen, Spielen und Wandern zu. Politik gehört nicht in die Turnvereine, deshalb können wir ausrufen: Wir Turner sind frei.“

Dennoch erlitt der Verein sukzessiven Mitgliederschwund. Dies lag zum einen an der Konkurrenzsportart Fußball, die unter Wannweiler Athleten immer beliebter wurde. Zum anderen mangelte es dem Turnverein an sportlichen Talenten. Die großen Erfolge auf Turnerfesten blieben seit Juli 1920 dauerhaft aus, die „Vorstellungen“ galten, bis auf wenige Ausnahmen, als „völlig misslungen“.

Vor allem das Jahr 1921 stellte aufgrund des Mitgliederschwunds ein echtes Krisenjahr für den Verein dar. Im August 1921 notierte der Protokollführer, dass der Verein „fast in Trümmern“ läge, da ein konkurrierender Fußballsportverein gegründet worden sei und daher zahlreiche Mitglieder nicht mehr zum Turnen erschienen.

Der Verein erhoffte sich daher einen Neustart und wählte einen neuen Vorstand. Im September 1921 versuchte sich der Verein zudem an einer politischen Kehrtwende, indem er dem ATSB bereits beigetretene Turnerschaften aus Reutlingen, Betzingen, Lustnau bei Tübingen, Sickenhausen, Degerschlacht und Ehningen einlud. Am 13. September 1921 traten die noch verbliebenen 38 Mitglieder im Zuge einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zu den Freien Turnerschaften des ATSB über. Der Übertritt wurde mit 37 zu einer Stimme angenommen. Der Verein existiert bis heute.

GND-Verknüpfung: Freizeit [4018382-8]