Revolution - Der Umbruch in den Aufzeichnungen des Karl Fraaß

Florian Brückner, Universität Stuttgart

Tagebuch von Karl Fraaß, 20. Oktober 1918 - 12. September 1920, letzter Eintrag und Porträt des Autors, (Quelle: Landesarchiv BW, StAL PL 7 Bü 1 Tagebuch I)
Tagebuch von Karl Fraaß, 20. Oktober 1918 - 12. September 1920, letzter Eintrag und Porträt des Autors, (Quelle: Landesarchiv BW, StAL PL 7 Bü 1 Tagebuch I)

Revolution in Württemberg

Der vier Jahre währende Weltkrieg hatte sich verheerend auf die Zivilbevölkerung ausgewirkt. Besonders eklatant war der an der ‚Heimatfront‘ während der Kriegsjahre ausgebrochene Hunger und sich daraus entwickelnde Hungertuberkulosen, die sich zu Epidemien ausweiten konnten. Trotz der durch den Krieg ausgelösten sozialen Härten blieb die Legitimation der Monarchie unter König Wilhelm II. von Württemberg 1918 lange Zeit unangefochten. Daher kam es zunächst weder von den Mehrheitssozialdemokraten noch von der USPD zu gewalttätigen, eine Revolution auslösenden Protesten im Ausmaß der Berliner Hauptstadt. Doch die Zustimmung zur Monarchie schwand zu Kriegsende entscheidend mit Bekanntwerden der Waffenstillstandsbedingungen der Ententemächte. Diese machten am 14. und 23. Oktober 1918 demokratische Reformen sowie die Abdankung Wilhelms II. zur Bedingung für Waffenstillstandsverhandlungen. Die MSPD versuchte von Beginn an, die Demokratisierung im Rahmen von Reformen umzusetzen. Am 6. November, als der Spartakusbund die Umsetzung kommunistischer Ordnungsvorstellungen forderte, setzte die MSPD diesen Plänen das Modell einer parlamentarischen Demokratie entgegen. Die Abdankung des Königs bildete hier eine unabdingbare Voraussetzung.

Am 9. November kam es in der Landeshauptstadt Stuttgart zur Konfrontation zwischen dem letzten königlich-württembergischen Staatspräsidium unter Theodor Liesching (1865-1922) und Angehörigen des Spartakusbundes. Dieses Staatspräsidium war erst am 7. November eingesetzt worden. Spartakisten hielten wichtige strategische Knotenpunkte der Landeshauptstadt besetzt und hissten dort die rote Fahne als Symbol der Revolution. Um der Ausrufung einer sozialistischen Republik zuvorzukommen, riefen SPD, USPD, Gewerkschaften sowie der Arbeiter- und Soldatenrat die Republik aus und bildeten eine provisorische Regierung. Sie unterstand der Führung Wilhelm Blos‘ (1849-1927, MSPD) und Arthur Crispiens (1875-1946, USPD). Unterstützung fand die Regierung beim Stuttgarter Arbeiter- und Soldatenrat sowie dem Militär. König Wilhelm II. dankte ab und verzichtete am 30. November 1918 auf den Thron. Die Wahlen zur Verfassunggebenden Landesversammlung am 12. Januar 1919 wurden nach den Unruhen im November 1918 von erneuten Putschversuchen der Spartakisten begleitet. Erneut kam es in Stuttgart zu Toten und Verletzten. Die Unruhen vermochten die Wahlen jedoch nicht zu verhindern. Mit MSPD, DDP und Zentrum gingen die gemäßigten Kräfte als Sieger aus ihnen hervor. Der Kampf um die politische Ordnung war damit entschieden. Spartakistische Unruhen beschränkten sich dabei keineswegs allein auf die Landeshauptstadt: Zu Streiks und Unruhen in Heilbronn kam es insbesondere nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (1867-1919, USPD) am 26. Februar 1919. Vor allem der rechtsgerichtete Kapp-Lüttwitz-Putsch am 13. März 1920 in Berlin führte infolge des Aufrufs der Reichsregierung zum Generalstreik auch in Württemberg zu erneuten Unruhen: Die Kreisregierung Ellwangen leitete Disziplinaruntersuchungen gegen die in die Ausschreitungen vom 16. März 1920 in Schwäbisch Gmünd verwickelten Gemeinderäte Karl Bihlmaier (USPD) und Robert Bauer ein. In der Kreisregierung Ulm war es im Oberamt Blaubeuren bereits im Januar 1920 wegen Lebensmittelteuerungen zu Demonstrationen der Arbeiterschaft gekommen. Auch in den Landratsämtern Biberach und Ehingen sowie den Oberämtern Besigheim, Neuenbürg, Reutlingen, Waldsee und Weinsberg sollte es zu revolutionären Unruhen kommen, an denen sich weite Teile der dortigen Arbeiterschaft und Angehörige der Gemeinderäte beteiligten.

Tagebücher von Karl Fraaß (1900-1962, USPD, KPD)

Das Staatsarchiv Ludwigsburg verwahrt den Nachlass von Karl Fraaß, der als Spartakist maßgeblich an der Revolution in Stuttgart beteiligt war. Fraaß betätigte sich nach einer Friseurlehre als Elektromonteur. Das Ende des Ersten Weltkriegs führte ihn in den Spartakusbund. Nach dem Ende der Novemberrevolution 1918 in Stuttgart trat er der KPD bei, in der er sich bis 1933 engagierte. Mit dem Beginn der NS-Diktatur 1933 wanderte er nach Basel aus und rief dort die Universum-Bücherei ins Leben. 1940 ging er aus dem Schweizer Exil nach Deutschland zurück. Zurückgekehrt betätigte er sich bis 1944 für die Organisation Todt (Baustab Speer). Ab 1945 rief er in Stuttgart den Behrendt-Verlag ins Leben.

Die Tagebücher setzen mit der Revolution im November 1918 ein. Fraaß vertrat zu Beginn der Unruhen eine moderate Position. Er war zunächst der Ansicht, dass eine Veränderung der politischen Lage nur durch einen Reformsozialismus erreichbar sei. Diese Einstellung einer gemäßigten politischen Umgestaltung wich insbesondere mit dem politischen Neuordnungsprozess Bayerns am 7. November 1918 einer stärkeren Radikalisierung. An diesem Tag stürzten Linksoppositionelle unter der Führung Kurt Eisners (1867-1919, USPD) den bayerischen König und riefen den Freistaat Bayern aus. Im Anschluss forderten sie für Bayern eine Räteherrschaft nach sowjetischem Vorbild. Fraaß erstrebte nun eine solche Umwandlung auch für Württemberg. Am 7. November brachen auch in Stuttgart sozialrevolutionäre Unruhen aus. Fraaß trachtete danach, diese Veränderungen mit Waffengewalt und im Verbund mit weiteren Aufständischen mit einem Marsch auf die Stuttgarter Rotebühlkaserne voranzutreiben. Die Aufständischen wurden hier jedoch vom Militär entwaffnet. Weitere Versuche, sich mithilfe von Vertretern des Stuttgarter Gewerkschaftshauses erneut zu bewaffnen, scheiterten.

Obgleich Fraaß am 29. November 1918 notierte, dass die Revolution gescheitert sei, folgte dieser Neubeurteilung der Lage bereits eine Woche später die Entscheidung: „Ich werde Spartakist.“ Als solcher verteilte er Flugblätter im Sinne der Rätebewegung und engagierte sich als Redner auf spartakistischen Versammlungen.

Es folgten weitere Demonstrationen auf dem Schlossplatz, die zum Ziel hatten, die von der provisorischen Regierung für Januar 1919 anberaumten Wahlen zur Verfassunggebenden Landesversammlung zu verhindern. Die Proteste führten zu Gefechten mit dem Militär, im Verlauf derer Fraaß und seine Genossen 120 Gewehre erbeuteten. Laut Fraaß kam es zu acht Toten und 40 Verwundeten. Das Militär behielt jedoch die Situation unter Kontrolle, weshalb Fraaß enttäuscht reagierte und am 15. Januar sogar mit letztlich nicht realisierten Auswanderungsgedanken nach Ungarn spielte.

Die Ermordung Karl Liebknechts (1871-1919), Rosa Luxemburgs (1871-1919) und Kurt Eisners schienen Fraaß‘ Revolutionswillen im Januar und Februar erneut zu entfachen. Da die Revolution in Württemberg stecken geblieben war, rief der sogenannte Aktionsausschuss des geeinigten Proletariats am 28. März zum Generalstreik auf, woraufhin die Landesregierung den Belagerungszustand verkündete. Fraaß machte sich in den folgenden Tagen erneut an die Verteilung von Flugblättern, die die Forderungen der Streikenden enthielten: 1. Aufhebung des Belagerungszustandes. 2. Freilassung der politischen Gefangenen. 3. Presse- und Versammlungsfreiheit sowie Neuwahl der Arbeiter- und Soldatenräte. Am 1. April berichtete Fraaß von einer Großdemonstration, die mit 16 Toten und 50 Verwundeten endete. Schließlich notierte er im selben Monat weitere blutige Ausschreitungen in Ostheim und Esslingen. In den folgenden Einträgen ist deutlich die Resignation Fraaß‘ spürbar, der sich mehr und mehr ins Private zurückzog und sich stärker dem Nachwuchs der kommunistischen Jugend widmete. Fraaß‘ Enttäuschung dürften zahlreiche Gesinnungsgenossen geteilt haben, da die Revolution in Württemberg durch das Militär unterdrückt und vom Großteil der Bevölkerung zudem nicht unterstützt wurde.

GND-Verknüpfung: Revolution [4049680-6]