Festumzug in Tübingen 

Datierung :
  • 1913
Objekttyp: Video
Inhalt:
  • Diese Filmaufnahmen aus dem Jahr 1913 zeigen einen Festumzug durch die Altstadt von Tübingen anlässlich des 30. Liederfestes des Schwäbischen Sängerbundes. Neben den in Anzug, Weste, Fliege und Zylinder gekleideten Herren nehmen Blaskapellen und Pferdegespanne an dem Umzug teil. Auf den von den Pferden gezogenen, mit Zweigen dekorierten Wagen sitzen mit Diademen bekrönte, in antikisierende Gewänder gekleidete Damen auf einem erhöhten Thron, der nur über mehrere Treppenstufen erreicht werden kann. Möglicherweise sollen die bekrönten Damen die Allegorie der Musica darstellen, die häufig antikisierend, also mit Diadem oder Lorbeerkranz, Tunika und leierspielend dargestellt wird. Der Festumzug des Sängerbundes muss eine große Ausstrahlungskraft entfaltet haben, so haben sich jedenfalls historische Postkarten erhalten, auf denen Szenen just dieses Umzugs von 1913 abgebildet sind. Auf den Umzug folgte ein Liederfest. Angesichts der Größe des Verbands dürfte es sich um ein beeindruckendes Hörereignis gehandelt haben. 2008 benannte sich der Schwäbische Sängerbund, der sich 1952 mit dem "Sängerbund Württemberg-Hohenzollern" zusammengeschlossen hatte, in "Schwäbischer Chorverband" um und repräsentiert heute 75.000 aktive Chorsängerinnen und -sänger. Im Jahr 2009 veranstaltete der Verband das 40. Liederfest, an dem 10.000 Menschen mitwirkten. Der 1849 gegründete Schwäbische Sängerbund ist Teil einer Gesangsvereinsbewegung, die im frühen 19. Jahrhundert aus der Romantik heraus entstanden war. Viele Gesangsvereine schlossen sich zu Verbänden wie dem "Schwäbischen Sängerbund" zusammen und hielten groß angelegt regionale Liederfeste ab, an denen hunderte oder sogar tausende Sänger teilnahmen. Die Vertreter der Romantik entdeckten und kultivierten das vermeintlich natürliche und authentische Volkslied als Kunstform. Daher sahen sich auch die Gesangsvereine des 19. Jahrhunderts, bei denen es sich in der Regel um Männerchöre handelte, in Abgrenzung zum klassischen Kirchenchor gerade dem weltlichen Volksliedgut verpflichtet. Zahlreiche heute bekannte Volkslieder wurden in jener Zeit wiederentdeckt, gesammelt, für vierstimmigen (Männer-)Chor gesetzt und publiziert. Aber auch berühmte Komponisten der Romantik wie Johannes Brahms oder Franz Schubert komponierten vier- und mehrstimmige Chorstücke. Auch wenn diese Kompositionen im Volksliedstil komponiert sind, handelt es sich doch hierbei um anspruchsvolle Stücke. Die Gesangsvereinsbewegung ist auch in sozialgeschichtlicher Hinsicht aufschlussreich: So entwickelten sich sowohl elitär-bürgerliche Vereine, die sich der Pflege der sogenannten gehobenen Musik verpflichtet fühlten, als auch solche, die am Ideal der Volksbildung orientiert waren und gerade das sogenannte "einfache Volk" ansprechen wollten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gründeten sich zudem "Arbeitergesangsvereine", die dem "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein", aus dem später die SPD hervorging, angeschlossen waren und die in der Regel sozialdemokratisches Liedgut pflegten, aber auch dem politischen Meinungsaustausch dienten. Die Gesangsvereinsbewegung hatte also auch - wie das gesamte im 19. Jahrhundert florierende Vereinswesen - einen dezidiert politischen Hintergrund. Felix Teuchert, LABW
Quelle/Sammlung: Landesfilmsammlung Baden-Württemberg: Bilder aus Tübingen T: 1
Identifikatoren/​Sonstige Nummern: 6679 [Archivnummer]
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