Von den Anfängen im 11. Jahrhundert bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts

Einleitung: Dieter Mertens (Lexikon des Hauses Württemberg, S. 1-8)

Die Stammburg der Württemberger auf dem Rotenberg
Die Stammburg der Württemberger auf dem Rotenberg, Kiesersches Forstlagerbuch, um 1685. Quelle Landesarchiv BW, HStAS H 107/15 Bd 7 Bl. 24

Das Haus Württemberg bildete sich im 11. und 12. Jahrhundert heraus. In dieser Zeit – der Salier- und frühen Stauferzeit – erfuhr die gesamte Gesellschaft tiefgreifende Veränderungen; den hohen Adel, vornehmlich den gräflichen und grafengleichen, erfaßte ein folgenreicher Strukturierungsvorgang. Aus den breitgefächerten Adelssippen formierten sich engere und festere, voneinander abgegrenzte Adelsfamilien. Diese strebten danach, ihre breitgestreuten, in jeder Generation neu geteilten und darum sich stets verschiebenden Besitzungen zu fixieren und ihre Herrschaft und deren symbolische Präsentation räumlich zu konzentrieren. Markant für diesen Vorgang, der in Schwaben durch die kriegerischen Auseinandersetzungen im Gefolge des Investiturstreits beschleunigt wurde, sind drei Phänomene: erstens die Errichtung von festen Burgen, meist Höhenburgen, die sich hoch über Land und Leute erhoben und anstelle repräsentativer Gutshöfe als adelige Wohn- und Herrschaftssitze fungierten; zweitens die Gründung oder zumindest maßgebliche Förderung von Klöstern, die als Familiengrablegen und geistliche Fixpunkte dienten; und drittens die Ausrichtung der Familienstrukturen an der Primogenitur, wodurch die ungeteilte Vererbung der auf Burg und Kloster konzentrierten Herrschaft ermöglicht wurde. In dieser Zeit wurden die Burgennamen als Zubenennungen der adeligen Familien übernommen, die Zubenennungen wurden verstetigt und an die folgenden Generationen weitergegeben. So konnte die Identität eines vertikal strukturierten, soweit möglich an der Generationenfolge der ältesten Söhne orientierten Adelshauses geschaffen und zum Ausdruck gebracht werden.

Inschriftenstein über die Weihe der ehemaligen Kapelle der Burg Württemberg auf dem Rotenberg am 7. Februar 1083 durch Bischof Adalbert von Worms. Anstelle der Burg wurde im 19. Jh. die Grabkapelle errichtet. Quelle LMZ BW
Inschriftenstein über die Weihe der ehemaligen Kapelle der Burg Württemberg auf dem Rotenberg am 7. Februar 1083 durch Bischof Adalbert von Worms. Anstelle der Burg wurde im 19. Jh. die Grabkapelle errichtet. Quelle LMZ BW

Oft bietet eine solche topographische Zubenennung den frühesten Hinweis auf die Existenz einer Adelsburg. Dies ist in Schwaben im 11. Jahrhundert mehrfach der Fall, z.B. (Hohen-)Zollern 1061, Calw 1075, Achalm 1075, (Hohen-)Staufen 1079. Für die Burg Württemberg gibt es sogar ein datiertes archäologisches Zeugnis, das zudem älter ist als die erste urkundliche Nennung des Burgnamens. Es handelt sich um einen Inschriftenstein, der festhält, daß am 7. Februar 1083 die Kapelle von Bischof Adalbert von Worms geweiht worden sei. Der Stein stammt aus der Burg Württemberg, deren Namen er natürlich nicht nennt; doch Fundort und Inschrift zusammen bezeugen für 1083 die Vollendung der Burg Württemberg als eines voll funktionsfähigen Adelssitzes. Als Zubenennung eines Conradus de Wirtinisberk wird der Burgname um 1100 mehrfach genannt, wohl erstmals zum 2. Mai 1092 als Zeuge einer zu Ulm vollzogenen Rechtshandlung zugunsten des Klosters Allerheiligen in Schaffhausen.

Die frühe Errichtung der Burg weist den Erbauer als Hochadligen aus. Auch die Hirsauer Mönche erkannten ihm einen hohen Rang zu, wenn sie ihn einen in Schwaben mächtigen Mann nannten und 1105 seinen Bruder Bruno deshalb zum Abt wählten, weil sie Konrad zutrauten, zusammen mit seinen Verwandten ihrem Kloster in schwieriger Lage den Schutz zu gewähren, den eigentlich der Vogt, Graf Gottfried von Calw, hätte leisten müssen. Konrad von Württemberg trägt zwar keinen Grafentitel und übt kein Grafenamt aus, doch er muß als grafengleich angesehen werden. Bei wichtigen politischen und rechtlichen Geschäften tritt er als hochrangiger Zeuge auf. Als seine Geschwister begegnen Bruno und Liutgard, die Mutter eines jüngeren Konrad von Württemberg; Bruno und Liutgard werden aber selber weder nach Beutelsbach noch nach Württemberg zubenannt.

Über die Verwandtenkreise, denen Konrad entstammt, geben sein und seiner Geschwister Besitz und Namen einige Hinweise. Sie erlauben die Annahme, daß Konrad von Beutelsbach bzw. von Württemberg und seine Geschwister zu den Verwandten der salischen Könige zählen, daß sie, ebenso wie die salischen Könige, den Nachfahren Konrads des Roten († 955) und der Liutgard († 953), einer Tochter Kaiser Ottos I., zuzurechnen sind. Namen und Besitz, wie sie für das Ende des 11. und den Beginn des 12. Jahrhunderts belegt sind, lassen solche ursprüngliche Zugehörigkeit, aber auch eine zunehmende Verselbständigung erkennen. Die Stellung, die Konrad von Württemberg um 1100 in Schwaben einnahm, erscheint zu bedeutend, um in ihm lediglich einen, wenn auch edelfreien, Vasallen der Salierverwandten zu sehen anstatt einen der Salierverwandten selbst.

Stammtafel von den Ursprüngen des Hauses Württemberg bis zu Graf Hartmann I. von Grüningen.
Stammtafel von den Ursprüngen des Hauses Württemberg bis zu Graf Hartmann I. von Grüningen, Quelle: Lexikon des Hauses Württemberg , S. 1f. Zur Vergrößerung bitte klicken.

Bevor Konrad, der Erbauer der Burg, nach Württemberg zubenannt wurde, hieß er vor 1083 nach Beutelsbach. Beutelsbach liegt inmitten jenes ausgedehnten salischen Güterkomplexes im Remstal, der sich vom alten Pfalzort Waiblingen über Beinstein bis Winterbach erstreckte und von Heinrich IV. 1080 und 1086 an die Domkirche von Speyer geschenkt wurde, sich aber schon wenig später – um 1100 – größtenteils in der Hand des von Heinrich IV. 1079 eingesetzten staufischen Herzogs von Schwaben befand. Beutelsbach, zwischen Beinstein und Winterbach gelegen, pfarrlich zu Waiblingen und darum ursprünglich zum Gesamtkomplex gehörig, geriet durch jene Schenkungen in eine gefährliche Lage. Denn in den Auseinandersetzungen zwischen den schwäbischen Anhängern und Gegnern Heinrichs IV. hielt Konrad zu den Gegnern. Er, seine Frau Werndrut und sein Bruder Bruno tätigten zu Anfang der 1080er Jahre bedeutende Schenkungen an das Kloster Hirsau, eines der Zentren der Gegner Heinrichs. Gleichzeitig gab Bruno, der Kanoniker der Speyerer Domkirche und daher Mitglied des bedeutendsten Zentrums des salischen Königtums war, seine aussichtsreiche Stellung auf und wurde Mönch in Hirsau. Und Konrad nahm 1092 in Ulm an der Versammlung des schwäbischen Adels teil, die Berthold („von Zähringen“, so ab 1100) zum ‘Gegenherzog’ gegen den Staufer Herzog Friedrich erhob.

Rekonstruktion des Klosters Hirsau vor der Zerstörung 1692, Zeichnung um 1850, Quelle WLB Stuttgart
Rekonstruktion des Klosters Hirsau vor der Zerstörung 1692, Zeichnung um 1850, Quelle WLB Stuttgart

Mehrere der Güter, die Konrad und Bruno an Hirsau schenkten, befanden sich an Orten, die zu den Besitzungen der Vorfahren und Verwandten der salischen Könige zählten. Diese Besitzungen lassen sich auf den sogenannten Weißenburger Klosterraub Ottos „von Worms“ († 1004) von 991 zurückführen, der unter Ottos Sohn Konrad lehnsrechtlich legitimiert wurde. Eine andere Schenkung läßt sich auf das Erbe der Mathilde, einer Tochter Herzog Hermanns II. von Schwaben († 1003) und Gattin jenes Konrad († 1011) in ihrer ersten Ehe, zurückführen, so daß sich auch vornehmste schwäbische Abkunft andeutet und so die Mitteilung, Konrad von Württemberg entstamme dem Geschlecht (stirps) der Schwaben, einen präzisen Sinn erhielte.

Außer Besitztiteln verweisen erst recht die Namen auf Salierverwandtschaft. Die spezifische Kombination „Konrad/Bruno“ – „Konrad“ der Laie, „Bruno“ der Geistliche – führt wie auch der Frauenname „Liutgard“ zu eben demselben Verwandtenkreis, zu den Nachkommen Konrads des Roten und seiner Frau Liutgard. Diese Nachkommen werden in den Quellen weder hinreichend vollzählig noch präzise genug genannt, um die Filiationen entsprechend darstellen und dem Konrad von Württemberg und seinen Geschwistern eine eindeutige genealogische Position zuweisen zu können. Doch das Segment, in dem sie zu verorten sind, läßt sich annäherungsweise bestimmen.

Von Otto „von Worms“, dem Sohn Konrads des Roten und der Liutgard, sind wiederum Söhne bekannt: die Laien Heinrich und Konrad und die Kleriker Bruno und Wilhelm. Drei dieser Namen nehmen auf die Verwandtschaft mit den Ottonen Bezug. Bruno und Wilhelm trugen liudolfingische Klerikernamen, Heinrich einen Königsnamen. Die Nachkommen Heinrichs († 990/991) – Kaiser Konrad II. und drei Generationen Heinriche – bildeten die salische Königsdynastie aus mit dem Leitnamen Heinrich. Konrad, 1004 Herzog von Kärnten in der Nachfolge seines Vaters Otto „von Worms“ und Erbe Bruchsals, durch die Ehe mit der schwäbischen Herzogstochter Mathilde in Schwaben verankert, gab die Namen Konrad und Bruno an seine Söhne weiter: an Konrad den Jüngeren, der Bruchsal erbte und schließlich ebenfalls das Herzogtum Kärnten erlangte (Herzog Konrad II. 1035; † 1039), und an Bruno, 1034–1045 Bischof von Würzburg.

Eine Schwester der eben genannten zwei Brüder kommt in den Quellen nicht vor, doch wurde eine solche genealogisch erschlossen. Bei der Rekonstruktion verwandtschaftlicher Zusammenhänge operiert die Genealogie so weit wie möglich mit den namentlich in den verschiedensten Quellen benannten Personen, um dann umso dringlicher fehlende Glieder zu postulieren. Wenn man nach diesem Prinzip mehrere, in unterschiedlichen Zusammenhängen überlieferte Nachrichten auf den Kärntner Herzog Konrad III. (1056; †1061) bezieht, der den rheinischen Pfalzgrafen Heinrich († 1060) zum Bruder hatte, also wie sein Bruder einen „salischen“ Namen trug und in der Tat als ein Verwandter (cognatus) Kaiser Heinrichs IV. bezeichnet wird, dann erscheint es plausibel, seinem Vater Hezelin († nach 1033) eine Ehefrau zuzusprechen, die aus der Ehe Herzog Konrads I. († 1011) mit Mathilde von Schwaben hervorging und Salierverwandtschaft wie auch schwäbische Herkunft zugleich weitergab.

Besitz, Namen und Funktionen des Konrad von Württemberg und seines Bruders Bruno und ebenfalls der Name ihrer Schwester Liutgard weisen zurück auf die Verwandtschaft der Salier und korrespondieren dort mit Namen, Besitz und Funktionen der vielleicht zwei Generationen älteren Salierverwandten, Konrads des Jüngeren, seines Bruders Bruno, des Bischofs von Würzburg; und eventuell einer Schwester. In den ein oder zwei Generationen, die zwischen diesen Geschwistern des früheren 11. Jahrhunderts und Konrad von Württemberg und seinen Geschwistern aus dem späten 11. und beginnenden 12. Jahrhundert anzusetzen sind, muß die genealogische Verbindung zwischen den beiden Personengruppen zu suchen sein.

Die jüngere Personengruppe ist in den Quellen vergleichsweise gut zu fassen, besser jedenfalls als ihre Nachfahren der nächsten Generationen. So erhalten wir wenigstens über eine besonders wichtige Phase jenes langgestreckten Prozesses Aufschluß, in dem sich das „Haus“ Württemberg herausbildete. Diese Personengruppe löste sich im Zuge der politischen Konflikte, in denen sich der Investiturstreit in Schwaben auswirkte, aus jenen Positionen, die sie mit den salischen Königen verband. Sie ersetzte die salische Orientierung durch eine hirsauische: Bruno wechselte von Speyer nach Hirsau, als das Kloster auf Seiten des Gegenkönigs Rudolf von Rheinfelden und somit in schärfstem Gegensatz zu Heinrich IV. stand; Konrad, seine Frau Werndrut und Liutgard betätigten sich als Wohltäter Hirsaus; Konrad erbaute die Burg Württemberg und zog sich aus dem Remstal zurück. Schon 1056 hatte Heinrich III. seinen nichtköniglichen Verwandten Bruchsal und den zugehörigen Forst Lußhart entzogen, um all dies an Speyer zu geben.

Den Höhepunkt des gemeinsamen Handelns der Verwandten bildet die Erhebung Brunos zum Abt von Hirsau 1105. Denn mit dieser Wahl wollte das Kloster zugleich die Unterstützung des in Schwaben mächtigen Konrad gewinnen gegen den Klostervogt Gottfried von Calw und den Speyerer Bischof Gebhard, bisherigen Abt von Hirsau, die Exponenten der Politik Heinrichs V. Letztendlich aber war der Vogt nicht zu verdrängen, und Abt Bruno mußte sich mit ihm arrangieren. Konrad und Liutgard wandten sich nun wohl intensiver dem Kloster St. Blasien zu. Dies gilt insbesondere für den jüngeren Konrad von Württemberg, den Sohn der Liutgard und eines unbekannten Vaters. Er war offenbar der Erbe von Name und Burg seines Oheims, dessen Ehe mit Werndrut ohne männlichen Nachkommen geblieben zu sein scheint.

Mit dem jüngeren Konrad von Württemberg endet eine erste Periode im Prozeß der Ausbildung des Hauses Württemberg. Diese erste Periode ist überschattet von der erfolgreichen Formierung der salischen Königsdynastie seit 1024 und bildet gleichsam deren Kehrseite. Während nämlich die Nachkommen Heinrichs († 990/991) 1024 die Königskrone erwerben und in dreimaliger agnatischer Folge weitergeben konnten – das Königshaus also in das hellste Licht trat –, sind von den Nachfahren Konrads († 1011) und der Mathilde von Schwaben gerade noch zwei Angehörige der nächstfolgenden Generation sicher zu bestimmen: der 1024 unterlegene Königskandidat Konrad der Jüngere und sein geistlicher Bruder Bruno. Der Enkelgeneration dürfte jener Konrad (Cuno) angehören, der Bruchsal 1056 an die königliche Linie übereignen mußte; seine genealogische Position ist jedoch nicht einwandfrei zu erkennen. Auch die Kärntner Herzogswürde, welche die Nachfahren Konrads († 1011) nie kontinuierlich, sondern nur im Wechsel mit konkurrierenden Adelsgeschlechtern und der Königslinie der Salier innehatten, konnte nicht gehalten werden. Auf diese Weise verschwinden die Nachfahren Konrads und Mathildes allmählich aus dem Horizont der Quellen zur Reichsgeschichte. Doch seit dem Ende des 11. Jahrhunderts treten sie in dem reichen Schriftgut der schwäbischen Reformklöster Hirsau, Allerheiligen (Schaffhausen), Zwiefalten, St. Blasien und Blaubeuren wieder ans Licht – mit ihren traditionellen Personennamen, aber bei dem Versuch, eine neue Familienidentität auszubilden.

Eine zweite Periode der Formierung des Hauses Württemberg fällt in die Zeit der staufischen Könige. In dieser Periode tauchen neue Personennamen auf. Anstelle des Namens „Konrad“ wird „Ludwig“ der weltliche Leitname, der zuletzt hinter „Hartmann“ an die zweite Stelle tritt. Ludwig-Belege gibt es von 1139 bis 1226. Vermutlich sind sie nicht nur auf zwei, sondern auf drei Personen dieses Namens zu beziehen, die zugleich drei Generationen repräsentieren. Zwei Ludwige sind klar zu unterscheiden: ein erster Träger dieses Namens wird zwischen 1139 und 1154 zusammen mit einem Bruder Emicho genannt („Ludwig I.“) ein anderer Ludwig zwischen 1194 und 1226 als Bruder des ersten Trägers des Namens Hartmann („Ludwig III.“). Dazwischenliegende Belege sind wohl auf „Ludwig II.“ zu beziehen. Von 1226 an wird ein differenzierteres und vielfältigeres Namengut sichtbar.

Diese zweite, stauferzeitliche Periode ist durch ein zwiespältiges Verhältnis zu den staufischen Königen und Herzögen charakterisiert. Einerseits wurden die Württemberger mehrere Jahrzehnte lang als Grafen in das staufische Herrschaftssystem eingebunden und haben sich, endgültig seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert, als ein Grafengeschlecht etabliert. Andererseits wurden sie durch die staufische Organisation des Reichs- und des Hausgutes im mittleren Neckarraum gehindert, selber dort zu expandieren, so daß sie ihre Aktivitäten nach Ost- und Oberschwaben und auf das Allgäu richteten. Hierbei wurden besonders wichtig die Verbindungen mit den Grafen von Kirchberg (Oberkirchberg an der Iller) – von ihnen stammt der Name „Hartmann“ – und den Grafen von Veringen, den Grafen von Dillingen, den Markgrafen von Ronsberg sowie deren Erben, den Grafen von Ulten. Im Zuge dieser Orientierung kam es auf veringischem Erbe südlich der Alb in Grüningen zur Ausbildung eines eigenen Sitzes, der zum Mittelpunkt einer sich allmählich verselbständigenden Linie wurde. Denn als die spätstaufische Herrschaft in Schwaben, die den alten Adel nicht mehr integrieren konnte oder wollte und ihm den Aufbau einer Gebietsherrschaft verwehrte, seit 1246 in die offene Krise geriet, konnte die württembergische Herrschaftsbildung die entscheidenden Fortschritte auf dem Weg zur Territoriumsbildung im Neckarraum machen.

Eine über mehrere Generationen genutzte Grablege, die die Württemberger als Geschlecht repräsentiert und im Totengedächtnis gegenwärtig gehalten hätte, scheint es anfangs wegen der Orientierung auf die verschiedenen Reformklöster, vor allem Hirsau und St. Blasien, nicht gegeben zu haben. Später hat das Stift am aufgegebenen Sitz Beutelsbach die Funktion des geistlichen Mittelpunktes und der Grablege bis zur Verlegung nach Stuttgart übernommen, doch ist unklar, von welchem Zeitpunkt an dies geschehen ist.

Der Grafentitel hat für die Formierung des Hauses Württemberg eine weniger bedeutende Rolle gespielt, als man vermuten möchte. Der Titel tauchte erst in der zweiten, stauferzeitlichen Periode auf, als das Namengut, das die hochrangige Abkunft und Salierverwandtschaft kennzeichnete, anderen Namen wich. Zunächst (1139–1158) bezeichnete der Grafentitel ein Amt im Herzogtum Schwaben. Als sich um 1180 die Reichsfürsten als Stand zusammenschlossen und die übrigen Adelsränge sich ebenfalls ständisch verfestigten, zählten die Württemberger nicht zu den weltlichen Reichsfürsten – dies waren vor allem die Herzöge –, doch sie gehörten zu den Kronvasallen. Denn der Grafentitel, der 1181 in einer Urkunde Kaiser Friedrichs I. für Ludwig begegnet, war wiederum ein Amtstitel, der nun aber vom König herrührte und ein Vasallenverhältnis zum Herzog nicht erkennen läßt. Begünstigt durch die Verbindungen mit den ost- und oberschwäbischen Grafengeschlechtern wurde der Titel für die nächsten Generationen der Württemberger – seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert – zur bleibenden Standesbezeichnung. Das Aufgehen der schwäbischen Herzogsgewalt im Königtum seit 1196 ließ aber einem Selbstverständnis der Württemberger als Kronvasallen Raum.

Quellen

  • Codex Hirsaugiensis, hrsg. von Eugen Schneider (Württembergische Geschichtsquellen 1), Stuttgart 1887. 
  • Württembergisches Urkundenbuch Bde. 1, 2, 3, 6, Stuttgart 1849–1894. 
  • Die Zwiefalter Chroniken Ortliebs und Bertholds, neu hrsg., übersetzt und erläutert von Luitpold Wallach, Erich König und Karl-Otto Müller (Schwäbische Chroniken der Stauferzeit 2), Sigmaringen 1978.

Literatur

  • Hansmartin Decker-Hauff, Die Anfänge des Hauses Württemberg, in: 900 Jahre Haus Württemberg, hrsg. von Robert Uhland, Stuttgart 1984, S. 25–81. 
  • Ders., in: Gerhard Raff, Hie gut Wirtemberg allewege. Stuttgart 1988, S. XLV–LXIII. 
  • Dieter Mertens, Beutelsbach und Wirtemberg im Codex Hirsaugiensis und in verwandten Quellen, in: Person und Gemeinschaft im Mittelalter. FS für Karl Schmid, hrsg. von Gerd Althoff u.a., Sigmaringen 1988, S. 455–475. 
  • Ders., Zur frühen Geschichte der Herren von Württemberg. Traditionsbildung – Forschungsgeschichte – neue Ansätze, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 49 (1990), S. 11–95. 
  • Ders., Vom Rhein zur Rems. Aspekte salisch-schwäbischer Geschichte, in: Die Salier und das Reich Bd. 1, hrsg. von Stefan Weinfurter unter Mitarbeit von Helmuth Kluger, Sigmaringen 1991, S. 221–252. 
  • Ders., Württemberg, in: Handbuch der Baden-Württembergischen Geschichte Bd. 2, Stuttgart 1995, S. 6–21. 
  • Eugen Schneider, Regesten der Grafen von Württemberg von 1080 bis 1250, in: Württembergische Vierteljahrshefte N.F. 1 (1892), S. 65–79.
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1.  Konrad (I.) - Dieter Mertens

2.  Werndrut - Dieter Mertens

3.  Bruno - Dieter Mertens

4.  Liutgart - Dieter Mertens

5.  Konrad (II.) - Dieter Mertens

6.  Hadelwig - Dieter Mertens

7.  Ludwig (I.) - Dieter Mertens

8.  Emicho - Dieter Mertens

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