Weill, Friedrich 

Geburtsdatum/-ort: 30.03.1858;  Lahr
Sterbedatum/-ort: 03.06.1934;  Karlsruhe
Beruf/Funktion:
  • Rechtsanwalt, Freisinniger Politiker
Kurzbiografie: 1866-1870 Progymnasium Lahr
1870-1875 Gymnasium in Karlsruhe mit Abitur
1875-1879 Studium der Rechtswissenschaft in Heidelberg (-1877), Berlin (1877/78) und Straßburg (1878/79)
1880 Promotion zum Dr. jur. in Heidelberg
1883 Rechtsanwalt in Mannheim, ab 1884 in Karlsruhe
um 1890 Mitbegründer der Freisinnig-Demokratischen Partei Badens; nach 1910 bis 1918 Vorsitzender der Landespartei und Mitglied der Parteileitung im Reich (1910 in der Fortschrittlichen Volkspartei aufgegangen); (25 Jahre oder mehr) Mitglied des Karlsruher Bürgerausschusses, Stadtverordneter
1899-1919 Stadtrat in Karlsruhe; 20 Jahre Mitglied des Vorstands der Badischen Anwaltskammer
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Verheiratet: 1886 (Düsseldorf) Ida, geb. Herzfeld (gest. 1927)
Eltern: Vater: Dr. Max Weill (1832-1895), Praktischer Arzt, Medizinalrat
Mutter: Elise, geb. Maier (Meyer) (1838-1905)
Geschwister: Johanna Maria (geb. 1862)
Kinder: 4
GND-ID: GND/1012561984

Biografie: Paul Feuchte (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 310-312

In den Standardwerken über den deutschen und den süddeutschen Liberalismus wird man unter den führenden Gestalten den Namen Friedrich Weill nicht finden. Dieser mag als ein Beispiel dafür stehen, wie die politischen Parteien, gerade auch die kleineren, getragen sind von einer rührigen Schar unbeirrter Anhänger, die, ohne nach oben zu drängen, aus innerer Überzeugung in beharrlicher Arbeit zu ihnen halten. In den letzten Jahrzehnten, als Weill, auf dem Boden der Anschauungen des Vaters stehend, die Freisinnig-Demokratische Partei in Baden mitbegründete, waren die Liberalen heimgesucht von vielfältigen Zerwürfnissen und Spaltungen; es gab aber auch rettende Fusionen, Koalitionen und Wahlkartelle. Der Liberalismus umfaßte in Baden, ähnlich wie im Reich, nicht weniger als 4 oder gar 5 Parteirichtungen. Neben den stärkeren Nationalliberalen waren die Linksliberalen so schwach, daß sie, solange auf sich selbst gestellt, nicht einmal eine parlamentarische Vertretung hätten erzielen können. Schon in dieser frühen Phase seines politischen Wirkens war Weill einer ihrer eifrigsten Vertreter, er wurde Vorsitzender der Freisinnigen Volkspartei in Baden und Mitglied der Parteileitung im Reich. Er gehörte – und hier finden wir seinen Namen in den Dokumenten – (Jürgen Thiel) zu den Befürwortern des 1905 aus taktischen Gründen geschaffenen liberalen Blocks in Baden mit gemeinsamen Kandidaturen zur Landtagswahl, der sich im gleichen Jahr durch Einbeziehung der Sozialdemokraten zum Großblock erweiterte, womit eine klerikal-konservative Mehrheit verhindert wurde. Dieses Wahlbündnis leitete einen neuen Abschnitt in der Landespolitik ein; erstmals wurde ein Sozialdemokrat in einem deutschen Land Mitglied eines Landtagspräsidiums (1905). Mit Hilfe des Großblocks wurde die Volksschule reformiert und – neben der konfessionellen – eine simultane Lehrerbildung durchgesetzt. Diese Blockbildung war eine badische Besonderheit, ohne Nachahmung im Reich, wo fast zur gleichen Zeit im „Bülow-Block“ Konservative und Liberale gemeinsam gegen Zentrum und Sozialdemokratie standen. Die landespolitischen Fragen in Baden verwischten die im Reich vorherrschenden Differenzen zwischen Sozialdemokraten und Liberalen, die in Norddeutschland einen gemeinsamen Block ablehnten.
In der badischen Geschichte ist Weill auch durch seine Mitwirkung an der Verfassung von 1919 ein Platz gesichert. Neben Dr. Eduard Dietz, SPD, Dr. Karl Glockner, Nationalliberale, und Johann Anton Zehnter, Zentrum, gehörte er, von der Fortschrittlichen Volkspartei benannt, zum Kreis der Juristen, die im Auftrag der Regierung eine neue Verfassung ausarbeiten sollten. Da es ihnen nicht gelang, in allen wesentlichen Punkten einig zu werden, legten sie zwei Entwürfe vor, den Entwurf Glockner/Weill/Zehnter und den Entwurf Dietz. Der Anteil des Einzelnen am Dreierentwurf ist schwer auszumachen; ein jeder behielt sich volle Freiheit der Entschließung vor. Die Regierung stützte sich in ihrem am 15. Januar 1919 der Nationalversammlung vorgelegten Entwurf stark auf den Entwurf Dr. Dietz, der auch den weiteren Erörterungen zugrunde gelegt wurde. Im Gegensatz zu dieser Vorlage, die auch eine Reihe von Programmpunkten des Erfurter Programms der SPD aufnahm, hatten Glockner, Weill und Zehnter neben dem Einkammersystem als Alternative auch ein Zweikammersystem mit Beibehaltung einer Ständekammer in Betracht gezogen. Darüber ging die politische Entwicklung hinweg.
Waren auch seine Möglichkeiten, auf der Basis einer kleinen Partei zu wirken, begrenzt, so schöpfte Weill sie doch in vollem Maße aus. Seine unermüdliche Tätigkeit, seine vielseitigen Interessen und sein Einsatz für das Heimatland und für die badische Landeshauptstadt, der er sich als Sohn und Enkel von Karlsruher Bürgern aufs engste verbunden fühlte, werden in zeitgenössischen Berichten, von denen wir wenige besitzen, hervorgehoben. Hier übte er, nach anwaltlicher Tätigkeit in Mannheim, nicht nur den in bewußter Entscheidung wegen seiner Unabhängigkeit gewählten Beruf des Anwalts weiter aus; auch im Vorstand der Badischen Anwaltskammer war er aktiv. Einen Schwerpunkt der Arbeit setzte er in der Kommunalpolitik. Über ein Vierteljahrhundert war er Mitglied des Karlsruher Bürgerausschusses, als Stadtverordneter und Stadtrat, zugleich in zahlreichen kommunalen Kommissionen und Beiräten für kulturelle und soziale Einrichtungen.
Über die Persönlichkeit Weills erfahren wir Liebenswertes aus den bis 1875 reichenden Erinnerungen, die er 66jährig, für die Zeit der Kindheit und Jugend, 1924 in der Wochenschrift „Die Pyramide“ zum Karlsruher Tagblatt veröffentlicht hat. Aus den Blättern spricht menschliche Wärme. Es lohnt, sie zu lesen, geben sie doch, verwoben in die Erlebnisse und Stimmungen des Verfassers, ein anschauliches Bild von den Sitten und vom öffentlichen Leben in badischen Städten der Gründerjahre. Vom häuslichen Leben, das die gutsituierte, aber genügsam wirtschaftende Arztfamilie führte, bis zu der die politische Diskussion damals beherrschenden Einigung Deutschlands reicht der Bogen. Die idyllische Ausfahrt im Pferdebespannten „Chaischen“ wird in liebevoll erfaßten Details ebenso berührt wie Geschichte und Poesie, das ihn fesselnde Theater oder Städtebauliches aus der Hauptstadt, wo das Beamtentum dominierte, dem Kaufleute und Gewerbetreibende den Respekt nicht versagten.
Die freiheitlichen Errungenschaften, mit denen Baden den anderen Ländern und dem Reich vorauseilte – das allgemeine und gleiche Landtagswahlrecht, die kommunale Selbstverwaltung und die Zivilehe – werden gewürdigt, aber auch öffentliche Mißstände nicht verschwiegen. „Erhebende Tage“ brachte der Ausbruch des 70er Krieges, aber auch schwere Sorge um die durch Bourbaki's Streitmacht bedrohte Heimat klingt an; als „großartig“ wird der Einzug der ruhmgekrönten badischen Truppen nach dem Friedensschluß empfunden, was ganz der allgemeinen Stimmung entsprochen haben dürfte.
Die liberale Wirtschaftslehre des laissez faire nahm Weill nicht kritiklos hin, eine Beschränkung des Staates auf eine Nachtwächterrolle angesichts der wirtschaftlichen, sozialen und sittlichen Fragestellungen erschien ihm unwürdig, was ihn den liberalen Parteigängern befreundete, die dem manchesterlichen Credo schon immer skeptisch gegenüberstanden.
Den Kulturkampf, den Weill von Bismarck ohne Not entfesselt sah, kennzeichnete er als Unrecht. Daß die neue Reichsverfassung das Verhältnis von Staat und Kirche und Grundrechte trotz der Bemühungen der Fortschrittspartei nicht ansprach, während die nachfolgende „Gelegenheitsgesetzgebung“ – wie Kanzelparagraph, Jesuitengesetz, Ausnahmegesetze –, die im katholischen Volksteil Erbitterung auslöste, und nichts als konfessionelle Zerissenheit zurückließ, dies alles mißbilligte er scharf. Für die Politik des Zentrums war er um ein maßvolles, gerechtes Urteil bemüht, in der Erkenntnis, daß geistige Bewegungen nicht mit Ausnahmerecht und Polizeizwang überwunden werden können. So zeichnet sich in den mehr als ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen geschriebenen Erinnerungen Weills, der in BB (5 und 6) und in der „Pyramide“ auch eine Reihe von Kurzbiographien geschrieben hat, darunter die der Schriftstellerin Elisabeth von Heyking, das Bild einer vielseitig gebildeten, toleranten, freiheitlich und vorausschauend denkenden Persönlichkeit ab.
Quellen: GLAK: 243/1201 (Personalakten); Auskünfte von: StadtA Karlsruhe; UA Heidelberg u. Friedrich-Naumann-Stiftung Gummersbach.
Werke: Bericht d. Verfassungs-Kommission d. Bad. verfassunggebenden Nationalversammlung zu dem Entwurf e. Gesetzes, betr. die bad. Verfassung samt einschlägigen Petitionen. Erstattet von dem Abgeordneten Dr. Zehnter. Beil. z. Protokoll d. 11. öffentl. Sitzung v. 19. März 1919, in: Verhandlungen d. Bad. Landtags I. Landtagsperiode I. Sitzungsperiode Beilagenheft, Heft 524; Ebd. 25. öffentl. Sitzung v. 16. Mai 1919, 81-85 Stellungnahme zu den feindlichen Friedensbedingungen; Entwürfe. Verfassungsurkunfe f. d. freien Volksstaat Baden ... ausgearbeitet v. Dr. Karl Glockner, Präsident d. Verwaltungsgerichtshofs, Dr. Friedrich Weill, Stadtrat in Karlsruhe, Dr. Johann Zehnter, Präsident d. Oberlandgerichts (Karlsruhe); Aus den Erinnerungen eines alten Karlsruhers, Karlsruhe 1929; zuvor in Fortsetzungen, in: Die Pyramide, Wochenschrift z. Karlsruher Tagblatt, 13. Jg. (1924) Nr. 42-48. (217-268); Kurzbiographien in: Die Pyramide, Jg. 1918, 1920, 1921, u. BB 5 (1906) u. 6 (1935).
Nachweis: Bildnachweise: Karlsruher Tagblatt (Lit.).

Literatur: Theodor Wacker, Regierung u. Parteien in Baden im Sommer 1907, Karlsruhe 1907; Oscar Stillich, Die polit. Parteien in Dt. II. Der Liberalismus. Eine wiss. Darlegung seiner Grundsätze u. seiner gesch. Entwicklung. Leipzig 1911, bes. ab S. 300 (hier auch Grundsätze der „Freisinnigen“ S. 315); Oskar Klein-Hattingen, Gesch. d. dt. Liberalismus, 2. Band: Von 1871 bis z. Gegenwart, Berlin-Schöneberg 1912, bes. ab S. 601; Josef Schofer, Großblockbilanz. Zeitgemäße Erinnerungen, Freiburg 1913; Die Bad. Verfassung vom 21. März 1919, mit e. Vorgeschichte u. Anmerkungen versehen von Dr. J. A. Zehnter, Mannheim 1919. Altstadtrat Dr. F. Weill, 70 Jahre, in: Karlsruher Tagblatt 1928/29; Alfred Rapp, Die Parteibewegung in Baden 1905/1920, Karlsruhe 1929; Ludwig Bergsträsser. Gesch. d. polit. Parteien in Dt., 11. Aufl., völlig überarbeitet und hg. von Professor Dr. Wilhelm Mommsen, München/Wien 1965, bes. 140-150; Walter Tormin, Gesch. d. dt. Parteien seit 1848, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1966, bes. 111-116; Konstanze Wegner, geb. Overhoff, Theodor Barth u. d. Freisinnige Vereinigung, Tübinger Diss., Tübingen 1968, bes. 90ff.; Jürgen Thiel, Die Großblockpolitik d. Nationalliberalen Partei Badens 1905-1914. E. Beitrag z. Zusammenarbeit von Liberalismus u. Sozialdemokratie in d. Spätphase d. Wilhelminischen Deutschlands, 1976; Paul Rothmund, Kampf um die Macht – Die Blockpolitik in Baden, in: Die F.D.P/DVP in Baden-Württemberg und ihre Geschichte, hg. von Paul Rothmund und Erhard R. Wiehn, 1979, S. 116-130 (118); Hans Fenske. Der liberale Südwesten, Stuttgart u. a. 1981, 169-175 (Großblockpolitik); Hans Georg Zier, Polit. Gesch. Badens 1918-1933, in: Badische Geschichte, 1983.
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