Erfurth, Mathilde Josephine Wilhelmine 

Geburtsdatum/-ort: 13.03.1847; Passau
Sterbedatum/-ort: 21.07.1929;  Esslingen
Beruf/Funktion:
  • Theaterdirektorin
Kurzbiografie: 1872 Beginn mit der Theaterkarriere
1874 gründet gemeinsam mit ihrem Ehemann die Theaterdirektion Erfurth
1890 nach dem Tod ihres Mannes eigenständige Direktion ab 1891 mit einem in Passau ausgegebenen Gewerbeschein
1890-1902 Theaterreisen und Engagements mit ihrem Ensemble in Zell am See, Landau in der Pfalz, Tegernsee, Neutitschau, Przemysl, Hermannstadt, Schweinfurt, Crimmitschau, Aussig an der Elbe, Karlsbad/Böhmen, Offenburg
1901-1925 Theaterdirektorin am Theater in Esslingen, mit Ausnahme der Weltkriegsjahre; gleichzeitig weitere auswärtige Engagements, z. B. in Lahr, Pirmasens, Lindau, Mergentheim, Geislingen
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: Karl Imanuel Erfurth
Eltern: Vater: Franz Ritzegg (geb. 1812), Schauspieler, u. a. Hofschauspieler in München
Mutter: Barbara, geb. Strohhofer (geb. 1806), Hofdame am königlichen Hof in München
Geschwister: unbekannt
Kinder: Gabriele (geb. 1871)
GND-ID: GND/1012563847

Biografie: Gudrun Silberzahn-Jandt (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 65-67

Das ständige Reisen zeichnete das berufliche Leben der Schauspielerin, und Theaterdirektorin Mathilde Erfurth aus. Dies macht die Recherche über sie enorm schwierig. Es bleiben Lücken, manches, wie z. B. ihre Autogrammkarten, ging verloren. Im Theatermilieu aufgewachsen begann Erfurth im Alter von 25 Jahren ihre Theaterlaufbahn. Gemeinsam mit ihrem Mann Karl Imanuel Erfurth spielte sie auf vielen deutschsprachigen Bühnen und gründete die Direktion Erfurth. Sie leiteten ein Ensemble und standen weiterhin selbst auf der Bühne. Als Karl Imanuel Erfurth erkrankte, wurde es eine Zeit lang ruhig um Mathilde Erfurth. Es wird gar berichtet, sie habe ein Engagement am Burgtheater in Wien ausgeschlagen, um ihren Mann pflegen zu können. Nach seinem Tod führte sie die Schauspieltruppe und setzte damit das gemeinsame Lebenswerk fort. In Offenburg gelang es ihr, drei Jahre in Folge den Zuschlag für das Theater zu erhalten. Mit ihren guten Referenzen bewarb sie sich zugleich erfolgreich in Esslingen. In der Saison 1900/01 und das darauffolgende Jahr spielte sie zunächst am Stadttheater in Offenburg und anschließend in Esslingen. Die Jahre zuvor hatte das Stuttgarter Hoftheater regelmäßig in Esslingen gastiert. Der neuen Truppe gelang es schnell, das Publikum für sich zu gewinnen. Die Direktion Erfurth war ein Familienunternehmen, Tochter und Schwiegersohn zählten zu den Stützen des Ensembles. Jeder war neben dem Schauspielen noch für andere Bereiche zuständig, wie Regie, Anwerben neuer Schauspieler, Auswahl der Stücke, Verhandlung mit den Städten, Werbung und Verwaltung. Für das Ensemble war es überaus wichtig, mit der Stadt Esslingen gute Konditionen auszuhandeln. Der Ausgabenseite wie Saalmiete, Heizung und Beleuchtung, Autorenhonorare, Schauspielgagen standen die schwer kalkulierbaren Spieleinnahmen gegenüber. Ohne eine regelmäßige städtische Subvention, die Mathilde Erfurth aushandelte, wäre die Bilanz stets negativ ausgefallen. Stets versuchte die Direktion mittels Benefizabenden für einzelne Künstler, deren Gage aufzubessern. Zudem gelang es der Direktorin im Anschluss an die Spielzeit in Esslingen weitere Spielorte zu finden und für regelmäßigere Einnahmen zu sorgen.
Während des Ersten Weltkriegs hat die Stadtverwaltung „gegen den ausdrücklichen Wunsch der Direktion“ das Spielen verboten. Was wo und unter welchen Umständen Erfurth während der Kriegsjahre machte, ist nicht bekannt.
Nach Ende des Ersten Weltkriegs nahm Erfurth ihre Arbeit in Esslingen wieder auf. Sie führte das Zweispartentheater mit Oper, Operette, Klassikern und Lustspielen fort. Hinzu kamen eigens für Kinder Märchenvorstellungen. Eine Auszählung der Stücke für die Spielzeit 1918/19 ergab die stattliche Anzahl von 14 Operetten mit 77 Aufführungen, 18 Schauspielstücken mit 50 Vorstellungen, vier Kinderprogrammen mit insgesamt sieben Auftritten und zudem vier Gastspiele. Manchmal, so lautete die Kritik an ihrem Spiel, war es des Guten zu viel. Das Theater war aufgrund der häufigen Aufführungen nur selten gefüllt. Obwohl Erfurth behauptete, sie spiele vor allem der Kunst und nicht des Geldes wegen Theater, hat die stets enge finanzielle Situation ihr Handeln bestimmt. Bis ins hohe Alter von 78 Jahren war sie auf der Bühne. Sie hatte nie in die Rentenversicherungskasse der Künstler eingezahlt und das Leben als reisende Schauspielerin war kostenaufwändig. Erfurth logierte selbst in Esslingen über Jahre hinweg in Gasthäusern. Erst Anfang der 20er Jahre bezog sie eine Wohnung und beendete damit auch ihre Reisetätigkeit als Schauspielerin. Spätestens in ihrer letzten Spielsaison 1924/25 hat sie die Geschäfte ihrem Schwiegersohn Friedrich Schuhmann übergeben.
Trotz guter Zeitungskritiken für Inszenierungen und Auswahl der Stücke äußerte inzwischen mancher Gemeinderat offen Kritik an ihrer Geschäftsführung und der mangelhaften Verwaltung. Ihr 25-jähriges Direktionsjubiläum am Theater in Esslingen bedeutete für sie gleichzeitig den beruflichen Abschied. Ein neuer Vertrag mit ihrem Ensemble kam nicht zu Stande. Vielleicht hatte sie zu viel Shakespeare gespielt und zu wenig die deutschen Klassiker auf die Bühne gebracht. Denn nun wurde unverhohlen an der Kunst und der Leitung Kritik geübt. Das Theater blieb zunächst geschlossen und wurde nach Renovierung von der Volksbühne e. V. bespielt. Vier Jahre darauf starb sie in Esslingen und war bereits nahezu vergessen. „Es war ein kleiner Zug“, der ihr bei ihrer Bestattung die letzte Ehre erwies.
Quellen: StadtA Esslingen Gemeinderatsprotokolle und Sammlung G 448, sowie Fragmente aus den StadtA Offenburg und Schweinfurt. Zeitgenössische Artikel aus D'r alt Offeburger, der Eßlinger Zeitung, Schwäbischen Rundschau und Eßlinger Volkszeitung; Theateralmanach.

Literatur: Gudrun Silberzahn-Jandt, M. Erfurth Theaterdirektorin, in: Frauenbeauftragte Stadt Esslingen, Frauen Leben Geschichte. Ein Weg durch Esslingen, 1996, 86-92; Gudrun Silberzahn-Jandt, Die Stadttheaterdirektorin M. Erfurth – Biographische Notizen, in: Esslinger Studien 36 (1997), 271-283, Theatermagazin der Württ. Landesbühne Esslingen, November 2000, 12.
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