Graf von Brühl, Franz Maria Leopold August Petrus Hubertus 

Geburtsdatum/-ort: 18.11.1852; Pförten (Kreis Sorau, Reg.bez. Frankfurt/Oder, Preußen; heute: Brody, Woiwodschaft Lubuskie, Polen)
Sterbedatum/-ort: 10.01.1928;  Freiburg im Breisgau
Beruf/Funktion:
  • Regierungspräsident des preußischen Regierungsbezirks der Hohenzollernschen Lande in Sigmaringen
Kurzbiografie: 1868–1872 Kgl. (Görres-) Gymnasium Düsseldorf mit Abitur
1872–1875 Studium der Rechtswiss. in Bonn, Straßburg, Leipzig und Berlin
1875 Erstes juristisches Staatsexamen
1875–1876 Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger im 1. Garde-Dragoner-Regiment; in der Folge zahlreiche Wehrübungen und Aufstieg bis zum Rittmeister
1876–1882 Gerichtsreferendar u. a. bei der Kreisgerichts-Kommission in Sommerfeld, beim Kreisgericht Lübben, Kammergericht Berlin und Landgericht I Berlin
1882 Zweites juristisches Staatsexamen (Wiederholungsprüfung)
1882–1883 Gerichtassessor beim Amtsgericht Forst
1883–1885 Oberamtmann im Oberamt Gammertingen (bis 1884 kommissarisch)
1885–1889 Landrat Kreis Daun (Rheinland-Pfalz) (bis 1886 kommissarisch)
1889–1896 Landrat und Polizeidirektor Kreis Koblenz
1896–1899 Verwaltungsgerichtsdirektor und stellvertretender Regierungspräsident preußische Regierung in Sigmaringen
1896–1919 Vorsitzender der Zentralstelle des Vereins zur Beförderung der Landwirtschaft und der Gewerbe in Hohenzollern
1899–1919 Regierungspräsident preußische Regierung in Sigmaringen
1913 Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat mit Rang der Räte 1. Kl.
1919 Eintritt in den Ruhestand und Umzug nach Freiburg i. Br.
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Auszeichnungen: Auszeichnungen: Preußischer Roter Adler-Orden 4. (1893), 3. (1902), 2. Kl. (1905); Kronenorden 2. Kl. (1905); Stern zum Kronenorden 2. Kl. (1918); Fürstlich Hohenzollernscher Hausorden Ehrenkommenturkreuz (1905); Ehrenkreuz 1. Kl. (1910); Eisernes
Kreuz 2. Kl. (1917)
Verheiratet: 1897 Aloysia, geb. Gräfin von Quadt zu Wykradt und Isny (* 17.6.1869, † 5.11.1952)
Eltern: Vater: Friedrich Stephan Graf von Brühl (1819–1893), Fideikommißherr auf Forst und Pförten
Mutter: Paula, geb. Gräfin von Spee (1826–1889)
Geschwister: 12: darunter Friedrich-Franz (1848–1911), Fideikommißherr; Johannes Mauritius (1849–1911), preuß. Generalleutnant; Ferdinand (1851–1911), preuß. Generalmajor; Leopold (1856–1920), Priester in Breslau; Alfred (1862–1922), Maler und Kunstakademiedirektor
Kinder: 6: Friedrich (1898–1918, gefallen); Joseph (1900-1929); Anna (1902–1988); Elisabeth (1905–1993); Maria (1908–1931); Heinrich (1912–1942, gefallen).
GND-ID: GND/1019684844

Biografie: Edwin Ernst Weber (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 2, 32-34

Der spätere Sigmaringer Regierungspräsident entstammt dem auf den bekannten kursächsischen Premierminister Heinrich Graf von Brühl (1700 – 1763) zurückgehenden katholischen Zweig des thüringisch-sächsischen Adelsgeschlechts der Brühl, dessen Lausitzer Besitzungen mit Forst und Pförten 1815 an Preußen fallen. Während von seinen Brüdern der älteste die Standesherrschaft Forst und Pförten übernimmt, zwei andere Karriere im preußischen Militärdienst machen, ein weiterer Maler und Kunstakademiedirektor und ein letzter Priester in Breslau wird, tritt Franz Graf von Brühl nach rechtswissenschaftlichem Studium und Referendariat in den preußischen Justiz- und alsbald in den Verwaltungsdienst ein. Stationen seiner Verwaltungslaufbahn sind seit 1883 die Leitung des Oberamts im hohenzollerischen Gammertingen, des Landratsamtes im Kreis Daun in der Eifel und schließlich die Funktion als Landrat und Polizeidirektor im rheinischen Koblenz, ehe er 1896 als Verwaltungsgerichtsdirektor und Stellvertreter des Regierungspräsidenten nach Hohenzollern zurückkehrt. Als er drei Jahre darauf die Leitung der preußischen Regierung in Sigmaringen übernimmt, hat er dies neben seiner verwaltungsintern wie in der Presse anerkannten administrativen Tüchtigkeit auch der Unterstützung durch Fürst Leopold von Hohenzollern zu verdanken, der sich beim Innenminister in Berlin im Herbst 1899 gleich mehrfach und mit Nachdruck für Brühl als neuen Regierungspräsidenten verwendet.
Im Unterschied zur Mehrzahl der an die Sigmaringer Regierung und die hohenzollerischen Oberämter versetzten preußischen Spitzenbeamten war für Brühl die Tätigkeit im kleinsten und südlichsten Regierungsbezirk der preußischen Monarchie keine kurzfristige Übergangsstation, sondern offenkundig die mit hoher Verantwortung ausgefüllte Lebensaufgabe. Ausschlaggebend für sein auf den ersten Blick überraschendes langjähriges Verbleiben in Hohenzollern bis zur Pensionierung 1919 ist zum einen seine familiäre Verbindung mit dem süddeutschen Hochadel, die er 1897 durch seine Heirat mit Aloysia Gräfin von Quadt zu Wykradt und Isny eingegangen war, und zum anderen die mit seiner Sigmaringer Tätigkeit bereits seit 1896 verbundene Funktion als Vorsitzender der Zentralstelle des Vereins zur Beförderung der Landwirtschaft und der Gewerbe in Hohenzollern, die ihm, zum Nutzen zumal der Bauernschaft wie auch der Infrastruktur im „Ländchen“, unübersehbar zur Passion und Berufung wird. Ohne Unterlass habe man ihn durch das Land wandern und seine freien Sonntage in landwirtschaftlichen Versammlungen zubringen sehen; die Bauern hätten ihm nachgesagt, dass er jede „Miste“ in Hohenzollern kenne. Selbst die monarchie- und adelskritischen „Hohenzollerischen Blätter“ rühmen 1928 in einem Nachruf zu Brühls Tod dieses durchaus ungewöhnliche Engagement für die heimische Landwirtschaft.
In den zwei Jahrzehnten seines Wirkens in Sigmaringen hat sich der pflichteifrige, fleißige und persönlich uneitle und prunklose Brühl hohe Verdienste um den Ausbau der Infrastruktur im ländlichen Hohenzollern erworben. Nicht zuletzt dank seiner Vermittlung von Berliner Staatszuschüssen gelingt bis zum Ersten Weltkrieg der Aufbau eines zusammenhängenden Schienennetzes für die Hohenzollerische Landesbahn, werden die Anfänge der Elektrifizierung des Ländchens gelegt, erhalten zahlreiche Kommunen neue Schulhäuser, Schwesternstationen und zentrale Wasserversorgungen. Beträchtliche Fördermittel fließen auf Brühls Veranlassung in die Hebung und Förderung von Ackerbau und Viehzucht und in die Kleintierpflege, in die gewerbliche Ausbildung und schließlich auch in die Hagel-, Feuer- und Viehversicherung, die in Hohenzollern dank der preußischen Subventionen günstigere Prämien als in der württembergischen und badischen Nachbarschaft anbieten kann. Gleichzeitig verweist Brühls Engagement aber auch auf die umfassende Abhängigkeit Hohenzollerns und seiner Infrastruktur von den preußischen Staatsdotationen.
In markantem Kontrast zu seinen beiden „postrevolutionären“ Nachfolgern Dr. Emil Belzer und Alfons Scherer, die in den 1920er Jahren scharfe Auseinandersetzungen mit den hohenzollerischen Fürsten um von diesen beanspruchte Adelstitulaturen und die Autorität der Republik führen, steht Regierungspräsident Franz Graf von Brühl noch für ein harmonisches Verhältnis zwischen dem preußischen Staat und dem fürstlich hohenzollerischen Standesherrn. Durch Glückwunschschreiben, persönliche Korrespondenz, die Teilnahme an Empfängen, Feiern, Hochzeiten und Bestattungen sind Graf Brühl und seine Frau fest in das höfische Leben und Zeremoniell in Sigmaringen eingebunden und nehmen in der vom Fürstenhaus bestimmten gesellschaftlichen Hierarchie einen Spitzenplatz ein, der sich beispielsweise 1910 bei der „Frühstückstafel“ zu Ehren von Kaiser Wilhelm II. in der Platzierung von Gräfin Aloysia in nächster Nachbarschaft zu den Mitgliedern des Fürstenhauses ausdrückt.
Die Würdigung der „Hohenzollerischen Blätter“ im Nachruf zu Brühls Tod 1928, sein Herz habe „ganz Thron und Altar“ gehört, verweist zum einen auf die ausgeprägte persönliche Frömmigkeit des bekennenden Katholiken und seiner Familie, zum anderen aber auch auf seine unverbrüchliche Loyalität zur preußischen Monarchie. Dem politischen Katholizismus und zumal dessen in Hohenzollern vor allem von Dr. Emil Belzer verkörperter demokratischer Öffnung steht er reserviert gegenüber. Die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg und der Sturz der monarchischen Ordnung Ende 1918 erschüttern unübersehbar sein Weltbild und führen zum 1. Oktober 1919 zu seiner Ablösung als Regierungspräsident, nachdem Demonstranten die Entfernung dieses dezidierten Repräsentanten des alten Systems verlangt hatten und die im Kommunallandtag und in der Öffentlichkeit geführte Diskussion über die politische Zukunft und Neuordnung Hohenzollerns nach dem Ende des dynastischen Sonderverhältnisses zu Preußen („Kaiserstammland Hohenzollern“) über ihn hinweg gegangen war. Sein Beitritt zur republik- und demokratiefeindlichen Deutschnationalen Volkspartei unmittelbar nach seiner Pensionierung offenbart, dass er in der Tat „den Zusammenbruch des alten Systems nie verwinden“ konnte (Hohenz. Blätter) und den von ihm so bezeichneten „Umwälzungen“ von 1918/19 ablehnend und verständnislos gegenüberstand.
Quellen: PA GStA Berlin 1. HA Rep. 77 Nr. 613; StAS Ho 235 T3 Nrn. 597–609; Materialsammlung und autobiographische Lebensschilderung StAS Dep. 1 T6–7 Nr. 55; NL Aloysia Gräfin von Brühl StAS N1/69.
Werke: Napoleon 1805 in Süddeutschland, in: Mitt. des Vereins für Geschichte und Altertumskunde in Hohenzollern 42 (1908), 63–95; Hohenzollernsche Lande, in: Wörterbuch des Deutschen Staats- und Verwaltungsrechts, 2. Aufl. 1911, 418–421.
Nachweis: Bildnachweise: Porträtfoto StAS Sa 77/15.

Literatur: Nachrufe zur Pensionierung: HVZ vom 4.8.1919, Hohenzollerische Blätter vom 6.8.1919; Nachrufe zum Tod: HVZ vom 12.1.1928, Hohenzollerische Blätter vom 13.1.1928; Wolfram Angerbauer (Red.), Die Amtsvorsteher der Oberämter, Bezirksämter und Landratsämter in Baden-Württemberg 1810–1972, 1996, 199 f.; Horst Romeyk, Die leitenden staatlichen und kommunalen Verwaltungsbeamten der Rheinprovinz 1816–1945, 1994, 383.
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