Husemann, Elfriede 

Geburtsdatum/-ort: 27.12.1908; Gütersloh
Sterbedatum/-ort: 09.11.1975;  Freiburg im Breisgau
Beruf/Funktion:
  • Polymerchemikerin
Kurzbiografie: 1920–1928 Lyzeum in Gütersloh, ab 1926 Auguste-Viktoria-Schule in Bielefeld bis Abitur
1928 IV–1933 V Studium d. Chemie an d. Univ. Freiburg, SS 1928–SS 1929, Leipzig, WS 1929/30-WS 1930/31 u. wieder Freiburg
1933 XII 1 Promotion zum Dr. phil.: „Gitterbau u. Bindungsart binärer Magnesiumverbindungen“; Doktor-Diplom vom 14.2.1934
1933–1946 Assistentin am Chemischen Laboratorium bei Hermann Staudinger
1939 X Habilitation mit d. Schrift „Über die Konstitution von Holzpolyosen“
1942 VIII 27 Ernennung zum Dozenten für Organische Chemie; Lehrprobe: „Die Konstitutionsaufklärung d. Proteine“ 23. u. 24.06.1942
1946 I apl. Professorin
1956 IV a.o. Professorin u. Direktorin des Instituts für Makromolekulare Chemie
1956 V 2 Saare-Medaille d. Dt. Arbeits-Gemeinschaft für Getreideforschung für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet d. Stärkeforschung u. -technologie
1962 II ordentliche Professorin für Makromolekulare Chemie
1974 IV Emeritierung
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: Unverheiratet
Eltern: Vater: Heinrich August (1876–1931), Fleischwarenfabrikant
Mutter: Wilhelmine, geb. Viefhaus (1879–1942)
Geschwister: Heinrich (geboren 1904), Kaufmann
Kinder: keine
GND-ID: GND/113303814X

Biografie: Alexander Kipnis (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 6 (2016), 206-211

Es ist erstaunlich, wie karg die Informationen über Husemann sind, die bedeutende Forscherin auf dem Gebiet der Makromolekularen Chemie und erste Professorin in Freiburg, obwohl es ein Leben voll von Pionierleistungen auf ihrem Gebiet war.
Ihr Vater, ein Fleischwarenfabrikant, hat eine führende Rolle im Wirtschaftsleben über Gütersloh hinaus gespielt. Mag sein, dass Husemann von ihm ein Gutteil ihrer Zielstrebigkeit und Selbstständigkeit geerbt hat. Dort besuchte sie das Lyzeum, eine siebenklassige Mädchenschule, bis zur Obersekunda und setzte ihre Aufnahme in ein Gymnasium durch, die renommierte Auguste-Viktoria-Schule in Bielefeld, das heutige Gymnasium am Waldhof, obwohl der Besuch der entfernten Schule „mit […] Unbequemlichkeiten verbunden war“ (Elfriede Husemann zum Gedenken, 1976, S. 7). Sie gab aber nicht auf und erwarb eine gute Schulbildung. Schon damals ließ Husemann eine Neigung zu den Naturwissenschaften erkennen und führte insgeheim, im Badezimmer des Elternhauses, Experimente durch. Sie wurde eine der beiden unter 20 Abiturientinnen, die Ostern 1928 ein Reifezeugnis „mit Auszeichnung“ erhielten. Von besonderer Bedeutung war der Einfluss des Lehrers Bernhard Bavink (1879–1947), der als Naturwissenschaftler von ungewöhnlicher Weite und als Naturphilosoph bekannt ist und mehrere Lehrbücher der Chemie verfasste. „Das so geheimnisvoll scheinende Spiel der miteinander reagierenden Stoffe“ zog ihn an, erinnert sich Bavink (H. Wiemann, in: Niedersächsische Lebensbilder 5, 1962, S. 29, und diese Begeisterung konnte er weitergeben. So mag Husemann das Studienfach Chemie gewählt haben.
Im Frühjahr 1928 schrieb sie sich in der Freiburger Universität ein und blieb drei Semester lang. Sie konnte die chemische Hauptvorlesung des Organikers Hermann Staudinger hören, der damals am Anfang seines Lebenswerks, der Gründung der makromolekularen Chemie, stand. Im Wintersemester 1928/29 kam dann der glänzende Anorganiker Eduard Zintl nach Freiburg, dessen „persönliche und wissenschaftliche Ausstrahlungskraft“ Husemann auch beindruckten. Trotzdem wechselte sie im Herbst 1929 nach Leipzig, vielleicht um näher bei ihren Eltern zu sein, die 1928 nach Braunschweig umgezogen waren. Bei der Immatrikulation erklärte sie, sie wolle ihr Studium hier abschließen. In Leipzig waren ihre Lehrer der Organiker Burkhardt Helferich (1887–1982), der Anorganiker Franz Hein (1892–1976) und der Physikochemiker Peter Debye (1884–1966). Im Sommersemester 1930 bestand Husemann das I. Verband-Examen, was dem Vordiplom entsprach. Es bleibt offen, wo und wann sie das zweite ablegte und warum sie ihre Absicht aufgab, in Leipzig bis Oktober 1934 zu studieren. Jedenfalls kehrte sie im Sommersemester 1931 nach Freiburg zurück und schrieb bei Zintl ihre Doktorarbeit. Das Thema entsprach dessen damaligem Forschungsgebiet. Kurz zuvor hatte er salzartige intermetallische Verbindungen entdeckt und begann eine systematische Erforschung des Übergangs zwischen Ionenbindung und metallischer Bindung in intermetallischen Verbindungen. Husemanns Arbeit bestand hauptsächlich in vergleichenden röntgenographischen Untersuchungen von Verbindungen des Magnesiums mit Wismut, Antimon, Arsenik und Phosphor, wobei sie Magnesiumarsenid und Magnesiumphosphid selbst synthetisieren musste, ein ziemlich schwieriges Verfahren, das viel Experimentiergeschick verlangte. Zum Sommer 1933 wurde sie fertig. Zintl bewertete die Ergebnisse mit „sehr gut“ und veröffentlichte darüber zusammen mit Husemann. Das war ihre erste Publikation. Im Herbst 1933 wurde Zintl nach Darmstadt berufen, so dass die Promotion bereits ohne ihn stattfand. In seinem Gutachten über die Dissertation schrieb darum Staudinger: „Die Darstellung der Arbeit ist übersichtlich und gut, ebenso ist die experimentelle Durchführung nach Angaben von Prof. Zintl eine sorgfältige, sodass ich im Einverständnis mit ihm die Note 2 = sehr gut vorschlage“ (UA Freiburg, B 31/822). Das Rigorosum in Chemie als Hauptfach sowie Physik und Mineralogie als Nebenfächern bestand Husemann mit der gleichen Gesamtnote.
Nun wurde die junge Forscherin in den Arbeitskreis von Staudinger aufgenommen und dadurch in das damals noch ganz neue Gebiet der Chemie der Makromoleküle einbezogen. Sie blieb mit Ausnahme von dessen Ehefrau Dr. Martha Staudinger die einzige Frau unter den Mitarbeitern. „Elfriede war eine warmherzige Frau, von regem und kritischem Verstand, die sich durch ihre Schlagfertigkeit auch gegen den gelegentlich rauhen Ton im Labor gut zu behaupten wusste“ (G. V. Schulz, Ein erfülltes Forscherleben. Lebens- u. Arbeitserinnerungen eines dt. Wissenschaftlers in den Wirren des 20. Jahrhunderts, 1995, S. 36) Als Assistentin „mit Sondervertrag“ führte sie das Praktikum in der Medizinischen Abteilung des Chemischen Instituts durch, weswegen Staudinger mehrere Jahre lang die Verlängerung ihres Vertrages beantragen musste. Zunächst unter Anleitung Staudingers, dann auch in Zusammenarbeit mit dem Physikochemiker Günter Viktor Schulz führte Husemann eine Reihe von Forschungen an makromolekularen Substanzen durch, wobei sie ein breites Spektrum experimenteller Methoden beherrschte und anwendete. Diese verlangten teilweise sehr verfeinertes technisches Geschick. Husemanns Neigung zu allem Technischen kam auch darin zum Ausdruck, dass sie wie ihr Doktorvater ihr eigenes Motorrad liebte und regelmäßig mit ihm Ausflüge in die Umgebung unternahm, auch das für eine Frau damals wahrlich außergewöhnlich.
Dem NS-Regime machte Husemann nur wenige Konzessionen. Sie gehörte zum „NS-Bund Deutsche Technik“ und der „Frauenwarte“. Offensichtlich verlangte man von Frauen weniger als von Männern. Günter Viktor Schulz beispielsweise war gezwungen, in die NSDAP einzutreten. Es fällt auch auf, dass die NS-Partei Frauen in Hochschulen nicht gerne sah. 1937 etwa hat der damalige Dozentenführer die nächste Verlängerung der Verwendungszeit Husemanns nicht genehmigt. Glücklicherweise konnte Staudinger mit der Begründung, dass die Arbeiten des Instituts dem Vierjahresplan dienten, seine unentbehrlich gewordene Mitarbeiterin weiter aus Mitteln des Reichsforschungsamts halten.
Nach einigen Jahren fand Husemann ihr eigenes Forschungsgebiet: die natürlichen Polysaccharide, also polymolekulare Kohlenhydrate. Mit Unterstützung von Staudinger führte sie Untersuchungen über die Polysaccharide des Holzes durch, damals Holzpolyosen genannt, und gewann als erste Ergebnisse über die Konstitution von Xylanen, Mannanen und Arabogalaktanen, Klassen von natürlichen Polysaccariden verschiedener Herkunft. Im Juni 1939 legte Husemann diese Ergebnisse als Habilitationsschrift vor.
Später gab sie zu, dass ihre Verbundenheit mit Staudinger unter anderem darin begründet gewesen sei, dass sie eine Ähnlichkeit zwischen ihm „und ihrem Vater empfand“ (Elfriede Husemann zum Gedächtnis, 1976, S. 8). Bezeichnend für ihre Beziehung zu Staudinger ist, dass es Husemann war, die die Staudinger-Festbände der von ihm gegründeten Zeitschrift „Die Makromolekulare Chemie“ zu dessen 70. und 75. Geburtstag 1951 und 1956 herausgab.
Die beiden Gutachter, Staudinger und Georg Wittig, bewerteten Husemanns Habilitationsschrift sehr positiv. So schrieb Wittig, dass Husemann „nicht allein die in […] Methoden zur Charakterisierung hochpolymerer Stoffe beherrscht, sondern darüber hinaus mit diesem Rüstzeug Neuland zu erschließen versteht“ (UA Freiburg, B 24/1517). Im Oktober 1939 wurde Husemann „Dr. phil. habil.“, die achte Habilitation einer Frau im Fach Chemie in Deutschland. Sonst aber änderte sich ihre Situation kaum: Die Dozentur ließ auf sich warten.
Unbeirrt arbeitete Husemann weiter. Sie war die erste, die die Elektronenmikroskopie in der Forschung der Polysaccharide anzuwenden wagte. 1940 gelang es ihr, in Zusammenarbeit mit dem „Laboratorium für Übermikroskopie der Siemens & Halske AG“, Berlin, die ersten elektronenmikroskopischen Bilder von Makromolekülen des Glykogens herzustellen. „Es ist damit […] gelungen, die Existenz von Makromolekülen, also Molekülen überhaupt, durch direkte Beobachtung nachzuweisen“, betonte Staudinger (ebd.). Diese Pionierarbeit machte die Elektronenmikroskopie zur Standardmethode der optischen Darstellung von Makromolekülen. 1942 erwarb das Institut ein eigenes Elektronenmikroskop, das Husemann anvertraut wurde; denn sie hatte den Umgang damit in Berlin vervollkommnet. Übrigens, das einzige Bild von Husemann in der Freiburger Universität, im Freiburger Uniseum ausgestellt, zeigt sie stehend vor einem Elektronenmikroskop.
1942 war für Husemann auch sonst wichtig, sie durfte sich endlich um eine Dozentur bewerben. Allerdings Grund dafür waren nicht ihre Leistungen, sondern der Mangel an jüngeren Lehrkräften für den Unterricht im Chemischen Institut. Günter Viktor Schulz, der die Medizinische Abteilung leitete, war nach Rostock berufen, seine Stelle musste ein anderer Dozent übernehmen. Staudinger besprach die Angelegenheit mit dem neuen Dozentenführer und sicherte sich sein Einverständnis. Die Lehrprobe, ein zweistündiger Vortrag: „Die Konstitutionsaufklärung der Proteine“ fand am 23. und 24. Juni statt und war erfolgreich. Nun beantragte der Dekan Mecke Husemanns Ernennung zur Dozentin. Über Husemann äußerte er sich folgendermaßen: „Ihre berufliche Zukunft, die selbstverständlich nicht in der Einweisung auf einen ordentlichen Lehrstuhl endigen kann, dürfte gesichert sein, da Frl. Dr. Husemann bereits seit Jahren als wissenschaftliche Arbeiterin in der Forschungsabteilung für makromolekulare Chemie […] angestellt ist“ (ebd.), ein typisches Zeugnis dieser Zeit zum Thema „Frauen in der Wissenschaft“. Als Dozentin setzte Husemann ihren Unterricht für Mediziner und Forststudierende fort und fügte noch eine Vorlesung, „Einführung in die Chemie“ hinzu. Außerdem las sie „Chemische Technologie des Holzes“.
Nach dem Zusammenbruch und der Schließung wurde die Universität im Herbst 1945 wiedereröffnet. Im Laufe des Wiederaufbaus beantragte die Fakultät auf Staudingers Anregung im September 1945 die Verleihung des Professorentitels an Husemann, um damit „ihre Tätigkeit […] auszuzeichnen […]: waren es doch ausschließlich politische Widerstände, dass diese Dozentur nicht schon im Jahre 1939 oder 1940 verliehen wurde“ (UA Freiburg B 24/1517). Im Januar 1946 wurde Husemann außerplanmäßige Professorin.
Zeitbedingt während der ersten harten Nachkriegsjahre konzentrierte sich Husemann auf Möglichkeiten, praktische Anwendungen ihrer Ergebnisse zu finden, besonders in der Pharmakologie. Sie verfügte über gut charakterisierte Proben von Polysacchariden und organisierte die Kooperation mit dem Pharmakologischen Institut. Die Ergebnisse von Tierexperimenten über die blutgerinnungshemmende Wirkung einiger modifizierter Polysaccharide, sowie von Versuchen über Blutplasmaersatz und über andere pharmakologische Wirkungen von löslichen Polysacchariden wurden in mehreren Artikeln veröffentlicht. Gleichzeitig verstand sie es, auch mit geringen Mitteln die Grundlagenforschungen voranzubringen, zumal die Konstitution von Stärke und Zellulose. Ihr Ansatz schloss folgende Stufen ein: Bestimmung des Grundmoleküls, Aufklärung der Bindungsart, Bestimmung des Polymerisationsgrads, Festlegung der Molekülgestalt, Prüfung auf Sondergruppen und Sonderbindungen. So gelang es Husemann als Erstem, den Hauptbestand teil der Stärke, Amylopektin, als verzweigtes Polymer der Glukose darzustellen.
1951 emeritierte Staudinger, behielt aber seine Forschungsabteilung, die nun als „Staatliche Forschungsinstitut für Makromolekulare Chemie“ aus der Universität ausgegliedert wurde. Husemann blieb seine wissenschaftliche Mitarbeiterin und als Dozentin der Universität Leiterin der Medizinischen Abteilung des Chemischen Instituts. 1950 erhielt sie eine Diätendozentur. Die Fakultät beantragte ein planmäßiges Extraordinariat für Makromolekulare Chemie, um dieses Fach an der Universität zu behalten, und hatte vor, Husemann auf diese Stelle zu berufen. Der Antrag wurde aber hingezogen. Erst als Husemann im Herbst 1954 einen Ruf als Ordinaria für Organische Chemie nach Jena erhielt, kam die Sache voran. Husemann schrieb im März 1955 an den Rektor: „Es würde mir sehr schwer fallen, die Universität Freiburg zu verlassen, da mein spezielles Arbeitsgebiet, die makromolekulare Chemie, hier besonders verankert ist, und da langdauernde Forschungsvorhaben im Gange sind“ (UA Freiburg B 333/411). Das planmäßige Extraordinariat wurde Husemann fest versprochen. Sie lehnte den Ruf nach Jena ab. Dann aber musste sie wieder ein Jahr warten. 1956, mit 75 Jahren, ging Staudinger in den Ruhestand. Sein Institut wurde in die Universität zurückgegliedert und Husemann als planmäßige außerordentliche Professorin seine Direktorin. Wieder vergingen Jahre, bis ein ordentlicher Lehrstuhl für Makromolekulare Chemie eingerichtet war und Husemann ihn erhielt. Auch das kennzeichnet das „berufliche Frauenschicksal“ dieser Zeit.
Als Professorin an der Spitze des Instituts las sie jeweils einstündig pro Woche über „Chemie der Polysaccharide“, „Chemische Technologie des Holzes“ und „Methoden der Makromolekularen Chemie“. Außer den Praktika leitete sie ein zweistündiges „Makromolekulares Kolloquium“. Als der Lehrstuhl eingerichtet war, erweiterte Husemann ihr Angebot um den Kursus Makromolekulare Chemie und Seminare über „Spezielle Probleme der Biopolymere“ und „Organische Chemie und Chemie des Holzes“.
Auch wenn die mit dem Direktorenposten verbundenen administrativen Aufgaben ihr eher lästig fielen, erfüllte sie diese Verpflichtungen gewissenhaft. Unter ihrer Leitung erhielt das Institut 1962 einen Neubau, und sie kümmerte sich um die Ausrüstung des Instituts mit modernster Apparatur. Sie gliederte die Forschungsbereiche in Synthetische Polymere, natürliche oder Biopolymere und Physikalische Chemie der Polymere. In allen drei Bereichen wurden die Grundlagenforschungen abgestimmt. Das Institut, das schon als Wiege der Makromolekularen Chemie galt, entwickelte sich so zum modernen Zentrum der Polymerwissenschaft. „In allen ihren Arbeiten, die sie mit zahlreichen Schülern gemeinsam ausführte, kommt die enge Verbindung ihrer persönlichen und wissenschaftlichen Eigenart vortrefflich zum Ausdruck: Originalität, Ideenreichtum, Sinn für Klarheit und Ordnung, Schlichtheit in der Beschreibung von Tatbestand und Theorie“ (Elfriede Husemann zum Gedenken, S. 9). Die ursprünglichen Arbeitsgebiete wurden inhaltlich erweitert. Zwei der wichtigsten Richtungen mögen genannt werden: Seit Anfang der 1950er-Jahre setzte sich Husemann „das Ziel, exakt zu prüfen, inwieweit natürliche und synthetische Polysaccaride in Größe und Gestalt der Moleküle identisch sind und inwieweit es möglich ist, diese Größen durch Änderung der Bedingungen bei der Synthese zu variieren“ (Über natürliche […], 1954, S. 2). Diese prinzipielle Frage hatte Husemann wahrscheinlich als Erste in der Polymerchemie gestellt. So gelang es, den Mechanismus der Entstehung von Polysacchariden in der Zelle besser zu verstehen. Für diese vergleichenden Untersuchungen wählte Husemann die Amylose, da sie nur aus Glukose aufgebaut ist und unverzweigte Ketten enthält. In mehreren Dutzend Arbeiten unter dem Gesamttitel „Natürliche und synthetische Amylose“ wurde dieses Neuland gründlich bearbeitet und wesentliche Unterschiede zwischen gleichnamigen natürlichen und synthetischen Polymeren festgestellt.
Eine weitere fruchtbare Forschungsrichtung, die Husemann über zwei Jahrzehnte bis zu ihrem Lebensende anging, war die zielgerichtete Herstellung gut definierter Derivate von Amylose und Zellulose. „Derartige Substanzen wären als Modelle zur Untersuchung des Einflusses der Bindungsart auf das Verhalten der Substanzen im festen Zustand, in Lösung und gegenüber Enzymen besonders geeignet“ (1966, S. 213). Zum Sommersemester 1974 emeritierte Husemann, las aber in jedem Semester noch über „Chemie der Biopolymere“ und nahm auch an Kolloquien teil. Erst als ihre Gesundheit sich verschlechterte, zog sie sich zurück und starb nach langem Leiden. „Nach ihrer Art hat sie sich ohne Aufsehen von uns verschiedet“ (Elfriede Husemann zum Gedenken, S. 9).
Mit Ausnahme ihrer Dissertation und einiger allgemeiner Artikel sind die etwa 110 Publikationen Husemanns den verschiedenen Aspekten der Makromolekularen Chemie gewidmet. Zu ihren Verdiensten gehören bedeutende Beiträge zur Entwicklung dieses Bereichs als Lehr- und Forschungsfach in Deutschland, der auch internationale Anerkennung fand. Die wichtigsten darunter galten der wesentlichen Teilnahme in der Begründung von Staudingers Vorstellungen über die Existenz der Makromoleküle in entscheidenden Jahren der stürmischen Entwicklung der Makromolekularen Chemie, der Einführung der Elektronenmikroskopie, der erstmaligen Erforschung der Konstitution einer Reihe natürlicher Polysaccharide aus Holz und Stärke, auch der Einführung vergleichender Untersuchungen von gleichnamigen natürlichen und synthetischen Polysacchariden und der Synthese von zahlreichen gut definierten Derivaten der Zellulose und Amylose, die als Modellsubstanzen für systematische Untersuchungen in der Polymerchemie dienen. Husemanns Verdienst war auch der weitere Ausbau des von Staudinger begründeten Instituts für Makromolekulare Chemie in Freiburg. So wurde sie zum Vorbild für viele Frauen, die ihre Laufbahn in der Naturwissenschaft wählten.
Quellen: UA Freiburg: B 31/822, Promotionsakte Husemann, B 24/1517 u. B333/411, Personalakten Husemann, B 1/4321, Assistenz beim Chemischen Institut, B 15/297, Wiss. Hilfskräfte u. Assistenten des Chemischen Instituts; Auskünfte d. StadtA Gütersloh vom 6.3.2015, Bielefeld vom 9.3.2015 u. des UA Leipzig vom 19.3.2015.
Werke: (mit E. Zintl) Bindungsart u. Gitterbau binärer Magnesiumverbindungen, in: Zs. für physikalische Chemie B 21, 1933, 138-155; (mit H. Staudinger) Über das begrenzt quellbare Polystyrol, in: Berr. d. Dt. Chemischen Ges. 68, 1935, 1618-1634; (mit dems.) Viscositäts-Untersuchungen an organischen Sphäro- u. Linearkolloiden, ebd. 1691-1697; (mit dems.) Über die Konstitution d. Stärke, in: Liebigs Annalen d. Chemie 527, 1937, 195-236; (mit dems.) Über die Konstitution des Glycogens, ebd. 530, 1937, 1–20; (mit G. V. Schulz) Über die Kinetik d. Kettenpolymerisationen, I–IV, in: Zs. für physikalische Chemie B 34, 1936, 187-213, 36, 1937, 184-194, Angewandte Chemie 50, 1937, 767-773, Zs. für physikalische Chemie B 39, 1938, 246-274; (mit H. Staudinger) Über die Bestimmung des Molekulargewichts von Polysaccariden nach d. Endgruppenmethode, in: Berr. d. Dt. Chemischen Ges. 70, 1937, 1451-1457; (mit dems.) Über die Konstitution d. Weizenstärke, ebd. 71, 1938, 1057-1066; Über die Konstitution von Polyosen, in: Journal für praktische Chemie 155, 1940, 13-64; (mit H. Ruska) Versuche zur Sichtbarmachung von Glykogenmolekülen, ebd. 156, 1940, 1-10; (mit E. Plötze u. G. V. Schulz) Ergebnisse u. Probleme aus d. Chemie, physikalischen Chemie u. Physik d. makromolekularen Stoffe, in: Die Naturwissenschaften 29, 1941, 259-270, 305-317; Molekulargewichtsbestimmungen an hydrolytisch abgebauten Glykogenen durch Fällungstitration, in: Journal für praktische Chemie 158, 1941, 163-175; (mit O. Weber) Der Carboxylgehalt von Faser- u. Holzcellulosen, ebd. 159, 1942, 334-342; (mit O. H. Weber) Bestimmung des Molekulargewichts von Cellulosen nach einer Erdgruppenmethode, in: Die Naturwissenschaften 30, 1942, 280f., ausführlich in: Journal für praktische Chemie 161, 1942, 1-19; (mit G.V. Schulz) Vergleichende osmotische u. viscosimetrische Molekulargewichtbestimmungen an fraktionierten u. unfraktionierten Nitrocellulosen, in: Zs. für physikalische Chemie B 52, 1942, 1-22; (mit G. V. Schulz) Über die Verteilung d. Molekulargewichte in abgebauten Cellulosen u. ein periodisches Aufbauprinzip im Cellulosemolekül, ebd. 23-49; (mit A. Carnap) Über die Lagerung d. Lockstellen von Cellulosemolekülen in d. Faser, in: Die Naturwissenschaften 32, 1944, 79f.; (mit G. V. Schulz) Über eine langperiodische Struktur d. Cellulosemoleküle u.d. aus Cellulose aufgebauten Pflanzenfasern, in: Zs. für Naturforschung 1, 1946, 268-280; (mit K. N. von Kaula u. R. Kappesser) Über blutgerinnungshemmende Substanzen, ebd. 584-591; Über Lockerstellen u. ihre Spaltungsgeschwindigkeit in hydrolytisch abgebauten Ramiecellulosen, in: Makromolekulare Chemie 1, 1948, 140-157; (mit A. Carnap) Elektronenmikroskopische Untersuchungen über submikroskopische Fibrillen aus Kunstfasern, ebd. 158-161; (mit M. Goecke) Über Lockerstellen u. ihre Spaltungsgeschwindigkeit in oxydativ abgebauten Baumwoll- u. Ramiecellulosen, ebd. 2, 1948, 298-314; Neuere Untersuchungen über Stärkekonstitution u. Stärkeeigenschaften, in: Die Stärke 1, 1949, 5-9; Über Lockerstellen in oxydativ u. hydrolytisch abgebauten Holzcellulosen, in: Makromolekulare Chemie 4, 1949, 194-207; (mit R. Lötterle) Über den fermentativen Abbau von Polysaccariden. I. Der heterogene Abbau von Cellulose, ebd. 4, 1950, 278-288; (mit E. Loes u. R. Lötterle) Über den fermentativen Abbau von Polysaccariden. II. Die Bestimmung d. Aktivität von Cellulase, Xylanase u. Mannanase, ebd. 6, 1951, 163-173; (mit E. G. Hoffmann u.a.) Über die Ausscheidung u. Speicherung von radioaktiv indizierten Xylanschwefelsäureestern, I. in: Experientia 7, 1952, 153f., II. in: Makromolekulare Chemie 10, 1953, 107-121; (mit M. Wiedersheim, W. Hertlein u. R. Lötterle) Über die Pharmakologie von wasserlöslichen Polysaccariden u. Polysaccaridderivaten, in: Archiv für experimentelle Pathologie u. Pharmakologie 217, 1953, 107-129; Über natürliche u. synthetische Amylose, in: Die Stärke 6, 1954, 2-5; (mit R. Lätterle, M. Wiedenheim u. W. Hertlein) Über die Pharmakologie wasserlöslicher Polysaccaride u. ihrer Derivate in Abhängigkeit von Molekülgröße, Molekülgestalt u. Art d. Substituenten, in: Makromolekulare Chemie 12, 1954, 79-93; (mit G. Soder) Untersuchung d. Ausscheidung u. Speicherung von Dextran durch Indizierung mit 35S, in: Zs. für Naturforschung 9b, 1954, 237-239; (mit B. Pfannemüller) Vergleich d. blutgerinnungshemmenden u. hyaluronidasehemmenden Wirkung von Xylan-Schwefelsäureestern u. Heparin, in: Zs. für Naturforschung 10b, 1955, 143-150; (mit R. Resz) Über Oxyäthylamylosen, in: Journal of Polymer Science 19, 1956, 389-400; (mit H. Bartl) Die Acetylierung d. Amylose, in: Makromolekulare Chemie 18/19, 1956, 342-351; (mit B. Pfannemüller, H. Schrill u. W. 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Cellulose mit Essigesterisocyanat, ebd. 47, 1961, 48-71; (mit R. Resz) Über „gerichtete“ Substitutionen an Amylose, ebd. 48, 1961, 172-194; (mit G. J. M. Müller) Chemische Synthese von Polysaccariden, ebd. 49, 1961, 238-240; (mit B. Pfannemüller) Über den Abbau von synthetischer u. natürlicher Anylose mit Kartoffelphosphorylase u. -Amylase, ebd. 214-240; (mit M. Reinhardt) Über die Darstellung definiert verzweigter Polysaccaride, I u. II, ebd. 57, 1962, 109-128 u. 129-149; (mit B. Pfannemüller u. R. Burchard) Streulichtmessungen an wässrigen Amyloselösungen, ebd. 59, 1963, 1-15; (mit R. Werner) Cellulosesynthese durch Acetobacter xylinum, ebd., 43-60; (mit A. P. O. Schmidt) Über die polymeranaloge Verzweigung von Amylose durch Isocyanatzucker, ebd. 65, 1963, 114-121; (mit H. Bittiger) Elektronenmikroskopische Abbildung von Einmolekülkristallen bei Cellulosetricarbonilaten, ebd. 75, 1964, 222-224; (mit H. Bittiger) Elektronenmikroskopische Untersuchungen über die Bildung von Einmolekülkristallen aus Cellulosetricarbonilat, ebd. 80, 1964, 239-241; (mit B. Pfannemüller) Kinetische Untersuchungen an -Amilase u. Phosphorilase, ebd. 87, 1965, 139-151; (mit G. J. M. Müller) Über die Synthese unverzweigter Polysaccaride, ebd. 91, 1966, 212-230; (mit G. Keilich u. P. Salminen) Permethylierung von Polysaccariden, in: Makromolekulare Chemie 141, 1971, 117-125; (mit G. Keilich u.N. Frank) Benzylierung von Amylose in Gegenwart von Methylsulfinylmethylcarbanion, ebd. 143, 1971, 275-277; (mit E. El-Kari u. B. Pfannemüller) Über die Synthese unverzweigter Polysaccaride, 2. Mitt., in: Monatshefte für Chemie 103, 1972, 1669-1683; (mit A. Kuppel u. H. Bittinger) Das Faserdiagramm des Triacetylcellulose-Nitromethankomplexes, in: Kolloid-Zs. u. Zs. für Polymere 250, 1972, 623f.; (mit A. Kuppel) Über hochkristalline Strukturen d. Trimethylamylose, in: Colloid and Polymer Science 252, 1974, 1005-1007; (mit G. Keilich u. N. Frank) Benzylierung von Polysaccariden in Gegenwart von Methylsulfinylmethahanid, in: Makromolekulare Chemie 176, 1975, 3269-3285; (mit B. Pfannemüller u. G. C. Richter) Synthesis of comb-like derivatives of amylose and cellulose having (1→6)-linked d-glucose side-chains, in: Carbohydrate Research 43, 1975, 151-161.
Nachweis: Bildnachweise: Foto (ca. 1956), in: Baden-Württembergische Biographien 6, S. 203, UA Freiburg D 13/1709, mit Genehmigung d. Univ. Freiburg. – Die Stärke 8, 1956, Nr. 5, 99, 101 (Gruppenfoto (vgl. Literatur).

Literatur: Poggendorffs biogr.-literar. Handwörterb. VIIa, Teil 2, 1958, 584f.; VIII, Teil 2, 2002, 1572f.; P. E. Pelshenke, Ansprache anlässl. d. Verleihung d. Saare-Medaille am 2. 5. 1956 an Prof. Dr. Elfriede Husemann, in: Die Stärke 8, 1956, 99-100; Anonym, Prof. Dr. Elfriede Husemann 60 Jahre, in: Cellulose Chemistry and Technology 2, 1968, 687f. (mit Bildnachweis); G. B, B. P[fannemüller], Elfriede Husemann zum Gedenken, in: Freiburger Universitätsbll. 15, H. 51, 1976, 7-9 (mit Bildnachweis); E. Boedecker, M. Meyer-Plath, 50 Jahre Habilitation von Frauen in Deutschland, 1974, 48; 550 Jahre Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, 2007, Bd. 1, 293 (mit Bildnachweis), Bd. 5, 418-423.
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