Stratz, Rudolf Heinrich Karl 

Geburtsdatum/-ort: 06.12.1864;  Heidelberg
Sterbedatum/-ort: 17.10.1936; Bernau am Chiemsee
Beruf/Funktion:
  • Schriftsteller und Journalist
Kurzbiografie: 1871-1882 Volksschule (bis 1875); Gymnasium (Primareife 1882) Heidelberg
1882-1883 Studium der Philosophie, Geschichte und Nationalökonomie in Leipzig, Berlin, Göttingen
1883-1886 Militärdienst Darmstadt, Kriegsschule Potsdam, Leibgarderegiment Darmstadt; Abschied als Reserveoffizier
1886-1888 Studium an der Universität Heidelberg
1888-1891 Volontär bei der Straßburger Post (reichsländische Ausgabe der Kölnischen Zeitung), ab 1888 freier Schriftsteller in Berlin
1891-1893 Feuilletonredakteur und Theaterkritiker bei der Kreuzzeitung Berlin
1893-1936 Theaterautor und Romanschriftsteller in Heidelberg-Ziegelhausen, seit 1906 auf Gut Lambelhof bei Bernau am Chiemsee
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1906 (Berlin) Anna (Annie) Luise Klara, geb. Mittelstaedt (1869-1939), Dr. phil. Universität Heidelberg
Eltern: Vater: Heinrich, Großkaufmann
Mutter: Maria, geb. Edle von Thomann (ca. 1837-1917)
Geschwister: 3 Brüder
Kinder: Adoptivtochter Annelies Mechthild Hedwig Stratz-von Ploetz (1911-1992)
GND-ID: GND/117309087

Biografie: Clemens Siebler (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 271-274

Stratz' Leben trägt zeitweilig weltbürgerliche Züge. Der Vater war Großkaufmann und erblicher Ehrenbürger in Odessa; die Mutter entstammte einem 1806 von Kaiser Franz geadelten protestantischen Wiener Kaufmannsgeschlecht. In Odessa, wo auch die beiden älteren Söhne zur Welt gekommen waren, fühlte sich die Familie tatsächlich zu Hause, doch war die eigentliche Dominante für sie das Deutschtum. Um die Kinder stärker an die deutsche Bildung und Kultur heranzuführen, zog die Mutter 1864 nach Heidelberg, wo Stratz noch im selben Jahr geboren wurde. Traf es sich mit seiner Geburtsstadt eher zufällig, so war damit doch eine Rückkehr in die Heimat der Vorfahren verknüpft: der Großvater Sebastian Stratz, der unter Katharina der Großen am Ende des 18. Jahrhunderts ans Schwarze Meer gekommen war, stammte aus dem Wildgutachtal. In seiner Heimatgemeinde Untersimonswald ist der Familienname Stratz noch heute verbreitet.
Seine Kinder- und Jugendjahre verbrachte Stratz in Heidelberg. Nach der Obersekunda verließ er das Gymnasium, und obwohl seine Familie – durch besonderen Gnadenakt des Zaren Alexanders II. – bereits seit 1876 die deutsche Staatsangehörigkeit besaß, konnte er sich als „Ausländer“ mit dem bloßen Nachweis der Primareife an der Leipziger Universität inskribieren und ohne Vorlage eines Reifezeugnisses mit der nach dem ersten Semester erhaltenen Exmatrikel das Studium in Berlin und Göttingen fortsetzen. Nach der militärischen Grundausbildung und dem Besuch der Kriegsschule wurde Stratz in Darmstadt zum Leutnant befördert. Als Reserveoffizier nahm er 1886 seinen Abschied, um in Heidelberg das Studium fortzusetzen. Mit seiner 1888/91 erschienenen zweibändigen Darstellung „Die Revolutionen der Jahre 1848 und 1849 in Europa“ machte er an mehreren deutschen Universitäten den vergeblichen Anlauf, den philosophischen Doktorgrad zu erwerben.
Bei der Straßburger Post, dem „vorgeschobenen Außenposten“ der Kölnischen Zeitung im Reichsland Elsaß-Lothringen, begann Stratz im Frühjahr 1888 als Redaktionsvolontär, ging aber noch im selben Jahr als freier Schriftsteller nach Berlin. Als gebürtiger Deutsch-Russe war er bemüht, Eingang in den Kreis der Leser der konservativen Kreuzzeitung zu finden. Diese rekrutierten sich vornehmlich aus Balten, die im Zuge einer verstärkt einsetzenden Russifizierung aus den ehemaligen Ostseeprovinzen ins Reich abgewandert waren. Bei der Kreuzzeitung fand er von 1891 bis 1893 eine Anstellung als Feuilletonredakteur und Theaterkritiker. Auf dieser wichtigen Sprosse zum beruflichen Erfolg konnte Stratz damals von sich selbst sagen: „... äußerlich ein junger Mann, genau, wie ihn das zweite Kaiserreich wünschte: gewesener aktiver und nunmehriger Reserveoffizier eines Garderegiments, alter Korpsstudent, Mitarbeiter der hochkonservativen Kreuzzeitung, an dem die Welt der herrschenden Klassen aufrichtiges Wohlgefallen hatte“.
Stratz' Mitarbeit auf dem rein literarisch-feuilletonistischen Gebiet bewirkte, dass er sich nicht um jeden Preis in den Dienst der „hochkonservativen Fronde“ stellen musste. Er konnte es sogar wagen, „moderne Zugluft“ in das Blatt zu bringen. So hatte er u. a. in einer Artikelserie „Vor Sonnenaufgang“ auf den noch jungen Gerhart Hauptmann als den großen kommenden Mann der deutschen Dichtkunst hingewiesen.
Stratz spürte eine starke Neigung zum Theater. Wieder in Heidelberg lebend wollte er sich ganz der Bühnendichtung verschreiben. Von ungefähr zehn Theaterstücken, die er zwischen 1888 und 1898 verfasste, war jedoch nur seinem Lustspiel „Der blaue Brief“ (1891), das in Berlin zur Aufführung kam, ein echter Erfolg beschieden. Als „arbeitslos gewordener Dramatiker“ stürzte er sich im Winter 1892/93 auf den Roman. Bereits 1893 erschien sein Berliner Zeitroman „Unter den Linden“. In kurzen Abständen folgten „Arme Thea!“ (1896), „Der weiße Tod“ (1897), ferner „Der arme Konrad“ (1898). Stratz' erfolgreicher Durchbruch als Romanautor veranlasste ihn zur endgültigen Abkehr vom Theater, zumal auch seinem Drama „Jörg Trugenhoffen“ (1898) keine Beachtung geschenkt worden war. Zu den inspirierenden Kräften seines schriftstellerischen Schaffens gehörte vor allem das Reisen. Schon als Neunjähriger besuchte er mit seiner Mutter Frankreich, Italien und die Schweiz; mit seinem ältesten Bruder Heinrich, der Gynäkologe und Ethnologe war, ging er 1887 nach Äquatorialafrika. Später bereiste er weite Teile Europas, Rußlands und der Türkei. Wenn Stratz zur Stadt Heidelberg, wo er insgesamt 30 Jahre seines Lebens verbracht hatte, merklich auf Distanz ging („Meine zufällige Heimatstadt Heidelberg hat an meinem Leben keinen Anteil“, Lebenserinnerungen II, 248), so wohl deshalb, weil er als Schriftsteller dort auf keinerlei Resonanz gestoßen war. Tatsache ist, dass eine Reihe von Örtlichkeiten und Begebenheiten Eingang in seine Werke gefunden haben, die Vertrautheit mit der Stadt Heidelberg und ihrem Umland voraussetzen, so in seinem Odenwald-Roman „Die ewige Burg“ (1900) und „Altheidelberg, du feine. Roman einer Studentin“ (1902). Und dieser Stadt verdankte Stratz auch die Bekanntschaft mit der Studentin Annie Mittelstaedt, die er 1906 heiratete. Schon kurz nach der Hochzeit erwarb er mit ihr das Gut Lambelhof in der Nähe des Chiemsees, wo er bis zu seinem Tode lebte.
Die Bibliographien über Stratzs schriftstellerisches Werk führen zwischen 80 und 100 Titel an. Zwar ist sein Name in den Literaturgeschichten nur sporadisch anzutreffen; aber die in größerer Zahl verfügbaren Buchbesprechungen leisten wertvolle Interpretationshilfen. Sie erkennen dem Autor unbestrittene Qualität zu, zeigen aber auch offenkundige Schwächen in seinem Werk auf, das häufig breit ausladend und mit allzu vielen Konzessionen an den Zeitgeschmack befrachtet ist. Mit stark nationalistischen Tendenzen in seinen Romanen gehörte Stratz zu den bedeutendsten deutschen Unterhaltungsautoren der Wilhelminischen Ära, die besonders in Offizierskreisen großen Anklang fanden, wie z. B. „Dienst! Kasernenroman in drei Tagen“ (1895), „Du Schwert an meiner Linken. Ein Roman aus der deutschen Armee“ (1912) oder „Seine englische Frau“ (1913). Stratzs national-patriotische Gesinnung, seine militärische Rangstellung als Reserveoffizier, sein schriftstellerisches Talent und nicht zuletzt seine deutsch-russische Provenienz bewirkten, dass er im I. Weltkrieg drei Jahre lang Mitarbeiter im Kriegspresseamt der Obersten Heeresleitung war. In Ostpreußen war er der vom Generalstab autorisierte Kriegsschilderer. Damals hielt er zwei stark nationalistische Vorträge über England und Frankreich. Ironie des Schicksals oder Tragik der nationalstaatlichen Verstrickungen jener Epoche: zwei seiner Brüder standen zur selben Zeit in den Diensten der zaristischen Armee.
Bereits seit früher Jugend an geschichtlichen Vorgängen interessiert, hat im Schaffen Stratz' auch der historische Roman einen festen Platz. „Friede auf Erden“ (1897) ist eine Erzählung aus dem 30jährigen Krieg; ein Jahr später erschien sein Erfolgsroman aus den Tagen des großen Bauernkrieges „Der arme Konrad“, und noch kurz vor seinem Tod veröffentlichte er einen Roman aus der Zeit der Türkenbelagerung 1683, „Rettet Wien!“ (1936). In der Art einer Trilogie miteinander verbunden sind drei Romane aus dem 19. Jahrhundert: „Der Väter Traum“ (1921) führt in das Revolutionsjahr 1848, erzählt vom Kampf der jugendlichen Idealisten für Deutschlands Größe und Einheit und gibt zugleich eine einfühlsame Schilderung Wiens und des Wienertums jener Zeit. Ein Bismarckroman ist „Das Schiff ohne Steuer“ (1921). In unerbittlicher Schärfe spiegeln sich die letzten Jahre des greisen Kaisers Wilhelms I., das neue Deutschland seines Enkels, Bismarcks Entlassung, der verhängnisvolle neue Kurs mit seiner Steuerlosigkeit bis zum Tode des Eisernen Kanzlers im Sachsenwald wider. Schließlich „Die um Bismarck“ (1932), ein Roman aus dessen später Kanzlerschaft, in dem nicht nur dieser, sondern auch das von ihm geschaffene Deutsche Reich höchstes Ansehen genoss; zugleich aber auch Jahre, in denen die Anti-Bismarckianer jeder Schattierung danach trachteten, dessen Größe und Verdienste um jeden Preis zu schmälern. Auch in der Schilderung der erhabenen Schönheiten der Alpenwelt erwies sich Stratz, ein begeisterter Bergsteiger, als ein Meister, der immer wieder in die Nähe seiner beiden Schweizer Zeitgenossen Jakob Christoph Heer (1859-1925) und Ernst Zahn (1867-1952) gerückt wurde. Seine Hochgebirgsromane „Der weiße Tod“ (1897) und „Montblanc“ (1899) gehören zu den besonders geschätzten Werken des Autors. Beachtliche Landschafts- und Gebirgsschilderungen finden sich auch in „Die törichte Jungfrau“ (1900). Dieser Roman gehört wegen des häufigen Wechsels der Schauplätze zwischen den Alpen, den klassischen Stätten Griechenlands sowie der Sport- und Lebewelt von Iffezheim und Baden-Baden zu den besonders umfangreich geratenen Werken des Autors. Wertvolle Einblicke in seine Jugend- und frühen Schaffensjahre, seine Denkart und politischen Überzeugungen bis zum Jahr 1906 gewährt seine zweibändige Autobiographie. Hier wird deutlich, für wie wichtig er selbst das Jahr seiner Heirat und des Umzugs an den Chiemsee einschätzte. Am neuen oberbayerischen Wohnsitz ist während dreier Jahrzehnte die Hälfte seines Gesamtwerkes entstanden.
Quellen: Lebenserinnerungen, 2 Bde., 1925 u. 1926 (vgl. Werke); Mitteilungen d. Gde. Bernau am Chiemsee, von Marion Sommerer, Bernau am Chiemsee u. Bernd Wollenweber, Bremen.
Werke: Verzeichnisse (unvollständig) in: Dt. Lit. Lexikon, begr. v. W. Kosch, Bd. 4, 1958 2. Aufl., 2898 f.; Kürschner, Dt. Lit. Kalender, Nekrolog 1936-1970, 1973, 663 f.; Gesamtverz. des dt.sprachigen Schrifttums (1911-1965), Bd. 128, 1980, 123-128; ebd. (1700-1910), Bd. 141, 1985, 96-98. – Auswahl: England. Vortrag Kriegspresseamt Berlin, 1917; Frankreich, Vortrag, ebd. 1917; Schwert u. Feder. Lebenserinnerungen I, 1925; Reisen u. Reifen. Lebenserinnerungen II, 1926.
Nachweis: Bildnachweise: in: Lebenserinnerungen I, 112 u. Dt. Corps-Zeitung 1935/36, 27 (vgl. Werke u. Lit.).

Literatur: Verz. d. Rezensionen in: Intern. Bibliographie z. Gesch. d. dt. Lit. von den Anfängen bis zur Gegenw., erarb. unter Leitg. von G. Albrecht, T. 4, 2, 1984, 670 f.; ferner, in: Die Bücherwelt. Zs. für Bibliotheks- u. Bücherwesen, hg. vom Borromäusverein Bonn, 27. Jg. H. 5, 1930, 142. – H. Binder, R. Stratz. Literarische Skizze, in: Die Bücherwelt, 5. Jg. 1907/08, Nr. 12, 228-233; J. Scheuer, R. Stratz 70 Jahre alt, in: Deutsche Corps-Zeitung, 52. Jg., 1935/36, 26 f.; W. E. Oeftering, Gesch. d. Literatur in Baden, 3. Teil, in: Vom Bodensee zum Main Nr. 47, 1939, 141 f.
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