Siegrist, Karl Rudolf Julius 

Geburtsdatum/-ort: 08.12.1862;  Säckingen
Sterbedatum/-ort: 29.10.1944;  Karlsruhe
Beruf/Funktion:
  • Oberbürgermeister von Karlsruhe
Kurzbiografie: 1880 Abitur Gymnasium Freiburg
1880-1884 Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg, Berlin und Heidelberg
1884 1. juristisches Staatsexamen
1889 2. juristisches Staatsexamen
1890 Referendar und rechtskundiger Sekretär bei der Stadt Karlsruhe
1892 2. Bürgermeister der Stadt Karlsruhe
1901 1. Bürgermeister der Stadt Karlsruhe
1906 Oberbürgermeister der Stadt Karlsruhe
1907-1908 Mitglied der Ersten Kammer des badischen Landtags
1919 Versetzung in den Ruhestand
1927 Schatzmeister der Reichspartei für Volksrecht und Aufwertung
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1891 (Karlsruhe) Marie, geb. Mangold (1865-1928)
Eltern: Vater: Carl Siegrist (1831-1882), evangelischer Pfarrer
Mutter: Karolina, geb. Flad (gest. 1909)
Geschwister: nicht bekannt
Kinder: 3 Söhne: Werner, Hellmut, Reinhold
GND-ID: GND/117365394

Biografie: Ernst Otto Bräunche (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 276-278

Am 28. August 1919 ergriff zum Schluß der Sitzung des Karlsruher Stadtrats aus gegebenem Anlaß Stadtrat Frey das Wort, um einen Mann zu ehren, der nach fast 30jähriger Tätigkeit für die Stadt Karlsruhe, seit 1906 als Oberbürgermeister, aufgrund der „veränderten Zeitverhältnisse“ aus dem Dienst ausschied. Frey betonte besonders die „außerordentliche Arbeitskraft und Pflichttreue“ des scheidenden Oberbürgermeisters Siegrist, mit der dieser lange Jahre erfolgreich für die Stadt gewirkt habe. Siegrist dankte anschließend für diese Anerkennung seiner Arbeit und wies darauf hin, daß ihm das Ausscheiden aus seiner Stellung erleichtert werde durch die großen Sorgen, die er sich um die Zukunft der Stadt mache, „denn für einen Mann, der den Aufstieg der Stadt an ihrer Spitze hat miterleben dürfen, ist es das Schlimmste, nun auch ihren Abstieg mitmachen zu müssen, der kommen wird.“
In der Tat war die Stadt Karlsruhe während Siegrists Amtszeit als Bürgermeister in die Reihe der deutschen Großstädte aufgestiegen, wichtige zukunftsorientierte Projekte waren durchgeführt worden.
Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen im Jahr 1889 trat Siegrist für kurze Zeit in den Staatsdienst ein, ehe er am 12. Dezember 1890 als rechtskundiger Sekretär von der Stadt Karlsruhe zunächst auf ein Jahr eingestellt wurde. Nach Ablauf dieses Jahres verlängerte die Stadt seinen Dienstvertrag mit einer Gehaltszulage von 500 Mark unbefristet, da er ansonsten mit der Aussicht auf eine Stelle als Amtsrichter zurück in den Staatsdienst gegangen wäre. Als 1892 die Stelle des Zweiten Bürgermeisters neu zu besetzen war, wurde Siegrist am 17. Mai vom Bürgerausschuß gewählt. 14 Jahre arbeitete er nun mit dem auch außerhalb Karlsruhes geschätzten und als Fachmann anerkannten Oberbürgermeister Karl Schnetzler zusammen, seit dem 12. März 1901 als Erster Bürgermeister. In Schnetzlers letztem Amtsjahr vertrat er häufig den bereits von seiner Krankheit gezeichneten Oberbürgermeister. Es konnte deshalb auch nicht überraschen, daß der Bürgerausschuß nach Schnetzlers Tod übereinkam, die Stelle des Oberbürgermeisters nicht auszuschreiben, sondern den Ersten Bürgermeister Siegrist in einer „vertraulichen Besprechung“ als Nachfolger vorzusehen. Siegrist wurde schließlich am 22. Dezember 1906 mit 88 von 105 Stimmen gewählt.
Die sozialdemokratischen Stadtverordneten hatten sich allerdings geschlossen der Wahl enthalten; ihr Karlsruher Parteiblatt „Volksfreund“ begründete dies mit der Feststellung, daß Siegrist bislang noch nicht sehr durch soziales Engagement hervorgetreten sei, obwohl „ein Oberbürgermeister von Karlsruhe doch wenigstens mit einem Tropfen sozialen Oeles gesalbt sein“ sollte. In der ersten von ihm als Oberbürgermeister geleiteten Sitzung des Bürgerausschusses am 2. Januar 1907 gab Siegrist sich auch als ein Gegner „von gewissen sozialpolitischen Experimentier- und Paradestückchen“ zu erkennen und betonte, daß zu den wirtschaftlich Schwachen nicht nur die Industriearbeiter, sondern auch der untere Mittelstand vor allem aus den Kreisen der Handwerkerschaft gehörten. Damit befand Siegrist sich in Übereinstimmung mit der ihn unterstützenden nationalliberalen Mehrheit im Karlsruher Bürgerausschuß.
In den nahezu dreißig Jahren, in denen Siegrist in leitender Position für die Stadt Karlsruhe tätig war, hatte die Großherzoglich Badische Haupt- und Residenzstadt einen enormen Aufschwung genommen, die Gemarkung hatte sich z. B. von 1 144 ha auf 4 500 ha fast vervierfacht, die Bevölkerung war von 73 600 auf 148 000 angestiegen. Die Eingemeindungen von Beiertheim, Rintheim und Rüppurr zum 1.1.1907 sowie von Grünwinkel zum 1.1.1909 und Daxlanden zum 1.1.1910 werden deshalb allgemein zu den Verdiensten Siegrists gezählt. Zu den großen Projekten seiner Amtszeiten seit 1890, an denen er direkt oder indirekt beteiligt war, gehören der Bau und die kontinuierliche Erweiterung des Karlsruher Rheinhafens (1902 offiziell eröffnet), die Förderung der Karlsruher Gartenstadt, die Errichtung zahlreicher Kleingartenanlagen, die Vergrößerung des Gas- und Elektrizitätswerkes, des Schlachthofes und der Neubau des Städtischen Krankenhauses und zahlreiche Schulhausneubauten.
Mit der Verlegung des Karlsruher Hauptbahnhofes von seinem alten Standort an der Kriegsstraße an die heutige Stelle war eine wichtige verkehrspolitische Entscheidung umgesetzt worden, hemmte doch der alte Eisenbahnstrang den innerstädtischen Verkehr und die Ausdehnung der Stadt nach Süden ganz erheblich. Für seine Tätigkeit erhielt Siegrist zahlreiche Orden und Auszeichnungen, darunter im Jahre 1912 das Ritterkreuz I. Klasse mit Eichenlaub des Ordens vom Zähringer Löwen.
Auch in den Kriegsjahren erwies Siegrist sich als unermüdlicher Arbeiter für die Belange seiner Stadt, was bei seinem Abschied allgemein anerkannt wurde. Das Karlsruher Zentrumsorgan „Badischer Beobachter“ bestätigte gar, daß ihm das Wohl der Stadt Richtschnur seines Handelns war – im Zweifelsfalle auch gegen seine Parteifreunde der Nationalliberalen Partei. Gleichzeitig bescheinigte man ihm aber auch, daß er „nicht die Kunst des Umgangs mit den Menschen verstand“ und – im Gegensatz zu seinem populären Amtsvorgänger Schnetzler – nicht über die notwendige Wortgewandheit verfügte, die in seinem Amt erforderlich gewesen wäre. Auch die liberale „Badische Presse“ sprach von einem „wenig anschmiegenden, autokratischen Wesen“. Auch in der Revolution von 1918/19 war Siegrist bemüht, die alte Ordnung aufrechtzuerhalten. Der auf seine Einladung hin konstituierte Karlsruher Wohlfahrtsausschuß galt als „ausgesprochene Abwehrgründung“ gegen die Revolution. So konnte es nicht sonderlich überraschen, daß Siegrist bei der turnusmäßigen Neuwahl am 23. Juli 1919 nur 37 von 122 Stimmen erhielt und damit die erforderliche Zahl von 69 deutlich verfehlte. Nur die Vertreter der Demokratischen Partei hatten ihn bis auf drei unterstützt, DNVP, SPD und Zentrum hatten weiße Stimmzettel abgegeben, die USPD hatte an der Abstimmung nicht teilgenommen.
Ungeachtet seiner frühzeitigen Zurruhesetzung verfolgte Siegrist aufmerksam die Geschicke der Stadt. Nach 1923 widmete er sich den Personen, die durch die Inflation ihr Vermögen verloren hatten. Noch als 70jähriger hielt er zweimal wöchentlich Sprechstunden für Rat- und Hilfesuchende Sparerbundsmitglieder ab. Politisch trat Siegrist nicht mehr nennenswert in Erscheinung. 1927 wird er als Schatzmeister der Volksrecht-Partei genannt, der Partei, welche die Interessen des Sparerbundes vertrat, aber nie über den Status einer Splitterpartei hinauskam.
Im hohen Alter mußte Siegrist auch den von ihm bei seiner Verabschiedung befürchteten „Niedergang“ der Stadt miterleben. Wie die meisten deutschen Großstädte wurde Karlsruhe als Folge des nationalsozialistischen Terrorregimes im Zweiten Weltkrieg in der Innenstadt zu über 60 % zerstört. Siegrists Dankschreiben an den Karlsruher Stadtrat für die Glückwünsche zu seinem 80. Geburtstag lassen zumindest ahnen, daß er alte liberale Überzeugungen nicht ganz vergessen hatte, als er zwar auf ein siegreiches Ende des Kampfes des deutschen Volkes hoffte, aber nicht gegen die von den Nationalsozialisten als Feinde propagierten rassenideologischen und geopolitischen Gegner, sondern um der „Freiheit, Einheit und Wohlfahrt“ des deutschen Volkes willen.
Werke: Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe. Denkschrift d. Oberbürgermeisters über d. Verbesserung d. Verkehrseinrichtungen u. d. Elektrizitätsversorgung d. Stadt Karlsruhe, Karlsruhe 1912; Die Schaffung e. einheitl. Organisation f. d. Verkehrswesen u. d. Elektrizitätsversorgung d. Stadt Karlsruhe u. ihrer Umgebung, Karlsruhe 1913.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos StadtA Karlsruhe 8/PBS oIII 717-720, 1078-1079, 8/PBS III 1479-1482; Ölgemälde v. Walter Georgi im Rathaus d. Stadt Karlsruhe.

Literatur: Chronik d. Haupt- u. Residenzstadt Karlsruhe 1890-1919; Robert Goldschmit, Die Stadt Karlsruhe, ihre Gesch. u. ihre Verwaltung, FS z. Erinnerung an d. 200jähr. Bestehen d. Stadt, Karlsruhe 1915.
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