Lenz, Desiderius 

Andere Namensformen:
  • Taufname: Peter
Geburtsdatum/-ort: 12.03.1832;  Haigerloch
Sterbedatum/-ort: 28.01.1928;  Beuron
Beruf/Funktion:
  • OSB, Benediktinermönch, Bildhauer, Maler, Kunsttheoretiker
Kurzbiografie: Realschule in Haigerloch Unterricht durch Baurat Zobel Schreinerlehre beim Vater
1850–1858 Bildhauer-Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München
1855–1856 Unterbrechung des Studiums: Mitarbeit an Friesen für das erbprinzliche Schloss in Meiningen
1859–1862 Lehrer für Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule in Nürnberg
1862–1865 Preußisches Staatsstipendium für Rom
1865–1868 Teilhaber und Aufseher in den Marmorbrüchen von Laas, Südtirol
1868 Besuch der Abtei Beuron, Auftrag zur Mauruskapelle
1870–1872 Aufenthalte in Berlin und in Nürnberg
1872 Oblate in der Abtei Beuron
1878 Profess
1891 Weihe zum Subdiakon
1892 Ehrentitel: Pater
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Eltern: Vater: Christian Franz Xaver Lenz, Schreinermeister (1800–1849)
Mutter: Magdalena, geb. Lechleitner (1803–1855)
Geschwister: 6: Valentine; Katharina; Magdalena (1833–1834); Fidel; Magdalena (1842–1850); Martin
GND-ID: GND/118571672

Biografie: Hubert Krins (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 2, 177-179

Peter (Desiderius) Lenz ist der Begründer der Beuroner Kunstschule. Das Früh- und Hauptwerk dieser Schule, die Mauruskapelle bei Beuron, entstand jedoch schon vor seinem Eintritt in jene Abtei. Die stilistischen Merkmale dieses kleinen Bauwerks hatte Lenz in seinen römischen und Südtiroler Jahren entwickelt: einen geometrisch strukturierten Bildaufbau, Verzicht auf Realitätstreue und Raumperspektive zugunsten einer flächigen, strengen, zur Abstraktion drängenden Darstellungsweise. Dies wird insbesondere am Fassadenbild der Mauruskapelle deutlich, das ähnliche Abstraktionstendenzen der späteren Moderne vorwegzunehmen scheint. Dagegen zeigen die gemalten Friese an den Außenwänden einen klassizistisch-erzählenden Stil in der Tradition Bonaventura Genellis, während die Engelsfriese innen mit ihrem Gebärdefluss und dem Formenspiel der Weihrauchwolken wie eine Vorwegnahme von Elementen des Jugendstils wirken. In der Verbindung avantgardistischer Formgebung mit traditioneller christlicher Thematik liegt das Spezifische der Kunst von Lenz. Mit der Ausdeutung mancher Motive und Motivzusammenstellungen betritt Lenz gelegentlich ikonographisches Neuland, das noch genauerer Erforschung bedarf.
Das der Mauruskapelle vorangehende Frühwerk des Bildhauers Lenz ist nur durch wenige Werke und einige Fotos belegt. Den entscheidenden Schritt zum eigenen Stil vollzieht Lenz 1864 in Rom unter dem starken Einfluss altägyptischer Kunst, die er jedoch zunächst nur in Stichen kennen lernt. Zugleich wird jene Kunst zum Ausgangspunkt seiner kunsttheoretischen Überlegungen und Studien, die ihn ein Leben lang beschäftigen werden. Auch führt ihn seine Auffassung fortan zur zweidimensionalen Arbeitsweise; bildhauerische Arbeiten entstehen kaum noch, wozu aber auch eine Behinderung seiner rechten Hand beigetragen haben mag. Immer stärker verlegt Lenz sich auf Gesamtkonzepte, auf meist kleinformatige Entwürfe und überlässt die Umsetzung an der Wand oder auch im Atelier anderen. Dabei schätzte er vor allem die Mitarbeit seines Studienfreundes und Beuroner Mitbruders Jakob (Pater Gabriel) Wüger (1829–1892). Zu wichtigen thematischen Schwerpunkten werden für Lenz die Pietà, die stehende Muttergottes (Isis-Madonna, Madonna mit der Kugel) und Engelsfiguren. Deutlich ist auch sein Bemühen, die gesamte klösterliche Umwelt seinen Gestaltungsprinzipien zu unterwerfen bis hin zur Zellenmöblierung und den Geräten für den liturgischen Gebrauch.
Wüger und dessen Schüler Fridolin (Pater Lukas) Steiner (1849–1906) traten bereits vor Lenz als Mönche in die Abtei Beuron ein. Schon bei der Realisierung der Mauruskapelle hatten die drei zusammengearbeitet. Mit dem Eintritt von Lenz als Oblate in Beuron entsteht dann eine Künstlergruppe als Keimzelle der Beuroner Kunstschule, zu der bald auch andere für längere oder kürzere Zeit hinzukommen. Die sich innerhalb der Gruppe entwickelnden Auseinandersetzungen über den einzuschlagenden stilistischen Weg führen bereits 1874 zu einer klosterinternen Ablehnung der von Lenz vertretenen „ägyptischen, unchristlichen Kunstrichtung“ von Seiten des Abtes Maurus Wolter. In der Folgezeit setzt sich eine gemäßigtere Kunstauffassung durch. Erst nach dem Tod Wügers 1892 kann Lenz seine eigene Auffassung wieder stärker einbringen und umsetzen. Dennoch ist Lenz bei nahezu allen Projekten der Kunstschule der prägende Ideengeber. Etliche seiner Konzepte und Entwürfe sind jedoch nicht ausgeführt worden. Einen formellen Status erlangt die Kunstschule erst 1894. Sie umfasst bis zu 20 Oblaten bzw. Mönche, verliert aber nach 1900 rasch an Bedeutung.
Neben dem künstlerischen Werk von Lenz steht sein kunsttheoretisches. Es gründet auf zwei Überzeugungen: 1. dass die alten Ägypter das Geheimnis einer von Gott gegebenen Proportionslehre kannten, dass dieses Wissen aber im Lauf der Jahrhunderte verloren ging und nun wieder zu entdecken sei; 2. dass, einer Bibelstelle im Buch der Weisheit folgend, Gott alles „nach Maß, Zahl und Gewicht“ geschaffen habe. Zeitlebens spürt Lenz dem Geheimnis der Proportionen, insbesondere im Aufbau des menschlichen Körpers, nach. „Ohne Zahl und Maß, deren notwendige Proportionalität, kann man von Kunst nicht reden“ – so seine Grundüberzeugung. Die geometrischen Körper und Grundfiguren stellt er in ein theologisches Beziehungsgeflecht. Doch hat Lenz es nicht vermocht, die äußerst umfangreichen Studien zu seinem „Kanon“ in einer zusammenhängenden Weise zu veröffentlichen. Widerstände innerhalb der Abtei gegen seine manchmal verstiegen wirkenden Theorien dürften dazu beigetragen haben. Nachwirkungen seiner Auffassungen sind jedoch, vermittelt durch P. Willibrord (Jan) Verkade, in Frankreich bei der Künstlergruppe der Nabis, in Holland, Österreich, Tschechien und Dänemark, später in nordamerikanischen Klöstern nachzuweisen. In Deutschland hat er Architekten des modernen Kirchenbaus wie Rudolf Schwarz beeinflusst.
Quellen: NL KunstA der Erzabtei St. Martin zu Beuron.
Werke: Erhaltene eigenhändige Werke: Heilige Familie, Tondo (Gipsrelief) 1857; Pietà (Gipsfigur) 1858–1859; sog. Isis-Madonna (Gipsfigur, Nachgüsse in Bronze) 1872; Heilige Familie (Holzgruppe, farbig gefasst) 1873/74.<br /> Entwürfe für ausgeführte Arbeiten (Auswahl): Mauruskapelle Beuron, 1868–1870; Bilder des Benediktzyklus im Kreuzgang Beuron, 1873; Ausmalung der Torretta in Montecassino, 1876–1880, zerstört; Ausmalung der Emauskirche in Prag, 1880–1891, zum großen Teil zerstört; Kreuzweg in der Marienkirche Stuttgart, 1888–1890, zerstört; Refektorium in Beuron, 1889–1890; Ausmalung der Kirche St. Gabriel in Prag, 1891–1899; Mosaizierung der Krypta in Montecassino, 1898–1910.<br /> Entwürfe für nicht ausgeführte Arbeiten (Auswahl): Wandbild einer Pietà, 1865; Planungen für Idealkirchen, ab 1866; Kapelle der Deutschen im Dom zu Loreto, 1891; Ausmalung von St. Matthias in Trier, 1891; Ausmalung der Abteikirche Maria Laach, 1893; Entwurf für eine Kaiser-Franz-Josef-Gedächtniskirche in Wien, 1898–1899.<br /> Schriften: Ein Künstlerleben: P. Gabriel Wüger aus der Beuroner Kunstschule, in: Historisch-politische Blätter 116, 1895, II, 473–489 und 549–562; Zur Ästhetik der Beuroner Schule, 1898 (Übersetzungen ins Französische 1905, ins Niederländische 1912, ins Englische 2002); Versuch einer ästhetischen Geometrie, unveröff. Teildruck 1914 (Übersetzung ins Englische 2002); Der Kanon, in: Benediktinische Monatschrift 3, 1921, 363–372 (Übersetzung ins Englische 2002).
Nachweis: Bildnachweise: in vielen Publikationen. Altersfotos in: P. Dr. Maurus Pfaff, P. Desiderius Lenz, Der Meister von Beuron, in: Erbe und Auftrag 54, 1978, H. 3; sowie in: Desiderius Lenz, The Aesthetic of Beuron and other writings, 2002, 9.

Literatur: (Auswahl): P. Gallus Schwind, P. Desiderius Lenz, Biographische Gedenkblätter, 1932; Martha Dreesbach, Pater Desiderius Lenz von Beuron. Theorie und Werk. Zur Wesensbestimmung der Beuroner Kunst (Diss.), in: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 68, 1957, 93–183 und 69, 1958, 5–59; Zur Beuroner Kunstschule siehe Suso Mayer, Beuroner Bibliographie 1863–1963, 157–178; Harald Siebenmorgen, Die Anfänge der „Beuroner Kunstschule“. Peter Lenz und Jakob Wüger 1850–1875, 1983; Hubert Krins, Die Kunst der Beuroner Schule, 1998; Avantgardist und Malermönch, Peter Lenz und die Beuroner Kunstschule, Ausstellungskatalog mit mehreren Textbeiträgen, 2007; Hubert Krins, Die Beuroner Kunstschule, in: Benediktinische Kunst, 2007, 397–406 und 443 f.; mehrere Beiträge in: Ägypten, die Moderne, die ‚Beuroner Kunstschule‘, hg. von Harald Siebenmorgen und Anna zu Stolberg, 2009.
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