Tellenbach, Gerd Leo 

Geburtsdatum/-ort: 17.09.1903; Groß-Lichterfelde (Berlin)
Sterbedatum/-ort: 12.06.1999;  Freiburg im Br., beigesetzt in Freiburg-Günterstal
Beruf/Funktion:
  • Historiker, Wissenschafts- und Bildungspolitiker
Kurzbiografie: 1922 Abitur am Badischen Gymnasium in Baden-Baden
1922-1926 Studium: Geschichte, Germanistik und Latein in München und Freiburg im Br. bis Promotion zum Dr. phil. bei G. von Below in Freiburg im Br., Staatsexamen; Stipendiat der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft
1928-1933 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Preußischen Historischen Institut in Rom (P. F. Kehr)
1933 Habilitation und Privatdozent in Heidelberg
1933-1938 Lehrstuhlvertretungen in Heidelberg, Gießen und Würzburg
1935-1936 Berufung nach Rostock durch NSD-Dozentenbund vereitelt, erneut 1936 nach Erlangen als Nachfolger von B. Schmeidler
1938 ordentlicher Professor der Geschichte in Gießen
1942 ordentlicher Professor der Geschichte in Münster
1944 ordentlicher Professor der Geschichte in Freiburg
1946 Wahlsenator der Universität
1946-1947 Dekan der Philosophischen Fakultät
1949-1958 Senatsmitglied der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft
1949-1950 und 1957-1958 Rektor der Universität Freiburg, erneut zu deren 500-Jahr-Jubiläum
1950-1966 Vorstandsmitglied des Hochschulverbandes 1950, 1957-1958 Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, 1957-1966 Mitglied des Wissenschaftsrates, 1958-1961 Vizepräsident des Hochschulverbandes
1962-1972 Direktor des Deutschen Historischen Instituts Rom
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Auszeichnungen: Ehrenmitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (1954); Mitglied der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg (1954); Wahl zum korrespondierenden Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1955); korrespondierendes (1948), ordentliches Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica (1956); Dr. h. c. (phil.) der Katholischen Universität Löwen und Dr. h. c. (litt.) der Universität Glasgow (1960); Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland mit Stern (1968); Commendatore dell' Ordine „Al Merito della Repubblica Italiana“ (1973); Corresponding Fellow der British Academy, London (1976); Dr. h. c. (phil.) der Universität Pisa (1987); Socio Straniero della Classe di Scienze Morali, Storiche e Filologiche der Accademia dei Lincei, Rom (1987); Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg (1995)
Verheiratet: 1945 (Weilburg an der Lahn), Marie Elisabeth, geb. Gerken
Eltern: Vater: Friedrich Leo (1861-1914), Oberst
Mutter: Margarethe, geb. Eberty (1872-1954)
Geschwister: 3:
1 Bruder
2 Schwestern
2 Halbbrüder aus 1. Ehe des Vaters
Kinder: 4:
2 Söhne
2 Töchter
GND-ID: GND/11862122X

Biografie: Joachim Wollasch (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 366-368

Noch nicht elf Jahre alt verlor Tellenbach zu Beginn des I. Weltkrieges seinen Vater, der trotz eines Beckenrisses als Oberst das Offenburger Infanterieregiment 170 ins Feld führte und kurz darauf verwundet wurde. Dem Vater folgte Tellenbachs ältester, von ihm bewunderter Bruder aus erster Ehe des Vaters mit einer früh verstorbenen Frau, der ebenfalls den Soldatentod erlitt. Zweifellos haben diese Ereignisse Tellenbach frühzeitig für die Beobachtung der Gesellschaftsentwicklung seiner Zeit sensibilisiert. Doch gab er den Gedanken, Jura und Nationalökonomie zu studieren, um sich am politischen Leben betätigen zu können, unter dem Einfluss seines Baden-Badener Gymnasialdirektors, des Altphilologen Friedrich Blum, zugunsten eines Studiums in der Philosophischen Fakultät auf. In München und Freiburg im Br. studierte er Geschichte. Aber schon in München waren es ein Proseminar und die Vorlesung des Kunsthistorikers Heinrich Wölfflin, die ihm unvergesslich blieben. Als er 1926 in Freiburg bei G. von Below mit einer Dissertation über „Die bischöflich passauischen Eigenklöster und ihre Vogteien“ promovierte, hatte er sich vom Interesse seines Doktorvaters an der Entstehung der Landeshoheit, dem die Arbeit zugeordnet sein sollte, entfernt und dem Verhältnis von Kirche und Welt genähert, das ihn nie mehr verlassen sollte. Die Lektüre R. Sohms und A. von Harnacks hat ihm damals dabei geholfen. Um nun die Geschichtswissenschaft zum Beruf zu wählen, plante er die Habilitation. Doch 1927 starb von Below. Der Neuhistoriker Gerhard Ritter vermittelte ihm die Verbindung zum Preussischen Historischen Institut in Rom. Unter der Leitung P. F. Kehrs arbeitete er zusammen mit Kollegen wie H. W. Klewitz und C. Erdmann, mit dem ihn bald Freundschaft bis zu dessen Tod verband. Die römischen Jahre prägten ihn für das Leben. Hier entstand auch, vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung des Faschismus mit der Katholischen Kirche und der Lateranverträge, seine Habilitationsschrift „Libertas. Kirche und Weltordnung im Zeitalter des Investiturstreites“, die eine entscheidende Epoche des Mittelalters ganz neu verstehen lehrte und bis heute als Standardwerk gilt. Anfang 1933 habilitierte er sich bei K. Hampe in Heidelberg und wurde dort Privatdozent.
Jetzt erlebte und erlitt er, der zu keiner Zeit der NSDAP beigetreten und von Anfang an deren Gegner gewesen war, den Universitätsalltag unter der NS-Herrschaft. Es wurde das Schlüsselerlebnis seines Lebens. Ein Vortrag M. Heideggers über „Die Universität im Dritten Reich“ enttäuschte ihn zutiefst. Das Unvermögen und die Schwäche, die er damals empfand, sah er als Schande und Schuld, die lebenslang belasteten. Für den NSD-Studentenbund gehörte er zu denen, deren Vorlesungen man nicht hörte. Der NSD-Dozentenbund begutachtete ihn trotz des Zugeständnisses sachlicher Leistung so, dass Berufungen nach Rostock und Erlangen scheiterten. Bei einer Lehrstuhlvertretung in Würzburg, nach solchen in Heidelberg und Gießen, stellte er sich den Studierenden selbstironisch als „magister peripateticus“ vor. Mit Hilfe nationalsozialistischer Kollegen gelang es ihm, einen jüdischen Studenten zu promovieren, der noch rechtzeitig ins Ausland entkam und dessen Eltern an „diese Zeichen wahrhafter Menschlichkeit ... nicht mehr zu glauben wagten“ (Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 146, 1998, 557). Als er fünf Jahre nach seiner Habilitation Ordinarius in Gießen wurde, geschah es wegen eines Einspruchs des NSD-Dozentenbundes erst im zweiten Anlauf. Auf die Art und Weise, wie die NS-Führung, in diesem Fall besonders der Reichsführer SS Heinrich Himmler, sich mit der Tausendjahrfeier des Todes König Heinrichs I. in Quedlinburg der Anfänge der deutschen Geschichte bemächtigten, antwortete Tellenbach mit dem Buch „Königtum und Stämme in der Werdezeit des Deutschen Reiches“ (1939), das, aus seinem Plan einer wissenschaftlichen Biographie Heinrichs I. entstanden, strukturgeschichtlich das Ende des Karolingerreiches und die Entstehung seiner Nachfolgereiche behandelte. „Die Entstehung des Deutschen Reiches“ folgte 1940, 1941 2. Aufl. Die 3. Auflage 1943, deren mehrfacher Satz durch Bomben vernichtet wurde, hat er 1946 ohne die geringste Änderung, doch mit einem „Nachwort über heutige Perspektiven der deutschen Geschichte“ versehen, herausbringen können (1947).
Hier war schon der Weg der „Personenforschung“ beschritten, die den Menschen galt, die an geschichtlichen Entwicklungen beteiligt waren, und mit der er nach dem Krieg im „Freiburger Arbeitskreis“ schulbildend gewirkt hat. Nach seiner Berufung nach Freiburg im letzten Kriegsjahr fuhr er freilich zuerst, um dem im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 verhafteten Gerhard Ritter zu helfen, mit einer Denkschrift der Philosophischen Fakultät ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin. Auch wenn Ritter erst in den letzten Kriegstagen freikam, verdient dieser gewagte Schritt höchste Beachtung.
Wie sich Tellenbach von einem „Ethos der Geschichte als Wissenschaft“ leiten ließ, das ihm „Pietät gegenüber den Toten“ und „Verpflichtung für die Zukünftigen“ im Umgang mit der geschichtlichen Überlieferung auferlegte, so hat er nach dem Kriegsende Verantwortung „für Mitwelt und Geschichte“ übernommen, an der eigenen Universität beim Wiederaufbau des Universitätslebens als Senator, Dekan und Rektor, darüber hinaus in der Hochschul- und Wissenschaftspolitik überhaupt. 1945 schrieb er „Die Deutsche Not als Schuld und Schicksal“ (1947), 1946 „Zur Selbstorientierung der deutschen Universität“. Für einige Zeit traten hinter seinen hochschulpolitischen Schriften die wissenschaftlichen Arbeiten zurück. Angefangen mit der Förderung der Studierenden (Hinterzarten 1952 und Bad Honnef 1955) über die Zusammenarbeit hochschulpolitischer Kräfte in der wiederbegründeten Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, der späteren Deutschen Forschungsgemeinschaft, im Hochschulverband und Wissenschaftsrat sowie in der Westdeutschen Rektorenkonferenz, dessen Präsident Tellenbach, der 1957/58 zum 2. Mal zum Rektor der Universität Freiburg in deren Jubiläumsjahr gewählt wurde, gewesen ist, rang er um eine innere Reform der geistigen und sozialen Funktionen der Universität. Das zunehmende Nachlassen des öffentlichen Interesses daran enttäuschte ihn. Seine wichtigsten hochschulpolitischen Schriften und Reden wurden 1963 unter dem von ihm stammenden Titel „Der Sibyllinische Preis“ gesammelt und herausgegeben.
Er beteiligte sich an der Historia mundi, der ersten Weltgeschichte, die nach dem II. Weltkrieg von deutschen Wissenschaftlern als Handbuch geschaffen wurde. Seine universalhistorischen Darstellungen entfaltete er in den 1960er Jahren weiter. Gleichzeitig, nach langen, Landesgeschichte und Personenforschung verbindenden Vorarbeiten im „Freiburger Arbeitskreis“, erschloss Tellenbach mit seinen Schülern die Zeugnisse liturgischen Gedenkens für die Erforschung der Personen, Personengruppen und Gemeinschaften des Mittelalters und deren Lebenszusammenhänge. Es entstanden große Editionen von Verbrüderungsbüchern und Nekrologien. Bei der dafür erforderlichen inhaltlichen und paläographischen Durchdringung dieser umfangreichen Zeugnisgruppen, die meist erst im Laufe ihrer mittelalterlichen Benutzung ihre endgültige Gestalt erhielten, waren weitgreifende komparatistische Untersuchungen durchzuführen. Es handelte sich um nichts weniger als um frühe Wege der Erforschung von Erinnerungskultur. Aus den sich um Tellenbach sammelnden Schülergruppen – Hilfskräften, Assistenten und Stipendiaten der Deutschen Forschungsgemeinschaft – gingen zahlreiche Habilitationen hervor. Lehrstühle an den Universitäten Hamburg, Frankfurt am Main, Göttingen – verbunden mit dem Präsidium der Max-Planck-Gesellschaft für Geschichte und der Akademie der Wissenschaften –, Münster in Westfalen, Würzburg und Freiburg wurden von Tellenbach-Schülern besetzt. Diese habilitierten ihrerseits wieder Schüler aus Tellenbachs Umfeld und so wurden Lehrstühle an den Universitäten Düsseldorf, München, Hannover und Aachen von der Schule Tellenbachs eingenommen.
In diesem die internationale Mediaevistik nachhaltig beeinflussenden Aufbruch erreichte Tellenbach die Berufung als Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Wieder – inzwischen hatte er 76 Schülerinnen und Schüler promoviert, die ersten wurden nach ihrer Habilitation auf Lehrstühle berufen – führte er sein wissenschaftliches Werk und die wissenschaftspolitischen Aufgaben, die in Rom vorgegeben waren, zusammen. In den nächsten zehn Jahren erfuhren unter seiner Leitung der deutsch-italienische Austausch in der Erforschung des Faschismus und die musikgeschichtliche Abteilung des Instituts besondere Förderung. Den Umzug des Instituts vom Corso Vittorio Emmanuele zur Via Aurelia Antica und den Neubau dort bereitete er vor. Nach seiner Rückkehr aus Rom (1972) vermochte er sich noch mehr als zwei Jahrzehnte der wissenschaftlichen Arbeit zu widmen.
Tellenbach hat an der Entwicklung der Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert aktiv teilgenommen, sie durch Personenforschung und deren Weiterungen wesentlich geprägt und durch einsame Leistungen wie „Libertas“ und sein Alterswerk „Die westliche Kirche vom 10. bis zum frühen 12. Jahrhundert“ bereichert. Die Verleihung der Ehrendoktorwürde in Löwen, Glasgow und Pisa, die Mitgliedschaft an in- und ausländischen Akademien der Wissenschaften und staatliche Auszeichnungen im In- und Ausland (siehe oben) spiegeln das internationale Echo auf seine Beiträge zur Geschichtswissenschaft und Wissenschafts- und Bildungspolitik wider. Mit der „Methodenstrenge“, die er sich bei von Below angeeignet, mit der für ihn charakteristischen Selbstkritik verbunden und stets von sich und seinen Schülern gefordert hat – beides leitete er vom „Ethos der Geschichte als Wissenschaft“ ab – hat er dem Bemühen um neue Erkenntnis des Mittelalters bis in die Sprache hinein, die er stets jeglicher zeitgeschichtlichen oder gar modischen Aktualität fern hielt, Maßstäbe gesetzt.
Quellen: Nachlass (Familie Tellenbach) künftig UA Freiburg im Br.
Werke: H. Diener, Verz. d. Schriften von G. Tellenbach, in: Adel u. Kirche, G. Tellenbach zum 65. Geburtstag dargebr. von Freunden u. Schülern, hg. von J. Fleckenstein u. K. Schmid, 1968, 581-587; G. Tellenbach, Der Sibyllinische Preis, Schriften u. Reden zur Hochschulpolitik 1946-1963, hg. v. R. Mielitz, 1963; G. Tellenbach, Ausgewählte Abhandlungen u. Aufsätze 1-3, 1988, 4 ebd. 1989, 5 ebd. 1996; G. Tellenbach, Aus erinnerter Zeitgeschichte, 1981; Ders., Erzählte Erfahrung, Freib. Universitätsbll. H. 114, Dez. 1991, 51-62; Gedanken zur „Roma aeterna“, in: Menschen, Ideen, Ereignisse in d. Mitte Europas. FS zum 65. Geburtstag Rudolf Lills, hg. von W. Altgeld u. a., 1999; Mittelalter u. Gegenwart. Vier Beiträge. Aus dem Nachlass hgg. v. Dieter Mertens u. a., 2003.
Nachweis: Bildnachweise: Mittelalter u. Gegenwart, 2003, Buchdeckel (vgl. Lit.).

Literatur: Adel u. Kirche, 1968 (vgl. Werke); K. Schmid, Der Freiburger Arbeitskreis, G. Tellenbach zum 70. Geburtstag, in: ZGO 121, 1974, 331-347; Reich u. Kirche vor dem Investiturstreit, Vortr. beim wiss. Kolloquium aus Anlass d. 80. Geburtstages von G. Tellenbach, hg. von K. Schmid, 1985; H. Keller, Das Werk G. Tellenbachs in d. Geschichtswissenschaft unseres Jh.s, Frühmittelalterliche Studien 28, 1994, 374-397; J. Wollasch, G. Tellenbach 95 Jahre alt, Freib. Universitätsbll. 141, 3. H., Sept. 1998, Geburtstage; Ders., G. Tellenbach, in: Akad. Feier zum Gedenken an Altrektor Professor Dr. Dr. h. c. mult. G. Tellenbach, gehalten am 19. November 1999, Freib. Universitätsbll. 147, 1. H., März 2000, 85-100; G. Tellenbach (1903-1999). Ein Mediävist des 20. Jh.s. Vorträge anlässlich seines 100. Geburtstags in Freiburg im Br. am 24. 10. 2003, hgg. v. Dieter Mertens u. a., 2005.
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