Picht, Georg 

Geburtsdatum/-ort: 09.07.1913; Straßburg
Sterbedatum/-ort: 17.08.1982;  Breitnau
Beruf/Funktion:
  • Philosoph und Pädagoge, Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg
Kurzbiografie: Privatunterricht
1927-1931 Berthold-Gymnasium Freiburg
1932-1940 Studium der Altphilologie, Philosophie an den Universitäten Freiburg, Kiel, Berlin
1938-1939 Mitarbeit in der Kirchenväterkommission der Berliner Akademie der Wissenschaften
1940-1941 Lehrer an der Schule Birklehof Breitnau/Hochschwarzwald
1942-1945 wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter, Institut für Altertumswissenschaften, Universität Freiburg
1942 Promotion Dr. phil.
1946-1956 Leiter der Schule Birklehof (Internat und Gymnasium), Breitnau
1958-1982 Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg (FEST)
1965-1978 ordentlicher Professor für Religionsphilosophie, Universität Heidelberg
1953-1963 Mitglied des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen
1965 Verleihung des Theodor-Heuss-Preises, Mitglied des PEN-Clubs
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1936, Berlin, Edith, geb. Axenfeld
Eltern: Vater: Werner Picht (1887-1965), Nationalökonom/Schriftsteller, Berlin
Mutter: Greda, geb. Curtius (1889-1972), Thann/Elsaß
Geschwister: 2 Brüder
Kinder: Robert (geb. 1937)
Greda (1942-1950)
Stephan (1946-1948)
Gabriele (geb. 1947)
Christoph (geb. 1951)
Johannes (geb. 1954)
Clemens (geb. 1956)
GND-ID: GND/118742388

Biografie: Kurt Aurin (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 278-280

Pichts Vorfahren waren väterlicherseits Juristen, Offiziere und Kaufleute, mütterlicherseits Akademiker und Gelehrte; sein Urgroßvater, E. Curtius, hat Olympia ausgegraben, der Romanist E. R. Curtius war der Bruder seiner Mutter. Picht studierte in Freiburg, Kiel und Berlin Klassische Philologie und Philosophie. Gegen Ende seines Studiums war er in Berlin als Mitarbeiter der Kirchenväterkommission der Berliner Akademie der Wissenschaften tätig. Seine Lehrer waren Martin Heidegger und Wilhelm Szilasi, die klassischen Philologen und Altertumswissenschaftler Wolfgang Schadewaldt, Eduard Fraenkel, Felix Jacoby und Johannes Stroux. Als seine geistigen Väter sah Picht vor allem Platon, Kant, Nietzsche und Heidegger an; Picht begriff sich auf der Leitlinie ihrer großen Werke und umfassenden Denkansätze als Philosoph, der aus den ganzheitlichen Zusammenhängen und Spannungen von Philosophie, Politik, Wissenschaft und Kunst auf der Basis christlicher Verantwortung und kritischer Vernunft das Menschen- und Weltverständnis unserer Zeit zu bestimmen, das Zeitgeschehen kritisch zu analysieren und Wegweisungen für Gegenwartsbewältigung und Zukunftsgestaltung zu geben suchte. Obwohl ihn die Ergebnisse seiner Analysen mit Zweifel und Pessimismus erfüllten, blieb er dennoch idealistisch orientiert, war vom Glauben an eine bessere Welt bestimmt und hielt ihre Realisierbarkeit für möglich. Nach dem Studium (1932 bis 1942) wurde er zunächst für zwei Jahre Lehrer in alten Sprachen am Landerziehungsheim Birklehof, kündigte dann aber, als die Schule auf Druck des NS-Regimes per Erlaß nationalsozialistisch ausgerichtet werden sollte. Durch Vermittlung Heideggers erhielt er eine Assistentenstelle am Altertumswissenschaftlichen Institut der Universität Freiburg, wo er 1942 mit einer Arbeit über die „Ethik des Panaitios“ promovierte; in dieser rekonstruierte Picht das ethische Denken des im wissenschaftlichen Bereich bislang kaum berücksichtigten stoischen Philosophen. Von vornherein war Philosophie Pichts Anliegen und Aufgabe. Eine Tätigkeit im Bereich der Universität strebte er aber vor allem auch deshalb weniger an, weil ihn in den Jahren seiner Universitätszeit (1932-1944) die dort erfahrene mangelnde Solidarität deutscher mit jüdischen Professoren besonders getroffen hatte. Wenige Monate nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde Picht in einer verworrenen und ökonomisch schwierigen Lage mit der Leitung der Schule Birklehof, Internat und Gymnasium, betraut. Er sah hierin eine Herausforderung und Verpflichtung. Picht gelang es, Schule und Internat wieder in Gang zu bringen, beiden durch seine pädagogische Kreativität und sein erzieherisches Engagement eine charakteristische Gestalt als weltoffene, christlich und humanistisch ausgerichtete Bildungsstätte zu geben und ihren pädagogischen Ruf zu begründen. Er war Mitbegründer der Vereinigung deutscher Landerziehungsheime. In der Zeit am Birklehof richtete Picht ein Institut für Platonforschung ein, an dem er, unterstützt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, mit einem, zeitweise zwei Assistenten tätig war, um Materialien für ein philosophisch ausgerichtetes Platon-Lexikon zu erarbeiten. Picht sah von Anfang seine Schulleitungsaufgabe im Birklehof als zeitlich begrenzt an und gab von sich aus 1956 die Schulleitung ab, um sich ganz seiner philosophischen Arbeit zu widmen. Durch seine Tätigkeit am Birklehof, seine Veröffentlichungen und Vorträge inzwischen bekannt geworden, wurde Picht 1958 zum Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft Heidelberg (FEST) berufen.
In diesem Institut, das von den Evangelischen Kirchen der Bundesrepublik getragen wird und sich mit interdisziplinärer Grundlagenforschung in den Grenzbereichen zwischen Philosophie, Theologie, Natur- und Sozialwissenschaften beschäftigt, setzte er sich mit grundlegenden Fragen der Beziehungen zwischen Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften sowie den Gegenwarts- und Zukunftsproblemen und insbesondere auch mit den damit verbundenen Herausforderungen an das Bildungssystem und die Bildungspolitik auseinander. Hierdurch ergaben sich für Picht Beratungsaufgaben nicht nur bei den evangelischen Kirchen, sondern auch im Bereich der Politik, insbesondere der Bildungspolitik. Bereits in den letzten Jahren seiner Schulleitertätigkeit auf dem Birklehof war Picht aufgrund seiner Tätigkeit im Privatschulbereich, seiner Beziehungen zur Lehrerbildung und seiner Vorschläge zur Hochschulreform zum Mitglied des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen berufen worden, dem er von 1953 bis 1963 angehörte; er wirkte dort maßgeblich am Konzept des Rahmenplans für das deutsche Erziehungs- und Bildungswesen und insbesondere auch am Gutachten zur Erwachsenenbildung mit. Picht war Mitglied des Beirats für Bildungsplanung des Kultusministeriums Baden-Württemberg und Vorsitzender der Planungskommission für Erwachsenenbildung, die 1968 einen „Gesamtplan für ein kooperatives System der Erwachsenenbildung“ erarbeitete. In den bewegten Jahren dieser Zeit der gesellschaftlichen Veränderungen und des bildungspolitischen Aufbruchs entstanden zwei seiner wichtigsten Werke: „Die deutsche Bildungskatastrophe“ (1964) und „Mut zur Utopie“ (1969) – in neun Sprachen übersetzt. Im letztgenannten Buch setzte sich Picht mit den Weltproblemen auseinander, u. a. mit der Überbevölkerung, der Welternährungsproblematik, mit der immer künstlicher werdenden Welt, mit der Technik, der Ökologie- und Friedensthematik, lange bevor sich dieser Themen andere und die breite Öffentlichkeit annahmen. 1969 wurde er in einen Ausschuß des Innenministeriums berufen, dem er vorstand und der sich mit der Problematik der Umweltzerstörung und -erhaltung befaßte. Ferner war Picht Mitglied der „Nord-Süd-Round-Table-Konferenz“ der Society for International Development und stand hinsichtlich der Welt- und Menschheitsprobleme mit dem Club of Rome in Verbindung. In seiner Heidelberger Zeit entstanden vielfältige Aufsätze und Abhandlungen zur Zeitproblematik und insbesondere seine philosophischen Studien über die Möglichkeiten und Erfordernisse menschlicher Verantwortung in der Geschichte (1969) sowie die Manuskripte seiner postum veröffentlichten Vorlesungen und Schriften (siehe Literatur zu Werke).
Picht war kein Politiker, vielmehr gab er anregend und beratend Anstöße, insbesondere zur Bildungs-, aber auch zur Entwicklungspolitik, zur Friedensforschung und zum Aufgreifen der Umweltproblematik. Seine Analysen und Thesen fanden unterschiedliches Echo, ihre Auswirkungen waren teilweise problematisch, und an ihnen schieden sich die Geister; Picht fand nicht überall Zustimmung und erfuhr Kritik, wozu auch die Form seiner Rhetorik und seine gelegentlich emphatische Art Anlaß gaben. Die Schwerpunkte seines Werkes und seines tätigen Wirkens liegen in der philosophisch reflektierten, von Verantwortung für den einzelnen Menschen wie die Menschheit im ganzen getragenen kritischen Zeit- und Zukunftsanalyse sowie im Aufzeigen der damit verbundenen Herausforderungen, Aufgaben und möglichen Lösungen; nicht zuletzt sind sie in dem großangelegten Versuch zeitgerechter Erschließung der großen Philosophien und abendländisch klassischen Denkentwürfe zu sehen als den nach wie vor tragenden und lebendig zu erhaltenden Fundamenten unseres Geistes und seiner Verantwortung.
Werke: Neben anderen Buchveröffentlichungen und zahlreichen Aufsätzen vor allem die Bücher: Naturwissenschaft und Bildung, Würzburg 1954; Die Deutsche Bildungskatastrophe, Olten-Freiburg 1964; Die Verantwortung des Geistes, Olten-Freiburg 1965; Mut zur Utopie, München 1969; Wahrheit, Vernunft und Verantwortung, Stuttgart 1969; Georg Picht und Constanze Eisenbart (Hg.), Frieden und Völkerrecht, Stuttgart 1973; Theologie – Was ist das? Stuttgart 1977; Hier und Jetzt – Philosophieren nach Hiroshima und Auschwitz, Stuttgart I 1980, II 1981; Vorlesungen und Schriften, bislang 6 Bde.; Kants Religionsphilosophie, 1985; Kunst und Mythos, 1986; Aristoteles’ „De Anima“, 1987; Nietzsche, 1988; Der Begriff der Natur und seine Geschichte, 1989; Platons Dialoge „Nomoi“ und „Symposion“, Stuttgart 1990
Nachweis: Bildnachweise: Foto auf Prospekt des Klett-Cotta-Verlags, Georg Picht 1913-1982. Vorlesungen und Schriften, o. J. (1990), desgl. in: Börsenblatt Nr. 92/1963, Bildbeilage Nr. 85 T

Literatur: Walter Dirks, Wegweiser Georg Picht, Frankfurter Hefte 37/1982, 2-3; Hans Paeschke, In memoriam Georg Picht, Merkur, 36/1982, 1042-1044; Heinz Eduard Tödt, Abschied von Georg Picht, Luther, Monatshefte 21/1982, 471/472; Carl Friedrich von Weizsäcker, Georg Picht, in: Wahrnehmung der Neuzeit, München, Hauser, 1983, 185-189; Constanze Eisenbart, Hg., Georg Picht – Philosophie der Verantwortung (Gedenkreden), Stuttgart 1985; Ilse Tödt (Hg.), Platon-Miniaturen für Georg Picht, Heidelberg 1987, 118 S. Weitere Literatur: LbBW 6 Nr. 16807-16809
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