Chantraine, Heinrich Paul Wilhelm 

Geburtsdatum/-ort: 10.02.1929; Betzdorf/Sieg
Sterbedatum/-ort: 09.12.2002; Mossautal
Beruf/Funktion:
  • Althistoriker
Kurzbiografie: 1948 Abitur in Betzdorf
1948-1954 Studium an der Universität Mainz
1955 Promotion bei H.-U. Instinsky: Untersuchungen zur römischen Geschichte am Ende des 2. Jahrhunderts vor Christus
1957/58 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Antiken Fundmünzenkatalog in München
1958-1965 Wissenschaftlicher Assistent im Fach Alte Geschichte an der Universität Mainz
1965 Habilitation
1967 Ernennung zum ordentlichen Professor für Alte Geschichte an der Universität Mannheim; Korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Institutes
1970-1973 Prorektor der Universität Mannheim
1973-1998 Leiter der Abteilung für Alte Geschichte der altertumswissenschaftlichen Sektion der Görres-Gesellschaft
1985-1988 Rektor der Universität Mannheim
1988 Korrespondierendes Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur
1995 Emeritierung
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1960 (München) Irmengard, geb. Eß (geb. 1930)
Eltern: Vater: Heinrich, Röntgenologe
Mutter: Änne, geb. Profitlich
Geschwister: Annemarie (Änne)
Kinder: 3: Sibylla, Ernst, Paul
GND-ID: GND/119159171

Biografie: Stefan Rebenich (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 38-41

Nach dem Besuch des Realgymnasiums in seiner Heimatstadt Betzdorf studierte Chantraine Klassische Philologie und Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Dort schlug ihn der Althistoriker Hans-Ulrich Instinsky in seinen Bann. Doch auch andere akademische Lehrer prägten ihn, so die Altphilologen Wilhelm Süß, Franz Dirlmeier und Andreas Thierfelder, der Archäologe Roland Hampe und die Historiker Theodor Schieffer, Eugen Ewig und Ludwig Petry.
Sein Studium beendete der 26-jährige 1955 mit der Promotion, die Instinsky und Thierfelder betreut hatten und die drei Untersuchungen zur Geschichte der späten römischen Republik zusammenfasste. Mit Hilfe der minutiösen Kritik der komplexen Überlieferung und der bisherigen Forschung sollten chronologische und staatsrechtliche Probleme der gracchischen Ackerkommission, des jugurthinischen Krieges und der Ämterlaufbahn des Marius gelöst werden. Hier bereits zeigte sich der analytische Scharfsinn, der auch Chantraines späteres Œuvre kennzeichnet.
Nach der Promotion war Chantraine wissenschaftliche Hilfskraft am Mainzer Institut für Alte Geschichte. Bevor er dort im April 1958 als wissenschaftlicher Assistent eingestellt wurde, verdingte er sich eineinviertel Jahre als Mitarbeiter des von Konrad Kraft initiierten Unternehmens der „Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland“. Durch dieses Projekt, das damals in München angesiedelt war und eine Reihe junger Althistoriker und Archäologen zeitweise beschäftigte, lernte Chantraine eine neue Quellengruppe kennen: die Münzen. Die Begeisterung für die Numismatik ließ ihn nicht mehr los. In der Tradition Theodor Mommsens und unter dem Einfluss von Konrad Kraft verstand Chantraine unter Numismatik nicht antiquarische Münzkunde, sondern sozial- und wirtschaftsgeschichtlich motivierte Geldgeschichte. Die Münze war ihm immer historisches Zeugnis, das für übergreifende Fragestellungen herangezogen werden musste. Seine Kennerschaft auf diesem Gebiet war national wie international unbestritten. Für das Fundmünzprojekt übernahm Chantraine die Publikation der Fundmünzen der Pfalz. Darüber hinaus bearbeitete er die antiken numismatischen Überreste von Neuss. Noch unmittelbar vor seinem Tod legte er einen methodisch richtungweisenden Beitrag zur Bedeutung der Münzen für die Rekonstruktion des Ortes der Varusschlacht vor.
Mit der Hinwendung zur Numismatik korrespondierte das Interesse für metrologische Fragen. In zahlreichen metrologischen Beiträgen, die in den großen deutschsprachigen Referenzwerken zur Altertumswissenschaft erschienen, hat Chantraine seine Kennerschaft auch auf diesem Gebiet eindrucksvoll bewiesen. Sein großes Projekt, das er in den letzten Jahren seiner Universitätstätigkeit noch anschob, eine umfassende Sammlung der antiken Gewichte und Maße, eine Sylloge ponderum et mensurarum, blieb allerdings ebenso unvollendet wie sein Plan, den Band über antike Metrologie für das Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft zu schreiben.
Zu den literarischen Texten, zu Münzen und Gewichten traten die Inschriften. Chantraine zeigte in seiner Habilitationsschrift über „Freigelassene und Sklaven im Dienst der römischen Kaiser“, wie bedeutend diese Quellengruppe für die althistorische Sozialgeschichtsforschung ist. Die Untersuchung, die 1967 die neue Reihe „Forschungen zur antiken Sklaverei“ der Mainzer Akademie der Wissenschaften eröffnete, widmete sich eingehend der Nomenklatur der unfreien und freigelassenen Dienerschaft der römischen Kaiser und wurde schnell zum Standardwerk. Chantraine ist in den folgenden Jahren immer wieder auf diesen Gegenstand zurückgekommen. Aus den meist spröden, nicht direkt datierten Inschriften hat er wichtige Erkenntnisse zur antiken, insbesondere römischen Sklaverei gewonnen und zu dem Aufschwung beigetragen, den dieses Forschungsgebiet in der westdeutschen Althistorie seit den 1960er Jahren nahm.
Nicht zuletzt seiner Habilitationsschrift verdankte der Siebenunddreißigjährige Ende 1966 den Ruf auf das neu geschaffene Ordinariat für Alte Geschichte an der Universität Mannheim. Hier führte er über fast drei Jahrzehnte seine Forschungen fort, erschloss sich aber auch zwei neue Themenfelder: Die Geschichte der Spätantike und des frühen Christentums im römischen Reich sowie die Geschichte der eigenen Wissenschaft. Ein wichtiger Beitrag erinnert an die Leistungen deutscher Juden für die Alte Geschichte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Das Verhältnis von Staat und Kirche im Imperium Romanum zu erkunden, war dem engagierten Katholiken Chantraine zugleich ein persönliches Anliegen. In einer Abhandlung der Mainzer Akademie der Wissenschaften von 1992 über die Nachfolgeregelung Konstantins des Großen hat er nochmals eindrücklich demonstriert, welche Erkenntnisfortschritte auch auf einem vermeintlich ausgiebig bestellten Feld noch erzielt werden können, wenn unterschiedliche Quellengattungen zusammengeführt und neu interpretiert werden.
Die methodisch saubere Analyse der Quellen der Alten Geschichte wollte Chantraine auch in seinen Lehrveranstaltungen vermitteln. In den Seminaren wurde um das genaue Verständnis und die plausible Interpretation von literarischen Texten, von Münzen und Inschriften gerungen. Seine Studenten und Schüler lernten von ihm, „aus den Quellen zu schöpfen“ – so lautet auch der Titel der Festschrift, die ihm zum 65. Geburtstag dargebracht wurde: E fontibus haurire. Dabei verstand es sich von selbst, dass die Texte in der Originalsprache traktiert wurden. Die eigentliche Arbeit im Hauptseminar bestand jedoch darin, ein komplexes Thema mit Hilfe eines Thesenpapieres, das zentrale Texte, pointierte Thesen und ausgewählte Literatur zu umfassen hatte, in den Griff zu bekommen und die eigene Position in einer ausführlichen Diskussion, in der Chantraine unerbittlich nachfragen konnte, zu begründen. Hier wurde der kritische althistorische Diskurs eingeübt – avant la lettre.
Chantraine war ein engagierter akademischer Lehrer, der immer ein offenes Ohr für die Anliegen seiner Studenten hatte. In den Anfangsjahren seiner Tätigkeit an der Universität Mannheim übernachtete er bei Eisglätte ab und an in der Universität, wenn er befürchtete, am nächsten Morgen nicht pünktlich zum Kolleg kommen zu können. Seine Vorlesungen hielt er über drei Wochentage verteilt immer frühmorgens. Danach trafen sich alle Seminarmitglieder zu einem Frühstück, um Themen der Vorlesung weiter zu diskutieren, organisatorische Fragen zu klären, aktuelle politische Entwicklungen zu kommentieren und Gäste willkommen zu heißen.
Im persönlichen Habitus überaus bescheiden und in der politischen Überzeugung katholisch-konservativ, eignete dem akademischen Lehrer Chantraine eine herausragende Liberalität. Divergierende Interpretationen konnten verteidigt und Schwerpunkte selbst gesetzt werden – wenn es gelang, ihn von der eigenen Position zu überzeugen. Wer die Freiräume, die Chantraine öffnete, zu nutzen verstand, tat dies zum eigenen Vorteil: Mit gütigem Wohlwollen und wachem Interesse begleitete und förderte er die wissenschaftliche Emanzipation. Seine scharfe Kritik, die sich an einer falschen Übersetzung aus dem Griechischen oder Lateinischen, einer unklaren Formulierung, der fehlenden argumentativen Stringenz oder einer verqueren Schlussfolgerung entzünden konnte, baute auf, weil sie die Voraussetzungen des Gegenübers akzeptierte und sich auf dessen Ziele einließ. Diesen Grundsätzen folgte er auch als Rezensent. Fehler verzeichnete er genau, fragte klug nach und provozierte dazu, die eigene Haltung zu überdenken. Seine intensive Rezensionstätigkeit kam nicht nur den Autoren der besprochenen Werke, sie kam dem ganzen Fach zugute.
Chantraine war kein Mann der populären Synthese und erst recht nicht des rasch publizierten Sammelbandes. Er bevorzugte die quellengesättigte Untersuchung, die methodisch genaue Analyse, die knappe, aber eindringliche Darstellung. Sein wissenschaftliches Œuvre war Methoden und Fragestellungen der Klassischen Philologie, der Geschichtswissenschaft und der althistorischen Hilfswissenschaften verpflichtet. Im Fach genoss er Autorität. Er war korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Institutes und der Mainzer Akademie der Wissenschaften sowie der langjährige Leiter der Abteilung für Alte Geschichte in der altertumswissenschaftlichen Sektion der Görres-Gesellschaft. Darüber hinaus gab er die „Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums“ und die „Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde“ mit heraus. Seinem Wirken ist es zu verdanken, dass das kleine Seminar für Alte Geschichte der Universität Mannheim in der res publica litterarum respektiert wurde.
Rasch übernahm Chantraine auch in der Universität Verantwortung. Er diente seiner Hochschule mehrfach als Dekan und Prodekan, hatte Sitz und Stimme im Senat, im Forschungs- und Verwaltungsrat und war viele Jahre Vorsitzender des Vorstandes bzw. des Kuratoriums des Studentenwerkes. Als die Studenten aufbegehrten, bekleidete er das Amt des Prorektors und versuchte, die alte universitäre Ordnung zu verteidigen. Mehr als ein Jahrzehnt später, von 1985 bis 1988, war Chantraine Rektor der Universität Mannheim, die nun mit staatlichen Sparmaßnahmen zu kämpfen hatte, deren Folgen Chantraine durch eine Politik des Ausgleiches zu mildern bemüht war. Er hielt immer an seiner Entscheidung für diese Universität, genauer für den Aus- und Aufbau der Wirtschaftshochschule Mannheim zur Universität fest; ehrenvolle Rufe nach Graz und auf den Mainzer Lehrstuhl seines akademischen Lehrers Hans-Ulrich Instinsky hatte er abgelehnt. Das Ideal universitärer Korporation hielt er hoch, statt Konfrontation suchte er Konsens; Lobbyismus war ihm zuwider.
Die Hochschulpolitik der 1990er Jahre lastete schwer auf ihm. Die inneruniversitäre Desintegration im Zuge des sogenannten „Solidarpaktes“ des Landes Baden-Württemberg, die weitreichenden strukturellen und organisatorischen Reformen und die rapide Marginalisierung der kulturwissenschaftlichen Fächer bedrückten ihn nach seiner Emeritierung sehr. Mit der neuen „Reformuniversität“ konnte und wollte er sich nicht identifizieren. So zog er sich zusammen mit seiner Ehefrau in den hessischen Odenwald zurück, wo er vor Vollendung seines 74. Lebensjahres an den Folgen einer Herzkrankheit verstarb.
Werke: Untersuchungen zur röm. Geschichte am Ende des 2. Jh. v. Chr., Diss. phil. Mainz 1955, 1959; „uncia“, in: Pauly-Wissowas Realencyclopädie d. classischen Altertumswissenschaft Bd. 9 A 1, 1961, 604-665; Die Fundmünzen d. röm. Zeit in Deutschland IV 2: Pfalz, 1965; Freigelassene u. Sklaven im Dienst d. röm. Kaiser. Studien zu ihrer Nomenklatur, 1967; Die antiken Fundmünzen d. Ausgrabungen in Neuss, Limesforschungen 8, 1968; Kaiserliche Sklaven im röm. Flottendienst, in: Chiron 1, 1971, 253-265; Außerdienstellung u. Altersversorgung kaiserl. Sklaven u. Freigelassener, in: Chiron 3, 1973, 307-329; Zur Religionspolitik des Commodus im Spiegel seiner Münzen, in: Röm. Quartalschrift für christl. Altertumskunde u. Kirchengesch. 70, 1975, 1-31; Zur Nomenklatur u. Funktionsangabe kaiserlicher Freigelassener, in: Historia 24, 1975, 603-616; Der metrologische Traktat des Sextus Iulius Africanus, seine Zugehörigkeit zu den Kestoi u. seine Authentizität, in: Hermes 105, 1977, 422-441; „Doppelbestattungen“ röm. Kaiser, in: Historia 29, 1980, 71-85; Freigelassene. Sklaven kaiserl. Sklaven, in: Studien zur antiken Sozialgeschichte, 1980, 389-416; Die antiken Fundmünzen aus Neuss. Gesamtkatalog d. Ausgrabungen 1955-1978, Limesforschungen 20, 1982; Die Erhebung des Licinius zum Augustus, in: Hermes 110, 1982, 477-487; Kirche u. Staat im 4. Jh. n. Chr., in: Mannheimer Berichte aus Forschung u. Lehre 21, 1982, 602-607; Münzbild u. Familiengeschichte in d. röm. Republik, in: Gymnasium 90, 1983, 530-545; Die Bedeutung d. röm. Fundmünzen in Deutschland für die frühe Wirtschaftsgeschichte, in: K. Düwel u. a. (Hgg.), Untersuchungen zu Handel u. Verkehr d. vor- u. frühgeschichtlichen Zeit in Mittel- u. Nordeuropa Bd. 1, 1985, 367-429; Die Leistung d. Juden für die Alte Geschichte im dt. Sprachraum, in: Jb. des Instituts für Dt. Geschichte, Beih. 10, 1986, 113-145; Der tote Herrscher in d. Politik d. röm. Kaiserzeit, in: Geschichte in Wissenschaft u. Unterricht 39, 1988, 67-80; Konstantinopel. Vom Zweiten Rom zum Neuen Rom, ebd. 43, 1992, 3-15; Die Nachfolgeregelung Constantins des Großen, 1992; Die Kreuzesvision von 351 – Fakten u. Probleme, in: Byzantinische Zs. 86/87, 1993/94, 430-441; Varus oder Germanicus? Zu den Fundmünzen von Kalkriese, in: Thetis 9, 2002, 81-93.
Nachweis: Bildnachweise: Günther/Rebenich, 1994, V u. Heinen, 2003/4, 144 (vgl. Lit.).

Literatur: E fontibus haurire. Beiträge zur röm. Geschichte u. zu ihren Hilfswissenschaften. H. Chantraine zum 65. Geburtstag, hg. v. R. Günther u. S. Rebenich, 1994 (mit Bild u. Schriftenverz. 393-405); H. Heinen, Nachruf auf H. Chantraine, in: Jb. d. Akad. d. Wissenschaften u. d. Literatur Mainz 54/55, 2003/2004, 144-147 (mit Bild); S. Rebenich, H. Chantraine, in: Gnomon 77, 2005, 283-288.
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