Allgeier, Sepp 

Geburtsdatum/-ort: 06.02.1895;  Freiburg
Sterbedatum/-ort: 11.03.1968;  Freiburg
Beruf/Funktion:
  • Kameramann
Kurzbiografie: 1901-1910 Volks- und Mittelschule in Freiburg
1910-1912 Lehre als Textilzeichner bei Firma Gotthart Freiburg
1912-1914 Filmoperateur (Kameramann) bei Express Films Co. (Geschäftsführer Bernhard Gotthart
1912 Filmaufnahmen in Berlin u. a. von Kaiser Wilhelm II.
1913 Polarexpedition nach Spitzbergen mit Dr. med. Bernhard Villinger
1914-1918 Kriegsteilnehmer, Bildberichterstatter
1922/23 Schwarzwaldmeister der Nordischen Kombination, bester Skispringer am Feldberg
1920-1923 Kameramann der Berg- und Sportfilm GmbH Freiburg (Gesellschafter: Dr. Odo D. Tauern, Dr. Arnold Fanck, Rolf Bauer, Dr. B. Villinger)
ab 1923 Arbeit für verschiedene Filmfirmen, v. a. UFA Berlin, 1933/34 für eine englische und eine schwedische Firma. Regisseure: Fanck, Trenker, 1933 ff. Riefenstahl
1926 UFA-Filmexpedition nach Spitzbergen und Grönland mit Dr. Villinger
1940-1945 Wehrmacht, Berichterstattung für die Wochenschau
nach 1945 Eigenproduktion von Kulturfilmen, daneben ein Vertrag mit der Internationalen Filmunion Remagen
1953-1955 Angestellter beim Südwestfunk Baden-Baden
1955-1963 Freier Mitarbeiter des SWF, Ehrenmitglied im Ski-Club Freiburg
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1931-1945 (Freiburg) Berta, geb. Ebenho (geb. 1910)
Eltern: Philipp Allgeier (1858-1933), Maurer aus Sinsheim a. d. Elsenz
Margarete, geb. Hasenfuß aus Zeuthern bei Bruchsal (1862-1943)
Geschwister: 3
Kinder: 2
GND-ID: GND/123053110

Biografie: Renate Liessem-Breinlinger (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 2-4

„Die Jagd nach dem Bild“ nannte Allgeier das Buch, worin er 1931 auf 19 Berufsjahre als Kameramann zurückblickte. Sein Spezialgebiet war der Berg- und Sportfilm. Dramatische und riskante Einsätze im Hochgebirge, eine abenteuerliche Expedition in die Arktis sind der spannende Stoff, meisterhafte Aufnahmen aus der einsamen Welt von Schnee und Eis faszinieren noch heute. Der künstlerisch begabte Allgeier hatte ein natürliches Gespür für wirksame Blickwinkel und war seit dem Alter von 16 Jahren geschult im Umgang mit der Kameratechnik. Ein Grund für die Zeitlosigkeit seiner Bilder ist auch, daß die Themen in idealer Weise zum Schwarzweißfilm paßten. 1912/13 drehte er nach einer Idee von Dr. Odo D. Tauern die erste Skihochtour der Filmgeschichte: „Die Besteigung des Monte Rosa im Winter“. Im Sommer 1913 nahm er mit dem jungen abenteuerlustigen Freiburger Arzt B. Villinger an einer Rettungsexpedition nach Spitzbergen teil, wozu ein Frankfurter Polarforscher aufgerufen hatte: auch hier als Kameramann auf Neuland. Im selben Jahr konnte Allgeier noch eine Filmreise durch die Balkanländer unternehmen, vermutlich als Operateur von Robert Schwobthaler, der vom griechischen König den Auftrag hatte, Filmaufnahmen vom Balkankrieg zu machen. In seinem Buch erwähnt Allgeier Schwobthaler nur im Vorwort. Die vier Kriegsjahre 1914 bis 1918 verbrachte Allgeier von Anfang bis Ende an der Westfront. In Flandern, der Champagne und vor Verdun hielt er Soldatengräber im Bild fest.
Daß Allgeier in ganz jungen Jahren mit dem Film in Berührung kam, ist familiär bedingt. Sein Schwager Bernhard Gotthart beschäftigte sich ab 1906 als Unternehmer mit Lichtspielhäusern und wandte sich bald der Filmproduktion zu. 1910 trat Allgeier in B. Gottharts elterlichem Textilbetrieb eine Lehre an, wo er bunte Stoffmuster zu entwerfen hatte und Kenntnisse auf dem Gebiet des Rotationsdrucks erwerben konnte. Was B. Gotthart und Allgeier verband, war die Begeisterung für den Skisport. Dieses Thema zog auch eine Gruppe sportbegeisterter junger Akademiker an, darunter den Geologen Arnold Fanck, an dessen Seite Allgeier zu UFA-Ruhm und internationaler Anerkennung gelangen sollte. „Die weiße Hölle vom Piz Palü“ (1929) und „Stürme über dem Mont Blanc“ (1930) waren Meisterwerke, die unter Fancks Regie mit Allgeier als Chefkameramann entstanden. Fanck, der auch erfolgreicher Drehbuchautor war, hatte den Ski- und Bergsteigerfilm zum Spielfilm weiterentwickelt, was nicht immer ganz Allgeiers Geschmack entsprach. Die Filme der frühen 20er Jahre „Das Wunder des Schneeschuhs“ und „Fuchsjagd im Engadin“, reine Sportfilme ohne „Salontiroler“, waren ganz nach seinem Herzen. Nach 1933 arbeitete er unter Leni Riefenstahls Regie als Chefkameramann an deren Dokumentar- und Propagandafilmen mit. Das Gros der Aufnahmen für „Triumph des Willens“, der 1933-1935 über die Reichsparteitage in Nürnberg gedreht wurde, stammte von ihm. Beide kannten sich aus der Arbeit in Fancks Team und schätzten sich gegenseitig wegen erwiesener Zähigkeit bis Verbissenheit in der Verfolgung hochgesteckter Ziele. Ein langjähriger Weggefährte Allgeiers war auch Luis Trenker, unter dessen Regie er 1928 „Der Kampf ums Matterhorn“ drehte. 1968 schickten Hilda und Luis Trenker „ihrem lieben Freund Sepp“ einen Kranz zur Beerdigung.
Von 1940 bis 1945 war Allgeier bei der Wehrmacht, wo er als Berichterstatter für die Wochenschau eingesetzt war. Nach dem Krieg kehrte Allgeier in seine Heimatstadt Freiburg zurück, wo seine 1931 gegründete Familie lebte. Während er 1918/19 als Zeichner in einem Architekturbüro und als städtischer Wohnungsaußenbeamter tätig war, beschäftigte er sich in dieser Nachkriegszeit mit Kultur- und Naturfilmen über das Land am Oberrhein, den Schwarzwald und den Bodensee. Oft suchte er die Einsamkeit in der Natur, um mit sich und der Welt ins reine zu kommen. 1953 übernahm er beim Südwestfunk Baden-Baden in der Abteilung Video-Frequenz die Ausbildung und Beratung junger Mitarbeiter, die für den Film- und Fernsehdienst vorgesehen waren. Später erhielt er den Titel „Chefkameramann des Filmtrupps“. Ganz reibungsfrei war diese Tätigkeit nicht, da Allgeier nur ungern unter jüngeren Regisseuren arbeitete und in Anbetracht seiner Erfahrung als gleichberechtigter Regiepartner eingesetzt werden wollte.
Der Aufstieg zum international anerkannten Künstler der Kamera, als den ihn die Presse in den Nachrufen feierte, verdankte Allgeier seiner Begabung als Künstler und Sportler, seiner umgänglichen kameradschaftlichen Art, zu einem gut Teil aber auch seiner ganz außergewöhnlichen physischen Belastbarkeit. Ohne diese wäre die frühe Arktisexpedition mit dem schweren Filmgerät als Zug- oder Traglast ebensowenig möglich gewesen wie die Aufstiege auf 3 000 oder 4 000 Meter, um dort aus waghalsigen Positionen die sensationellen Aufnahmen zu machen, die um die Welt gingen. Ein weiteres Charakteristikum ist Allgeiers Bedürfnis nach Unabhängigkeit. Er ließ sich von Film zu Film neu engagieren, Absicherung oder Altersvorsorge waren nicht seine Sache. Seine eigenwirtschaftlichen Filmproduktionen brachten ihm kaum finanziellen Gewinn, zum Teil verschluckten sie eher vorhandene Mittel. Bis ins Alter von 68 Jahren war er beruflich tätig. Die letzten fünf Lebensjahre verbrachte er in Freiburg, wo seine faszinierenden Erzählungen die Attraktion mancher Stammtischrunde waren.
Quellen: Südwestfunk Baden-Baden, Hauptamt Personal- und Sozialwesen: PA Sepp Allgeier. Stadtarchiv Freiburg: D. StA. VIII, 104; K 1/26 Schachtel 40 Nr. 1. Handelsregister beim Amtsgericht Freiburg. Mündliche Auskünfte von Frau Berta Allgeier und Raymund Müller, Freiburg-Ebnet (1993/94). Korrespondenz mit Leni Riefenstahl-Produktion München (1994)
Werke: Die Jagd nach dem Bild. 19 Jahre als Kameramann in Arktis und Hochgebirge, Stuttgart 1931
Nachweis: Bildnachweise: in Werke, bei den Nachrufen z. B. BNN, BZ und im Besitz der Familie

Literatur: Bernhard Villinger, Die Arktis ruft. Mit Hundeschlitten und Kamera durch Spitzbergen und Grönland. Freiburg 1929; Luis Trenker, Bergwelt – Wunderwelt, Berlin 1934; Heinrich Fraenkel, Unsterblicher Film. München 1956; Leni Riefenstahl, Memoiren 1902-1945. Frankfurt/M., Berlin 1990; Klaus W. Hosemann, Sepp Allgeier: Erinnerungen an einen Meister, in: Freiburger Almanach 37, 1986, 111-118; ders., Seinerzeit bahnbrechend – heute vergessen. Filmschaffen in Freiburg, in: Freiburger Almanach 1991, 109-116; ders., Dr. Bernhard Villinger, in: Freiburger Almanach 1993, 123-132; ders., Artikelserie im Freiburger Wochenbericht. 1992: Nr. 48, 51, 52; 1993: Nr. 1, 5, 9, 14, 16, 25, 28. Nachrufe in verschiedenen Zeitungen am 13. März 1968
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