Überzeugter Europäer oder früher Nationalist?

Fürst Karl Anton von Hohenzollern (1811–1885)

Entwurf des in Paris ansässigen ungarischen Künstlers Prof. Tony Szirmai für eine Gedenkmünze anlässlich des 100. Geburtstags des Fürsten Karl Anton von Hohenzollern 1911, Fotografie. Vorlage: LABW, StAS FAS DS 169 T 1 Nr. 787.
Entwurf des in Paris ansässigen ungarischen Künstlers Prof. Tony Szirmai für eine Gedenkmünze anlässlich des 100. Geburtstags des Fürsten Karl Anton von Hohenzollern 1911, Fotografie. Vorlage: LABW, StAS FAS DS 169 T 1 Nr. 787. Zum Vergrößern bitte klicken

Der am 7. September 1811 als Sohn des Erbprinzen Karl von Hohenzollern-Sigmaringen geborene Prinz Karl Anton wuchs in einer frankophilen Umgebung auf. War seine ihm sehr zugetane Großmutter doch die mit Joséphine de Beauharnais befreundete Fürstin Amalie Zephyrine und seine Mutter Antoinette Murat, eine entfernte Verwandte von Kaiser Napoleon, eine waschechte Französin. Amalie Zephyrines Fürsprache beim Kaiser der Franzosen hatte das kleine Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen sowohl Erhalt und Souveränität als auch enorme Gebietserweiterungen zu verdanken. Die Gattin Karl Antons, Prinzessin Josephine von Baden, stammte als Tochter des Großherzogs Karl von Baden und der Stephanie de Beauharnais aus einer ähnlichen familiären Konstellation wie der spätere Fürst selbst. Die Eheschließung mag als Beispiel dafür dienen, wie sehr das Netzwerk der Napoleoniden auch nach dem Sturz des Korsen noch funktionierte.

Als Europäer erwies sich Karl Anton bei der Anbahnung der Ehebündnisse einiger seiner Kinder. Durch die Vermittlung von Queen Victoria kam 1858 die Hochzeit der Tochter Stephanie mit König Peter V. von Portugal zustande, dessen Schwester Antonia ehelichte 1861 den ältesten Sohn Leopold. Die jüngste Tochter Marie heiratete schließlich 1867 den Grafen Philipp von Flandern. Der dieser Ehe entstammende Sohn Albert sollte 1909 König der Belgier werden. Auch erlangte Karl Antons Sohn Karl mit Duldung von Kaiser Napoleon III. 1866 den rumänischen Fürstenthron.

Andererseits knüpfte Karl Anton bereits in seiner Berliner Studienzeit freundschaftliche Bande zu dem späteren Kaiserpaar Wilhelm und Augusta. Dadurch wurde gleichzeitig die familiäre Bindung zwischen den schwäbischen und den preußischen Hohenzollern wieder intensiviert. An Preußen trat Fürst Karl Anton infolge der 1848er-Revolution die Souveränität über sein Fürstentum mit den Worten ab: Soll der heißeste Wunsch meines Herzens, soll das Verlangen der Vaterlandsfreunde erfüllt werden, soll die Einheit Deutschlands aus dem Reich der Träume in Wirklichkeit treten, so darf kein Opfer zu groß sein; ich lege hiermit das größte, welches ich bringen kann, auf dem Altar des Vaterlandes nieder. Der bei den Abtretungsverhandlungen für seine Familie finanziell geschickt agierende Fürst machte anschließend sowohl militärisch wie politisch in Preußen Karriere. Aufgrund seiner familiären Bindungen zu Napoleon III. wurde er immer wieder auch mit diplomatischen Missionen betraut.

Als es infolge der gescheiterten spanischen Thronkandidatur von Karl Antons Sohn Leopold zum Deutsch-Französischen Krieg und im Anschluss zur Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles kam, konnte der Fürst daran zwar nicht mehr teilnehmen, aber darüber, auf wessen Seite er stand, dürfte kein Zweifel herrschen.

Dennoch war Fürst Karl Anton von Hohenzollern sicher mehr Europäer denn verbohrter Nationalist. Bereits ein Jahr nach dem Deutsch- Französischen Krieg beauftragte er den Pariser Architekten Lambert mit der Ausstattung des Französischen Salons auf Schloss Sigmaringen und bewies damit weitaus weniger antifranzösische Ressentiments als mancher Zeitgenosse.

Birgit Meyenberg

Quelle: Archivnachrichten 61 (2020), S. 26-27.

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