Das Schulbuch als zeitgeschichtliche Quelle

Schulbuch
Statt Katechismus: Ein hohenlohisches Schulbuch von 1806 setzte auf Praxisnähe und ein breites Bildungsspektrum. Auch die Erziehung zu Moral und Sittlichkeit kam nicht zu kurz. Quelle: Landesarchiv BW, HZAN GA 93 Bd. 5f und 5a

Historische Schulbücher ermöglichen nicht nur einen Einblick in Repräsentation und Kanonisierung eines bestimmten Wissens, sondern geben immer auch Auskunft über die Mentalität der jeweiligen Zeit sowie über herrschende Bildungsideale. Uebungen im Lesen und Denken für die Hohenlohe-Neuensteinischen Stadt- und Landschulen nennen sich die beiden, an verschiedene Altersstufen angepassten Schulbücher, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts in hohenlohischen Schulen zum Einsatz kamen. Auch wenn über ihren Entstehungskontext nur wenig bekannt ist,  erlauben die Schulbücher einen Einblick in die Veränderungen des Menschenbilds und des Bildungsideals im napoleonischen Zeitalter. Während der Katechismus den Schulalltag der vorangegangenen Generationen dominiert hatte, verzichtete das neue Schulbuch weitgehend auf religiöse Inhalte. Immerhin hält der namenlose Autor in seinen Vorbemerkungen fest, dass er sein Werk als Ergänzung zum Katechismus verstehe und sein Buch die Bibel keineswegs aus der Schule verdrängt, sondern vielmehr ihr Verstehen und zweckmäßiger Gebrauch vorbereitet und erleichtert werden soll. Ganz in diesem Sinne ist ein kleines Wörterbuch im Anhang zu verstehen, das sich der Erklärung dunkler, veralteter, oder aus den Grundsprachen beybehaltenen Wörter und Redensarten in der deutschen Bibelübersetzung widmet. Statt die Glaubensinhalte im Zentrum des Bildungsspektrums zu belassen, setzen die Uebungen im Lesen und Denken zu einem beachtlichen Rundumschlag an, der ganz unterschiedliche Wissensgebiete zwischen zwei Buchdeckeln zu vereinen trachtet: Übungen im Zählen und Kopfrechnen finden darin genauso ihren Platz, wie ein Kapitel über das Wesen der menschlichen Gesellschaft und Beiträge zu Flora, Fauna und Geografie. Trotz dem bewussten Abstand zu traditionellen Formen der religiösen Bildung, zieht sich die Bemühung um Moralerziehung und Sittlichkeit wie ein roter Faden durch das Schulbuch. Den ausführlichen Text von Jan Wiechert finden Sie hier. (JH)

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