Philipp, Karl Hermann Heinrich 

Geburtsdatum/-ort: 10.07.1865;  Gengenbach
Sterbedatum/-ort: 24.02.1937;  Konstanz
Beruf/Funktion:
  • Landesforstmeister
Kurzbiografie: Studium der Forstwissenschaft an der Technischen Hochschule in Karlsruhe
1885 Vorprüfung
1887 Hauptprüfung
1887-1889 Volontär bei der Domänendirektion Karlsruhe, Amtsgehilfe bei den Bezirksforsteien St. Leon und Ottenhöfen
1889-1890 Assistent im Büro für das forstliche Versuchswesen
1891-1892 Gehilfe bei der Bezirksforstei Wertheim
1892-1895 Forsttaxator (forstlicher Planer)
1895-1897 Gehilfe bei der Bezirksforstei Herrenwies
1897-1910 Oberförster und Leiter der Bezirksforstei Sulzburg
1910-1913 Leiter des Forstamtes Bretten
1913-1921 Leiter des Forstamtes Huchenfeld in Pforzheim
1921-1924 Oberforstrat in der Forstabteilung des Finanzministeriums in Karlsruhe
1924-1930 Landesforstmeister, Leiter der Forstabteilung
Weitere Angaben zur Person: Religion: rk.
Verheiratet: 1897 Karlsruhe Klara, geb. Elbs
Eltern: Vater: Heinrich Philipp, Revisor
Mutter: Name nicht feststellbar
Geschwister: 1 Bruder: Eduard, Regierungsrat (geb. 1861)
Kinder: keine
GND-ID: GND/1012294005

Biografie: Erwin Lauterwasser (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 3, 213-216

„Der Chef des Forstamts Sulzburg gilt sonst als Kapazität in seinem Fach. Er hat kürzlich eine Broschüre geschrieben über rationelle Forstwirtschaft. Er ist ein Mann der jungen Schule, und er wird an einer anderen Stelle seinen Platz vielleicht ganz gut ausfüllen. Als Verwaltungsbeamten fehlt ihm eine Haupteigenschaft, und das ist Verträglichkeit.“ So charakterisierte den damaligen Oberförster P. Stadtrat Bea, Mitglied der Ersten Kammer, anläßlich einer Sitzung dieses Gremiums in Karlsruhe im Jahre 1910 und traf damit die Meinung vieler.
Philipp war einer der umstrittensten Forstleute seiner Zeit, und Licht wie Schatten fallen bis in unsere Tage. Die Debatte in der Kammer war wegen eines im Grunde nichtigen Wegebaus zustande gekommen. Philipp sah sich aber wegen der parlamentarischen Diskussion um seine Person veranlaßt, öffentlich zu erwidern, und auch dabei kennzeichnen seine Worte sein Wesen: „Für Erfolge, die ich durch selbstlose Arbeit im Dienste der Gemeinden errungen habe, darf ich wohl mit Bestimmtheit diejenigen Fähigkeiten für mich in Anspruch nehmen, die einen Verwaltungsbeamten auszeichnen sollen. Hätte ich den dritten Teil der geleisteten Arbeit ausgeführt, so wäre auf mich kein Tadel gefallen ... Glauben Sie im Ernst, daß eine derartige grundlegende Umgestaltung in solch kurzer Zeit hätte durchgeführt werden können, ohne daß nach allen Seiten Kämpfe durchzufechten und Widerstände zu überwinden gewesen? Wollen Sie wirklich einem Beamten Unverträglichkeit vorwerfen, wenn er diese Kämpfe aus Gemeinsinn auf sich nimmt?“
Aus Philipps frühen Jahren ist wenig bekannt, da seine Personalakten nur in einzelnen Beilagen erhalten sind. Offensichtlich hatte er keine abgeschlossene Schulbildung und die Hochschulreife erst nach einer Berufstätigkeit erreicht (Hasel). Allerdings legte er schon 1885 die forstliche Vorprüfung an der Technischen Hochschule in Karlsruhe ab und bestand 1887 die „Staatsprüfung“. Die Turbulenzen seiner beruflichen Laufbahn begannen sofort. Der hochbegabte junge Forstmann hatte sich wissenschaftlich mit der Ertragskunde befaßt, kam deshalb 1889 zum Büro für das forstliche Versuchswesen, das erst 1870 im Deutschen Reich systematisch geordnet worden war. Philipp legte sich mit dem Leiter des Büros, Schuberg, an, dem er Fehler nachwies. Der Streit wurde 1893 gerichtlich beendet.
Während seiner weiteren beruflichen Beschäftigung stellte Philipp in nächtelanger Arbeit Tafeln zur Massenermittlung in Waldbeständen zusammen, die aber von der Forst- und Domänendirektion nicht anerkannt wurden. Philipp veröffentlichte die „Hülfstabellen für Forsttaxatoren“ selbst, und die Praxis rechtfertigte ihn. Die Tabellen waren begehrt und erschienen in dieser Form in einer zweiten Auflage. In der Folgezeit erarbeitete er neben seinen sonstigen Aufträgen mit unglaublicher Energie weitere Tabellen für Erträge und Sortimente der verschiedensten Baumarten. Die Verwaltung unterstützte auch dies nicht und enthielt ihm das Material und die Unterlagen der badischen Versuchsstation vor, obwohl sie in doppelter Fertigung vorhanden waren. Forstlich fruchtbar war für ihn ein privater Aufenthalt in den USA 1891/92. Dort lernte er Weymouthskiefern- und Douglasienbestände kennen und brachte seine Vorliebe für diese raschwüchsigen Baumarten in seine Heimat mit zurück.
In den Jahren als Amtsvorstand im Forstamt Sulzburg legte er den Grundstein für das neben dem Stadtwald Freiburg größte Douglasienvorkommen in Baden-Württemberg. In den 12 Jahren seines Wirkens in Sulzburg ließ er fast eine viertel Million Douglasien pflanzen. Liebevoll schrieb er in seinem letzten Werk „Der rationalisierte Waldbau“: „Der günstigen Eigenschaften hat die Douglasie fast zu viele. Wenn bei dem Anbau alles nach Wunsch gelingt, müßte sie bald zu einem der wichtigsten Waldbäume im deutschen Wald aufrücken. Manche sehen in ihr schon die Retterin unserer Waldrente.“ Bei der Weymouthskiefer, die er, wie wir heute wissen, noch mehr schätzte, mußte er ihre Anfälligkeit gegen Pilze einräumen. Der Erfolg mit der Douglasie in Sulzburg aber rechtfertigte seine Entscheidung.
Lange Zeit verhängnisvoll wirkte sich seine negative Einstellung zur Buche aus, über die er schrieb: „Der Rechenstift belehrt uns, daß reine Buchenwaldungen Bankrottbetriebe sind ... Die Buche kann heute in der Hauptsache nur als dienende Holzart eine Rolle spielen.“ Es war nicht nur seine Auffassung, und demgemäß rückten Förster und Waldarbeiter über Jahrzehnte hinweg der Buche zu Leibe.
Der Waldzustand am Westabfall des Schwarzwaldes lehrte Philipp, worauf es ankam. Dringend erforderlich war der Wegebau, um die völlig vernachlässigte Durchforstung in den jüngeren Beständen nachzuholen und in der Nutzung der Altbestände die notwendige räumliche Ordnung herbeizuführen. Hohe Vorräte, lange Zeiten bis zur Ernte der Altbestände, zu geringe jährliche Einschläge liefen ihm zuwider, der seine Maßstäbe in der Bodenreinertragslehre gefunden hatte. Danach sollte sich der Boden durch den Massen- und Wertertrag möglichst hoch verzinsen. Er stand im Gegensatz zur Einstellung der Forstverwaltung, die, wie Hasel anmerkt, eine ausgesprochen konservative Waldwirtschaft trieb, sich der steigenden Holzvorräte als Folge der Aufbauarbeit des 19. Jahrhunderts erfreute und, wo immer möglich, natürliche Verjüngung und Mischwald suchte. Philipps Gutachten zu diesen Fragen fanden wiederum nicht den Gefallen der Domänendirektion, denn Rechnen war im Wald nicht so gefragt.
Er ging 1909 ein weiteres Mal an die Öffentlichkeit mit der Schrift „Die forstlichen Verhältnisse Badens“. Seine Forderung nach früher und starker Durchforstung, Orientierung des Einschlags am tatsächlichen Zuwachs, Festlegung des gesamten Einschlags in den periodischen Plänen, Bestellung eines hauptamtlich Verantwortlichen für die forstliche Planung und bessere Ausbildung der Beamten in der Ertragslehre waren wesentliche Ansatzpunkte zur Reform. Philipp war mit diesen Vorstellungen nicht allein, knüpfte vielmehr an die anderer Kollegen wie Fieser in Freiburg und Eberbach in Bonndorf an. Eigene Wege ging er erst nach seinem Wechsel zum Forstamt Pforzheim und anschließend nach Huchenfeld, wo er im württembergischen Nachbarforstamt bei Dr. Julius Eberhard ein Verjüngungsverfahren kennenlernte, das als Schirmkeilschlagverfahren bekannt wurde. R modifizierte es und arbeitete es unter dem Namen Keilschirmschlag zu einem System aus, das er nach seiner Berufung als badischer Landesforstmeister zur allgemeinen Vorschrift ohne Rücksicht auf unterschiedliche Standorte machte. Kurzfristige Verjüngung der Altbestände, rasche Räumung in Keilform und nach strenger sogenannter räumlicher Ordnung kennzeichnen dieses System, dem allerdings nicht der erwartete Erfolg beschieden war.
Philipp war ein politischer Mensch. Schon früh hatte er sich dem Zentrum zugewandt und sich zusammen mit seiner Ehefrau im evangelischen Markgräflerland vehement für katholische Belange eingesetzt. Die erste katholische Kirche in Sulzburg ging auf das Betreiben der beiden zurück. Klara Philipp, Tochter des Geheimen Finanzrats Elbs in Karlsruhe, war Journalistin und im katholischen Frauenbund für die wahlberechtigt gewordenen Frauen, war Stadtverordnete in Pforzheim und wurde 1926 in der Nachfolge für Konstantin Fehrenbach Reichstagsabgeordnete bis 1928. Sie schrieb 1925 einen Roman „Der Gießbach“, der autobiographisch und auch ein Schlüssel zu ihrer Ehe und damit zu Philipp ist. Ihr Engagement für Frauen und sozial Benachteiligte brachte ihr hohe Wertschätzung ein, die auch ihrem Mann zugute kam, zu dem sie stets stand.
Der Zentrumspolitiker Heinrich Köhler, der nach dem ersten Weltkrieg badischer Finanzminister wurde, holte 1921 Philipp in seine Forstabteilung, die nach Auffassung Köhlers eine Neuordnung verlangte und in der Zentralverwaltung „sachlich und personell absolut verknöchert“ schien. 1924 übernahm Philipp die Leitung der badischen Forstverwaltung. Es begann eine atemberaubende Ära. Die Referenten wurden ohne Information mit einer neuen Geschäftsordnung durch Aushang an der Wand ihres Dienstzimmers konfrontiert, sofort eine neue Dienstanweisung für die forstliche Planung erlassen, ebenso wie „Neue Richtlinien für die Erziehung und Verjüngung der Hochwaldungen in Baden“. Seine forstlichen Vorstellungen suchte er mit einer unglaublichen Unduldsamkeit in der Verwaltung umzusetzen, und er bediente sich dabei der begabtesten jungen Forstbeamten wie Abetz, Bauer, Leonhard u. a., die er durch seine Überzeugungskraft begeisterte und als Sendboten in die Forstämter schickte. Emil Kurz, der 1931 seine Nachfolge antrat, wurde Referent für die Forsteinrichtung und vertrat nicht weniger heftig die Philippschen Ideen.
In nur 6 Jahren wurde sämtlicher Staats- und Gemeindewald neu eingerichtet und 1930 eine Hauptzusammenstellung der forstlichen Planungs- und Zustandsdaten für das ganze Land vorgelegt. Philipps Methodik und seine tabellarischen Hilfsmittel beeinflußten die Forsteinrichtung in ganz Deutschland.
Es war kein Wunder, daß das forsche Vorgehen Philipps und seine rüde, völlig ungeschminkte Art, mit der er tatsächliche und vermeintliche Mißstände kritisierte, in der Beamtenschaft zu Unruhe und unterschiedlichen Lagerbildungen führte, was selbst im Landtag Wellen schlug. Bei den Sozialdemokraten war Philipp wegen seiner sozialen Haltung angesehen. Der DVP-Abgeordnete Oberkircher geißelte aber 1928 das Verhalten Philipps: „Es ist dem derzeitigen Leiter der Landesforstverwaltung offenbar nicht gegeben, ohne persönliche Kränkung der Beamtenschaft und ohne Ausfälle gegen die frühere Forstverwaltung sein Amt auszuüben.“ Mißlich war Philipps autoritäre Führung, die keinen Widerspruch duldete, und sein bissiger Stil, der besonders in seiner „forstlichen Gewissenserforschung“ zum Ausdruck kam. Die Schrift war in Form eines Beichtspiegels gehalten und zeigte voller Ironie alle forstlichen Fehler auf, die Philipp nur ausmachen konnte.
Gerade in der Zeit, in der Philipp als Landesforstmeister sein reiches Gedankengut umsetzte, zeigte sich ein Widerspruch in seiner Persönlichkeit. Philipp war hoch gebildet, las theologische Schriften und alle Philosophen, die ihm zugänglich waren, und führte sie auch bei jeder Gelegenheit an, so im 6. Kapitel seines Buches „Der rationalisierte Waldbau“, wo er in der „Kritik der alten Bauformen“ Ekkli 34.28 (Das Buch Sirach, A. T.) zitiert: „Der eine baut auf, der andere reißt ein, was gewinnen sie davon mehr als Mühe?“, ein Zitat, das eigentlich das Gegenteil von dem vermuten ließ, was er forderte. Jedenfalls vermißten seine Kritiker die geistige Größe und Toleranz, die seine hohe Bildung auch in der Umsetzung der Ideen hätte erwarten lassen. Er war einfach davon besessen, die überkommene Forstwirtschaft umzugestalten.
Fast ausnahmslos erkannten seine jungen Schüler und Mitstreiter mit der Zeit die Schwächen seines forstlichen Systems, das er immer mit der Sache begründete und nie mit politischen Vorgaben maß: „Der Wald ist grün und nicht schwarz.“ Die neue Forstgeneration trug aber ebenso die fruchtbaren Ideen Philipps weiter wie sie seine überzogenen Starrheiten und die falsche Grundlage der Bodenreinertragslehre ablegte. Philipp hat bei allen Schattenseiten die Waldwirtschaft in Baden vorwärts bewegt. Das bestätigte ihm 1930 auch sein strenger Kritiker Eichhorn, mit dem Philipp im Kollegium der Forstabteilung des Finanzministeriums nicht sehr nobel verfuhr: „Die von Philipp eingeleitete Wirtschaft des Extrems kann zwar sehr gesund sein als Sauerteig kräftiger Weiterentwicklung; wirkt der Sauerteig aber zu lange, so wird das Erzeugnis minderwertig.“
Die Gefahr war nicht sehr groß. Philipp ging zum 1. November 1930 altershalber in den Ruhestand, und sein Gefolgsmann Emil Kurz, der ab Mai 1931 Landesforstmeister wurde, hatte nur zwei Jahre Zeit, bis ihn die Nationalsozialisten des Amtes enthoben und ihn nach Villingen versetzten.
Philipp selbst ging nach 1933 nicht einmal mehr in den Wald und widmete sich ausschließlich seinen philosophischen Neigungen.
Quellen: GLA Karlsruhe 391/46 533, 237/35 201; Landtagsverhandlungen-Protokolle 1. Kammer 1910: 25.5; ferner 1923/15.3; 1926/2.8, 10.7; 1930: 11.4, 15.4.
Werke: Hülfstabellen für Forst-Taxatoren Karlsruhe 1893; 2. Aufl. ebd. 1896; 1894 Ertragstafeln für die Forle in: Allgem. Forst- u. Jagdzeitung, 37-46; 70, 69-71, 290; dazu ebda. 69 (1893), 159-162 (Schwappach) u. 281-283; 70 (1894), 210-216, 393-394 (Schuberg); Deutsch-englisches und englisch-deutsches Forstwörterbuch Neudamm 1900;<br /> Die forstlichen Verhältnisse Badens. Freiburg i. Br. 1909; Forstliche Tagesfragen mit besonderer Berücksichtigung der badischen Waldwirtschaft, Freiburg i. Br. 1912; Naturverjüngung und Windgefahr in Silva, 1920; Hilfstabeilen für Forst-Taxatoren, Karlsruhe, 1924 2. Aufl. ebd. 1931; Dienstweisung für Forsteinrichtung in den Staats-, Gemeinde- und Körperschaftswaldungen in Baden (FED) 1924; Richtlinien für Erziehung und Verjüngung der Hochwaldungen in Baden. Karlsruhe 1925,2. Aufl. ebda. 1931 (Hg. Forstabt. d. Bad. Minist. d. Finanzen); Die Umstellung der Wirtschaft in den badischen Staats-, Gemeinde- und Körperschaftswaldungen. Karlsruhe 1926; Die Verjüngung der Hochwaldbestände (zs. mit E. Kurz) Karlsruhe, 1926; Forstliche Gewissenserforschung Karlsruhe 1927; 1928; Die Verlustquellen in der Forstwirtschaft (zs. mit E. Kurz) Karlsruhe; Das kooperative System der Forstwirtschaft. Karlsruhe 1930; Forstliche Hilfstabellen. Eine historische und kritische Würdigung. Karlsruhe 1931; Eine „gefährliche“ Kritik. Forstwiss. Cbl. 53, 1931, 81-90; Der rationalisierte Waldbau, Karlsruhe 1932.
Nachweis: Bildnachweise: Foto StAF Bildnissammlung.

Literatur: Klara Philipp, Der Gießbach. Karlsruhe 1925; F. Eichhorn, Forstpsychologisches aus Baden. Karlsruhe 1930; ders., Bilanz der Jahre Philipp, in: Allgemeine Forst- und Jagdzeitung 108 (1932), 245-265; H. Gnändinger, Karl Hasel, K. Philipp, in: Biographie bedeutender Forstleute aus B.-W. Stuttgart 1980, 441-460; R. Klumpp/Philipp Gürth, Die Einbringung der Douglasie im Forstbezirk Sulzburg unter K. Philipp (1897 bis 1910), in: Allgemeine Forst- und Jagdzeitung 159 (1988), 12-19.
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