Treitel, Leopold Jakob Jehuda 

Geburtsdatum/-ort: 26.01.1844; Breslau
Sterbedatum/-ort: 04.03.1931;  Laupheim
Beruf/Funktion:
  • Rabbiner
Kurzbiografie: Elisabeth-Gymnasium in Breslau (Abitur)
1866-1876 Studien am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau und Studium der Altphilologie, Philosophie und Geschichte an der Universität in Breslau, Schüler von Heinrich Graetz (1817-1891) und Zacharias Frankel (1801-1875)
1870 9. Dez. Promotion zum Dr. phil. an der Universität Breslau
1876 Rabbinerdiplom des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau
1878-1881 Rabbiner in Koschmin, Posen
1881-1884 Rabbiner in Briesen, Westpreußen
1884-1895 Zweiter Stadtrabbiner in Karlsruhe
1895-1922 Rabbiner in Laupheim
Weitere Angaben zur Person: Religion: isr.
Auszeichnungen: Charlottenkreuz (Erster Weltkrieg)
Verheiratet: Rebekka, geb. Brann (1856-1936), Lehrerin und Schriftstellerin, Tochter des Rabbiners Salomon Brann (1814-1903) in Schneidemühl/Pommern und der Dorothea, geb. Silberberg, Schwester von Prof. Markus Brann (1849-1920)
Eltern: Vater: Josephsohn Treitel, Rabbiner in Breslau
Mutter: Johanna, geb. Falk, Tochter des Rabbiners Jakob Jehuda Falk (1760-1838) von Dyhernfurt/Schlesien
Kinder: Otto Jehoschua (geb. 16.5.1887), Dr. phil, Botanikprof.
Emil Ephraim (geb. 8.8.1889), Dr. med.
Erich Josef (geb. 1897 Laupheim), Elektroingenieur
GND-ID: GND/1012367827

Biografie: Karl Heinz Burmeister (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 279-280

Leopold Treitel, mit seinem hebräischen Namen Jaakow Jehuda ben Joseph, wird als eine Leuchte der Wissenschaft gepriesen. Von Haus aus brachte er die traditionelle Bildung talmudischer Rabbiner mit sich, zugleich war er aber auch durch den Besuch des Gymnasiums in Breslau und der dortigen Universität ganz in die westliche Bildung hineingewachsen: er hatte Kenntnisse des Lateinischen und des Griechischen, des Englischen und des Französischen. So wie das Jüdisch-Theologische Seminar in Breslau einen Mittelweg zwischen Orthodoxie und Liberalismus zu gehen versuchte, so schlug auch Treitel diesen Weg ein, der ihn ebenso zu einem jüdischen wie auch zu einem westlichen Gelehrten werden ließ.
Seit seiner 1869/70 bei H. Graetz in lateinischer Sprache verfassten Dissertation über die Sprache des jüdisch-hellenistischen Philosophen und Theologen Philon von Alexandria (20 vor Christus-50 nach Christus) ließ ihn dieses Thema nie mehr los. Nachdem diese Erstlingsarbeit 1872 unter dem Titel „De Philonis Judaei Sermone Dissertatio“ im Druck erschienen war, setzte sich Treitel bis tief in seine Laupheimer Zeit hinein immer wieder in Aufsätzen und Büchern mit Philon auseinander und errang damit den Ruf eines bedeutenden Gelehrten. Nach zwei grundlegenden Aufsätzen, „Die religions- und kulturgeschichtliche Stellung Philos“ (1904) und „Die alexandrinische Lehre von den Mittelwesen oder göttlichen Kräften, insbesondere bei Philo, geprüft auf die Frage, ob und welchen Einfluss sie auf das Mutterland Palästina gehabt hat“ (1912) folgten die zusammenfassenden „Philonischen Studien“ (1915), die dann in 2. Auflage als „Gesamte Theologie und Philosophie Philo's von Alexandria“ erschien (1923).
Das Umfeld Philons ergänzend waren Treitels Studien zur Septuaginta-Forschung. Mit seiner Abhandlung „Die alexandrinische Übersetzung des Buches Hosea“ lieferte Treitel einen wichtigen Beitrag zu den Septuaginta-Studien und der Auslegung des Propheten Hosea (1887). 1901 würdigte Treitel in einem Aufsatz die Verdienste seines Lehrers Z. Frankel um die Septuaginta-Forschung. Der jüdischen Theologie ist Treitels Studie „Zur Entwicklungsgeschichte der Predigt in Synagoge und Kirche als des Beitrags, den das Judentum für die allgemeine Kultur gestiftet hat“, die in der Festschrift zum 75-jährigen Bestehen des Jüdisch-theologischen Seminars in Breslau erschienen ist (1929).
Treitel widmete sich auch historischen Studien. So erforschte er die „Geschichte des israelitischen Schulwesens in Württemberg“ (1899). Er bemühte sich auch um die Geschichte der seit 1724 in Laupheim bezeugten jüdischen Gemeinde. Ein besonderes Anliegen war für ihn der dort wenige Jahre nach 1724 angelegte und 1856 erweiterte jüdische Friedhof. In mühseliger Arbeit, auf einem Feldstuhl sitzend, hat er die ältesten Grabsteine abgezeichnet; diese Skizzen gingen während der Nazizeit verloren, erhalten blieb jedoch eine von ihm angelegte Gräberliste. Treitel schrieb 1927 über den Friedhof in seinem Aufsatz „Die Sprache, die die Gräber reden“ in der Gemeindezeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs.
Dem Rabbiner Treitel lagen auch immer wieder pädagogische Themen am Herzen. So äußerte er sich 1890 „Zur Duell-Frage. Ein Wort an Eltern und Erzieher“. Für Unterrichtszwecke gab er 1895 eine überarbeitete „Schul- und Hausbibel“ heraus.
Treitels Interesse galt auch der schönen Literatur. In einem 1891/92 mehrfach gedruckten Vortrag „Ghetto und Ghetto-Dichter“ setzte er sich theoretisch mit der jüdischen Dichtung auseinander. Er leistete aber auch selbst einen – wenn auch kontrovers aufgenommenen – direkten Beitrag zur schönen Literatur mit seiner für die Jugend bestimmten und religionspädagogischen Zwecken dienenden Erzählung „Rahab, die Seherin von Jericho“. Treitel greift darin die in Bibel (Josua 2 und 6, 22 ff.) und Legende überlieferte Lebensgeschichte der Kanaaniterin Rahab auf, die den Juden zur Eroberung von Jericho verhalf und damit den jüdischen Monotheismus zum Sieg über die Baalsgläubigkeit der Kanaaniter führte.
Treitels Frau Rebekka Brann, mit hebräischem Namen Riwka bat Schlomo, war ebenfalls eine sehr gebildete Frau und langjährige Vorsitzende des Frauen-Vereins. Sie war eine ausgebildete Lehrerin und hatte vor ihrer Heirat Fremdsprachenunterricht an der höheren Mädchenschule in Schneidemühl (heute: Pila) erteilt. Auch sie war literarisch tätig; sie veröffentlichte „Erzählungen zu den jüdischen Festen. Nach dem Englischen der Elma Ehrlich Levinger frei bearbeitet“ (Leipzig 1922). Treitel nahm gemeinsam mit seiner Frau regen Anteil am öffentlichen Leben in Laupheim.
Unter dem Rabbinat Treitels können wir in Laupheim insgesamt ein friedliches Nebeneinander von Juden und Christen beobachten. Aus Anlass des von Juden und Christen gemeinsam veranstalteten „Heldengedenktags“ 1922 sprach Treitel in seiner Gedächtnisrede die denkwürdigen Worte: „Es darf keinen Krieg mehr unter den Völkern geben; aber Krieg dem Völkerhasse!“ Die Lebensgeschichte seiner Söhne zeigt, wie schon bald nach Treitels Tod dieses friedliche Nebeneinander von Juden und Christen wieder zerfallen ist und in einen noch schrecklicheren Krieg einmündete. Die drei Söhne Treitels standen im Ersten Weltkrieg alle im Feld: Otto Jehoschua Treitel (geb. 16.5.1887 Karlsruhe), Dr. phil. (mathematisch-naturwissenschaftliche Richtung) Heidelberg 1920, Botanikprofessor, 1938 ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, dann ausgewandert; Emil Ephraim Treitel (geb. 8.8.1889 Karlsruhe), Dr. med. München 1916, 1938 ebenfalls ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, dann ausgewandert; Erich Josef Treitel (geb. 1897 Laupheim), Elektroingenieur, wanderte bereits 1934 nach Spanien und später nach Argentinien aus.
Mit Treitels Eintritt in den Ruhestand 1922 verwaiste das Rabbinat in Laupheim. Die Synagoge wurde 1938 niedergebrannt. Die jüdische Gemeinde, die mehr als zwei Jahrhunderte bestanden hatte, wurde gewaltsam ausgerottet. Heute ist die Stadt Laupheim vorbildlich darum bemüht, das ihren jüdischen Mitbürgern geschehene Unrecht nach Kräften wieder gutzumachen, soweit das überhaupt möglich ist. Im Rahmen dieser Bemühungen wird nicht zuletzt auch das Andenken an den letzten Laupheimer Rabbiner hoch gehalten. Auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim befindet sich das wohl gepflegte – in unorthodoxer Weise gemeinsame – Doppelgrab von Leopold Treitel und Rebekka Treitel-Brann.
Werke: De Philonis Judaei Sermone Dissertatio, 1872; Die alexandrinische Übersetzung des Buches Hosea, ein Beitrag zu den Septuaginta-Studien und der Auslegung des Propheten Hosea, 1887; Zur Duell-Frage, ein Wort an Eltern und Erzieher, in: Isr. Wochenschrift 1890; Ghetto und Ghetto-Dichter, Vortrag, gehalten im Verein für Jüdische Geschichte und Literatur in Karlsruhe, 1891 (ND im Jahrbuch zur Belehrung und Unterhaltung 1892); Schul- und Hausbibel, 1895; Geschichte des isr. Schulwesens in Württemberg, in: Mitt. der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte 9 (1899), 51-65; Z. Frankels Verdienst um die Septuagintaforschung, in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 45 (1901), 253-262; Die religions- und kulturgeschichtliche Stellung Philos, in: Theologische Studien 1904, 380-401; Rahab, die Seherin von Jericho, Erzählung mit biblischem Hintergrund für jung und alt, [1909]; Die alexandrinische Lehre von den Mittelwesen oder göttlichen Kräften, insbesondere bei Philo, geprüft auf die Frage, ob und welchen Einfluss sie auf das Mutterland Palästina gehabt hat, in: Judaica (1912), 177-184; Philonische Studien, hg. von Markus Brann, 1915; Frontgedichte zu Chanukka 1916 und Rosch Haschana 1917, abgedr. bei Schäll, Deutsche Soldaten, 433-441 (vgl. Lit.); Gesamte Theologie und Philosophie Philo's von Alexandria, 2. Aufl. 1923; „Die Sprache, die die Gräber reden“, in: Gemeindezeitung für die isr. Gemeinden Württembergs 4 (1927), 185 f.; Zur Entwicklungsgeschichte der Predigt in Synagoge und Kirche als des Beitrags, den das Judentum für die allgemeine Kultur gestiftet hat, in: Jüdisch-theologisches Seminar, Breslau, FS zum 75-jährigen Bestehen, Bd. 2, 1929, 373-376.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in: Emmerich (vgl. Lit.), 442 (L. Treitel in seinem Studierzimmer); 446 (Ehepaar Treitel-Brann mit ihren drei Söhnen).

Literatur: A. Tänzer, Geschichte der Juden in Württemberg, 1932, 75, 115; S. Wininger, Große Jüdische National-Biographie 7, 1936, 477; G. Kisch, Das Breslauer Seminar. Jüdisch-Theologisches Seminar in Breslau 1854-1938, Gedächtnisschrift, 1963, 436; Laupheim 778-1978, 1979, 295; J. Walk, Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918/45, 1988, 367; Josef K. Braun, Alt-Laupheimer Bilderbogen, II, 1988; A. Völpel, in: Zohar Shavit/H.-H. Ewers, Deutsch-jüdische Kinder- und Jugendliteratur von der Haskala bis 1945, 2, 1996, 1007 f., Nr. 2266; N. Hüttenmeister, Der Jüdische Friedhof Laupheim, 1998, 504; H. Schmuck, Jüdischer Biographischer Index, 3, 1998, 1018 (F. 624, 61-64); E. Schäll, Deutsche Soldaten jüdischen Glaubens aus einer württ. Kleinstadt, in: Schwäbische Heimat 49 (1998), 433-441; R. Emmerich, Philo und die Synagoge – Dr. L. Treitel, der letzte Rabbiner von Laupheim, in: Schwäbische Heimat 49 (1998), 442-447.
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