Martzloff, Philipp 

Geburtsdatum/-ort: 07.03.1880; Drulingen/Unterelsass
Sterbedatum/-ort: 13.11.1962;  Freiburg i. Br.
Beruf/Funktion:
  • Gewerkschafter, SPD-Politiker, MdL, Verfolgter des NS-Regimes
Kurzbiografie: 1894-1897 Lehrzeit als Schneider in Freiburg
1896 Beitritt zum Schneiderverband
1898 Beitritt zur SPD
1899 Bevollmächtigter der Filiale Baden-Baden des Schneiderverbandes und Vorsitzender des Ortskartells Baden-Baden der Gewerkschaften
1909-1933 Arbeitersekretär bei den Freien Gewerkschaften
1910-1933 Vorsitzender der SPD-Fraktion des Bürgerausschusses von Freiburg
1918-1919 Mitglied der Badischen Vorläufigen Volksregierung; Minister für Übergangswirtschaft, Wohnungswesen und Soziales
1919-1921 Mitglied der Badischen Verfassunggebenden Nationalversammlung und des badischen Landtages
1925-1933 Mitglied des badischen Landtages
1932 Wiedererwerb der im Zusammenhang mit dem Friedensvertrag von Versailles verlorenen deutschen Staatsangehörigkeit
1933-1934 Politische Verfolgung; Gefängnis- und KZ-Haft (Ankenbuk)
1944 Haft im Konzentrationslager Dachau
1945-1946 Mitbegründung der Sozialistischen Partei in Baden; Beteiligung an Bemühungen zum Zusammenschluß von Kommunistischer und Sozialdemokratischer Partei zu einer Einheitspartei
1945-1946 Mitwirkung am Aufbau des (süd-)badischen Landesarbeitsamtes, Auftrag zur Organisation eines (süd-)badischen Arbeitsministeriums (bis zu dessen Fusion mit dem Wirtschaftsministerium), Ministerialdirektor; bis 1952: Leiter des Landesarbeitsamtes und der Abteilung Arbeit im (süd-)badischen Ministerium für Wirtschaft und Arbeit
1947-1952 Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung von (Süd-)Baden, Abgeordneter des Landtages, Vizepräsident
Weitere Angaben zur Person: Religion: freireligiös
Verheiratet: 1900 Baden-Baden, Marie, geb. Ehret (1876-1952)
Eltern: Vater Gerichtssekretär, tödlich verunglückt, Näheres unsicher
(unehelich): Louise Martzloff (1847-1922)
Geschwister: 1 Halbschwester
Kinder: 5, davon 2 früh verstorben
2 Söhne, 1 Tochter
GND-ID: GND/101238229X

Biografie: Christoph Clasen (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 221-224

Noch in der Lehrzeit bei einem sozialdemokratischen Schneidermeister in Freiburg tritt Martzloff 1896 dem Schneiderverband bei und 1898 der SPD. 1899 organisiert der 19jährige ehrenamtliche Funktionär seines Verbandes in Baden-Baden erfolgreich einen Streik. Seit 1899 Bevollmächtigter der Filiale des Schneiderverbandes und Vorsitzender des Gewerkschaftskartells Baden-Baden, vertauscht er 1904 seine elsässisch-lothringische Staatsangehörigkeit mit der badischen, entsprechend dem damaligen Recht, daß die Reichsangehörigkeit auf der Staatsangehörigkeit in den deutschen Bundesstaaten (Ländern) aufbaue. 1909 in Freiburg bei den Freien Gewerkschaften zum Arbeitersekretär gewählt, hat er diese Stelle bis 1933 inne. In dieser Eigenschaft bemüht er sich, mit unterschiedlichem Erfolg, um Verbesserung der Arbeitsbedingungen in Freiburger Betrieben, insbesondere im Bereich der Arbeitssicherheit, der Arbeitszeit, der Frauenarbeit und der gesundheitlichen und der hygienischen Verhältnisse. Seit 1910, ebenfalls bis 1933, ist er Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion im Bürgerausschuß der Stadt Freiburg und außerdem Vertreter der Arbeitnehmerseite in den Leitungsgremien der Allgemeinen Ortskrankenkassen in Freiburg.
Wegen einer geburtsbedingten Nervenschädigung militärdienst-untauglich, nimmt Martzloff am 1. Weltkrieg nicht teil. Über seine Beteiligung an dem revolutionären Umsturz des Jahres 1918 ist wenig bekannt. Er ist 1918/19 Mitglied der aus dem Umsturz hervorgehenden republikanischen Badischen Vorläufigen Volksregierung unter dem Vorsitz des Mehrheitssozialdemokraten Geiß und nimmt in ihr das Amt des Ministers für Übergangswirtschaft, Wohnungswesen und Soziales wahr, dabei vor allem die Überleitung der auf den Kriegszustand gestellten Wirtschaft in friedensmäßige Verhältnisse.
1919 bis 1921 ist Martzloff Mitglied der Badischen Verfassunggebenden Nationalversammlung und des badischen Landtages, dem er außerdem in der Zeit von 1925 bis 1933 angehört. Er ist in der Zeit der Weimarer Republik auch aktives Mitglied des Sängervereins „Freundschaft“, der, zum Arbeitersängerbund gehörend, im Umfeld der Arbeitersport- und -kulturbewegung angesiedelt ist. Überregionales Aufsehen erregt 1932, daß die Nationalsozialisten Martzloffs Wiedereinbürgerung, die wegen der sich aus der Abtretung Elsaß-Lothringens ergebenden staatsangehörigkeitsrechtlichen Folgebestimmungen des Versailler Friedensvertrages notwendig und 1932 vollzogen wird, zum Anlaß für die Behauptung nehmen, er habe sein zeitweiliges badisches Ministeramt angeblich als Franzose innegehabt, und ihn damit gegen den „Fall Hitler“ ausspielen, der als bisheriger österreichischer Staatsbürger durch Übernahme eines öffentlichen Amtes im Lande Braunschweig die deutsche Staatsangehörigkeit erworben hatte.
Nach der Machteinsetzung der Nationalsozialisten wird Martzloff als Gewerkschaftsfunktionär sowie sozialdemokratischer Landtagsabgeordneter und Kommunalpolitiker seiner Stellungen und Ämter enthoben und im Zuge einer Verhaftungswelle gegen kommunistische und sozialdemokratische Politiker Freiburgs am 17. März 1933 festgenommen und während der Jahre 1933 und 1934 zu großen Teilen in Haftanstalten und Konzentrationslagern, darunter im KZ Ankenbuk, inhaftiert. Martzloff, auf Fürsprache des KZ-Kommandanten freigelassen und unter Polizeiaufsicht gestellt, gelingt es, in seinem erlernten Beruf als Schneider Unterhalt zu finden und sich in dem nicht aufgelösten Sängerverein „Typographia“ auch sängerisch zu betätigen. Im Zusammenhang mit den Verhaftungen nach dem Staatsstreichsversuch vom 20. Juli 1944 wird Martzloff erneut festgenommen und für einige Zeit im Konzentrationslager Dachau inhaftiert, jedoch nach einiger Zeit wieder freigelassen.
Nach der Beseitigung des NS-Regimes in Folge der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 macht Martzloff seinen politischen Einfluß im Interesse des Wiederaufbaus von Freiburg geltend. Er setzt sich dafür ein, die wiedererstehende Sozialdemokratische Partei Deutschlands in „Sozialistische Partei“ umzubenennen, und ist seit Februar 1946 zusammen mit Fr. Leibbrandt Vorsitzender der „Sozialistischen Partei“ in Baden. Martzloff beteiligt sich in Baden an den Bemühungen, eine Einheitspartei aus Kommunisten und Sozialdemokraten zu schaffen, wofür in Kreisen der Sozialistischen Partei bzw. badischer Sozialdemokraten große Sympathien bestehen. Er gehört dem von beiden Parteien, KPD und SP bzw. SPD, paritätisch besetzten Landesausschuß für die Vorbereitung der Verschmelzung an. Ohne dieses Ziel prinzipiell preiszugeben, spricht sich Martzloff jedoch – nach Intervention Erich Ollenhauers, der im Auftrage des Vorsitzenden der SPD in den deutschen Westzonen, Kurt Schumacher, versucht, auf die Verhandlungen Einfluß zu nehmen – dafür aus, die Verschmelzung durch Beitritt von Mitgliedern der KPD zur SPD zu bewirken. Gleichzeitig wird auch der Name „Sozialistische Partei“ wieder in „SPD“ umgeändert.
Im November 1945 wird Martzloff zum Leiter des Landesarbeitsamtes von Baden bestellt, dessen Bezirk der in die französische Zone fallende Teil des früheren Badens ist. Für diesen Bereich werden zunächst mit Sitz in Karlsruhe, später in Freiburg, im Laufe des Jahres 1945 und zu Beginn des Jahres 1946 eine Landesverwaltung bestellt, die sich in Abteilungen gliedert und unter der Kontrolle der Besatzungsbehörden regierungs- bzw. ministerienähnliche Funktionen ausüben. Ihre Geschäftsbereiche wechseln mehrfach; aus dem Finanzressort werden zu Beginn des Jahres 1946 das Wirtschafts- und das Arbeitsressort ausgegliedert. Letzteres entsteht im Februar 1946 und wird Martzloff übertragen. Parallel mit der Differenzierung der Zuständigkeiten in der Landesverwaltung und ihren Abteilungen geht deren Erhebung in den Rang von Ministerien, denen Ministerialdirektoren vorstehen. Martzloff verwaltet beide Posten, die Leitung des Landesarbeitsamtes und die Stelle als Ministerialdirektor des Badischen Arbeitsministeriums, in Personalunion.
Das badische Arbeitsministerium hält in dieser Zeit enge Kontakte zu den Gewerkschaften in wichtigen Fragen des Arbeits- und Sozialwesens; es veranstaltet mit ihnen Konferenzen und übernimmt für die von auswärts zum Tagungsort anreisenden Gewerkschaftsfunktionäre im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten die hierbei anfallenden Reise- und Verpflegungskosten. Vordringlich ist die Frage der Neuordnung der Betriebsverfassung durch ein Betriebsrätegesetz, über dessen Ausarbeitung es zwischen Martzloff und seinen Mitarbeitern einerseits und den Gewerkschaften andererseits in einigen Punkten trotz der sonst guten Beziehungen zu Differenzen kommt. Weitere Schwerpunkte sind u. a. der Neuaufbau des öffentlichen Versicherungswesens nach Kriegszerstörung und Zusammenbruch wie auch die Neuregelung der Arbeitslosenunterstützung. In loser Zusammenarbeit mit anderen Ministerien, öffentlichen Einrichtungen, Berufs- und Interessenverbänden und schweizerischen Nothilfeorganisationen, die Materialien und technischen Bedarf beisteuern, werden 1948 bis 1951 in Rheinfelden Umschulungswerkstätten betrieben, die Opfern und Verfolgten des NS-Regimes, des Krieges und seiner Folgen Umschulung oder Lehre für neue, meistens handwerkliche, Berufe gewähren.
1947 wird das Arbeitsministerium mit dem Wirtschaftsministerium verschmolzen; seine Aufgaben gehen auf die Direktion Arbeit des neuen Ministeriums über. Ihr Leiter ist Martzloff; an der Personalunion mit dem Vorsitz des Landesarbeitsamtes tritt keine Änderung ein, ebensowenig in der Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften. Im März 1952 wird Martzloff aus seinen Funktionen innerhalb der badischen Arbeitsverwaltung verabschiedet und in den Ruhestand versetzt.
Gegen Ende des Jahres 1946 wird er zum Mitglied der Beratenden Landesversammlung Badens gewählt, deren Aufgabe nach der Verordnung Nr. 65 der französischen Militärregierung die Ausarbeitung einer Landesverfassung und die Beratung der Landesverwaltung in politischen Fragen ist. Martzloff, Vorsitzender der sozialdemokratischen Fraktion, spricht sich gegen den Verfassungsentwurf aus. Er wird zum Mitglied des Landtages gewählt, dem er bis zum Zusammentritt der Volksvertretung des Südweststaats 1952 angehört und in dem er auch das Amt des Vizepräsidenten ausübt. In dieser Eigenschaft schließt er die letzte Sitzung des Landtages. Von 1945 bis zu seinem Tode ist Martzloff auch Aufsichtsratsvorsitzender des Freiburger Konsumvereins und Inhaber verschiedener weiterer Ehrenämter. 1952 wird ihm das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
Neben seiner Inanspruchnahme durch politische und Ehrenämter und Funktionen in Partei und Gewerkschaften im Landtag und den Behörden der Arbeitsverwaltung widmet Martzloff, wie in der Zeit der Weimarer Republik, seine Freizeit der Mitwirkung im Gesangverein. An die Stelle des schon erwähnten Sängervereins „Freundschaft“ tritt nach 1945 der Freiburger Volkschor, zu dessen Begründern er gehört. Außerdem ist er Präsident des Badischen Sängerbundes. Eine „Deutsche Hymne“, gedichtet von Christoph Klaus, vertont von Franz Philipp, vom Volkschor in seinem Jahreskonzert 1950 aufgeführt, will Martzloff durch den badischen Staatspräsidenten Wohleb bei der Bundesregierung als neue deutsche Nationalhymne vorschlagen lassen; Wohleb vermag dieser Anregung nicht zu folgen.
Martzloffs Leben ist geprägt von fast allen Höhen und Tiefen, denen deutsche sozialdemokratische Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre seit etwa 100 Jahren begegneten. Zeitgenössische Politiker, seine Mitarbeiter sowie Freunde und Weggefährten erachten ihn als einen Sozialpolitiker von Geblüt, mutig in der Durchsetzung gewerkschaftlicher Anliegen, der Vertretung sozialpolitischer Ziele wie bei der Hilfe für den einzelnen Arbeiter.
Quellen: StAF, Nachlaß Martzloff; Mitteilungen von Helmut Martzloff und Max Faulhaber, beide Freiburg i. Br.; Gesetz- und Verordnungsblatt Baden 1918, 1919; Die Beratende Versammlung des Landes Baden 1946-1947. L’Assemblée consultative du pays de Bade 1946-1947, hg. von dem Sekretariat der Beratenden Landesversammlung, Freiburg, o. J. (1947), 85; Amtsblatt der Landesversammlung Baden 1946, passim; Badisches Gesetz- und Verordnungsblatt 1947 ff., passim; Mitteilungen der Direktion Arbeit im Badischen Ministerium für Wirtschaft und Arbeit, Freiburg, Jg. 3, 1949; 4, 1950; 6, 1952
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in: StAF Nachlaß Martzloff und im Privatbesitz Helmut Martzloff

Literatur: Heinrich Köhler, Lebenserinnerungen des Politikers und Staatsmannes 1878-1949, hg. von Josef Becker (= VKgLBW Reihe A, 11. Bd.) Stuttgart 1964, 85 und 89; Karl Stiefel, Baden 1648-1952, Band I, Karlsruhe 1977, 390 ff., 394 ff.; Die SPD in Baden-Württemberg und ihre Geschichte, hg. von Jörg Schadt und Wolfgang Schmierer (SpLBW Bd. 3) Stuttgart 1979, 33, 137, 223, 328, 341; Verfolgung, Widerstand, Neubeginn in Freiburg, hg. von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten, Kreis Freiburg, Redaktion: Henri Büttner u. a., Freiburg (Offensiv-Verlag) o. J. (um 1980), 15 f., 30
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