Bellinghausen, May 

Geburtsdatum/-ort: 06.12.1896;  Freiburg
Sterbedatum/-ort: 12.03.1985;  Freiburg
Beruf/Funktion:
  • Pädagogin, CDU-Kommunalpolitikerin
Kurzbiografie: 1904-1914 10klassige höhere Mädchenschule Katholisches Institut (KI) St. Ursula Freiburg
1914-1917 Lehrerinnenseminar am KI Freiburg
1917/1918 Praktisches Halbjahr im Schuldienst
1918 Erste Lehrerprüfung, danach Höhere Lehrerinnenprüfung; anschließend Volksschuldienst in Wolterdingen, Gütenbach, Neudingen, Glottertal, Waldkirch, Erzingen
1931 Versetzung nach Freiburg
1940 Planmäßige Anstellung und Ernennung zur Hauptlehrerin
1944 Ernennung zur Mittelschullehrerin im elsässischen Schuldienst
1945 Wiederverwendung im badischen Schuldienst
1947 Beförderung zur Rektorin der Pestalozzi-Mädchenschule Freiburg
1953-1971 Mitglied des Freiburger Stadtrats, CDU-Fraktion
1963 Pensionierung, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Eltern: Vater: Wilhelm Bellinghausen (1856-1920), Verlagsbuchhändler und Direktor bei Herder
Mutter: Gladys, geb. Barwick
Geschwister: 2
GND-ID: GND/1012412938

Biografie: Renate Liessem-Breinlinger (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 16-17

Ihren spektakulärsten Erfolg konnte Bellinghausen 1959 im Alter von 63 Jahren verbuchen: das beste Ergebnis bei der Freiburger Stadtratswahl mit 10 000 Stimmen Vorsprung vor dem Nächstplazierten. Dieses Ereignis fand sogar in der Stuttgarter Presse ein Echo unter der Überschrift „Wahlerfolg einer Frau“. Diese Formulierung signalisiert, daß Bellinghausen mit ihrem Wirken in einer – wenn auch engräumigen – Öffentlichkeit einen Weg beschritt, der als außergewöhnlich empfunden wurde. Bei Ehrungen und Nachrufen wurde ihre Beliebtheit auf ihr soziales Engagement und ihre spontane Hilfsbereitschaft zurückgeführt. Sie half ungezählten Wohnungssuchenden bei Behördengängen oder durch gezielte Intervention, sie ging auch ohne Berührungsangst mit Randgruppen um. Mit dem eigenen Wagen holte sie in den 50er Jahren Zigeunerkinder aus dem Lager an der Opfinger Straße in ihre Schule in Freiburg-Haslach. Sie war populär, markant und auf eine besondere Weise charmant. Im Ausdruck wie auch in der Wahl ihrer pädagogischen Mittel konnte sie bisweilen derb sein, dahinter stand jedoch eine Sicherheit im Auftreten, mitgeprägt durch ihr Elternhaus, das dem Bildungsbürgertum zuzurechnen ist. Der Vater, ein gebürtiger Rheinländer, nahm eine leitende Stellung im Freiburger Herder-Verlag ein. Er war mit einer etwas herben Engländerin verheiratet, die er in ihren ganz jungen Jahren in London kennengelernt hatte, wo sie offenbar als Waise aufgewachsen war. Die Sprache im Elternhaus, einer Villa im Stadtteil Herdern, war Englisch, die Erziehungsgrundsätze waren streng.
Entscheidende Prägung erfuhr Bellinghausen auch bei den Freiburger Ursulinen, an deren Institut sie im Verlauf von 13 Jahren ihre Schul- und Berufsausbildung erhielt. Anschließend besuchte sie das dreijährige Lehrerinnenseminar, wonach sie zwei Prüfungen ablegte: als Volksschulkandidatin und als Lehrerin an Höheren Mädchenschulen. Von der letzteren Qualifikation konnte sie in ihrer Laufbahn im staatlichen Schuldienst mehrfach profitieren: 1943 wurde sie an der Freiburger Adelhauser Mittel- und Hauptschule eingesetzt, 1944 zur Mittelschullehrerin im elsässischen Schuldienst ernannt, und nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sie an der Pestalozzischule in Haslach einen Mittelschulzug einrichten, der 1960 mit sechs Klassen voll ausgebaut war, also zur Mittleren Reife führte. Der Gemeinschaft der Katholischen Lehrerinnen blieb Bellinghausen zeitlebens verbunden. Mit großem persönlichen Engagement organisierte sie nach 1945 die Gengenbacher Hochschulwochen, eine Fortbildungsveranstaltung für Katholische Erzieher aus der Erzdiözese Freiburg, die bis heute stattfindet.
In der Junglehrerzeit wurde Bellinghausen wie damals üblich von einem ländlichen Dienstort zum anderen versetzt. Die planmäßige Anstellung ließ ungewöhnlich lange bis 1940 auf sich warten wegen Unangepaßtseins im Dritten Reich. Von 1931 an war sie an Freiburger Schulen tätig: Hildaschule, Karlschule in Herdern und von 1935 bis 1942 in Haslach, wo sie nach dem Zweiten Weltkrieg Rektorin wurde. An der Hildaschule wurde sie 1933 neben der von ihr geschätzten Rektorin Henriette Schatz in eine wohl politisch motivierte Intrigengeschichte hineingezogen, was ihre Versetzung an die Karlschule zur Folge hatte. Die Rektorin trat damals 59jährig in den Ruhestand und verstarb 1934. Schriftliche Belege über die Daten hinaus sind nicht greifbar. Unkompliziert und gut dokumentiert sind dagegen die Vorgänge, die 1947 zur Ernennung Bellinghausens zur Rektorin führten. Sie wurde als tüchtig, energisch, erfolgreich und politisch unbelastet beschrieben und erhielt umgehend das Plazet, auch vom Gouvernement Militaire. Als sie 1963 im 68. Lebensjahr aus dem Schuldienst ausschied, erhielt sie das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse aus der Hand des damaligen Freiburger Landtagsabgeordneten und baden-württembergischen Innenministers Filbinger. 1964 unterstützte sie als Zweitkandidatin seine Wiederwahl in den Landtag.
1965 kandidierte sie zum letzten Mal bei einer Stadtratswahl. (Der Sechsjahresrhythmus erklärt sich durch das damals übliche rollierende System.) Innerhalb ihrer Fraktion erzielte sie wieder das beste Ergebnis, insgesamt belegte sie den zweiten Platz mit rund 4 000 Stimmen hinter Dr. Rudolf Schieler, SPD. Die Tage der Hektik und Idylle in der Haslacher Pestalozzischule, wo Rat- und Hilfesuchende vor dem Rektorat und Lehrerzimmer Schlange standen, waren Vergangenheit. Als 75jährige schied Bellinghausen aus dem Stadtrat aus. Zum 80. Geburtstag wurde sie vom Oberbürgermeister und Stadtrat als „guter Geist von Haslach“ und „liebenswerte Helferin“ aller geehrt. Von den Enttäuschungen, die sie immer wieder erleben mußte, war nicht die Rede: Oft war sie ausgenutzt worden, ideell und auch materiell. Seit ihren Kindertagen hatte sie, von der Junglehrerzeit abgesehen, in der Rosenau 8 gelebt, dem Haus, das der Vater um 1900 erbaut hatte. Nach dessen frühem Tod 1920 war sie als berufstätige Tochter dort Stütze und Mittelpunkt der Familie. Sie hinterläßt das Bild einer Frau, die sich verwirklichen konnte, vielen Rollen gerecht wurde und Probleme und Enttäuschungen mit Humor meisterte. An ihr war alles echt, darum fällt auch vielen Zeitgenossen das Wort originell ein, wenn sie von ihr sprechen.
Quellen: StAF: PA May Bellinghausen (532, Pos. 10/20/1/2); Nachlaßakte Henriette Schatz (135/3/3 P. 70) – Stadtarchiv Freiburg: Stadtratswahlen (C 5/702-717); Glückwünsche (C 5/353). Bei den Archivalien: Zeitungsausschnitte. Nachlaß May Bellinghausen im Besitz der Familie, verwaltet von Frau Barbara Endreß, geb. Bellinghausen, und Rektorin Marga Fensterer
Nachweis: Bildnachweise: Fotos in Zeitungsausschnitten, vgl. Quellen

Literatur: Hans Schneider, Freiburger G’schichten. Berichte aus einer kleinen Großstadt. II. Freiburg 1986, 75 f., 189 f.
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