Fettweis, Rudolf 

Geburtsdatum/-ort: 21.03.1882; Eupen
Sterbedatum/-ort: 09.08.1956;  Karlsruhe
Beruf/Funktion:
  • Ingenieur, Wasserkraftwerksbauer
Kurzbiografie: 1901 Abitur am Humanistischen Gymnasium in Düren
1901-1902 Einjähriger Freiwilliger beim Telegrafen-Bataillon in Koblenz
1902-1904 Studium der Elektrotechnik, TH Hannover
1904-1907 Fortsetzung Studium der Elektro-Technik, TH Darmstadt
1907 Examen zum Diplom-Ingenieur
1907-1909 Projektierungsingenieur und Bauleiter, AEG-Berlin
1909-1913 Leitender Ingenieur, Siemens-Schuckert, Köln und Aachen
1913-1918 Planungsingenieur in der Abteilung für Wasserkraft und Elektrizität bei der Großherzoglichen Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaus
1914-1917 Kriegsdienst als Leutnant und Kompanieführer
1918 Großherzogliches Kriegsverdienstkreuz
1919-1921 Ober-Ingenieur und Leiter des Murgkraftwerk-Betriebes
1921-1945 Technisches Vorstandsmitglied der neu gegründeten „Badischen Landeselektrizitätsversorgungs A. G.“-Badenwerk A. G.
1945-1953 Vorstandsvorsitzender der Badenwerk A. G.
1947 Ehrensenator der TH Karlsruhe
1950 Dr. ing. E. h. der TH Karlsruhe
1952 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
1952 Titel „Professor“ durch das Land Württemberg-Baden
1953-1956 Aufsichtsrat der Badenwerk A. G.
Weitere Angaben zur Person: Religion: römisch-katholisch
Verheiratet: 1910 Verviers, Alice, geb. Fettweis (belgischer Zweig der Fettweis in Verviers)
Eltern: Vater: Rudolf Fettweis, Färbereibesitzer
Mutter: Hubertine, geb. Berners
Geschwister: 6
Kinder: Olga, Mimie, Alice
GND-ID: GND/1012412970

Biografie: Wolfgang Wirth (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 79-82

Fettweis brachte nach dem Studium der Elektrotechnik an den Technischen Hochschulen in Hannover und Darmstadt und nach mehrjähriger Tätigkeit als Projektierungsingenieur für Schaltzentralen und Hochspannungsanlagen bei der AEG und den Siemens-Schuckert-Werken beste Voraussetzungen und Erfahrungen mit, um bei der Errichtung großer Wasserkraftanlagen in Baden an entscheidender Stelle mitzuwirken. Er hat in mehr als vier Jahrzehnten den Ausbau der Landeselektrizitätsversorgung zu seinem Lebenswerk gemacht. Unter seiner Leitung wurde die Stromversorgung Badens auf ein hohes, vorbildliches Niveau gebracht. Auch hat er die damit verbundenen Entwicklungen wie die erstmalige Anwendung der Pumpspeicherung, den Verbundbetrieb von Kraftwerken und die Bahnelektrifizierung mit 50 Hz sehr gefördert und dazu selbst Pionierarbeit geleistet. Er war aufgeschlossen für alles Neue und zeigte stets Mut und Verständnis für den frühen Einsatz neuer Techniken.
Fettweis trat im Jahre 1913 als Planungsingenieur in die Dienste der badischen Regierung, die für alle mit der Wasserkraftnutzung und Elektrizitätsversorgung zusammenhängenden Angelegenheiten eine entsprechende Abteilung bei der „Großherzoglichen Oberdirektion des Wasser- und Straßenbaues“ in Karlsruhe unterhielt.
Diese Abteilung war nach einem Beschluß des badischen Landtages vom Dezember 1912 mit dem Bau und Betrieb eines Murgkraftwerkes sowie mit der Errichtung von 110 kV-Leitungen zwischen Forbach, Karlsruhe und Mannheim beauftragt worden.
Die Mitarbeit an diesem Grundstock der Landeselektrizitätsversorgung, der 1913 begonnen wurde und dessen Errichtung sich nicht ohne Schwierigkeiten und Anfeindungen über den Ersten Weltkrieg hinzog, gab Fettweis die Möglichkeit, seine Kreativität und Schaffenskraft voll zum Einsatz zu bringen. Dieses wurde nach Fertigstellung des Kraftwerkes mit der Ernennung zum Oberingenieur und Betriebsleiter belohnt.
Daneben behielt er aber stets das Umfeld im Auge und beschäftigte sich mit Fragen, wie sich die vielen Wasserkräfte des Landes in einer wirtschaftlich vertretbaren Form zum Einsatz bringen lassen und die Erweiterung der Erzeugungs- und Verteilungsanlagen erfolgen könnte.
Befruchtend für die Elektrizitätswirtschaft in Baden bis in die Jahre nach dem 2. Weltkrieg war auch das beidseitig gute Verhältnis zwischen Fettweis und dem Politiker und Staatsmann Heinrich Köhler (1878-1949), der als Finanzminister ab 1920 – zunächst mit dem bis 1924 zuständig gewesenen Arbeitsminister Engler am schwierigen Gründungsprozeß beteiligt – die badische Elektrizitätsversorgung mit großer Energie vorantrieb. Er erkannte schon bald, daß für den weiteren erfolgreichen Ausbau derselben eine neue privatwirtschaftliche Geschäfts- und Rechtsform eingeführt werden mußte, zumal die Kapitalbeschaffung für die Ausbaupläne des Schwarzenbaches, des Schluchsees, des Oberrheines und die Übernahme der gesamten Strombewirtschaftung der Gemeinden anstand. Nur eine Elektrizitätsgesellschaft konnte in den zusätzlich schweren Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg den Mut aufbringen, viele Millionen Mark in ein Werk zu stecken, ohne eine einzige kWh vorher verkauft zu haben.
Daher gründete das Land am 6. Juli 1921 eine Aktiengesellschaft unter der Bezeichnung „Badische Landeselektrizitätsversorgungs A.G.“ (Badenwerk). Diese Gründung erfolgte durch Umwandlung der „Abteilung für Wasserkraft und Elektrizität“ bei der Badischen Oberdirektion unter Einbringung des staatlichen Murgwerkes. Fettweis stand H. Köhler bei der Gründung des Badenwerkes tatkräftig zur Seite.
Gleichzeitig wurde Fettweis auf Grund seiner erfolgreichen und entscheidenden Mitarbeit an den Fundamenten in den Vorstand der „Badenwerk A.G.“ berufen. Mit diesem Ausweg hatte sich die Regierung den Zugang zum Kapitalmarkt geebnet und konnte 1922-1926 in einem 2. Bauabschnitt das „Schwarzenbachwerk“ errichten, nach dem Tod seines verdienstvollen Erbauers 1956 in „Rudolf Fettweis Werk“ umbenannt.
Das Badenwerk veranlaßte alsbald nach seiner Gründung bei der Oberdirektion die Aufnahme von Vorarbeiten zur Erlangung eines Entwurfes für den Ausbau des Schluchseewerkes. Nachdem die Ergebnisse einer öffentlichen Ausschreibung nicht befriedigt hatten, begann 1922 ein Stab von Ingenieuren, die bald darauf in das Badenwerk eingegliedert wurden, mit eigener Entwurfsbearbeitung. Die Planung der elektrischen Einrichtungen erfolgte unter Leitung von Fettweis. Trotz der 400 Einsprüche, die der Antrag auf Errichtung und Betrieb des Schluchseewerkes hervorrief, erfolgte – nach zuvor beim Innenministerium eingeholter Konzession – 1928 der Baubeschluß. Das Badenwerk, dessen Initiative diese und andere bedeutende Anlagen entstehen ließ, strebte anfänglich selbst nur ein Beteiligungsverhältnis von 26 % an. Deshalb waren jahrelange Verhandlungen unter maßgeblicher Beteiligung von Fettweis nötig, um die restlichen Erzeugungsquoten und den zugehörigen Aktienbesitz anderweitig unterzubringen.
Inzwischen bekundete das RWE sein Interesse sowohl an einer Beteiligung am Schluchseewerk als auch am Ausbau der Hochrheinkraftwerke. Fettweis war am Gründungsvertrag zwischen Badenwerk und RWE (1928) über die Einrichtung der Schluchseewerk A.G. maßgeblich beteiligt, welcher Bau und Betrieb der Ober-, Mittel- und Unterstufe des Schluchseewerkes einschließlich Titiseeregulierung zum Inhalt hatte. Er wurde Mitglied des Aufsichtsrates.
Fettweis’ technische und wissenschaftlich fundierte Kenntnisse sowie sein praktisches Können und Organisationstalent befähigten ihn, bei der Planung und Erschließung von Laufwasserkraftwerken am Hochrhein so manche Hürden zu nehmen, insbesondere bei den Verhandlungen über die Zuordnung der Beteiligungen und der Wasserrechtskonzessionen mit der Schweiz.
1926 konnte die Rheinkraftwerk Ryburg-Schwörstadt A.G. (25 % Badenwerk) gegründet werden, deren Verwaltungsrat Fettweis angehörte.
Trotz der dominierenden Rolle, welche die Speicherkräfte des Schwarzwaldes und die Laufwasserkräfte am Hochrhein für die Bedarfsdeckung Badens spielten, setzte Fettweis sich mit Nachdruck auch für den Bau von Dampfkraftwerken ein. Er war Mitglied im Aufsichtsrat des Großkraftwerkes Mannheim, das bereits 1921 mit Beteiligung der Stadt und der Pfalzwerke errichtet worden war. Ein von ihm 1940 geplantes Dampfkraftwerk bei Haßmersheim kam wegen des Kriegsausganges mit Frankreich nicht zur Ausführung. Eine Befriedigung erfuhr er aber noch, als das von ihm geplante und 1953 begonnene Dampfkraftwerk im Karlsruher Rheinhafen mit seiner ersten Ausbaustufe in Betrieb ging. Am Ausbau der Verbundwirtschaft im deutschen Südwesten und darüber hinaus war das Badenwerk unter Fettweis maßgeblich beteiligt. Als kleiner Anfang wurde schon bald nach der Fertigstellung des Murgwerkes (1918) ein Verbundbetrieb zwischen Wasser- und Dampfkraftwerken im engeren Bereich erprobt. Durch immer leistungsfähigere Hochspannungsnetze für 110 kV und 220 kV konnte dieser Verbundbetrieb bald die Landesgrenzen überschreiten und erlangte schnell größte Vollkommenheit, ja er ließ schon 1926 europäische Perspektiven erkennen.
Nach der Aufnahme des Stromaustausches zur Nordost-Schweiz erfolgte im Dezember 1926 als großer Schritt die Eingliederung des Badenwerkes in den westdeutschen Verbundbetrieb durch den Netzzusammenschluß mit der RWE in Rheinau. Durch die hierdurch entstandene Nord-Süd-Sammelschiene wurden die Kohlekraftwerke des Rheinlandes mit den Wasserkraftwerken Süddeutschlands und der Alpen verbunden.
Durch diese Pioniertat war ein starkes Netz entstanden, das in Spitzenzeiten noch durch Pumpspeicherwerke gestützt wurde. Damit bestand nun die Möglichkeit, vom Westen und Osten her Großverbraucher und Teilnetze anzukoppeln. Dies hatte 1928 eine Stromleitung nach Stuttgart und ab 1930 den Stromaustausch mit dem Elektrizitätswerk in Straßburg zur Folge.
Bei seinen verbundwirtschaftlichen Bemühungen kam Fettweis sein großes Ansehen und Vertrauen zu Hilfe, das er bei den benachbarten Elektrizitätsgesellschaften sowohl im Inland als auch im Ausland genoß. Darüber hinaus verfügte er über weitgehende geschäftliche und persönliche Beziehungen zu Kraftwerks-Herstellern und -Betreibern.
Ab 1940 übernahm er für seinen Vorstandsbereich die Lastverteilung zwischen den Elektrizitätswerken in Baden, was 1941 noch auf das Elsaß ausgedehnt wurde. Auch bei dieser für die noch junge Verbundwirtschaft neuen Aufgabe gelang es Fettweis, bei allen Beteiligten stets harmonische Zusammenarbeit zu erzielen. 1944 übernahm er dann die Leitung der Bezirksgruppe Südwest, einer Interessenvertretung aller Elektrizitätswerke in Baden und im Elsaß als nebenamtliche Tätigkeit.
Besondere Anstrengungen galten aber auch der 50 Hz-Elektrifizierung der Höllentalbahn, die ein Modell für die Elektrifizierung des badischen Bahnnetzes sein sollte. Die Bahnstrom-Problematik 16 2/3 Hz statt 50 Hz wollte er mit geeigneten Bahnmotoren und unter Verwendung von Umrichteranlagen umgehen. Deshalb war er Initiator und Förderer von Forschungsarbeiten an der TH Karlsruhe, die den Bahn-Fahrbetrieb mit 50 Hz und die sich daraus ergebende Einphasenlast am Netz zum Inhalt hatten. Aber auch auf den Gebieten des Schutzes elektrischer Maschinen und Netze, der Gleichstrom-Fernübertragung und der Blindstromkompensation hat er weit vorausschauende Untersuchungen durchführen lassen.
Trotz seiner vielen Verdienste hatte er nach 1933 mit großen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten zu kämpfen. Schon bald kam es auf Betreiben der Partei zur Ernennung eines weiteren Vorstandsmitgliedes, dem die politische Ausrichtung der Mitarbeiter unterlag und dem Fettweis sich unterordnen mußte. Im Herbst 1937 trat er mit innerem Widerwillen in die Partei ein, da er sonst sein Lebenswerk hätte aufgeben müssen. War er schon vorher parteipolitisch neutral, so hat er auch in der Folgezeit weder politisches Vertrauen der Parteigrößen besessen noch angestrebt.
In diesen Jahren hat er in selbstloser Weise belgische Verwandte oder Mitarbeiter aus dem Elsaß, die mit dem System in Kollision geraten waren, vor Deportation oder Gestapo zu bewahren gewußt. Dennoch mußte er sich nach Kriegsende zermürbenden Spruchkammerverfahren unterwerfen, bis 1948 jegliche zeitliche Beschränkung seiner Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender aufgehoben wurde.
Seine großartigen Leistungen für den Ausbau der Stromversorgung sind mit vielen Ehrungen gewürdigt worden. Die TH Karlsruhe verlieh ihm die Würde eines Ehrensenators und ernannte ihn Ende 1950 zum Dr. ing. E. h. Anläßlich seines 70. Geburtstages, den er in voller Schaffenskraft als Vorsitzender des Vorstandes der Badenwerk A.G. begehen konnte, erhielt er das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen sowie den Titel „Professor“ durch die badische Landesregierung. Um sein reiches Wissen und seine Erfahrungen dem Badenwerk noch weiterhin zu erhalten, wurde er nach seiner Pensionierung in den Aufsichtsrat berufen.
Quellen: GLAK: 237/30671-74, 33198-33219, 44832, 45188; 466/20577, zugg. 1978/36 Nr. 1766; 481/1945, 1976 – persönliche Mitteilungen der Familie W. Fettweis (Cousin) in Eupen und Unterlagen von Badenwerk A. G.
Werke: Beitrag zur Theorie der Wendepolmaschinen, in: Elektrotechnik und Maschinenbau, Wien 1908, Heft 41; Das Murgkraftwerk, in: Elektro-Journal, Jg. 1, 1921, Juni Charlottenburg; Stand der Elektrizitätsversorgung nach dem Krieg mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Baden, Vortrag vom 29.01.1947 vor dem Elektrotechnischen Verein Mittelbaden, Druck G. Braun, Karlsruhe
Nachweis: Bildnachweise: Badenwerk AG, Karlsruhe

Literatur: Lebenserinnerungen des Politikers und Staatsmannes Heinrich Köhler 1878-1949, Karlsruhe 1964, 112, 115
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