Künzel, Otto 

Geburtsdatum/-ort: 30.09.1903;  Kupferzell, Hohenlohekreis
Sterbedatum/-ort: 21.09.1966;  Reutlingen
Beruf/Funktion:
  • Verwaltungsbeamter, Verfolgter des NS-Regimes, Staatskommissar für politische Säuberung in Württemberg-Hohenzollern, MdL-SPD
Kurzbiografie: 1910-1913 Volksschule Kupferzell
1913-1918/19 Oberrealschule Schwäbisch Hall
1923 Eintritt in die SPD
1926-1928 Ausbildung für den gehobenen Verwaltungsdienst
1927-1928 Berufspraktika: Kreissparkasse Neuenburg, Bürgermeisteramt Großaspach
1928-1930 Assistent, ab 1933 Obersekretär bei der Stadtpflegebuchhaltung Reutlingen
1933 Entlassung als Beamter; Schutzhaftlager Heuberg
1934-1936 Selbständiger Steuerberater
1936-1938 Angestellter bei der Firma Gebr. Burkhardt, Pfullingen
1938-1939 Gefängnis in Ulm wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“
1939-1945 Angestellter bei der Firma Braun & Kemmler, Tübingen
1945-1948 Verwaltungsreferent in Reutlingen
1946-1947 Staatskommissar für politische Säuberung in Württemberg-Hohenzollern
1947-1952 MdL von Württemberg-Hohenzollern
1948-1957 Stadtdirektor in Reutlingen
1957-1966 I. Beigeordneter mit der Amtsbezeichnung Bürgermeister, Reutlingen
Weitere Angaben zur Person: Religion: zuerst evangelisch, seit 1930 religionslos
Verheiratet: 1. 1935 Reutlingen, Lina, geb. Wild
2. 1961 Reutlingen, Erika, geb. Beck
Eltern: Otto (1863-1935), Hauptschullehrer
Sophie, geb. Kraft (1868-1962)
Kinder: keine
GND-ID: GND/1012715272

Biografie: Edgar Wolfrum (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 212-215

Künzel, dessen Schulzeit mit dem 1. Weltkrieg zusammenfiel, setzte große Hoffnung auf die erste deutsche Demokratie und die republikanische Weimarer Verfassung. Er stammte aus einem württembergischen republikanischen Elternhaus, und immer wieder wies er mit unverhohlenem Stolz darauf hin, daß sein Großvater väterlicherseits sich aktiv an der Revolution von 1848/49 beteiligt hatte. 1923 trat Künzel in die staatstragende SPD ein, betätigte sich zunächst in Vereinen der Arbeiterjugend, wo er auch seine spätere Frau Lina Wild kennenlernte, bevor er sich angesichts der Bedrohung der Republik von rechts und links im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold engagierte und seit 1931 auch als Redner seiner Partei auftrat. Beruflich wollte sich Künzel in den Dienst der Republik stellen, schlug den Weg zum gehobenen Verwaltungsdienst ein, absolvierte, nachdem er 1926 die I. Verwaltungsprüfung abgelegt hatte, Praktika in verschiedenen Gemeindeverwaltungen, etwa beim Bürgermeisteramt in Großaspach, bevor er 1927 in Stuttgart die II. Verwaltungsprüfung erfolgreich bestand. Einer Verwaltungskarriere schien nichts mehr im Wege zu stehen. Bald war er Assistent bei der Stadtpflegebuchhaltung in Reutlingen und stieg dann in derselben Behörde zum Obersekretär auf. 1930 trat Künzel aus der Ev. Landeskirche aus.
Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten bedeutete für Künzel auch eine persönliche Katastrophe. Im April 1933 verlor er aufgrund des § 4 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums – ein Gesetz, das der staatlichen Willkür Tür und Tor öffnete – seine Stellung, da er nicht „rückhaltlos“ für den NS-Staat eintrat. Fünf Monate lang wurde Künzel im „Schutzhaftlager“ Heuberg inhaftiert. Völlig mittellos versuchte er sich anschließend als selbständiger Steuerberater, legte auch Prüfungen vor dem Finanzamt ab, durfte aber wegen politischer Unzuverlässigkeit nicht tätig werden. Er arbeitete bis März 1938 als Angestellter bei der Firma Gebr. Burkhardt in Pfullingen, betätigte sich aber weiterhin politisch und wurde wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis verurteilt, die er in Ulm und Bettenreute absitzen mußte. Anschließend war Künzel ein halbes Jahr arbeitslos. Erst im August 1939 gelang es ihm, in der Metallwarenfabrik Braun & Kemmler in Tübingen eine Anstellung zu finden, wo er bald eine verantwortliche Position innehatte und daher nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde.
Künzel hat nach dem Ende der NS-Diktatur oft betont, daß er ab 1942 einer Widerstandsgruppe in Reutlingen angehörte, die seit 1940 bestanden hatte, etwa zehn Mitglieder umfaßte und deren Zentrum kommunalpolitisch bekannte Persönlichkeiten bildeten, so Oskar Kalbfell, Dr. Emil Salzer, Hans Kern und Dr. Georg Allmendinger. Freilich kam in der locker organisierten Gruppe eher der Dissens gegenüber dem NS-Regime zum Ausdruck als daß konkrete Widerstandsaktionen unternommen wurden. Daß die Stadt Reutlingen jedoch den französischen Truppen im April 1945 kampflos übergeben werden konnte und nicht sinnloser Zerstörung zum Opfer fiel, war wesentliches Verdienst dieser Oppositionsgruppe.
Sofort nach Kapitulation und Befreiung wurde Künzel von Oskar Kalbfell als Verwaltungsfachmann nach Reutlingen geholt, um den demokratischen Neubeginn unter französischer Besatzung zu gestalten. Beide verband seither eine enge freundschaftliche Beziehung. Mit dem Widerstandskreis stand eine „Stadtregierung aus der Schublade“ zur Verfügung, die vor der Besatzungsmacht und Bevölkerung ausreichend legitimiert war. In Reutlingen regierten während der Umbruchzeit die seither fast legendären „3 K“: Oskar Kalbfell, der Aufsteiger und energische Politiker, dem es aber an Verwaltungswissen mangelte, Hans Kern, der zurückhaltende Fabrikant und IHK-Präsident, sowie Künzel, der ausgewiesene Verwaltungsfachmann, der administrative Phantasie und Sachverstand mitbrachte, Kalbfells Ziele in die richtige Verwaltungsform zu bringen. Künzel baute eine leistungsfähige und sparsame Verwaltung auf und erwarb sich schnell den Ruf, einer der besten Kenner des württembergischen Gemeinderechts zu sein. Er verfocht stets das Prinzip der kommunalen Selbstverwaltung und seine nüchternen, realistischen Einschätzungen fanden auch beim politischen Gegner Anerkennung.
Neben der kommunalen Ebene beteiligte sich Künzel am Wiederaufbau der SPD in Württemberg-Hohenzollern, der maßgeblich von Carlo Schmid betrieben wurde. Die südwürttembergischen Sozialdemokraten schlugen dabei einen ausgeprägten, im Nachkriegsdeutschland einzigartigen Volksparteikurs ein, der in vielen Bereichen bereits das Godesberger Programm von 1959 vorwegnahm. Künzel, der sehr pragmatisch dachte und nichts von marxistischen Dogmen hielt, hatte bei dieser programmatischen Öffnung der SPD durchaus Anteil. Im Mai wurde er Mitglied der (Verfassung-) Beratenden Landesversammlung und gehörte danach dem Landtag von Württemberg-Hohenzollern bis zur Gründung des Südweststaates 1952 an.
Sein wichtigstes, aber auch umstrittenstes Amt trat Künzel im April 1946 an. Auf ausdrücklichen Wunsch Carlo Schmids, des Provisorischen Regierungschefs von Württemberg-Hohenzollern, wurde er „Staatskommissar für die politische Säuberung“ in dem kleinen Land und arbeitete mit Schmid sowie Victor Renner ein Entnazifizierungsmodell aus, das im Nachkriegsdeutschland seinesgleichen suchte und von der französischen Besatzungsmacht anfangs nachdrücklich unterstützt wurde. Kerngedanke war, daß die Entnazifizierung keine justizielle Angelegenheit darstellte, sondern ein rein politisches Problem war. Es mußte politisch entschieden werden, wer zum Aufbau einer Demokratie tauge und wer aufgrund seines Verhaltens im Nationalsozialismus bestraft oder zumindest zeitweise auf seine politischen Rechte verzichten müsse. Entnazifizierung bedeutete für Künzel nicht vorrangig Strafe für begangenes Unrecht, sondern politischer Schutz des im Aufbau begriffenen demokratischen Staatswesens. Das war, wie wir am Ende der Diktaturen des 20. Jahrhunderts sehen, ein wegweisender Gedanke. Der Schematismus von quasigerichtlichen Spruchkammerverfahren wurde verworfen. Notwendig war eine schnelle Durchführung und gleichmäßige Behandlung, daher mußte eine starke zentrale Entscheidungsgewalt in Form des Säuberungskommissars geschaffen werden, der sich im Auftrag der unbeliebten Besatzungsmacht in der Rolle des „Inquisitors“ befand. Künzel war sich der Anfeindungen, die auf ihn zukommen würden, bewußt und trug sich mit dem Gedanken, während der Amtszeit aus der SPD auszutreten, um nicht auch die Partei in Mißkredit zu bringen. Bald grenzte die Kritik an den „Künzel-Bescheiden“ an Rufmord. Auch die Sozialdemokraten rückten aus wahltaktischen Überlegungen schleichend von Künzel ab, der um so hartnäckiger an der politischen Intention der Entnazifizierung festhielt. Künzel wollte eine – von allen Seiten als notwendig erachtete – Modifizierung des Entnazifizierungsmodells um jeden Preis verhindern, agierte aber zusehends ungeschickt. Nach dreizehn Monaten, in denen sich die öffentliche Meinung, die auf eine kollektive Vergebung der Nazi-Untaten einschwenkte, vollständig gegen Künzel gewandt und dieser wegen des auf ihm lastenden Drucks einen Nervenzusammenbruch und einen leichten Schlaganfall erlitten hatte, trat er zurück. Bis zu diesem Zeitpunkt waren über 77 000 Fälle entschieden und nur noch 6 000 nicht abgeschlossen. Infolge eines politisch motivierten Revirements schwenkte die französische Besatzungsmacht auf das amerikanische Spruchkammerverfahren um, mit der Folge, daß nun eine Flut an Revisionsverfahren entstand, die politische Intention über Bord geworfen wurde und die Entnazifizierung in einem wahren Desaster endete.
Künzel hat die Enttäuschung, um die Frucht seiner Arbeit gebracht worden zu sein, nie ganz überwunden. Es hatte seinem zurückhaltenden, uneigennützigen Wesen nicht entsprochen, derart im politischen Rampenlicht zu stehen. Mit dem unerwarteten Tod seiner Frau 1948 traf ihn auch noch ein persönlicher Schicksalsschlag. In den folgenden Jahren widmete er sich wieder nahezu ausschließlich der Kommunalpolitik, wurde im März 1948 Stadtdirektor von Reutlingen. Im Juli 1957 und wieder im April 1965 wurde er zum I. Beigeordneten mit der Amtsbezeichnung Bürgermeister gewählt, bekleidete eine Reihe von kommunalen Aufsichtsratsposten, war Mitglied verschiedener Institutionen, Abgeordneter im Kreistag und gehörte als einer von drei Geschäftsführern der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft Reutlingen zu den Initiatoren des örtlichen sozialen Wohnungsbaus.
Quellen: Einzelne Dokumente aus dem persönlichen Nachlaß Otto Künzels im Stadtarchiv Reutlingen; Tätigkeitsberichte des Staatskommissars für politische Säuberung in AdSB, Nachlaß Carlo Schmid sowie im AdO Colmar, Commissariat pour le Land Wurtemberg-Hohenzollern
Nachweis: Bildnachweise: Stadt Reutlingen (Hg.), Reutlingen 1930-1950. Nationalsozialismus und Nachkriegszeit, 1995, 322

Literatur: K.-D. Henke, Politische Säuberung unter französischer Besatzung. Die Entnazifizierung in Württemberg-Hohenzollern, 1981; Stadtarchiv Reutlingen (Hg.), Reutlinger Geschichtsblätter NF 34, 1995; E. Wolfrum, Französische Besatzungspolitik und deutsche Sozialdemokratie. Politische Neuansätze in der „vergessenen Zone“ bis zur Bildung des Südweststaates, 1991
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