Stortz, Wilhelm 

Geburtsdatum/-ort: 18.11.1883;  Karlsruhe
Sterbedatum/-ort: 08.12.1944;  Kirchheim/Teck (Verkehrsunfall)
Beruf/Funktion:
  • Bauingenieur, Rektor der TH Stuttgart (1935–1938)
Kurzbiografie: 1895–1902 Realgymnasien in Stuttgart und Karlsruhe; Reifezeugnis Gymnasium Karlsruhe
1903–1907 Studium des Bauingenieurwesens an der TH Karlsruhe; Diplomprüfung und Erstes Staatsexamen. Anschließend
1907–1917 Ingenieur bei den Baufirmen Ed. Züblin & Cie., u. a. in Straßburg und Wayß & Freytag AG in Düsseldorf und Frankfurt/Main
1917–1918 Kriegsfreiwilliger, Einsatz an der Westfront und in Italien (Isonzoschlachten). 1917 Beförderung zum Leutnant d. R. bei den Pionieren, Kompanieführer
1918–1930 Oberingenieur bei Ed. Züblin & Cie. AG, Stuttgart
1928–1930 Lehrauftrag für Ingenieurtechnik bei der Architekturabteilung der TH Stuttgart
1929 Promotion an der TH Stuttgart zum Dr.-ing. in Architektur mit dem Dissertationsthema: „Konstruktion und Gestaltung großer Geschossbauten in Eisenbeton“, Doktorvater: Paul Schmitthenner, zweiter Referent: Emil Mörsch
1930–1931 1. Okt. 1930–30. Sept. 1931: Prof. für Architektur (Ingenieurbau) an der Hochschule für Baukunst, bildende Künste und Handwerk in Weimar
1931 Ausschussmitglied im Kampfbund für Deutsche Kultur
1931 ao. Prof. TH Stuttgart
1932 1. Febr.: Aufnahme in die NSDAP. Mitgliedsnr.: 887137
1933 21. April–11. Nov.: Beauftragter (Staatskommissar) des Kultministeriums für die TH Stuttgart mit besonderen Vollmachten
1935–1938 1. April 1935–31. Okt. 1938: Rektor der TH Stuttgart, bis zur Ernennung zum o. Prof. am 11. April 1935 zunächst nur kommissarisch; nach Rektorat bis 26. Jan. 1940 Prorektor
1941 Divisionsstab in Luxemburg, dann Insel Guernsey, Albanien und Rheinfront bei Straßburg; Hauptmann d. R. im technischen Einsatz
1941 Stellv. Gaudozentenbundführer von Württemberg
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev., später konfessionslos
Verheiratet: 24.3.1917 Maria, geb. Timme (* 24.2.1893)
Eltern: Vater: Wilhelm Stortz, Kaufmann
Mutter: Auguste, geb. Süskind
Kinder: 4: Wolfgang (21.10.1918–28.9.1941, gefallen); Georg (* 6.10.1920); Martin (17.12.1921–22.7.1941, gefallen); Magda (* 1.11.1935)
GND-ID: GND/1019512180

Biografie: Norbert Becker (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 2, 283-285

Wilhelm Stortz war ein entschiedener Verfechter des Nationalsozialismus und hat mit dieser ideologischen Prägung als Staatskommissar und Rektor die Geschicke der Technischen Hochschule Stuttgart bestimmt.
Entscheidend für seine akademische Karriere wurde der Kontakt mit dem nachmaligen Professor für Baukonstruktion und Entwerfen an der Technischen Hochschule Stuttgart, Paul Schmitthenner (1884–1972). Beide waren noch Berufsanfänger, als sie 1908 einen gemeinsamen Entwurf für eine neue Rheinbrücke in Rheinfelden einreichten. Schmitthenner, 1918 an die TH Stuttgart berufen, wurde in der Folgezeit zu Stortz‘ akademischem Mentor.
Stortz erhielt 1928 einen Lehrauftrag für Ingenieurtechnik an der Architekturabteilung der Technischen Hochschule Stuttgart. Mit der engeren Verbindung von Aufgabenstellungen des Bauingenieurwesens mit den Gestaltungsaufgaben des Architekten hatte die Abteilung bewusst eine Neuerung in der Architekturlehre eingeführt. Stortz promovierte 1929 bei Paul Schmitthenner mit einer Arbeit auf dem Grenzgebiet zwischen Architektur und Bauingenieurwesen, in der er wie sein Doktorvater die Formensprache der klassischen Moderne, das „Neue Bauen“ und die an technischen Geräten orientierte Architektur der Moderne ablehnte. Im Sinne Schmitthenners forderte er für Industrie- und Bürobauten aus Eisenbeton – ein aus Sicht der Stuttgarter Schule eher problematischer Baustoff – dass die Elemente der Konstruktion auch in der Gestaltung des Gebäudes ablesbar bleiben sollten. Mit seinem Doktorvater gehörte Stortz zum Netzwerk der antimodernen Architekten und Künstler, wie sie sich im „Block“ und im „Kampfbund für Deutsche Kultur“ zusammengefunden hatten. Hier wird auch der Kontakt zu Paul Schultze-Naumburg geknüpft worden sein, der durch die NSDAP in der Thüringischen Landesregierung die Direktion der Weimarer Kunstschulen erhielt und diese personell und inhaltlich im Sinne einer nationalsozialistischen Kunstauffassung umgestaltete. Zu diesem Umbruch in Personal und Lehre gehörte auch die Anstellung Stortz‘ als Professor für Bauingenieurtechnik an der Hochschule für Baukunst in Weimar im Jahr 1930. In diesem dem Heimatschutzstil verbundenen, antimodernen kulturellen Umfeld fand Stortz zur NSDAP und ihren Organisationen. In der SA stieg er in der Folgezeit bis zum Obersturmführer auf. Nach einem Jahr in Weimar erhielt er 1931 einen Ruf auf eine außerordentliche Professur an der Architekturabteilung der Technischen Hochschule Stuttgart, wo er zu einer treibenden Kraft des Regimes wurde, die Hochschule in weltanschaulichen Fragen, in der Organisation und in der Personalauswahl im Sinne des Nationalsozialismus zu verändern.
Anfang 1933 war Stortz unter den Professoren der Technischen Hochschule Stuttgart das einzige Mitglied der NSDAP. Er gehörte demnach zu den verdienten, als zuverlässig geltenden „Alten Kämpfern“, die für Führungsaufgaben Verwendung fanden. Der Kultminister ernannte ihn zum Beauftragten mit besonderen Vollmachten (Staatskommissar) an der Technischen Hochschule Stuttgart. Die Aufgaben und Vollmachten des Staatskommissars wurden jedoch nicht näher beschrieben, Verwaltungs- und hoheitliche Befugnisse standen ihm jedenfalls nicht zu, so dass es Stortz überlassen blieb, welche Initiativen er im Sinne des NS-Regimes ergreifen wollte. Tatsächlich scheint es, dass ihm im Machtgerangel der NS-Stellen lediglich die Mitarbeiter der Verwaltung blieben, die er schikanieren konnte. Die Studierenden blieben im Machtbereich des Studentenführers bzw. der SA, die Assistenten und Dozenten in dem des Dozentenführers, die Professoren im Machtbereich des Kultministers.
Innerhalb der württembergischen NSDAP gehörte Stortz zum Lager des Reichsstatthalters Murr und konnte, als beim anstehenden Rektoratswechsel 1935 ein neuer linientreuer Rektor gesucht wurde, mit dessen Unterstützung zunächst als kommissarischer Rektor und, nach seiner Ernennung zum ordentlichen Professor, als Rektor eingesetzt werden.
Aus seinen Reden sprechen die Skepsis gegenüber den gesellschaftlichen Auswirkungen der Technik und deutliche Ressentiments gegen die fortschreitende Industrialisierung und gegen das liberale Bürgertum. Stortz propagierte dezidiert den Erziehungsauftrag der Technischen Hochschulen, die keineswegs unpolitische „sozialistische“ Aufgabe, Betriebsführer auszubilden, die dann zum Aufbau der Volksgemeinschaft beitrügen.
Trotz der Aktenverluste im Zweiten Weltkrieg sind doch zahlreiche Aktivitäten Stortz‘ zu ermitteln oder zu rekonstruieren: Zur Reichstagswahl im Sommer 1932 hatte er einen Wahlaufruf von 51 deutschen Hochschulprofessoren zugunsten der NSDAP im Völkischen Beobachter initiiert, später als Staatskommissar viele Beamten und Mitarbeiter der Hochschulverwaltung zum Parteieintritt genötigt, regimekritische Äußerungen seines Professorenkollegen Paul Bonatz verfolgen lassen und als Rektor in enger Zusammenarbeit mit dem Führer des NS-Dozentenbunds, Reinhold Bauder, bei der Personalauswahl die Parteizugehörigkeit und weltanschauliche Einstellungen der Kandidaten als wichtiges Auswahlkriterium durchgesetzt, sowie bei den aus politischen und rassistischen Gründen durchgeführten Entlassungen mitgewirkt. Als im Sommersemester 1938 auf Initiative von Studentenführern die noch an der TH verbliebenen jüdischen Studierenden vertrieben wurden, hat Stortz dies als Rektor zumindest mitgetragen. Andererseits gibt es Zeugnisse, dass er bei Entlassungen von zwei Hochschullehrern auch bemüht war, die wirtschaftlichen Härten für die Betroffenen zu mildern.
Bei allem Aktivismus fehlte Stortz durchaus aber ein sicheres Gespür für opportunes und karriereförderndes Handeln. Dies zeigte sich bei der missglückten, von Hitler 1933 abgelehnten Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Architekturabteilung der Technischen Hochschule, deren Prodekan Stortz zu diesem Zeitpunkt war, oder in der technikskeptischen Forderung nach einem Primat der Agrarproduktion und ländlicher Lebensformen, die Stortz noch 1933 in einer Rede vorbrachte. Schließlich führte er am Ende seiner Rektoratszeit vehement und in aller Öffentlichkeit eine Auseinandersetzung mit der Firma Bosch, in der es um den angeblich angebotenen Kauf von drei Ehrendoktoraten für Bosch-Direktoren ging. Dieser Streit hatte die peinliche Folge, dass das Reichserziehungsministerium seine Amtszeit über den ursprünglich vorgesehenen Rektoratswechsel hinaus verlängern musste, damit nicht der Eindruck entstand, Stortz‘ Ablösung als Rektor sei eine Kapitulation vor der Fa. Bosch.
Persönlich blieb ihm ein schweres Schicksal nicht erspart. Als Stortz am 8.12.1944 auf dem Weg nach Hause bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, waren zwei seiner Söhne gefallen und der dritte wurde noch vermisst.
Quellen: Lebenslauf in der Diss. (siehe unter W); UA Stuttgart 10/103 Nr. 640 (Eintrag im Promotionsregister der TH Stuttgart); HStASt EA 3/150 Nr. 2278 (PA des württ. Kultministeriums); UA Stuttgart 57/430 (PA der Univ. Stuttgart); BA Berlin R 4901 (Reichsministerium für Wiss., Erziehung und Volksbildung, REM) Nrn. 2372, 2373, 10. 507; BA Berlin (ehem. BDC): Karteikarten der NSDAP-Gaukartei, des NS-Lehrerbunds (NSLB), des Reichsministeriums für Wiss., Erziehung und Volksbildung (REM), der Reichskulturkammer (RKK), des Reichsforschungsrats (RFR); StA Ludwigsburg EL 902/20 Nr. 41584 (Spruchkammerakte); Thüringisches HStA Weimar, PA aus dem Bereich Volksbildung Nr. 30637, 30637/1.
Werke: Konstruktion und Gestaltung großer Geschossbauten in Eisenbeton. Diss. TH Stuttgart 1930; Das deutsche Wohnhaus, in: NS-Kurier 22.11.1932; Technische Hochschulbildung im alten und neuen Reich, in: TH Stuttgart. Reden und Aufsätze 11, 1935; Der Weg der deutschen Technik, in: ebda. 12, o. J. [1939]; Ansprache des scheidenden Rektors Obersturmführer S. A. Prof. Dr.-Ing. Stortz, in: ebda. 13, 1938, 3–13.
Nachweis: Bildnachweise: UA Stuttgart, Fotosammlung; Hochschulführer der TH Stuttgart 1937/38 o. J. [1937].

Literatur: Helmut Hieber, Univ. unter dem Hakenkreuz. 3 Bde. 1991–1994, s. bes. Bd. II,1 16, 139 f., 300 f. und<br /> Bd. II,2 52–58; Michael Grüttner, Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik, 2004, 170; Johannes W. Voigt, „Ehrentitel“ oder der Streit zwischen der Firma Bosch und der TH während der Zeit des Nationalsozialismus, in: Die Alte Stadt 16 (1989), 488–497.
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