Klaiber-Gottschau, Pauline Louise Karoline 

Geburtsdatum/-ort: 30.10.1855;  Frauenzimmern bei Brackenheim
Sterbedatum/-ort: 12.09.1944;  Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Übersetzerin
Kurzbiografie: 1870-1886 Göppingen
1886-1918 Stuttgart; seit 1901 ist die Adresse Neckarstraße 7,3 nachgewiesen
1901-1914 staatlich bestellte Dolmetscherin für die schwedische Sprache laut den Staatshandbüchern des Königreiches Württemberg für diese Jahre
1918-1923 in Würzburg, Theaterstraße 2, als Professorengattin wohnhaft
1925-1943 in Stuttgart, Neckarstraße 7, als Professorenwitwe und Übersetzerin wohnhaft
1943-1944 bis zu ihrem Tod am 12.9.1944 (Irrtümlich wird der 30.9.1944 allgemein als Todesdatum angegeben.) wohnhaft in Stuttgart-Bad Cannstatt, Kühlbrunnengasse 2
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1918 (Bad Mergentheim) Prof. Dr. Max Gottschau (1849-1923)
Eltern: Vater: Dr. Karl Friedrich Klaiber-Gottschau (1817-1893), Pfarrer
Mutter: Pauline, geb. Arnold (1820-1870)
Geschwister: 4: Helene; Ottilie; Eleonore; Marie
GND-ID: GND/115374337

Biografie: Gunilla Rising Hintz (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 135-137

Zur Schulausbildung und zum Sprachenerwerb von Pauline Klaiber-Gottschau ist nichts bekannt. Sprachbegabung habe sie nach eigener Aussage von der Mutter geerbt. Der Vater, Pfarrer der evangelischen Landeskirche in Württemberg, zuletzt Dekan in Göppingen, bekam nach seiner Pensionierung (1886) den Titel und Rang eines Prälaten. Er war ein angesehener Herausgeber evangelischer Schriften („Evangelische Volksbibliothek“) und Mitarbeiter an Zeller, „Biblisches Wörterbuch“. Laut Angaben in Kürschners „Deutscher Literatur-Kalender“ übersetzte Pauline Klaiber-Gottschau aus den Sprachen Dänisch, Englisch, Französisch, Norwegisch und Schwedisch, wobei sich von Pauline Klaiber-Gottschau übersetzte Titel aus dem Französischen oder dem Englischen nur spärlich nachweisen lassen. In den Jahren 1901 bis 1914 ist sie in den Württembergischen Staatshandbüchern als „Königlich Württembergischer Dolmetscher der schwedischen Sprache“ aufgeführt.
Der früheste feststellbare Hinweis auf Pauline Klaiber-Gottschaus Übersetzertätigkeit findet sich in einem Brief vom 27. 6. 1896, in dem der norwegische Autor John Paulsen, Bergen, mitteilt, er habe die Übersetzungsrechte für eines seiner Werke „en dame i Stuttgart, frøken Pauline Klaiber“ [einer Dame in Stuttgart, Fräulein Pauline Klaiber] gegeben. Dieser Zeitpunkt würde auch mit einer Aussage Pauline Klaiber-Gottschaus aus dem Jahre 1941 übereinstimmen, wonach sie sich 1901 „erst vor wenigen Jahren dem Übersetzerberuf zugewendet“ habe.
Die erste Kontaktaufnahme mit Selma Lagerlöf, der schwedischen Autorin, deren Werk sie zum größten Teil und während annähernd vierzig Jahren ins Deutsche übertragen sollte, erfolgte 1901, als Pauline Klaiber-Gottschau sich der Autorin in ihrer Funktion als „nordische Übersetzerin für Engelhorn“ empfahl.
Sie schrieb an Selma Lagerlöf im Auftrag des Verlagsbuchhändlers Carl Engelhorn, Stuttgart, der wegen einer möglichen deutschen Veröffentlichung des Romans „Jerusalem“ angeschrieben worden war. Der Roman erschien jedoch 1902 nicht bei Engelhorn, sondern im Albert Langen-Verlag, München, und zwar von Pauline Klaiber-Gottschau übersetzt. „Den ihm angebotenen Werken von Selma Lagerlöf konnte Carl Engelhorn keinen Geschmack abgewinnen.“ (Frank-Planitz, 281). Albert Langen hatte indessen mit dieser Veröffentlichung von Selma Lagerlöfs Roman „Jerusalem“ einen der auflagenstärksten Autoren seines Verlages gewinnen können. Thomas Mann bezeichnete 1924 Pauline Klaiber-Gottschaus Übersetzungen von Lagerlöfs Werken als „sehr kundig“ (Gesammelte Werke, Band 10, 639). Insgesamt sollte sie achtzehn Romane von Selma Lagerlöf übertragen.
Insbesondere das 1907 erstmals in deutscher Übersetzung von Pauline Klaiber-Gottschau erschienene Kinder- und Jugendbuch „Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“, dessen Titel auch auf ihren Vorschlag an Selma Lagerlöf zurückgeht, die sich mit der Form des schwedischen Titels schwer tat, war ein großer Erfolg. Im Jahre 1939 waren 105 000 Exemplare abgesetzt worden, und schon 1932 meinte der Verlag in einem Brief an Selma Lagerlöf, das Buch sei „ein deutsches Volksbuch für die Jugend“ geworden (Abret, 304). In Langens Nachfolgeverlag Nymphenburger Verlagshandlung, München, erschien 1999 dieser Klassiker unter den Jugendbüchern in der 31. Auflage (482 000 Bände); andere Titel in ihrer Übersetzung sind heute (2005) noch lieferbar.
Aus dem Schwedischen übersetzte Pauline Klaiber-Gottschau neben damals beliebten und heute vergessenen Unterhaltungsromanen u. a. auch Werke von August Strindberg; aus dem Dänischen Märchen von Hans Christian Andersen, Kurzgeschichten von Martin Andersen Nexø und mehrere der in Deutschland damals sehr beliebten sentimental-religiös gefärbten Romane von Ingeborg Maria Sick, die auch mit Kinderbüchern vertreten war. Bei Langen übersetze Pauline Klaiber-Gottschau einige Werke des zweiten skandinavischen Erfolgsautors des Verlages, des Norwegers Knut Hamsun, u. a. „Segen der Erde“ (1945 in einer Auflage von 300 000 Bänden).
Pauline Klaiber-Gottschau blieb dem Verlag Albert Langen lebenslang verbunden, arbeitete weiter für Engelhorn und andere Verlage in Stuttgart (Thienemann, Steinkopf, Neff), aber auch für Leipziger Verlage wie Hesse & Becker, Grunow und Insel.
Für den Engelhorn Verlag übernahm sie die Bearbeitung des erfolgreichen Werkes von Marie Susanne Kübel „Das Hauswesen nach seinem ganzen Umfange dargestellt in Briefen an eine Freundin“ ab der 15. Auflage, die 1905 als „wesentlich vermehrte und verbesserte Auflage“ erschien. Es folgten Bearbeitungen der 16. und 17. Auflage, die wiederum zwei Nachdrucke erlebten.
Die Übersetzerin Pauline Klaiber-Gottschau kam am 12. September 1944 bei einem Fliegerangriff in Stuttgart-Bad Cannstatt ums Leben.
Quellen: Kgl. Bibliothek Stockholm: Lagerlöf-Sammlung; HStAS PA der Justizverwaltung; LKAS; StadtA Würzburg; Standesamt Stuttgart: Mitt. vom 12.5.2005 über das Sterbedatum P. Klaiber-Gottschaus; Nachricht vom StadtA Göppingen.
Werke: Übersetzungen ins Deutsche (Auswahl): aus dem Dänischen: Hans Christian Andersen, Andersens Märchen. Volksausgabe, Stuttgart: P. Neff 1902; Ingeborg Maria Sick, Ina. Erzählung, Stuttgart: J. F. Steinkopf 1912; dies., Mathilda Wrede. Ein Engel der Gefangenen, Stuttgart: Steinkopf 1922; Martin Andersen Nexø, Proletarier-Novellen, München: Langen 1923; aus dem Englischen: B. M. Croker, Miß Balmaines Vergangenheit, Stuttgart: Engelhorn 1899; aus dem Norwegischen: Roald Amundsen, Die Nordwest-Passage, München: Lehmann 1908 (Volksausgabe bei Langen im selben Jahr); ders., Die Eroberung des Südpols, München: Lehmann 1912; Knut Hamsun, Die Stadt Segelfoss, München; Langen 1916; aus dem Schwedischen: Selma Lagerlöf, Jerusalem I und II, München: Langen 1902; dies. Gösta Berling, München: Langen 1903; dies., Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen, 3 Bde., München: Langen 1907; August Strindberg, Ein Traumspiel, Leipzig: Insel 1919.

Literatur: Kürschner, Nekrolog 1936-1970, 1973, 343; Thomas Mann, Reden und Aufsätze 2, in: Gesammelte Werke in zwölf Bänden, Bd. 10, 1960, 639; Helge Gullberg, Norska författare skriver till en tysk översättare, in: Edda 5 (1973), 296; Ulrich Frank-Planitz, Engelhorn, Die Verlegerfamilie. Johann Christoph (Jean) 1818-1897 und Carl 1849-1925, in: Robert Uhland (Hg.), Lebensbilder aus Schwaben und Franken, 1986, 273-292; Sibylle Schweitzer, Selma Lagerlöf. Eine Bibliographie. Mit einem Essay von Gerd Wolfgang Weber, hg. von Gunilla Rising Hintz, 1990; Kerstin Weniger, Gösta Berling in deutscher Übersetzung. Studien zur übersetzerischen Rezeption Selma Lagerlöfs in Deutschland, unveröff. Diss. Leipzig 1992; Helga Abret, Albert Langen. Ein europäischer Verleger, 1993; Isabelle Desmit, En underbar färd på språkets vingar. Selma Lagerlöfs Nils Holgersson i tysk och nederländsk översättning/bearbetning, Diss. Gent 2001.
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