Gurlitt, Wilibald 

Geburtsdatum/-ort: 01.03.1889; Dresden
Sterbedatum/-ort: 15.12.1963;  Freiburg
Beruf/Funktion:
  • Musikforscher, Verfolgter des NS-Regimes
Kurzbiografie: 1895-1908 Volksschule und Annenschule in Dresden, Abitur
1908-1914 Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Heidelberg und Leipzig
1914 Assistent am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig bei Hugo Riemann. Promotion mit Dissertation über Michael Praetorius
1914-1918 Kriegsdienst, Verwundung, als Leutnant in französischer Gefangenschaft, ausgetauscht in die Schweiz
1918-1919 Musiklehrer an der Fortbildungsanstalt für internierte Lehrer in Basel
1919 Lektor für Musikwissenschaft an der Universität Freiburg i. Br.
1920 planmäßiger außerordentlicher Professor, Direktor des Musikwissenschaftlichen Seminars
1929 ordentlicher Professor
1937 Zwangspensionierung durch die Nationalsozialisten
1945 Rückkehr als Direktor des Seminars
1946-1948 Gastprofessor in Bern
1948 wieder Ordinarius in Freiburg, zugleich an der dortigen Hochschule für Musik. Wahl in den Vorstand der Internationalen Gesellschaft für Musikforschung
1950 Berufung in die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur
1955-1956 Gastprofessor in Basel
1957-1958 Ordinarius in Freiburg bis zur Emeritierung
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1918 Bern, Gertrud, geb. Darmstaedter
Eltern: Cornelius Gurlitt d. J., Architekt und Kunsthistoriker (1850-1939)
Marie, geb. Gerlach
Geschwister: 2
Kinder: 4
GND-ID: GND/115452761

Biografie: Margot Seidel (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 2, 180-182

Gurlitt hat zeitlebens Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten. Er wächst heran in einer angesehenen Künstlerfamilie, mit dem Landschaftsmaler Louis Gurlitt als Großvater, dem Komponisten Cornelius Gurlitt d. Ä. als Großonkel, dem Architekten und Professor der Kunstgeschichte Cornelius Gurlitt d. J. als Vater, dem Dirigenten und Komponisten Manfred Gurlitt als Vetter. Auch zu Gurlitts Erbe gehört ein elementares Musikertum, das die kompositorische Begabung einschließt. Bahnbrechende Studien seines Vaters über Kunst und Architektur des Barock öffnen ihm den Blick zunächst für diese Epoche, wobei dessen praktische Denkmalspflege und Museumsarbeit ihm früh vermitteln, wie eng historisches, künstlerisches und handwerkliches Arbeiten zusammengehören.
Den Studenten der Philosophie und Geschichte prägen Wilhelm Windelband, Eduard Spranger, Wilhelm Wundt, Johannes Volkelt, Hermann Oncken, Karl Lamprecht, in der Musikwissenschaft lernt er bei Philipp Wolfrum, Hugo Riemann und Arnold Schering, seine musikalische Ausbildung verdankt er wiederum Wolfrum (Komposition), Karl Hasse (Orgel), Erdmann Warwas (Violine) und dem Leipziger Thomaskantor Karl Sträube, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. Unter Riemann arbeitet er an der 8. Auflage des „Musiklexikons“ mit, dessen 12., völlig neu bearbeitete Auflage in 3 Bänden er später herausgibt, wobei er nur das Erscheinen der beiden ersten Bände erlebt. Der Artikel über Gurlitt stammt aus seiner eigenen Feder.
Gurlitts Sichtweise ist stärker historisch orientiert als die Riemanns, seine Konzeption von Musikwissenschaft ist eine geistesgeschichtliche. Nach seiner Überzeugung muß jede Epoche aus ihr selbst heraus verstanden werden, d. h. ihr Musikbegriff, ihre Klangstile und -ideale sind zu erschließen, freilich nicht nur erkenntnistheoretisch, sondern auch praktisch in der Verwirklichung eines möglichst originalen Klangbilds. Nachdem er 1919 in Freiburg das Musikwissenschaftliche Seminar gegründet hat, finden Gurlitts Klangforschungen ihren praktischen Niederschlag in der sogenannten Praetorius-Orgel, einer Rekonstruktion der frühbarocken Orgel nach einer Idealdisposition des Michael Praetorius durch den Ludwigshafener Orgelbaumeister Oskar Walcker, die am 22. Oktober 1921 einem Kreis ausgesuchter Fachleute in der Werkstatt zur Prüfung vorgeführt wird durch Gurlitts Assistenten und späteren Lehrstuhlnachfolger Joseph Müller-Blattau. Die Sensation, die von dieser Vorführung ausgeht, setzt sich fort am 4. Dezember bei der Einweihung der Orgel im Musikwissenschaftlichen Seminar, wo kein Geringerer als Sträube, nach Gurlitts einführendem Vortrag, vor Organisten, Orgelbauern, Musikforschern und Studierenden aus dem In- und Ausland die Orgel erklingen läßt. Dieses Ereignis begründet Gurlitts Ruf weit über die Grenzen seines Seminars hinaus als Motor der deutschen Orgel(erneuerungs)bewegung, mit der sich auch Namen wie Albert Schweitzer, Hans Henny Jahnn und Christhard Mahrenholz verbinden. Die von Gurlitt veranstaltete erste Freiburger Tagung für deutsche Orgelkunst vom 26. bis 30. Juli 1926, die er mit seinem richtungweisenden Vortrag über „Die Wandlung des Klangideals der Orgel im Lichte der Musikgeschichte“ eröffnet, wird zum weiteren Markstein der Orgelbewegung. Im Luftangriff auf Freiburg am 27. November 1944 wird die Orgel samt dem Seminar zerstört. Auf Gurlitts Betreiben kommt es 1954/55 in der Aula der Universität zum Wiederaufbau nach einer anderen Praetorius-Disposition.
Die Synthese von Forschung einerseits, Musikpraxis im Dienst klanglicher Originaltreue andererseits gelingt Gurlitt auch mit Hilfe des Collegium musicum vocale et instrumentale, das er gleich im Wintersemester 1919/20 gegründet hat. In öffentlichen Aufführungen vermittelt er dem Freiburger Publikum die bis dahin kaum ernst genommene Musik des Mittelalters, die er dann in Konzertzyklen, systematisch und mit Einführungen versehen, 1922 in der Badischen Kunsthalle in Karlsruhe und 1924 in der Hamburger Musikhalle vorstellt. Zugleich verschließt er sich nicht der zeitgenössischen Musik. Mit seinem Collegium nimmt er seit 1921 regelmäßig an den Donaueschinger Musiktagen teil und bringt auch in Freiburg moderne Musik zur Aufführung, darunter Kompositionen von Paul Hindemith, dem er in Donaueschingen begegnet und zum kongenialen Freund wird.
Getreu seinem Engagement für das Musikleben seiner Zeit bemüht sich Gurlitt um die Ausbildung der Musikerzieher. Seine Verbundenheit mit Gustav Scheck führt zur fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Seminar und Musikhochschule. Da er sein Fach als geisteswissenschaftliche Disziplin versteht, pflegt er den Gedankenaustausch mit Freiburger Professoren wie dem Kunsthistoriker Hans Jantzen, dem Philosophen Martin Heidegger, dem Historiker Gerhard Ritter. Sechs ehrenvolle Berufungen lehnt er zugunsten seiner Arbeit in Freiburg ab.
In seiner Forschungstätigkeit setzt er weitere Schwerpunkte. Im Bereich der Musikgeschichte wendet er sich Johann Walter, Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach zu, unter den Komponisten des 19./20. Jahrhunderts Robert Schumann, Max Reger und Hindemith. Im Bereich der Musikgeschichtsschreibung setzt er sich mit den Forschern Philipp Spitta, Franz-Joseph Fétis und seinen Lehrern Riemann und Schering auseinander. Im Bereich der musikalischen Terminologie nimmt er die Arbeit an einem umfassend geplanten Handwörterbuch in Angriff, die er freilich nicht beenden kann. 1952 erweckt er das Fachorgan „Archiv für Musikwissenschaft“ zu neuem Leben. Als Vorsitzender der Kommission für Musikwissenschaft der Akademie der Wissenschaften und der Literatur plant und besorgt er deren Editionen und Schriftenreihen, Sachverstand und Arbeitskraft bringt er außerdem ein als Mitglied der Musikgeschichtlichen Kommission, des Beirats der Neuen Bachgesellschaft, des Vorstands der Internationalen Bachgesellschaft und des Herausgeber-Kollegiums der Neuen Bach-Ausgabe. Die Theologische Fakultät der Universität Leipzig verleiht ihm die Ehrendoktorwürde für seine kirchenmusikalischen Forschungen, die Staatliche Hochschule für Musik Freiburg ernennt ihn zum Ehrensenator, die Gesellschaft der Orgelfreunde zu ihrem Ehrenmitglied. Wie er selbst aus Riemanns Leipziger Schule hervorging, bildet sich um Gurlitt dank seiner fachlichen wie persönlichen Ausstrahlung die ‚Freiburger Schule‘, von deren namhaften Vertretern außer den bereits erwähnten Professoren Müller-Blattau und Scheck nur noch Heinrich Besseler, Wilhelm Ehmann und Walter Wiora genannt seien.
Quellen: Nachlaß: Musikwissenschaftliches Seminar Universität Freiburg i. Br.
Werke: Eigenauswahl in: Riemann, Musiklexikon 12. Aufl. 1959, Bd. 1, S. 702 f.
Nachweis: Bildnachweise: Porträtfotos von Willy Pragher in Trumppf und Hammerstein (siehe Literatur)

Literatur: Oskar Walcker, Erinnerungen eines Orgelbauers, Kassel 1948, S. 105-114; Hilde Herrmann, Große Familien VII: Die Gurlitts. Neue Deutsche Hefte, Januar 1955, 770-783; Wilibald Gurlitt, Eigenartikel in: MGG 5 (1956), Sp. 1128-1130; Wilibald Gurlitt, Eigenartikel in: Riemann, Musiklexikon 1 (1959), 701-703; G. A. Trumppf, Wilibald Gurlitt. Zum 70. Geburtstag des bedeutenden Musikwissenschaftlers. Neue Zeitschrift für Musik 120 (1959), S. 134 f. Hans Heinrich Eggebrecht, Musikgeschichte, lebendig ergriffen. Zum Tode von Wilibald Gurlitt. Archiv für Musikwissenschaft 19/20 (1962/63), 79-83; Heinrich Besseler, Zum Tode Wilibald Gurlitts, Acta Musicologica 36 (1964), 48-50; Reinhold Hammerstein, Wilibald Gurlitt zum Gedächtnis. Die Musikforschung 17 (1964), 105-110; Harald Heckmann, Wilibald Gurlitt. Musica 18 (1964), 37; Arnold Schmitz, Nachruf in: Akademie der Wissenschaften, Jahrbuch 1964, 45-56; Hans Heinrich Eggebrecht, Einleitung zu: Wilibald Gurlitt. Musikgeschichte und Gegenwart. Beihefte zum Archiv für Musikwissenschaften (1966), Bd. 1, S. VII-XIX; Hans Heinrich Eggebrecht, Wilibald Gurlitt, NDB 7 (1966), S. 330 f.
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