Ponto, Erich Johannes Bruno 

Geburtsdatum/-ort: 14.12.1884; Lübeck
Sterbedatum/-ort: 04.02.1957;  Stuttgart
Beruf/Funktion:
  • Schauspieler
Kurzbiografie: 1895-1902 Realgymnasium Altona
1902-1905 Apothekerlehre in Altona
1905-1908 Provisor (angestellter Apotheker) in (jetzt: Bonn-)Beuel, Studium der Pharmazie an der Universität München, gleichzeitig Schauspielunterricht
1908-1914 Schauspieler in Passau, 1909 Sommerengagement in Nordhausen, anschließend bis 1911 in Reichenberg (Böhmen), 1910 Sommerengagement in Bad Elster, 1911-1914 in Düsseldorf
1914-1947 am Sächsischen Hof- bzw. (1919) Staatstheater in Dresden; von 1927 an Gastspiele unter Heinz Hilpert und Ernst Josef Aufricht in Berlin; seit 1920 Mitwirkung an über 80 Filmen; seit 1918 viele Vortragsabende
1938 Staatsschauspieler
1945-1947 Intendant des Dresdener Schauspielhauses, Generalintendant der staatlichen Bühnen in Dresden, 1947 Auftrittsverbot
1947-1957 Festes Engagement am Württembergischen Staatstheater Stuttgart, Gastspiele u. a. in Göttingen (1950-1953), München, Wuppertal und bei den Salzburger Festspielen
1954 Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.-luth.
Verheiratet: 1916 (Altona) Tony, geb. Kresse (1888-1965)
Eltern: Vater: Ludwig (1842-1895), Kaufmann
Mutter: Ida, geb. Albers (1852-1928)
Geschwister: 3 ältere Brüder; der 1977 von Terroristen ermordete Bankier Jürgen Ponto war ein Sohn des Bruders Robert und seinem Onkel Erich Ponto eng verbunden
Kinder: 2:
Eva (geb. 1918)
Klaus (1927-1985)
GND-ID: GND/116266422

Biografie: Horst Ferdinand (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 276-279

Den Apothekengehilfen im rheinischen Beuel – die antiquierte Berufsbezeichnung „Provisor“ verwendete er selbst noch 1927 in einer biographischen Skizze – hielt es nicht lange im erlernten Beruf. Zwar bemühte er sich zunächst noch um Fortbildung in Form eines Studiums der Pharmazie an der Universität München, aber da waren für den von Jugend auf Theaterbegeisterten die Würfel schon zugunsten des künstlerischen Berufs gefallen. Er hatte das Glück, von einem Meister der Schauspielerzunft, Hans Lackner, auf die „die Welt bedeutenden Bretter“ geleitet zu werden. Nach den Anfängerengagements an kleinen Bühnen führte ihn sein Weg nach Düsseldorf, bevor er 1914 dem Ruf an das Sächsische Hof- bzw. Staatstheater in Dresden folgte. In 33 Berufsjahren an dieser Bühne wuchs Ponto zu einem der Großen der deutschen Schauspielkunst heran. Sein Repertoire war schlechthin umfassend und wies ebenso die großen Charakterrollen auf – Mephisto, Franz Moor, Richard III., Nathan, Polonius – wie im komödiantischen Fach den Schneider Wibbel, den Marinelli, den Schneidergesellen Zwirn in „Lumpazivagabundus“, den Harpagon im „Geizigen“, den Puck im „Sommernachtstraum“ , den Schmierendirektor Striese im „Raub der Sabinerinnen“ und den Schluck in „Schluck und Jau“.
Schon dieser summarische Überblick zeigt die unglaubliche Wandlungsfähigkeit des Künstlers, dessen angeborenes und hervorragend geschultes schauspielerisches Talent sich in den Dresdener Jahren voll entfalten konnte. Der Bühnenkarriere liefen zwei weitere Laufbahnen parallel, die des Filmschauspielers und die des „Vortragskünstlers“, wie er sich selbst bezeichnete. Von den frühen Tagen des Stummfilms an wirkte er in mehr als 80 Filmen mit, darunter an so eindrucksvollen Produktionen wie „Schneider Wibbel“, „Schlussakkord“, „Die letzten Vier von Santa Cruz“, „Die vier Gesellen“. Daneben trat er regelmäßig in Vortragsabenden auf; er rezitierte mit Vorliebe Goethe, Jean Paul, Mörike, natürlich auch Wilhelm Busch und Morgenstern. Mehrere Zeugnisse seiner Vortragskunst haben sich erhalten; besonderen Rang hat gewiss die Lesung des Reineke Fuchs: „Seine Miene konnte von bedachtsamer Gelehrsamkeit zu Dämonie und Spitzbüberei wechseln. Die Stimme war so hell und so sonor, konnte flüstern und donnern, wie er es gerade brauchte“ (Walter Kiaulehn).
Ein Künstler mit der unverwechselbaren eigenbrötlerischen Individualität wie Ponto konnte nicht anders als skeptisch dem NS-Regime gegenüberstehen. Seine Mitwirkung bei der Uraufführung der „Dreigroschenoper“ (Berlin 1928), in der er den alten Gauner und Bettlerkönig Peachum gespielt und gesungen hatte – diese Rolle brachte Pontos künstlerischen Durchbruch in der Reichshauptstadt – war sicher keine Visitenkarte, mit der er sich bei den neuen Machthabern hätte einführen können. Er zog sich in eine Art innerer Emigration zurück und widmete sich noch mehr als zuvor seinen Theater- und Filmaufgaben. Das schloss natürlich nicht aus, dass er während des Krieges wie alle Berühmtheiten der deutschen Schauspielszene von den Filmgewaltigen des Propagandaministeriums in Tendenzfilmen eingesetzt wurde, die darauf ausgerichtet waren, die NS-Rassenpolitik zu popularisieren („Ich klage an“, „Die Rothschilds“) oder den Durchhaltewillen zu stärken und die unter den furchtbaren Schlägen der alliierten Bomberflotten immer mehr wankende Moral der Bevölkerung aufzufrischen („Feuerzangenbowle“, 1943/1944). Im Falle der Weigerung wäre er aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen worden, und dies wäre möglicherweise nicht nur gleichbedeutend mit dem Ende seiner künstlerischen Laufbahn gewesen (Goebbels: „Wer nicht pariert – Rübe ab!“). Überdies setzte ihn, ohne sein Zutun, der „Reichsdramaturg“ Dr. Rainer Schlösser auf die „Gottbegnadetenliste“, eine 773 Namen aufweisende Zusammenstellung von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Musik-, Tanz- und Sprechtheater sowie der bildenden Kunst und Architektur. Alle waren vom Wehrdienst und vom künstlerischen Kriegseinsatz – Truppenbetreuung – freigestellt. Wie O. Rathkolb mit Recht hervorhebt, handelt es sich bei dieser Liste nicht um NSDAP-Mitglieder oder Sympatisanten, sondern um eine subjektive Aufstellung „durch einen der einflussreichsten Beamten des Reichspropagandaministeriums aus dem Blickpunkt der Nützlichkeit bzw. der persönlichen Sympathie oder Wertschätzung“.
Nach dem Krieg wurde Ponto zunächst die Leitung des Dresdner Schauspielhauses übertragen, und danach war er als Generalintendant für den Wiederaufbau aller staatlichen Bühnen in Dresden zuständig. Er trat jedoch am 31. Dezember 1946 von diesem Amt zurück; der Spielwille war unvergleichlich stärker als die ungeliebten administrativen Pflichten. Nachdem im August 1947 ein Auftrittsverbot in Dresden gegen ihn verhängt worden war – er hatte mehrfach an west- und süddeutschen Bühnen gastiert –, wurde er im September 1947 am Württembergischen Staatstheater in Stuttgart fest engagiert.
Ein reiches Jahrzehnt, übervoll an herausfordernden Aufgaben und glänzenden Erfolgen, lag vor ihm. Sein Prinzipal, Walter Erich Schäfer, hat in seinen Memoiren „Bühne eines Lebens“ den unnachahmlichen Tragöden und Komödianten, aber auch den oft skurrilen Menschen Ponto, den Glanz seiner Altersweisheit bewegend beschrieben. 1954 spielte er den „Nathan“: Ihm werde nicht nur applaudiert, schrieb Rudolph Bernhard, er werde geliebt für die Interpretation dieser Gestalt. Weitere Stuttgarter Rollen seien erwähnt: „Der Hauptmann von Köpenick“, der Narr in „Was ihr wollt“, Thersites in „Troilus und Cressida“, Cauchon in „Die heilige Johanna“, Michael Kramer, Beermann in „Moral“, Curry in „Der Regenmacher“, Angelo in „Emilia Galotti“, Zettel im „Sommernachtstraum“, der Wirt in „Minna von Barnhelm“; 1953 wirkte Ponto bei der deutschen Uraufführung von Dürrenmatts „Ein Engel kommt nach Babylon“ als Akki mit, 1954 bei gleichem Anlass in Millers „Hexenjagd“ als Stanforth. 1955 spielte er in Salzburg den Kammerdiener in „Kabale und Liebe“.
Von seinen Nachkriegsfilmen wurde „Der dritte Mann“ weltbekannt. Den Neuanfang des Films im zerstörten Deutschland bezeichnen Titel wie „Liebe 47“, „Film ohne Titel“, „Schicksal aus zweiter Hand“, „Sauerbruch – das war mein Leben“, „Das fliegende Klassenzimmer“, „Keine Angst vor großen Tieren“, „Himmel ohne Sterne“. Am 16. Januar 1957 stand er letztmals, als Shylock, auf der Bühne; die Uraufführung seines letzten Films „Robinson soll nicht sterben“ durfte er nicht mehr erleben.
Quellen: Mitteilungen von Eva Doering-Ponto, Wesseling; BA Berlin Personalakten E. Ponto; Biographische Skizze E. Ponto in: Degener, Wer ist's?, Unsere Zeitgenossen, 1927.
Werke: „Trilltrall u. seine Brüder“ (Märchen). Ponto verfasste zwischen 1938 u. 1957 viele lyrische Gedichte, die unveröffentlicht blieben. – Stummfilm: Der Geiger von Meißen (Titelrolle, 1920). – Tonfilme: Das Weib im Dschungel (1930), Liebe, Tod u. Teufel (1934), Das Mädchen Johanna (1935), Der Gefangene des Königs (1935), Schlussakkord (1935/36), Die letzten Vier von Santa Cruz (1936), Der Hund von Baskerville (1937), Tango Notturno (1937), Das Geheimnis d. Betty Bonn (1938), Am seidenen Faden (1938), Die vier Gesellen (1938), Dreizehn Mann u. eine Kanone (1938), Schneider Wibbel (1939), Hallo Janine (1939), In letzter Minute (1939), Eine reizende Familie (1939/40), Aus erster Ehe (1940), Der Feuerteufel (1940), Die Rothschilds (1940), Wie konntest Du, Veronika (1940), Achtung! Feind hört mit! (1940), Kleider machen Leute (1940), Das Fräulein von Barnhelm (1940), Das Herz d. Königin (1940), Blutsbrüderschaft (1941), Ich klage an (1941), Leichte Muse (1941), Das andere Ich (1941), Die Nacht in Venedig (1942), Der Fall Rainer (1942), Anschlag auf Baku (1941/42, nach anderen Angaben 1940), Der große Schatten (1942), Diesel (1942), Ein glücklicher Mensch (1943), Die beiden Schwestern (1943), Die Feuerzangenbowle (1943/44), Der Meisterdetektiv (1944), Philharmoniker (1944), Der Engel mit dem Saitenspiel (1944), Am Abend nach d. Oper (1944), Das kleine Hofkonzert (Farbfilm, 1944). – Nicht mehr aufgeführt wurden: Das fremde Leben (1945), Der Scheiterhaufen (1945), Der Fall Molander (1945). – Nach 1945: Film ohne Titel (1947), Zwischen Gestern u. Morgen (1947), Liebe 47 (1948), Die kupferne Hochzeit (1948), Der dritte Mann (1949), Schicksal aus zweiter Hand (1949), Verspieltes Leben (1949), Hans im Glück (1949), Geliebter Lügner (1950), Frauenarzt Dr. Prätorius (1950), Primanerinnen (1950), Veronika, die Magd (1950), Der weißblaue Löwe (1951), Herz d. Welt (1951), Haus des Lebens (1952), Der Griff nach dem Atom (1952), Die große Versuchung (1952), Hokuspokus (1953), Keine Angst vor großen Tieren (1953), Das fliegende Klassenzimmer (1954), Die goldene Pest (1954), Sauerbruch – Das war mein Leben (1954), Himmel ohne Sterne (1954/55), Wenn wir alle Engel wären (1955), Rosen für Bettina (1955), Stern von Afrika (1956), Robinson soll nicht sterben (1956). – Schallplatten (CD)-Aufnahmen: Goethe, Reineke Fuchs, Stifter, Bergkristall, W. Busch, Gedichte, Szenen aus: A. Miller, Tod eines Handlungsreisenden (Deutsche Grammophon); Goethe, Faust I: Mephisto (Bertelsmann); Timmermanns, Die Heiligen Drei Könige (Telefunken); W. Busch, Humor des Herzens (Elektrola); Jean Paul, Schulmeisterlein Wuz (Ausschnitte), Hjalmar Bergmann, Der neue Taler (Christophorus); Andersen, Es ist ganz gewiss (Märchen), Hebel, Kannitverstan (Athena); Brecht/Weill, Die Dreigroschenoper (Uraufführung 1928, aufgen. 1930, Telefunken); 1990 CD (Teldec).
Nachweis: Bildnachweise: Borgelt, 1993 (vgl. Lit.).

Literatur: H. E. Weinschenk, Wir von Bühne u. Film, 1939; Herbert Ihering, Von Josef Kainz bis Paula Wessely, Schauspieler von gestern u. heute, 1942; Viktor de Kowa, Als ich noch Prinz war von Arkadien, 1955; E. Ponto †, in: Stuttgarter Ztg. 13., 1957, 30; E. Ponto in Stuttgart 1947-1957, hg. v. d. Generalintendanz d. Württ. Staatstheater, 1957; Walter Kiaulehn, E. Ponto erzählt Goethes Reineke Fuchs, in: Langspielplatte (vgl. Werke), 1958; Siegfried Melchinger/Rosemarie Clausen, Schauspieler, 1965; Ernst Josef Aufricht, Erzähle, damit du dein Recht erweist, 1966; Martin Hellberg, Die bunte Lüge, 1974; Walter Erich Schäfer, Bühne eines Lebens, Erinnerungen, 1975; Karl Laux, Nachklang, 1977; Robert Siodmak, Zwischen Berlin u. Hollywood, 1980; Heinz Rühmann, Das war's, 1982; Rudolph Bernhard, Das alte Schauspielhaus, Kleinod im Herzen Stuttgarts, 1984; Gerd Fröbe, Auf ein Neues, 1988; Emil Ulischberg, Schauspiel in Dresden, Ein Stück Theatergeschichte, 1989; Joseph Wulf, Kultur im Dritten Reich – Theater u. Film, 1989 („Ich klage an“ 392-394, „Die Rothschilds“ 441 f.); Oliver Rathkolb, Führertreu u. gottbegnadet, Künstlereliten im Dritten Reich, 1991; Hansjörg Schneider (Hg.), Kleine Schriften d. Gesellschaft für Theatergeschichte, 1991; Hans Borgelt, Die Ufa, ein Traum, Hundert Jahre deutscher Film, 1993; Viktor Klemperer, Und so ist alles schwankend, Tagebücher, 1995; Heyd Bd. 10 Nr. 1108; Munzinger 15/1957/1997.
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