Quincke, Georg Hermann 

Geburtsdatum/-ort: 19.11.1834; Frankfurt/Oder
Sterbedatum/-ort: 13.01.1924;  Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Physiker
Kurzbiografie: 1852 22. Sep. Abitur am Friedrich-Werderischen Gymnasium Berlin
1852-1854 Studium an der Universität Königsberg
1854 Okt.-1856 Studium an der Universität Heidelberg
1857 1. Apr.-1858 31. Mär. Einjährig Freiwilliger beim Königlich-Preußischen 2. Garde-Regiment Berlin
1856 18. Okt.-1858 30. Sep. Studium an der Universität Berlin
1858 7. Aug. Promotion summa cum laude zum Dr. phil. der Universität Berlin: „De constantibus mercurii capillaribus“
1859 21. Jun. Habilitation aufgrund der Schrift über die Methoden, die wahre Temperatur von Körpern festzustellen und Probevorlesung „Über die Verdichtung von Gasarten an der Oberfläche fester Stoffe“
1860 1. Okt. Lehrer der mathematischen Physik an der Gewerbeakademie Berlin
1865 27. Jun. außerordentlicher Professor der Physik an der Universität Berlin, ab
1869 3. Mär. ordentlicher Professor
1872 22. Mai ordentlicher Professor der Physik an der Universität Würzburg
1875 1. Apr. ordentlicher Professor der Physik an der Universität Heidelberg
1879 Mitglied der Akademie der Wissenschaft Berlin; Auswärtiges Mitglied der Royal Society of London
1885/86 Prorektor der Universität Heidelberg
1894 3. Mär. Geheimrat II. Klasse
1907 1. Okt. Emeritierung
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1863 (Berlin) Rebecca, geb. Rieß (1836-1924)
Eltern: Vater: Hermann (1808-1891), Arzt
Mutter: Johanne Marie Louise, geb. Gabain
Geschwister: 4 Brüder, darunter Heinrich Irenäus (1842-1922) und Wolfgang (geb. 1859)
Kinder: 2: Friedrich (1865-1934) und Therese (1867-1952)
GND-ID: GND/116318406

Biografie: Alexander Kipnis (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 5, 228-230

Quincke wurde als erster Sohn einer Arztfamilie geboren. Von seinem Vater erbte er eine außerordentlichen Lebenskraft, von seiner Mutter, die aus einer Hugenottenfamilie stammte, klaren Sinn und die Neigung, „alles hübsch zu machen“. 1843 zog die Familie nach Berlin, wo Quincke fast 30 Jahre leben sollte. Bereits im Gymnasium zeigte er eine besondere Begabung für die Naturwissenschaften. Im Reifezeugnis steht für Physik und Mathematik die Note „vollkommen genügend“. Anschließend studierte Quincke Physik, Chemie und Mathematik zuerst in Königsberg, besonders bei F. Neumann, dann in Heidelberg bei R. Bunsen und bei G. Kirchhoff und schließlich in Berlin bei E. Mitscherlich und G. Magnus. In Heidelberg publizierte er erste Arbeiten über eine Gesteinsanalyse und über Messungen der Stromverteilung in Bimetallen. In Berlin promovierte er dann zum Dr. phil. mit einer hervorragenden Arbeit über Kapillaritätserscheinungen bei Quecksilber. Als erster entdeckte Quincke, dass die anfangs reine Oberfläche durch Kontakt mit Luft verunreinigt wird und ihre Kapillarkonstante sich deswegen verändert. Seine Schlussthese lautete: „Der Gleichgewichtszustand existiert in der Natur nicht“: Überall beobachtete Quincke Prozesse, nichts Abgeschlossenes.
Nach der Promotion setzte Quincke seine Forschungen auf dem Gebiet der Oberflächenerscheinungen fort, habilitierte sich und begann seine Lehrtätigkeit zuerst als Privatdozent an der Universität, später auch an der Gewerbeakademie. 1862 bis 1865 war er außerdem Lehrer der Chemie und Physik an der Bauakademie. Da er kein staatliches Laboratorium zur Verfügung hatte, führte er seine Lehr- und Forschungsarbeiten in seiner Wohnung durch und musste jedes Mal seine Apparate mit Droschken zur Vorlesung mitbringen. Quincke erwies sich rasch als sehr erfinderisch: er konnte viele notwendige Geräte in einfachster Form selbst herstellen. Er besaß auch ein erstaunliches Talent, seinen Arbeitsraum außerordentlich effektiv auszunutzen, insbesondere dank der Sicherheit und Genauigkeit seiner geschickten Bewegungen. So konnte er trotz beengter Umstände mit einfachsten Mitteln bedeutende Resultate auf mehreren Gebieten der Experimentalphysik erreichen, so dass er zu großem Ansehen kam und 1872 einen Ruf als ordentlicher Professor an die Universität Würzburg erhielt. Hier hatte er ein, wenn auch kümmerliches, Laboratorium und führte seine Forschungen in demselben einfachen Stil weiter. 1875 wechselte Quincke nach Heidelberg als Nachfolger Kirchhoffs. Die primitiven, von Kirchhoff übernommenen Apparaturen ließ er unverändert und beschrieb sie in seiner Rektoratsrede. Ende der 1880er Jahre richtete Quincke sogar ein Praktikum für Studenten ein, mit einfachsten selbst hergestellten Apparaten, die für Lehrzwecke aber sehr geeignet waren, besonders dank der Klarheit ihres Aufbaues. Ein witziger Schüler nannte es Quinckes „Glas-Kork-Siegellack-Pfennig-System“.
Nach seiner Emeritierung arbeitete Quincke intensiv in seinem Privatlabor, das er für sich nach seinem Geschmack in seiner eigenen Villa eingerichtet hatte. Den Neuerungen der Experimentalphysik verschloss er sich nicht; so schrieb er 1915 einen Artikel über die Wilsonschen Versuche mit der Nebelkammer, wo die Bahnen elektrisch geladener Teilchen sichtbar wurden. Quincke bewahrte seine Sinnesschärfe und erstaunliche Arbeitsfähigkeit bis ans Lebensende. Seinen letzten Experimentalbeitrag publizierte er mit 89 Jahren.
Schon sein Arbeitsstil zeigt, dass Quincke ein Experimentator par excellence war. Als Basis für seine Experimentalmessungen benutzte Quincke immer eine klare mechanische Vorstellung und die entsprechende mathematische Behandlung; raffiniertere moderne Theorien mochte er nicht. Seine Arbeiten griffen in fast alle Gebiete der damaligen Physik ein. So erfand er eine genial einfache Methode zur Bestimmung der Schallwellenlänge. Das „Quinckesche Interferenzrohr“ gehört bis zur Gegenwart zu den physikalischen Praktika. Da er unmusikalisch war, blieb diese Arbeit sein fast einziger Beitrag zur Akustik. Dagegen publizierte er zwei umfangreiche Reihen von Arbeiten in der Optik (1862-1871) und in der Elektrizitätslehre (1880-1897). Er erforschte insbesondere Erscheinungen der Elektrostriktion und Magnetostriktion und erfand hier seine scharfsinnige Steigungsmethode zur Messung der magnetischen Eigenschaften, genauer die so genannte dia- und paramagnetische Suszeptibilität, von Flüssigkeiten. Eine ähnliche Methode erfand er zur Messung der dielektrischen Konstanten. Sein „Lieblingsgebiet“ war aber die Welt der Phänomene, die man heute zur Kolloidchemie zählt. Zu diesem Gebiet gehört etwa ein Drittel der 165 Aufsätze Quinckes. So entdeckte er den „Diaphragmenstrom“, d. h. die Entstehung einer elektrischen Spannung beim Durchwandern einer Flüssigkeit durch eine poröse Membran. Er untersuchte auch einen verwandten Effekt, nämlich die Bewegung der in Flüssigkeit suspendierten Teilchen im elektrischen Feld. Bei der Besprechung dieser, wie man sie heute bezeichnet, „elektrokinetischen Erscheinungen“ kam Quincke zu Vorstellungen, die dem Helmholtzschen Begriff der „elektrischen Doppelschicht“ vorgriffen. Zur Kolloidchemie gehören auch Quinckes gründliche Messreihen der Oberflächenspannung von Salzlösungen und seine Beobachtungen über die Bildung von Schaum, von denen seine eigenartigen Ideen über die Schaumstruktur der Materie stammten, womit er sich bis zum Lebensende befasste. Bezeichnend, dass sein letzter Artikel in der „Kolloidzeitschrift‘‘ publiziert wurde.
In die Geschichte der Wissenschaft ging Quincke nicht nur als ausgezeichneter Experimentator, sondern auch als Lehrer ein. Sein Vortrag war klar und lebendig. Quincke veranschaulichte ihn mit brillanten Bildern und Diagrammen, die er selbst entwickelte, immer aber auch mit der Vorführung unvergesslicher Experimente. Seinen Studenten vermittelte er, so sein Assistent A. Kalähne, „die strenge Schulung in der Handhabung der experimentellen Hilfsmittel“. Dabei waren die Klarheit seines Denkens und die Begeisterung beim wissenschaftlichen Suchen ebenso einflussreich wie seine Hinweise. Bei letzteren konnte er übrigens auch ziemlich einseitig sein: So existierte die Thermodynamik für ihn nicht, und ihr Begründer R. Clausius war für ihn ein Mensch, der zeitlebens kein Experiment durchführte. Quinckes Motto war: „Die Theorien gingen, die Tatsachen bleiben.“ Die lange Liste seiner Schüler zählt drei Nobelpreisträger (A. Michelson, F. Braun und Ph. Lenard) und viele Physikprofessoren.
Eine kräftige und frohe Natur, liebte Quincke Geselligkeit. Sein gastliches Haus in Heidelberg (und früher in Würzburg) war ein Zentrum des gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Auch hatte Quincke durch langjährige Mitarbeit in der Kirchengemeindeverwaltung große Verdienste in der Stadt Heidelberg erworben. Seine Briefe zeigen ihn als sehr lebhaften, humorvollen und engagierten Mann. Den Menschen Quincke aber mag zuerst der Begriff „Pflichtgefühl“ umschreiben.
Für das Studienjahr 1885/86, als die Heidelberger Universität ihr 500-jähriges Jubiläum vorbereitete, wurde Quincke zum Prorektor gewählt. Er war viermal Dekan und jahrelang auch Vorsitzender des Heidelberger „Naturwissenschaftlichen und medizinischen Vereins“. Deutlicher noch spiegelt sich sein großes wissenschaftliches Renommee aber in der Tatsache mehrerer Berufungen auch in internationale Gremien wie die Royal Society of London.
Quellen: UA Berlin UK-Q6; Matrikel Nr. 86/47 R; Akte Phil. Fak. 1207; Auskünfte: Brandenburgisches LandeshauptA Pr. Br.: Rep. 30, e, Tit. 3, Lit. Q Nr. 1 u. Rep. 34, Abt.1c, Sekt. 14, Lit. a, Nr. 9; StadtA Heidelberg (Auskünfte); UA Heidelberg, Matrikel 1854, Nr. 342; ebd. H-IV-102/80, Nr. 33 u. PA 2122; UB Heidelberg Hs 2471, 3471, 3632; GLA Karlsruhe 235/2397, 466/14105; Zentralstelle für Personen- u. Familiengeschichte, Friedrichsdorf (Auskunft); Dt. Zentralstelle für Genealogie, Leipzig (Auskunft).
Werke: Beitrag zur Kenntniss des rothen und grauen Gneisses des Erzgebirges, in: Ann. Chem. Pharm. 99, 1856, 232-240; Ueber die Capillaritätsconstanten des Quecksilbers, in: Ann. Phys. Chem 105, 1858, 1-48; Ueber eine neue Art electrischer Ströme, ebd. 107, 1859, 1-47; Ueber Interferenzapparate für Schallwellen, ebd. 128, 1866, 177-192; Ueber die Entfernung, in welcher die Molecularkräfte noch wirksam sind, ebd. 137, 1869, 402-414; Ueber Electrolyse u. Electricitätsleitung durch Flüssigkeiten, ebd. 144, 1872, 1-33 u. 161-190; Geschichte des physikalischen Instituts d. Univ. Heidelberg, Akad. Rede am 21. 11. 1885; Electrische Untersuchungen X. Ueber die Messung magnetischer Kräfte durch hydrostatischen Druck, in: Ann. Phys. Chem. 124, 1885, 347-416; Ueber periodische Ausbreitung an Flüssigkeitsoberflächen u. dadurch hervorgerufene Bewegungserscheinungen, ebd. 35, 1888, 580-642; Eine physikalische Werkstätte, in: Zs. für phys. u. chem. Unterricht 5, 1892, 113-118 u. 7, 1894, 57-72; Ueber freiwillige Bildung von hohlen Blasen, Schaum u. Myelinformen durch ölsaure Alkalien u. verwandte Erscheinungen besonders des Protoplasmas, in: Ann. Phys. Chem. 53, 1894, 593-632; Ionenwolken in feuchter expandierter Luft, ebd. 46, 1915, 39-68; Erwärmung u. Spaltung von Gläsern u. Kristallen durch elektrische Longitudinalschwingungen, in: Kolloid-Zs. 33, 1923, 202-208.
Nachweis: Bildnachweise: UA Heidelberg; UB Heidelberg; Naturwissenschaften 13, 1925, 36 (vgl. auch Lit.).

Literatur: Poggendorfs Biogr.-literar. Handwörterb. Bd. II, 1863, 554; ebd. Bd. III, 1898, 1080 f.; ebd. Bd. IV, 1904, 1203 f.; ebd. Bd. V, 1926, 1015; ebd. Bd. VI, 1938, 2101 f.; F. Fraunberger, Quincke in: Dictionary of the Scientific Biogaphy, vol. 11, 1975, 241 f.; NN, The Heidelberg Physical Laboratory, in: Nature 65, 1902, 590 (mit Bild); F. Braun, H. G. Quincke, in: Ann. Physik 15, Nr. 13, 1904, I-VIII (mit Bild); A. Kalähne, Dem Andenken an G. Quincke, in: Physikal. Zs. 25, 1924, 649-659 (mit Bild); W. König, G. Quinckes Leben u. Schaffen, in: Naturwissenschaften 12, 1924, 621-627; A. Schuster, Prof. G. H. Quincke, in: Nature 113, 1924, 280 f.; Proceedings of The Royal Society of London A105, 1924, XIII-XV.
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