Faisst, Clara 

Geburtsdatum/-ort: 22.06.1872;  Karlsruhe
Sterbedatum/-ort: 22.11.1948;  Karlsruhe
Beruf/Funktion:
  • Komponistin, Pianistin, Dichterin und Musikpädagogin
Kurzbiografie: 1878–1888 Höhere Mädchenschule in Karlsruhe
1885–1890 Konservatorium in Karlsruhe
bis 1896 Studium an d. Hochschule für Musik in Berlin, dann Rückkehr nach Karlsruhe
ab 1901 freischaffende Künstlerin u. Musikpädagogin
bis ca. 1918 Veröffentlichung von Kompositionen
1924 Gedichtband „Hörst du den Ton?“
1927 Bittgesuch um Unterstützung zum Lebensunterhalt
1928 Gedichtband „Matan–Sonette“
1939 Verhör wegen kritischer Äußerungen über das NS-Regime
1945 Evakuierung d. Wohnung in Karlsruhe, nach einem halben Jahr Rückkehr u. Wiederaufnahme d. häuslichen Konzerttätigkeit
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: unverheiratet
Eltern: Vater: Gustav August (1834 –1873), Oberkirchenrat
Mutter: Emma, geb. Valloton (1841–1927)
Geschwister: 4; Emma (* 1862), Rudolf (* 1863), Bertha (* 1865), Marie (* 1869) u. ein weiteres Kind, nicht namentlich bekannt
Kinder: keine
GND-ID: GND/116383909

Biografie: Martina Rebmann (Autor)
Aus: Badische Biographien. Neue Folge 6, S. 104-106

Nur Weniges lässt sich aus den fast verwischten Spuren des Lebens von Faisst noch zusammentragen. Widrige Umstände, vor allem die beiden Weltkriege, haben viele der Lebenszeugnisse dieser Künstlerin verwischt.
Fast ihr gesamtes Leben verbrachte Faisst in ihrer Heimatstadt. Ihr Vater war dort Oberkirchenrat gewesen, starb aber als sie erst ein Jahr alt war. Die Mutter stammte aus Lutry bei Lausanne. Faisst war das jüngste von sechs Kindern; sie galt als still, verträumt. Als sie die Höhere Mädchenschule besuchte, musste sie häufig dem Unterricht fernbleiben, die schwache Gesundheit ließ den regelmäßigen Schulbesuch nicht zu. Die musikalische Ausbildung von Faisst begann mit dem Schuleintritt. Vom 7. bis zum 9. Lebensjahr hatte sie als jüngste Schülerin Unterricht in Hamonielehre beim Konzertmeister des Hoftheaters in Karlsruhe, Carl Will (1812–1892).
Bis 1890 erhielt Faisst ihre Ausbildung am Konservatorium in Karlsruhe, dann ging sie zum Musikstudium nach Berlin an die Hochschule für Musik und studierte dort bis etwa 1896. Klavierunterricht hatte sie bei Ernst Rudorff (1840–1916), der auch als Komponist hervorgetreten ist. Ein weiterer Lehrer war Robert Kahn (1865–1951), der Berliner Komponist, der auch Musiktheorie unterrichtete. Bei Woldemar Bargiel (1828– 1897), dem Stiefbruder von Clara Schumann, hatte Faisst Unterricht in Kontrapunkt und Kompositionslehre. Der heute noch bekannteste Musiker aber, bei dem sie lernte, war Max Bruch (1838–1920), dessen Meisterklasse für Komposition sie nicht nur angehörte, zu dem sie auch später noch den Kontakt pflegte. Diesem Lehrer sind die „Fünf Lieder für eine Singstimme mit Pianoforte“ gewidmet.
Nach dem Studium scheint Faisst bald nach Karlsruhe zurückgekehrt zu sein. Ab 1901 ist sie als „Pianistin“ im Adressbuch der Stadt Karlsruhe verzeichnet, ab 1904 wurde sie als „Tonkünstlerin“ genannt. Die Freischaffende, die mit ihrer Mutter den Haushalt teilte, verdiente den eher kargen Lebensunterhalt hauptsächlich als Lehrerin. Nach dem Tod der Mutter 1927 stellte der Schwager Ernst Lehmann beim Oberkirchenrat einen Antrag auf „Pfarrwaisenunterstützung“ für die immerhin schon 55-jährige, da das einzige regelmäßige Einkommen, die Witwenrente, weggefallen war.
Noch vor dem II. Weltkrieg hat Faisst als Komponistin und Interpretin von eigenen und fremden Klavierwerken öffentliche Beachtung gefunden. Etwa 100 ihrer Lieder für Singstimme und Klavier sind erhalten, aber auch Kammermusik und einige Stücke für mehrere Stingstimmen oder Chor finden sich in ihrem 30 Opusnummern umfassenden Werk. Die Lieder von Faisst sind vorwiegend durchkomponiert, es finden sich fast keine Strophenlieder. Dabei zeigt sich die Melodik sehr ausdrucksstark, und die Harmonik verwendet das breite Spektrum der Tradition der Spätromantik. Bei den meisten Liedern, etwa bei den Cellostücken op. 7 und einigen Klavierstücken, handelt es sich um eindringliche Stimmungsgemälde lyrischer Art. Ein Schwerpunkt der Liedtexte liegt auf religiöser Dichtung und auf der Vertonung von Bibeltexten. Während des I. Weltkrieges hat Faisst patriotische Texte vertont, die sich auf das aktuelle Kriegsgeschehen bezogen, wie das Kriegslied „Ihr Tapfern, die der grimme Tod umgibt“ nach einem Text Otto Michaelis, das zusammen mit dem Reiterlied „Es kam wohl ein Franzos’ daher“ nach einem Gedicht von Gerhart Hauptmann als Kriegsflugblatt 1915 gedruckt erschienen war.
Daneben hat Faisst auch sehr persönlich gehaltene Gedichte geschrieben; 1924 und 1928 erschienen je ein Bändchen. Außerdem hat Faisst Artikel für verschiedene Zeitungen verfasst, eine Nebeneinnahme. In diesen Beiträgen befasste sie sich kritisch mit Themen des Alltags, etwa „Höflichkeit auf Reisen“, 1920, mit Künstlern „Bei Hans Thoma“, 1922, und natürlich dem Thema Musik, so im Artikel „Wilhelm Furtwängler – Ein Dirigentenerlebnis“, 1924. Bemerkenswert ist, dass sich musikalische Veröffentlichungen nur bis etwa 1918 nachweisen lassen, spätere Werke sind nur handschriftlich erhalten. Ihre Schaffenskraft erscheint gestört, nachdem sie im I. Weltkrieg den Verlust ihres Bruders Rudolf und eines ihrer Neffen hatte verkraften müssen. Aus privaten Lebenszeugnissen lässt sich ablesen, wie sensibel Faisst auf ihre Umwelt reagierte. Diese Quellen belegen aber auch vielfältige Kontakte und Freundschaften zu bedeutenden Persönlichkeiten in ihrem Umkreis, so zum Maler Hans Thoma (➝ II 278), der seit 1899 Direktor der Karlsruher Kunsthalle war, vor allem aber zu Musikern oder Musikwissenschaftlern wie Max Bruch, Alfred Cortot (1877–1962), Wilhelm Furtwängler (➝ I 132), Joseph Joachim (1831–1907), Hans Joachim Moser (1889–1967) und Willy Rehberg (1862–1937).
Eine besondere und bis zu ihrem Tod andauernde Freundschaft bestand zum Arzt, Theologen und Musiker Albert Schweitzer (1875–1965). Die Verbundenheit in musikalischen Fragen muss sehr groß gewesen sein; die erhaltenen Briefe an Schweitzer sind bedeutende Lebenszeugnisse von Faisst. So schrieb sie ihm im März 1939 aus Karlsruhe: „Ich vergesse die Stunden nie im Leben, als Sie einmal am späten Abend in mein Zimmer traten und ich Ihnen viele von meinen Liedern spielen u. singen durfte. [...] Wie [Hervorhebung von Faisst] Sie mir damals zuhörten, u. beim Fortgehen um ein Heft der Lieder baten – das war eine solche Ermutigung und Ehre für mich […]“ (Brief an A. Schweitzer vom 5. 3. 1939. Centre International Albert Schweitzer in Gunsbach). Aus diesem Brief wird auch deutlich, dass Faisst schon damals regelmäßig zur Musik in ihre Wohnung lud. Sie trug Werke der großen Meister vor, besonders von Johann Sebastian Bach.
Faisst war politisch interessiert, äußerte ihre Meinung öffentlich, auch in Zeitungsartikeln, was jedoch mit zunehmender zeitlicher Nähe zum „Dritten Reich“ nachließ. Der Grund dafür lag sicher auch darin, dass ihr Schwager, der ev. Pfarrer Ernst Lehmann, nach NS-Definition „Volljude“ war. Lehmann übte schon sehr früh radikale Kritik am Nationalsozialismus und wurde 1940 angeklagt. Bei der Durchsuchung von Lehmanns Wohnung in Heidelberg war ein Gedicht zur Reichspogromnacht am 10. November 1938 gefunden worden, das deutlich Stellung bezog. Faisst hatte die in Anlehnung an Ludwig Uhlands „Wenn heut ein Geist herniederstiege“ abgefassten Verse eines Dritten lediglich ihrem Schwager zugesandt. Dennoch wurde auch sie in das Ermittlungsverfahren verwickelt. Lehmann wurde zu 21 Monaten Haft verurteilt, von denen er wegen Haftunfähigkeit fünf Monate abbüßen musste. Für die 67-jährige Faisst waren das Verhör und die Sorgen um Schwager und Schwester außerordentlich belastend, auch wenn ihr die Anklage erspart blieb.
Nach dem II. Weltkrieg gehörte Faisst zu den wenigen wichtigen Künstlern in Karlsruhe, die überhaupt noch die Möglichkeit zu Aufführungen fanden. Ihre Wohnung in der Kriegsstraße 75 war nicht zerstört worden, vor allem aber die beiden Flügel blieben unbeschädigt. Dies war besonders wichtig, da das kulturelle Leben der Stadt danieder lag, Alltagsprobleme alles überlagerten. Die Stadt war zu einem Drittel zerstört, Wohnungsnot herrschte. In dieser Situation engagierte sich die Künstlerin wieder mit musikalischen Aufführungen in ihrer Wohnung. Auch darüber berichtet ein Brief an Freunde vom März 1946: „Ich bin sehr tief in musikalische Tätigkeit versetzt, Unterricht, Proben, Hausconcerte u.s.w. Aber solange ich so energiegeladen und froh bei dieser […] Tätigkeit bin, solange gefällt mir das Leben in den Ruinen hier!“ (Brief vom 2. 3. 1946, StadtA Karlsruhe 8/Autographensammlung)
Einquartierungen in ihrer Wohnung, Anfang 1947 eine fünfköpfige Flüchtlingsfamilie, nahm die bereits über 70-jährige bewundernswert gleichmütig hin. Im Januar 1948, nur wenige Monate vor ihrem Tod, schrieb sie an Albert Schweitzer über ihre halbjährige Evakuierung 1945 und die Zeit danach: „Das Wunder war, daß ich ohne schweres körperl. Leiden und bei voller Geistesklarheit hindurchkam. Das Letztere ist das größte Wunder. [...] Ich konnte Musik machen, trotz den Ruinen, in denen mein Haus als einziges unter vielen, unzerstört geblieben war. Ich konnte Hausconcerte halten für viele [Hervorhebung von Faisst] Zuhörer, die darnach brennend verlangten.“ (Brief an A. Schweitzer vom 2. 1. 1948. Centre International Albert Schweitzer in Gunsbach.)
Das Alter, mehr noch die widrigen Lebensumstände beeinträchtigten dann doch die Gesundheit der inzwischen schon 76-jährigen Künstlerin. Gegen Ende dieses Jahres verstarb sie.
Quellen: Staatl. Institut für Musikforschung, Berlin, SM 12/15, Brief von Faisst an Joseph Joachim; Centre International Albert Schweitzer Gunsbach/Frankreich 16 Briefe von Faisst u. zwei Gedicht-Autographen an Albert Schweitzer, 1922 bis 1948; Bad. Landesbibliothek Karlsruhe, Handschriftenabteilung K 1838, K 2541, K 3128, Nachlass u. Briefe von Faisst, u. Musikabteilung Mus. Hs. 1400 u. 1411, Konzertprogramme, Zeitungsausschnitt, Schulzeugnisbuch, Fotos, Korrespondenz, Musikautographen, Notendrucke; StadtA Karlsruhe Clara Faisst 8/Autographensammlung, 15 autographe Schriftstücke von Faisst, darunter 13 Briefe 1945 bis 1948; Dt. LiteraturA Marbach, Cotta, Hesse-Archiv, Brief, Quittung an/für die Cottasche Buchhandlung Stuttgart, 1 Postkarte an Hermann Hesse.
Werke: Ausführliches Werkverzeichnis in: Musik in B-W. Jg. 8. 2001, 87–103; Hörst du den Ton?, o. J. [1924]. „Hans Adolf Bühler, ein deutscher Meister“, in: Westermanns Monatshefte Bd. 137, H. 821, 1924; Matan – Sonette, 1928.
Nachweis: Bildnachweise: Bad. Landesbibliothek Karlsruhe, Handschriftenabteilung u. Musikabteilung (vgl. Quellen).

Literatur: Robert Goldschmidt u. a., Die Stadt Karlsruhe, ihre Geschichte u. ihre Verwaltung. FS zur Erinnerung an das 200-jährige Bestehen d. Stadt, 1915; Erich Hermann Müller (Hg.), Dt. Musiker-Lexikon. 1929, 307; Paul Frank (Begründer), Wilhelm Altmann (Bearb.), Kurzgefasstes Tonkünstler-Lexikon, I. Teil, 151971, 153; Claudia Friedel, Komponierende Frauen im Dritten Reich, 1995, passim; Martina Rebmann, ‚Denn Fremdling sein ist Künstlers Los auf Erden’. Zu Leben u. Werk d. Karlsruher Komponistin Clara Faisst (1872–1948), in: Musik in B-W. Jg. 8, 2001, 79–103; dies., ‚Mit einem Flügel kann man ja nicht fliegen’. Zum 130. Geburtstag d. Karlsruher Komponistin u. Pianistin Clara Faisst (1872–1948), in: Europäische Konföderation d. Oberrheinischen Universitäten 18/19, 2001/2002, 15–19; dies., Auf den Spuren d. Karlsruher Komponistin u. Dichterin Clara Faisst (1872–1948): Komponieren kann man allenfalls lernen – dichten in Tönen – nie!, in: ZGO 115, 2006, 517–555; dies., Clara Faisst, Komponistin, Pianistin, Dichterin 1872– 1948, in: Lebensbilder aus B-W, 23, 2010, 294 –320.
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