Giese, Fritz Wilhelm Oskar 

Geburtsdatum/-ort: 21.05.1890; Berlin-Charlottenburg
Sterbedatum/-ort: 12.07.1935; Berlin
Beruf/Funktion:
  • Psychologe und Arbeitswissenschaftler
Kurzbiografie: 1896-1909 Schiller-Realgymnasium Berlin-Charlottenburg
1909-1914 Studium der Psychologie, Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Berlin und Leipzig; zwischen 1919 und 1930 an den Universitäten Halle bzw. Tübingen Besuch aller vorklinischen Vorlesungen und Übungen in der Medizinischen Fakultät
1914 Promotion zum Dr. phil. bei Wilhelm Wundt, Universität Leipzig
1915-1918 Kriegsteilnehmer; wissenschaftlicher Assistent bei Walter Molde, Leiter des Instituts für industrielle Psychotechnik an der Technischen Hochschule Charlottenburg; Tätigkeit auf Hirnverletztenstationen in Köln und Halle, um diese Kriegsverletzten wieder in die Arbeitswelt zu integrieren
1919-1923 Gründung und Leitung des ersten Instituts für praktische Psychologie in Halle
1920-1923 Dozent am Polytechnikum in Köthen
1921-1923 gleichzeitig Lehrbeauftragter für Wirtschaftspsychologie an der Universität Halle
1923 Lehrbeauftragter, 1924 Privatdozent, und ab 1929 außerordentlicher Prof. für Psychotechnik und allgemeine Pädagogik sowie Gründer und Leiter des psychotechnischen Laboratoriums, einer Abteilung des Instituts für Betriebswissenschaft der Technischen Hochschule Stuttgart
1931 Ablehnung eines Rufs zum ordentlichen Prof. für Psychologie der Universität Rio de Janeiro/Brasilien
1932-1935 Vorlesungen in Madrid und Barcelona/Spanien
1934 Vertreter Deutschlands im Vorstand der Internationalen Vereinigung für angewandte Psychologie, Paris/Frankreich
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1925 Emmy Lang (geb. 1889)
Eltern: Vater: Richard Giese (1857-1922), kaufmännischer Angestellter
Mutter: Martha Wilhelmine Schwitzki (1861-1944)
Kinder: Richard-Heinrich (1931-1988), Professor für Extraterrestrische Physik an der Ruhruniversität Bochum
GND-ID: GND/116619716

Biografie: Irene Raehlmann (Autor)
Aus: Württembergische Biographien 1, 89-90

Als Schüler Wilhelm Wundts, Gründer des ersten Universitätsinstituts für experimentelle Psychologie, wandte sich Giese früh Fragen der Anwendung psychologischer Erkenntnisse in der praktischen Lebensgestaltung zu. Seine Veröffentlichungen belegen gleichwohl weitgespannte wissenschaftliche und literarische Interessen. Die angewandte Psychologie, die Psychotechnik sollte vornehmlich zur Lösung von Problemen der Arbeitswelt auf der Grundlage experimenteller Erkenntnisse beitragen: Zusammen mit anderen baute Giese die psychotechnischen Einrichtungen bei der Post sowie die Berufsberatung bei der Arbeitsverwaltung auf; hinzu kamen Beratertätigkeiten für berufliche Ausleseeinrichtungen in der Wirtschaft.
Eine herausragende Position begründete Giese mit seiner Hinwendung zur Arbeitswissenschaft, die sich im Kontext forcierter Rationalisierung in den 20er Jahren entwickelt. Er verbindet die Arbeitswissenschaft mit einem interdisziplinären Anspruch, denn die Probleme der Arbeitswelt sind komplexer als das eine Disziplin isoliert zu angemessenen Forschungsergebnissen gelangen könnte. Damit überwindet er die einzelwissenschaftliche Orientierung der Psychotechnik. Sein interdisziplinäres Erkenntnisinteresse manifestiert sich in einem zehnbändig geplanten, jedoch unvollständig gebliebenen „Handbuch der Arbeitswissenschaft“, das er seit 1925 herausgab. Dessen Mittelpunkt bildet seine Schrift „Philosophie der Arbeit“ (1932), in der er sein arbeitswissenschaftliches Selbstverständnis entfaltet: Er ordnet diese Wissenschaft sowohl der Natur- als auch der Kulturwissenschaft zu, er vertritt die Gleichberechtigung der Disziplinen und beansprucht deren Ergebnisse zu einem Ganzen verbinden zu wollen. Obwohl Giese die Umsetzung des Interdisziplinaritätsgebots kaum thematisiert, hat er wichtige Bausteine für ein solches Programm erbracht. Den heute üblichen Begriff Interdisziplinarität verwendet er jedoch nicht, sondern spricht von Synthese – ein Schlüsselbegriff der konservativ-revolutionären Richtung im Wissenschaftssystem der Weimarer Republik, die sich gleichermaßen gegen die Spezialisierung der Wissenschaft wie gegen den Positivismus richtet und sich mithin von der Tradition der Aufklärung distanziert. Giese schloss sich früh der nationalsozialistischen Bewegung an, ohne jedoch der NSDAP beizutreten. Diese Anhängerschaft findet in der „Philosophie der Arbeit“ und in einer Lehrveranstaltung (1932) über Adolf Hitlers „Mein Kampf“ (vgl. BA Berlin R 4901/13263) einen prägnanten theoretisch-intellektuellen, in der – allerdings vergeblichen – Forderung nach Einrichtung eines Instituts für deutsche Psychologie (vgl. Geuter 1984, 110) überdies einen unmittelbar praktisch-politischen Ausdruck.
Quellen: Kürschner, 1928/29, 1935; BA Berlin R 4901/13263; Hochschullehrerkartei, Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung; NSB 6.
Werke: (Auswahl) (vgl. Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums 1911-1965); Psychologisches Wörterbuch, 1920, 2. Aufl. 1928, 3. Aufl. 1935; Berufspsychologie und Arbeitsschule, 1921; Theorie der Psychotechnik. Grundzüge der praktischen Psychologie I, 1925; Hg.: Handbuch der Arbeitswissenschaft, seit 1925; Methoden der Wirtschaftspsychologie, 1927; Bildungsideale im Maschinenzeitalter, Bd. VII, Teil 1: Handbuch der Arbeitswissenschaft, 1931; Philosophie der Arbeit, Bd. X; 1932, Nietzsche – die Erfüllung, 1934.

Literatur: Friedrich Dorsch, Geschichte und Probleme der angewandten Psychologie, 1963; Ulfried Geuter, Die Professionalisierung der deutschen Psychologie im Nationalsozialismus, 1984; Irene Raehlmann, Interdisziplinäre Arbeitswissenschaft in der Weimarer Republik, 1988.
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