Ruge, Arnold Paul 

Geburtsdatum/-ort: 01.01.1881; Görlitz
Sterbedatum/-ort: 24.12.1945;  Karlsruhe
Beruf/Funktion:
  • Oberarchivrat, außerplanmäßiger Prof. in Karlsruhe
Kurzbiografie: 1901 Abitur Askanisches Gymnasium Berlin/Steglitz
1903-1905 Studium in Zürich (1903), Straßburg (1904), Heidelberg, seit 1905 Assistent am philosophischen Seminar der Universität Heidelberg
1906 Promotion: „Die transcendentale Freiheit bei Kant“ durch Prof. Wilhelm Windelband
1908 Herbst III. Internationaler Kongreß für Philosophie in Heidelberg unter Organisatorischer Leitung Ruges
1910 Juli Habilitation: Die Deduktion der praktischen und moralischen Freiheit aus den Prinzipien der kantischen Morallehre, gedruckt 1910 unter dem Titel: Das Problem der Freiheit in Kants Erkenntnistheorie (84 S.)
1916 September Badisches Kriegsverdienstkreuz
1920 Juni Entzug der Venia legendi in Heidelberg
1923 Juni-1924 Haft in Landsberg/Lech
1924-1933 Als freier Schriftsteller und völkischer Redner in München lebend
1933 Mai Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter im Badischen Generallandesarchiv Karlsruhe
1934 Juni Archivrat, Lehrauftrag an der Technischen Hochschule Karlsruhe (1936 Rücknahme des Entzugs der Venia legendi)
1938 März außerordentlicher Professor in Karlsruhe
1939 Juli Oberarchivrat (Amtsbezeichnung Erster Archivrat)
1940 Februar außerplanmäßiger Prof.
1945 Juli durch die amerikanische Militärregierung entlassen
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev.
Verheiratet: 1912 Elisabeth, geb. Kundt (geb. 1888 Karlsruhe)
Eltern: Vater: Albrecht Ruge (1849-1910), Reichsbankdirektor in Görlitz, Frankfurt/Oder
Mutter: Emeline (Lina), geb. Treutler
Geschwister: 5
Kinder: 1 Sohn
GND-ID: GND/116701889

Biografie: Hansmartin Schwarzmaier (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 4, 244-247

Am 31.12.1880 starb in Brighton der Philosoph, Literat und politische Publizist Arnold Ruge. Einen Tag später wurde in Görlitz sein Großneffe geboren, der wie er den Namen Arnold erhielt. Von seinem berühmten Namensvetter hat dieser nie geredet, obwohl ihn die kämpferische politische Leidenschaft mit ihm verband. Einmal berührten sich die Spuren: Als 1916 die „Junius-Alter-Briefe“ (Wolfgang Kapp) erschienen, die das Versagen von Kanzler und Regierung mit heftigen Worten geiselten, geriet der jüngere Ruge in Verdacht, ihr Verfasser zu sein, hatte doch sein Großonkel 1856 eine deutschsprachige Ausgabe der englischen „Junius-Briefe“ von 1769-1772 herausgebracht. Die Namensgleichheit bescherte dem jüngeren, der indessen in politischer Hinsicht längst kein unbeschriebenes Blatt mehr war, eine Hausdurchsuchung in Heidelberg.
Dort war er als unermüdlicher Helfer des Philosophen Wilhelm Windelband, dem seine geschwächte Gesundheit die Wahrnehmung seiner Dienstgeschäfte in immer geringerem Maße erlaubte (gest. 22.10.1915), vom Amanuensis zum Assistenten aufgestiegen und promovierte im Winter-Semester 1905/06 mit einer im Sinne des Lehrers geschriebenen Arbeit über Kant, die auch den Kern seiner vier Jahre später erfolgten Habilitationsschrift bildete. Als sein bleibendes Verdienst rechnete er sich die Organisation des Internationalen Kongresses für Philosophie in Heidelberg an (1908), und danach leitete er eine umfangreiche bibliographische Arbeit ein, deren erster Band 1910 unter dem etwas irreführenden Titel: Die Philosophie der Gegenwart Band 1 erschien. Er enthält die bibliographischen Jahresübersichten für 1908/09; die Fortsetzungsbände hat Ruge vorbereitet, doch sind sie im Krieg nicht erschienen. Soweit zeichnet sich hier eine nicht unübliche akademische Karriere ab, auch wenn später über Ruges wissenschaftliche Arbeiten das Urteil gefällt werden wird, sie seien so kümmerlich, daß „man sie mit Schweigen übergehen möchte“ (Martin Heidegger). In der Tat ist Ruge seit seiner Habilitation mit keiner eigenständigen wissenschaftlichen Leistung mehr hervorgetreten, für die nach dem Tode seines Lehrers auch der Mentor fehlte.
Stattdessen tritt nun die politische Agitation beherrschend in den Vordergrund. Sie deutete sich bereits 1905 an, als der Heidelberger Student durch zwei Druckschriften von sich reden machte, für die er einen Verweis seiner Universität hinnehmen mußte. Sie befaßten sich aus deutschnationalem Geist mit dem akademischen Leben und deuten alle Themen an, die für Ruge bestimmend blieben: Die völkische Idee auf rassistischer Grundlage, gepaart mit einem fast pathologischen Antisemitismus, Kampf gegen alle davon abweichenden politischen, religiösen und gesellschaftlichen Formen, gegen Klerikalismus und Materialismus, Freimaurertum und Sozialismus. Wenn er später den Machthabern des NS-Staates vorrechnete, er sei schon vor 1914 Nationalsozialist gewesen, so verstand er darunter mehr als nur die Rolle eines geistigen Wegbereiters Hitler'scher Ideen, dem er in München 1922/23 erstmals begegnet ist. Doch zur „Kampfgemeinschaft“ zwischen beiden kam es bei aller Gemeinsamkeit der Interessen nicht, und nach 1933 hat Hitler selbst sich geweigert, ihn als seinen damaligen Mitkämpfer anzuerkennen. Mitglied der NSDAP wurde Ruge erst 1933, und das „Goldene Parteiabzeichen“, der „Blutorden der Bewegung“, die er damals für sich beanspruchte, wurden ihm verweigert. Doch bleibt festzuhalten, daß Ruges Themen sich allenfalls radikalisierten, jedoch nie wandelten, so daß er in eine nicht enden wollende Reihe von Verwicklungen eintrat, die zwischen 1905 und 1933 zu Disziplinarmaßnahmen seiner Universität, zu Strafverfolgungen in Baden und Bayern und schließlich auch zu Geld- und Haftstrafen führten, Kämpfe, auf die Ruge im Alter mit Stolz zurückblickte, so in einer zu seinem 60. Geburtstag herausgegebenen autobiographischen Schrift.
Hatten ihm bereits die Schriften von 1905 eine Ausweisungsdrohung der Universität Heidelberg eingebracht, so spitzte sich seine Auseinandersetzung mit der Heidelberger Frauenbewegung (Marianne Weber) zu einem persönlichen Rechtsstreit mit Max Weber zu, der in einer Duellforderung gipfelte (1911). Auch in diesem wie in einem weiteren Heidelberger Prozeß sah sich Ruge von einem „Komplott“ jüdischer Professoren und Juristen bedroht und fand seine Anhänger in den dortigen antisemitischen Kreisen um den Physiker Lenard. Vom Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg wurde er wegen eines chronischen Augenleidens freigestellt, hat jedoch auch selbst seine Unabkömmlichkeit betont, um den Lehrbetrieb am philosophischen Seminar in Heidelberg weiterführen zu können. Er hat sich stattdessen in die Reihe der Propagandisten und Kriegsredner eingefügt, die für weitgehende Kriegsziele, für die Stärkung der Kriegsmoral und für ein Durchhalten bis zum letzten Atemzuge eingetreten sind. Seine Schrift über die „Mobilmachung der deutschen Frauenkräfte für den Krieg“ (1915) bildete für ihn keinen Widerspruch zu seinem Kampf gegen das politische Selbstbestimmungsrecht der Frau.
So ist es kein Wunder, daß Ruge dem Weimarer Staat und seinen Vertretern von Anfang an mit leidenschaftlichem Haß entgegengetreten ist. Bei einer Heidelberger Veranstaltung vom 22.11.1919 im Anschluß an die Gründungsfeier der Universität, die sich zu einer antisemitischen Kundgebung auswuchs, sprach Ruge als Vertreter des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes und schleuderte dabei heftige Angriffe gegen die Universität und ihre (jüdischen) Lehrer, sodaß ihm schließlich im Juni 1920 wegen Beleidigung des Rektors der Universität und ihres Lehrkörpers die Venia legendi entzogen wurde, ein bis dahin beispielloser Fall, der den badischen Landtag ebenso beschäftigte, wie er die Ruhe der Universität gefährdete. 10 Jahre danach hat er im viel diskutierten „Fall Gumbel“ von München aus noch einmal in die Heidelberger Diskussion eingegriffen, ohne jedoch jemals wieder an der Universität Fuß zu fassen.
Es scheint, daß der ehemalige Privatdozent nach seiner Entlassung in Oberschlesien weilte, sich danach als freier Publizist in München niederließ, wo er 1923 (jedoch vor dem Hitlerputsch) eine einjährige Gefängnisstrafe zu verbüßen hatte, an die sich ein zeitweiliges Aufenthaltsverbot für Bayern anschloß. Eine Fülle von Prozessen erhöhten seinen Bekanntheitsgrad auch in seiner Münchener Zeit. In diese Jahre fällt eine weitere Schrift: „Todsünde, Wege und Abwege eines Volkes“ (Leipzig 1926), wie bisher eine Abrechnung mit Christentum und Judentum. Der Versuch einer eigenen Verlagsgründung brachte ihn in Verbindung mit Heinrich Himmler.
Die „Machtergreifung Hitlers“ bot dem alten Kämpfer Gelegenheit, seine Verdienste darzulegen und sich dem neuen Staat anzubieten. Doch bereits im Spätjahr 1932, unmittelbar vor seiner Ernennung zum Reichskanzler, lehnte Hitler jegliche Zusammenarbeit mit Ruge ab und ließ ihm dies durch Rudolf Heß in unverblümten Worten mitteilen. Zwar hatte ihm in Baden Robert Wagner bereits 1926 ein Mandat in Aussicht gestellt, ohne Ruge jedoch eine Führerrolle zuzubilligen. Man sah in ihm einen Quertreiber, der sich in die streng hierarchische Disziplin der NS-Partei nicht einfügen würde. Zwar hatte Ruge in Himmler einen Freund und Förderer gefunden, doch die Führungsspitzen im Reich wie in Baden wiesen seine eindringlichen Forderungen entschieden zurück. Nachdem Bayern, wo Ruge im März 1933 seinen Wohnsitz hatte, Baden für seine Rehabilitation zuständig erklärte, hat man ihn schließlich mit einer kleinen Pfründe entschädigt, die seinen Ehrgeiz nicht im geringsten befriedigte: Eine Hilfsarbeiterstelle im Badischen Generallandesarchiv Karlsruhe, auf der er sukzessive zum Archivrat und Oberarchivrat aufsteigen konnte. Die Universität verschloß sich ihm ganz, nachdem Heidegger die Möglichkeit seiner Wiedereinstellung als Philosoph als „öffentlichen Skandal“ bezeichnete und auch Ernst Krieck zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte, obwohl beide die hohen Verdienste Ruges um die NS-Bewegung nicht in Abrede stellen wollten. Als auch der Versuch, einen Sonderauftrag Heinrich Himmlers 1934 (es handelte sich wohl um eine Dokumentation zur Hexenfrage) zu einer Dauerstellung in Berlin auszubauen, gescheitert war, blieb Ruge nichts anderes übrig, als in dem von ihm gering geschätzten Beruf des Archivars Fuß zu fassen. Er tat dies mit wenig Sachverstand, wobei er sich von der Absicht leiten ließ, auch im Badischen Generallandesarchiv sowie in der Badischen Historischen Kommission verkrustete Strukturen im Sinne seines politischen Weltbildes umzufunktionieren. Die Leitung des Generallandesarchivs hat er indessen, als sie 1938 vakant wurde, trotz höchster Protektion nicht bekommen, und da Krankheit und die Kriegsverhältnisse seinen Aktivitäten Grenzen setzten, blieb er auch hier wirkungslos. Als Universitätslehrer an der Technischen Hochschule Karlsruhe, wo er sein früheres Fachgebiet vertrat, blieb er ohne Hörer. Seine letzten Lebensjahre, zugleich die Kriegsjahre, waren ausgefüllt mit Propaganda-, Schulungs- und Vortragsreisen. Das Kriegsende hat er noch erlebt, und die heftigen Schreiben, die er im Sommer 1945 an die französische und amerikanische Militärregierung gerichtet hat, zeigen, daß er gewillt war, auch dieser gegenüber einen egoistischen Rechtsstandpunkt einzunehmen, wobei er sich nicht scheute, auf die Tatsache hinzuweisen, daß er erst 1933 Parteimitglied geworden sei und eher zu den Geschädigten als den Mitarbeitern jenes Regimes gehört habe, an dessen Terrorakten er keinen Anteil gehabt habe. Am Weihnachtstag des letzten Kriegsjahres ist er, schon vorher ein schwerkranker Mann, in Karlsruhe gestorben.
Sollte er der Aufnahme in ein biographisches Werk gewürdigt werden, der Nachbarschaft mit Politikern, Gelehrten und Künstlern jeglicher Couleur, die er fast alle verachtet und bekämpft hat? Die ihn noch gekannt haben, bezeichnen ihn übereinstimmend als Psychopathen mit dem Hang zu intriganter Einmischung in alle Bereiche, mit denen er in Berührung kam. Geistiges Format besaß er nicht, eine einflußreiche Position in Staat und Partei, um die er kämpfte, blieb ihm versagt, und eine publizistische Wirkung verfehlte er selbst bei jenen, denen er politisch nahestand. So blieb es ihm auch im Augenblick seines größten Triumphes, als seine kühnsten Ideen zur herrschenden Lehre wurden, versagt, selbst ernten zu dürfen, was er gesät hatte. Ernst Krieck, einer der neuen geistigen Führer der Universität im NS-Staat, sah in ihm einen Monomanen, dem die Begabung zum „Führer und Sammler“ fehle und dem deshalb keine bleibende Wirkung beschieden sein könne (1934). So bleibt also das Bild eines Demagogen, von dessen Rundumschlägen auch seine Freunde nicht verschont blieben und der in der Maßlosigkeit seiner Ansprüche, der Unverrückbarkeit pervertierter politischer Ideen nicht einmal tragisch wirken kann, weil er weder belehrbar noch lernfähig war. Dennoch wird man ihm ständig begegnen, da er überall zu finden ist, wo sich der deutsche Faschismus formierte. Insofern darf er vielleicht doch in einem biographischen Lexikon nicht fehlen.
Werke: Bibliographie seiner Hauptschriften in Ruges Buch .Völkische Wissenschaft (Berlin 1940) S. 90 ff. Autobiographische Schrift: Einige Kampfdaten aus meinem Leben. Ein Rückblick an meinem 60. Geb. (Privatdruck Karlsruhe 1941). Zahlreiche gedruckte Flugschriften im Nachlaß sowie in den Personalakten Ruges im GLAK.
Nachweis: Bildnachweise: Foto im Nachlaß. Ein Ölbild von Oskar Hagemann, „Der Vorkämpfer Prof. Dr. A. Ruge“ war 1938 im Haus der Dt. Kunst in München zu sehen (Ergänzungsteil zum großen AKat. Nr. 87) u. wurde „vom Führer gekauft“ (Verbleib unbekannt).

Literatur: Nachlaß im GLAK, vgl. die Einleitung des hektographierten Repertoriums (1974). Zu den Heidelberger Vorgängen E. Wolgast, Die Univ. Heidelberg 1386-1986 (Berlin u. a. 1986), S. 132 und 201.
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