Brümmer, Hans 

Geburtsdatum/-ort: 13.12.1886;  Tauberbischofsheim
Sterbedatum/-ort: 19.12.1966;  Oberaichen, Kr. Esslingen
Beruf/Funktion:
  • Gewerkschafter, MdL-SPD, Verfolgter des NS-Regimes
Kurzbiografie: 1900-1903 Lehre als Huf- und Wagenschmied in Tauberbischofsheim
1904 Eintritt in den Verband Deutscher Schmiede
1906 Mitglied der SPD
1907 Bevollmächtigter des Verbandes Deutscher Schmiede in Mannheim
1912 Mitglied der Ortsverwaltung des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes Mannheim, nach dem Übertritt des Verbandes Deutscher Schmiede in den Deutschen Metallarbeiterverband
1916 Mitbegründer der USPD in Mannheim
1918/19 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Karlsruhe; Minister für militärische Angelegenheiten in der badischen Volksregierung
1919-1927 Bevollmächtigter des Deutschen Metallarbeiterverbandes in Mannheim
1920-1927 Stadtverordneter in Mannheim
1923 Mitglied der SPD
1925-1928 Mitglied des badischen Landtages
1927-1933 Bezirkssekretär des Deutschen Metallarbeiterverbandes im Bezirk Stuttgart
1933 nach der Zwangsauflösung der Gewerkschaften durch den nationalsozialistischen Staat Entlassung und Arbeitslosigkeit; nach 1933 illegale Tätigkeit
1934 Verhaftung und Verurteilung zu einem Jahr Gefängnis; danach lockere gewerkschaftliche Kontakte zur Vorbereitung des gewerkschaftlichen Wiederaufbaus
1945 Gründungsmitglied des württembergischen Gewerkschaftsbundes
1946 Vorsitzender des Industrieverbandes Metall Württemberg/Baden; Mitglied des Zonenausschusses der Gewerkschaften der US-Zone; Mitglied des vorläufigen Württemberg-Badischen Landtags
1948 Vorsitzender der IG Metall zusammen mit Walter Freitag (1889-1958) und Wilhelm Petersen (1889-1968)
1950-1956 Vorsitzender der Industriegewerkschaft Metall für die Bundesrepublik Deutschland, zusammen mit Walter Freitag und ab 1952 mit Otto Brenner (1907-1972)
1956-1965 Mitglied des Kontrollausschusses der IG Metall
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch, ab 1919 freireligiös
Verheiratet: 1. Hedwig, geb. Freudenberger (1887-1944)
2. 1954 Stuttgart-Vaihingen, Elsa, geb. Koch (gest. 1984)
Eltern: Vater: Johann Michael Brümmer
Mutter: Maria, geb. Decker
Kinder: aus 1. Ehe: Hans (1909-1982), Herbert (1912-1989), Helmut (1918-1945)
GND-ID: GND/116751487

Biografie: Kurt Thomas Schmitz (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 1, 45-47

Nach dem Besuch der Volksschule in seinem Geburtsort erlernte Brümmer bei seinem Vater den Beruf des Huf- und Wagenschmieds. Einem damaligen Brauch junger Handwerker folgend, ging er nach erfolgreichem Abschluß der Lehre auf die sogenannte Wanderschaft, die ihn mit gewerkschaftlich organisierten Berufskollegen zusammenbrachte. Im Jahre 1904 trat er dem 1885 gegründeten Verband Deutscher Schmiede bei, der als sehr traditionsreich galt. Zwar existierte seit 1891 der Deutsche Metallarbeiterverband (DMV) als moderne Industrieorganisation der Metaller, aber die berufsstolzen Schmiede hielten noch lange an einer Sonderorganisation fest, ehe sie sich dem DMV anschlossen. Brümmer, seit 1906 Mitglied der SPD, durchlief als erste Stufe ehrenamtlicher Funktionärstätigkeit die des Vertrauensmannes, ehe er im Jahre 1907 Bevollmächtigter der Ortsverwaltung Mannheim des Schmiedeverbandes wurde.
Im Jahre 1912 schlossen sich die Schmiede dem DMV an. Brümmer wurde Mitglied der engeren Ortsverwaltung Mannheim des DMV, des eigentlichen Leitungsgremiums und zugleich Branchenleiters der Schmiede. Sein Wirkungskreis erweiterte sich nach und nach, und gewerkschaftspolitisch gewann er stärkeren Einfluß. Nach Kriegsbeginn im Jahre 1914 gehörte er früh zu den Kritikern der Burgfriedenspolitik der SPD. Sein friedenspolitisches Engagement war die Ursache dafür, daß er, wie viele Mitglieder und Funktionäre des DMV, im Jahre 1916 aus der SPD austrat und Mitglied der USPD wurde. Zugleich rückte er für wenige Jahre die politische gegenüber der gewerkschaftlichen Arbeit in den Vordergrund. Wie überall im Reich flammten auch 1918 in Mannheim Streiks auf, an denen er mitverantwortlich beteiligt war. Dort hielt er auch auf einer Massenkundgebung seine erste große Rede anstelle des späteren Vorsitzenden des DMV Robert Dissmann (1878-1926), der durch die Polizei an seinem Auftritt gehindert wurde. Brümmer und viele seiner Kollegen wurden nach dem Streik im Mai 1918 erneut zum Kriegsdienst eingezogen. Der Landsturmmann Brümmer, einer der führenden badischen USPD-Vertreter, beteiligte sich an der politischen Umgestaltung im Großherzogtum Baden.
Am 9. November 1918 bildete sich unter Brümmers Führung in Karlsruhe ein Soldatenrat, dem es ohne größere Schwierigkeiten gelang, die Vertreter des Generalkommandos und der Stadtverwaltung zu Solidaritätskundgebungen zu veranlassen. Zur gleichen Zeit bildeten die Vertreter verschiedener Parteien, an ihrer Spitze die SPD, einen Wohlfahrtsausschuß der Stadt Karlsruhe, dessen erster Vorsitzender der sozialdemokratische Stadtrat und Gewerkschaftssekretär des DMV Heinrich Sauer wurde. Am 10. November 1918 bildeten beide Gremien die badische Volksregierung. Mitglied der provisorischen Regierung für Baden wurde auch Brümmer, der das Ministerium für militärische Angelegenheiten übernahm. Man einigte sich in der Regierung auf einen baldigen Neuwahltermin für eine verfassunggebende badische Nationalversammlung. Bei der Wahl am 5. Januar 1919 konnte die USPD trotz der revolutionären Grundströmung keinen Sitz erringen. Die beiden USPD-Minister Brümmer und Adolf Schwarz traten daraufhin am 8. Januar 1919 von ihren Ämtern zurück.
Brümmer zog sich danach weitgehend aus der Politik zurück und konzentrierte sich auf die gewerkschaftliche Arbeit. Von 1920 bis 1927 war er Stadtverordneter in Mannheim. Im Jahre 1923, nach der Vereinigung von MSPD und USPD, wurde er wieder Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, und von 1925 bis 1928 war er Mitglied des badischen Landtages.
Im Jahre 1919 nahm er seine hauptamtliche gewerkschaftliche Tätigkeit als Bevollmächtigter des DMV in Mannheim auf. Mannheim gehörte zu den Hochburgen der Metallgewerkschaften und überflügelte in der frühen Weimarer Republik die Verwaltungsstelle Stuttgart an Mitgliederzahlen. Im Jahre 1927 berief ihn der Vorstand des DMV als Bezirkssekretär in die Bezirksleitung Stuttgart, der er bis zur Zerschlagung des DMV am 2. Mai 1933 angehörte. Stuttgart war damals – bis 1930 – Sitz des DMV für das Deutsche Reich. Unmittelbar nach der Zerschlagung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933 wurde Brümmer verhaftet. Im Jahre 1934 wurde er aus politischen Gründen zu einem Jahr Haft verurteilt, im Jahre 1938 soll er, wofür aber Belege fehlen, erneut in einen sogenannten Hochverratsprozeß verwickelt gewesen sein. Mit Berufsverbot belegt, war es für ihn sehr schwer, eine Arbeitsstelle zu finden. Zwischendurch stellte er immer wieder Kontakte zur Vorbereitung eines gewerkschaftlichen Wiederaufbaus her. Als knapp 60jähriger war er einer der ersten, die sich nach dem Sieg der alliierten Streitkräfte über das nationalsozialistische Deutschland im Jahre 1945 zum Aufbau der Gewerkschaften und des demokratischen Lebens in Stuttgart bereit hielten.
Stuttgart, das zunächst von den Franzosen und dann von den Amerikanern besetzt wurde, bildete das Zentrum des gewerkschaftlichen Neuaufbaus im südwestdeutschen Raum. Vor 1933 hauptamtlich tätige Gewerkschaftssekretäre der freien und christlichen Gewerkschaften und Repräsentanten der Einzelgewerkschaften, unter ihnen Brümmer für die Metaller, gründeten den württembergischen Gewerkschaftsbund am 31. Mai 1945. Diese Verabredung kam deshalb so schnell zustande, weil es schon in der Zeit vor 1945 Kontakte untereinander gegeben hatte und es vorsichtige Absprachen über den gewerkschaftlichen Neubeginn gab. Brümmer spielte nicht nur eine führende Rolle beim Neuaufbau des württembergischen Gewerkschaftsbundes, sondern ebenfalls bei der Neugründung der Metallgewerkschaft, die sich parallel vollzog. Auf dem ersten Verbandstag des Industrieverbandes Metall am 10./11. August 1946 in Stuttgart wurde Brümmer zum ersten Vorsitzenden gewählt.
Unbestritten war für Brümmer die Bildung einer Einheitsgewerkschaft, in der die Vertreter der früheren Richtungsgewerkschaften zusammenarbeiteten. Allerdings stimmte man der Bildung einer eigenen Angestellten-Organisation zu. Die Angestelltenfrage zugunsten einer einheitlichen Organisation, der Arbeiter und Angestellte angehörten, wurde erst mit der Gründung der Industriegewerkschaft Metall für die britische und amerikanische Zone in Lüdenscheid vom 19. bis 21. Oktober 1948 bzw. mit der Gründung des DGB in München vom 12. bis 14. Oktober 1949 für den Stuttgarter Raum gelöst.
In der Auseinandersetzung um die Rolle der Gewerkschaften in der Gesellschaft und in der Politik vertrat Brümmer die Ansicht, daß die Gewerkschaften sich auch mit politischen Fragen beschäftigen müssen. Nachdrücklich betonte er die Notwendigkeit, sich mit der Gestalt der künftigen Wirtschaftsordnung zu beschäftigen, denn davon hänge es ab, ob es eine planlose oder gelenkte Wirtschaft werde. Politisch sprach er sich für eine Demokratisierung und Parlamentarisierung aus. Im Jahre 1946 wurde er als Sozialdemokrat Mitglied der vorläufigen Volksvertretung Württemberg-Baden.
Vor 1933 hatte Brümmer internationale Kontakte zu dem Schweizer Metall- und Uhrenarbeiterverband (SMUV) und vor allem zu Konrad Ilg (1877-1954), dem Generalsekretär des Internationalen Metallarbeiterverbandes (IMB), geknüpft, die er nach 1945 neu beleben konnte. Es ist vor allem ein Verdienst von Konrad Ilg, der für die deutsche Metallgewerkschaft die internationalen Verbindungen wieder herstellte und dabei vor allem auf ehemalige DMV-Funktionäre, wie Brümmer, verweisen konnte, die als Garanten des Aufbaus einer neuen demokratischen Gewerkschaftsbewegung angesehen wurden. Brümmer und Ilg und die Mehrzahl der Metaller waren sich auch einig in der Ablehnung des kommunistisch beherrschten Weltgewerkschaftsbundes (WGB), der seinerseits die internationalen Berufssekretariate, wie den IMB, auflösen wollte und sich für die sowjetische Außenpolitik einsetzte. Der Aufbau der deutschen Gewerkschaftsbewegung wurde von Anfang an in die Ost-West-Auseinandersetzung hineingezogen, die auch ein Kampf um die künftige Gesellschaftsordnung in den jeweiligen Besatzungszonen war.
Mit Walter Freitag und Wilhelm Petersen, den führenden Gewerkschaftern der IG Metall der britischen Zone, wurde er auf dem Vereinigungsverbandstag in Lüdenscheid zum gleichberechtigten Vorsitzenden der IG Metall gewählt. Dieses Amt hatte er nach dem ersten ordentlichen Gewerkschaftstag der IG Metall in Hamburg 1950-1952 mit Walter Freitag und von 1952-1956 mit Otto Brenner inne. Im Jahre 1956 legte er den Vorsitz nieder, arbeitete jedoch noch bis 1965 im Kontrollausschuß der IG Metall, dem höchsten Kontrollorgan der Organisation, mit.
Beim Aufbau der IG Metall und des DGB kam Brümmer seine große Organisationserfahrung zugute.
Eine besondere Bedeutung legte Brümmer auf die organisatorische Festigung der IG Metall. Es war für ihn keine Frage, daß die neue IG Metall sich dabei an der Organisationsstruktur des Deutschen Metallarbeiterverbandes orientieren sollte. Der politische Neuanfang war gekoppelt mit der organisatorischen Kontinuität, die zwar zwölf Jahre durch die Nationalsozialisten unterbrochen war, die jedoch von den ehemaligen DMV-Funktionären der unteren und mittleren Ebene wieder belebt und fortgeführt wurde. Es gehört zu den Verdiensten von Brümmer, die gewerkschaftliche Kontinuität nach 1945 gewahrt zu haben. In der neuen Form der Einheitsgewerkschaft wurde die Interessenvertretung der Arbeitnehmer nach Krieg und Nationalsozialismus aufgebaut. Brümmer hat eine Lebensleistung erbracht, die weit über seine badische Heimat hinaus von Bedeutung ist. Oberaichen, Ortsteil von Leinfelden-Echterdingen, wo er seinen Lebensabend verbrachte, ehrte ihn durch die Benennung eines Platzes mit seinem Namen.
Quellen: Unterlagen über Brümmer als Vorsitzender im Archiv der IG Metall, Frankfurt (Main)
Nachweis: Bildnachweise: Archiv der IG Metall, Frankfurt/M.

Literatur: Heinrich Köhler, Lebenserinnerungen des Politikers und Staatsmannes 1878-1949, hg. von Josef Becker, Stuttgart 1964; Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert Bd. 6, Köln 1987; Metall 2/1950; ebd. 25/1951; Der Gewerkschafter 1/1967; Gerhard Beier, Ein vergessener Kämpfer – Hans Brümmer, in: Welt der Arbeit 30/1984, 10
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