Mittasch, Alwin Paul 

Geburtsdatum/-ort: 27.12.1869; Großdehsa bei Löbau (Lausitz), Sachsen
Sterbedatum/-ort: 04.06.1953;  Heidelberg
Beruf/Funktion:
  • Chemiker und Historiker der Naturwissenschaft
Kurzbiografie: 1875-1883 Volksschule in Großdehsa
1883-1889 Landständiges Lehrerseminar zu Bautzen
1889-1892 Hilfslehrer und Hilfsorganist in der Dorfschule Klix bei Guttau
1892-1902 Lehrer in Leipzig (Ostern 1897-Ostern 1902 in 1. Bezirksschule nahe der Universität)
1896-1901 Hörer der Universität Leipzig, Studium der Naturwissenschaften; 1901 XII Promotion summa cum laude bei W. Ostwald
1902 Ostern-1903 Sommer Assistent in der Universität Leipzig bei W. Ostwald und M. Bodenstein; gleichzeitig Mitarbeiter bei „Chemisches Centralblatt“
1903 VIII-1904 II Analytischer Chemiker in AG für Bergbau, Blei- und Zinkfabrikation, Stolberg bei Aachen
1904 III Eintritt in die BASF als Assistent Carl Boschs
1909-1912 Chemische Grundlegung der katalytischen Ammoniakdrucksynthese
1913-1914 Katalytische Ammoniakoxydation
1918 Eröffnung des Oppauer Forschungslaboratoriums
1922 I Ernennung zum stellvertretenden Direktor
1923 V Dr. Ing. e. h. TH München
1926 III Übersiedlung nach Mannheim
1928 XI Dr. der Landwirtschaft e. h., Landwirtschaftliche Hochschule Berlin
1933 XII.31. Eintritt in den Ruhestand
1934 III Übersiedlung nach Heidelberg
1949 Ernennung zum Professor durch die Regierung Baden-Württembergs
Weitere Angaben zur Person: Religion: evangelisch
Verheiratet: 1908 Mannheim, Dora Martha, geb. Jäger (1885-1978)
Eltern: Johann (1830-1917), Lehrer
Carolina, geb. Beckel (1836-1922)
Geschwister: Oswald (1863-1938)
Paula Beckel (1865-1939)
Fanny Maune (1867-1959)
Clara Schenker (1874-1958)
1 im ersten Lebensjahr verstorbener Bruder
Kinder: Heinz (1909-1932)
Helmut (1912-1997)
GND-ID: GND/117063371

Biografie: Alexander Kipnis (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 3, 252-254

Mittaschs Biographie ist die Geschichte eines Mannes, der sich vom bescheidenen Dorfschullehrer zum weltanerkannten Experten der chemischen Technologie entwickelte. In seinen Lebenserinnerungen schrieb er: „Das ganze Leben in und außer dem Hause stand im Zeichen unermüdlicher Arbeit“. Diese Prägung bestimmte sicher auch sein eigenes Leben. Seine Kindheit war glücklich: Die Eltern waren besorgt um eine allseitige Entwicklung der Kinder. Der spartanische Lebensstil des Vaters fand ein Gegengewicht in der Liebe und Weichheit der Mutter. Nach der Grundschulbildung im Heimatdorf trat Mittasch ins Internat zu Bautzen ein und beendete dort das Lehrerseminar. Seinen Dienst als Lehrer begann er in einer dörflichen Volksschule; nach drei Jahren, dem Rat seines Bruders Oswald folgend, zog er nach Leipzig um. So wurde eine weitere Lehrerausbildung an der Universität möglich. Als Lehrer hatte er beste Zeugnisse, doch ein rein wissenschaftlicher Weg spielte zu dieser Zeit noch keine Rolle.
In der Universität belegte Mittasch viele verschiedene Kurse, sowohl in den Natur- als auch in den Geisteswissenschaften. Schritt für Schritt nahm ihn die Chemie ein, der er sich so weit verschrieb, daß seine Studien schließlich in der Promotion zum Dr. phil. in W. Ostwalds Abteilung mündeten. Der talentvolle und freundliche Physikochemiker M. Bodenstein wurde sein Doktorvater.
Mittaschs Dissertation war der Bildung und Zerlegung des Nickelcarbonyls gewidmet, und man kann nur bewundern, wie der Verfasser, mit einem Vollzeitschuldienst belastet, im Laufe von anderthalb Jahren eine derart grundlegende Forschungsarbeit durchführen konnte. Sie erhielt das Prädikat „egregia“. Mittasch selbst hatte wichtige physikalisch-chemische Erfahrungen gesammelt, die ihm später gute Dienste leisteten. Diese hervorragende Arbeit wurde zur physikalisch-chemischen Basis für die weitere Entwicklung des Mond-Langer-Carbonylverfahrens der Nickelgewinnung. Es gibt Hinweise, daß Mittaschs Experimentalergebnisse noch in den 1960er Jahren durch Fachleute benutzt wurden.
Die Universitätsjahre beeinflußten Mittasch auch in einer anderen Richtung, der philosophischen. Außer Ostwalds Kolleg über Energetik war Mittasch sehr durch W. Wundts Vorlesungen beeindruckt; seine Vorlesungsnachschriften bewahrte er bis an sein Lebensende. Bemerkenswert ist, daß Mittasch neben Chemie und Physik die Philosophie statt der üblichen Mathematik oder Mineralogie für seine Doktorprüfung ausgewählt hatte. Offensichtlich war es Wundts Einfluß, daß Mittaschs Weg „von der Chemie zur Philosophie“ seine letzten zwanzig Lebensjahre bestimmte.
Das fehlende Abitur machte die Habilitation unmöglich. So wurde Mittasch gezwungen, anstatt der akademischen eine industrielle Karriere einzuschlagen. Erste Erfahrungen machte er im Centrallaboratorium Stolberg bei der Blei- und Zinkfabrikation; bereits nach wenigen Monaten hielt ihn der Direktor wegen seiner Kenntnisse, Pflichttreue und Leistungsfähigkeit „für fähig zur selbständigen Leitung eines Laboratoriums für Metallhüttenwesen“. Mittasch wechselte jedoch, dank M. Bodensteins Empfehlung, zur BASF, wo seine fast dreißigjährige Tätigkeit ihm Zufriedenheit, Anerkennung und Wohlstand einbrachten.
Mittasch begann als Carl Boschs Assistent und wurde bald einer seiner engsten Mitarbeiter, wobei sich Mittasch und Bosch einander auf das glücklichste ergänzten. Zuerst nahm Mittasch teil an Versuchen, Stickstoff über Metallnitride oder -cyanide zu fixieren; seit 1909 wurde diese Richtung durch ausführliche Arbeiten über die direkte Ammoniaksynthese nach dem Haberschen Verfahren geändert. Mittasch trat an die Spitze der chemisch-katalytischen Forschungen und hatte Erfolg. 1918 wurde er zum Leiter des neugegründeten Ammoniaklaboratoriums berufen, das sich innerhalb von zehn Jahren zu einer großen vielseitigen Forschungseinrichtung mit etwa 1 000 Mitarbeitern entwickelte. Mittasch erarbeitete eine effektive Organisationsstruktur und Arbeitsverteilung. Als Leiter nahm er Boschs Muster an. Dabei waren, wie sein Sohn schreibt, „Ellenbogen ein unbekannter Begriff“ für ihn.
Dank der durch Mittasch geleiteten zielgerichteten systematischen Forschungen wurde nicht nur der effiziente und billige Katalysator der Ammoniaksynthese gefunden, der bis heute mit geringen Modifikationen benutzt wird, sondern ein bahnbrechender neuer Weg der industriellen Katalyse eingeführt. Der nächste Schritt auf diesem Weg wurde die Gewinnung der Salpetersäure durch katalytische Ammoniakoxydation (1914); später folgte das dritte bedeutende Verfahren: Hochdruckmethanolsynthese (1923). Mittasch steht in der Geschichte der Chemie vor allem als einer der erfolgreichsten Forscher der Industriekatalyse, der in planvoller Arbeit für zahlreiche Synthesen immer neue und neuartige Katalysatorsysteme erarbeitete. Als seine zentrale Leistung soll die Entdeckung der Mischkatalysatoren genannt sein, die all jenen Verfahren zugrunde liegt. Auf ihn geht auch die Schaffung sehr interessanter chemisch-metallurgischer Verfahren zurück, wie der Hochdruckcarbonylprozeß zur Gewinnung reinster Metallpulver (Fe und Ni) über die entsprechenden Carbonyle. Seine technologischen Ergebnisse sind in 85 Patenten beschrieben (teilweise zusammen mit C. Bosch, meistens mit seinen Mitarbeitern).
Tief getroffen durch den unerwarteten Bergtod seines ältesten Sohnes im Sommer 1932 tritt Mittasch vorzeitig in den Ruhestand und findet allmählich die Kraft, literarisch zu arbeiten. Er schreibt viel über die Geschichte der Chemie, später mehr und mehr über die Philosophie der Naturwissenschaften, wobei das Phänomen der Katalyse, im Sinne einer „Auslösung“, im Zentrum seiner Überlegungen stand. Seine letzten philosophischen Arbeiten wurden auch von Bundespräsident Heuss geschätzt.
Mittaschs Erholung war zeitlebens die Musik. Zuerst dachte er sogar über eine Pianistenkarriere nach, verwarf diesen Gedanken aber wieder wegen seiner kleinen Hände, die ein Teil seiner ganzen Statur waren. Auch seinen Garten liebte er, mit dem er sich ebenso systematisch-wissenschaftlich beschäftigte wie mit der Chemie.
Mittasch war kein politischer Mensch. Wenn er auch 1933 seine Stimme für den Nationalsozialismus, als der einzigen Alternative gegen den Kommunismus, abgab, war er doch nie mit der Judenverfolgung und anderen Grausamkeiten des NS-Regimes einverstanden. Während des schwersten Kriegsjahres, ab Oktober 1944, schrieb Mittasch die über 400 Schreibmaschinenseiten umfassende „Chronik meines Lebens“, ein hochinteressantes Werk, das seine Gründlichkeit, seine Liebe zur Systematik und seinen Fleiß widerspiegelt, aber noch der Veröffentlichung harrt. Sein Leben faßte Mittasch selbst zusammen als „Viel Mühe und Arbeit, im ganzen mit gutem Gelingen; Jahre erfüllt von Erfolg und Glück und Zeiten tiefsten Schmerzes“.
Quellen: Dokumente im Familienbesitz; Unternehmensarchiv BASF, Ludwigshafen: W 1; Stadtarchiv Mannheim; Stadtarchiv Heidelberg; UB Heidelberg
Werke: Chemische Dynamik des Nickelkohlenoxyds (Dissertation), Zeitschrift für physikalische Chemie, 1902, 40, 1-88; Bemerkungen zur Katalyse, Berichte der Deutschen Chemischen Gesellschaft 1926, 59, 13-36; Über Eisencarbonyl und Carbonyleisen, Zeitschrift für angewandte Chemie 1928, 41, 827-833; Von Davy und Döbereiner bis Deacon. Ein halbes Jahrhundert Grenzflächenkatalyse, 1932 (mit E. Theis); Kurze Geschichte der Katalyse in Praxis und Theorie, 1939; Von der Chemie zur Philosophie. Ausgewählte Schriften und Vorträge, 1948 (mit Autobibliographie); Geschichte der Ammoniaksynthese, 1951; Salpetersäure aus Ammoniak, 1953; Erlösung und Vollendung. Gedanken über die letzten Fragen, 1953. – Die wichtigsten der 85 Patente Mittaschs bei K. Holdermann und E. Farber (vgl. Literatur)
Nachweis: Bildnachweise: Porträt im Familienbesitz („Zeitlos“, gemalt 1952 durch Martin Ritter, Reproduktion bei A. von Nagel, vgl. Literatur); Bronzebüste 1925 von H. Heibel, BASF; Photo: Zeitschrift Elektrochemie 1940, 46, 1

Literatur: R. Oesper, Alwin Mittasch, Journal for Chemical Education, 1948, v. 25, p. 531-532; K. Winkler, Wunder der Katalyse, Die Rheinpfalz, 11. März 1950 (mit Photo); K. Holdermann, Alwin Mittasch, Chemische Berichte 1957, 90, S. XLI-LIV (mit Bibliographie); A. von Nagel, Alwin Mittasch, in: Ludwigshafener Chemiker, 1958, 137-170 (Bild); E. Farber, From Chemistry to Philosophy: the Way of Alwin Mittasch, Chymia, 1966, v. 11, 157-178; R. Heinrich, Alwin Mittasch, NDB, 17, 1994, 574-6
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