Hausenstein, Wilhelm 

Geburtsdatum/-ort: 17.06.1882;  Hornberg/Schwarzwaldbahn
Sterbedatum/-ort: 03.06.1957; München
Beruf/Funktion:
  • Kunstschriftsteller, Diplomat
Kurzbiografie: 1900 Abitur Karlsruhe
1900-1905 Studium der klassischen Philologie, Philosophie, Geschichte und Nationalökonomie Heidelberg, Tübingen und München
1905 Promotion München
1906-1907 Studium der Kunstgeschichte München
seit 1906 publizistische Tätigkeit
1907-1919 Mitglied der SPD
1909-1915 Mitarbeiter der Sozialistischen Monatshefte
seit 1917 Mitarbeiter verschiedener Zeitungen
1934-1943 Redakteur Frankfurter Zeitung
1940 Konversion zum Katholizismus
1948 Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste; Präsident von 1950-1953
1948-1952 Präsident der René-Schickele-Gesellschaft
1949 Johann-Peter-Hebel-Preis
1949 Mitglied des PEN-Club
1949 Ehrenmitgliedschaft der Academia Goetheana in Sao Paulo
1950 Korrespondierendes, dann außerordentliches Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt
1950 Generalkonsul Paris
1952 Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern der Bundesrepublik Deutschland
1953-1955 Deutscher Botschafter Paris
1954 Großoffizier der Ehrenlegion
1955 Kunstpreis 1954 für Literatur der Stadt München
1955 Verleihung des Professorentitels durch das Land Baden-Württemberg
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev., später rk.
Verheiratet: 1919 Margot verwitwete Lipper, geb. Kohn
Eltern: Vater: Wilhelm Hausenstein, Finanzbeamter
Mutter: Clara, geb. Baumann
Geschwister: keine
Kinder: 1 Tochter
GND-ID: GND/118547003

Biografie: Clemens Siebler (Autor)
Aus: Badische Biographien NF 1, 156-160

Zwei geographische Schwerpunkte bestimmten dauerhaft das Leben Hausensteins: die badische Heimat und die im Herzen Altbayerns gelegene Hauptstadt München. Eng verbunden fühlte er sich mit dem badischen Land, dem er entstammte. Schon als Schüler war ihm bewußt geworden, daß die Landschaft längs des Oberrheins ein Stück älteste römische Tradition auf deutschem Boden verkörpert. Hieraus leitete er auch das dem badischen Dasein verpflichtende Vermächtnis des Ausgleichs, der Verbindung und Vermittlung zum westlichen Nachbarn her. So war es kein Zufall, daß ihm nach dem Zweiten Weltkrieg die schwierige Aufgabe übertragen wurde, die heillos zerrissenen Fäden des Vertrauens zwischen Deutschland und Frankreich wieder zu knüpfen.
Zwar hätte Hausenstein nie von sich geglaubt, für ein so verantwortungsvolles Amt befähigt zu sein; trotzdem brachte er den politischen Dingen zeit seines Lebens großes Interesse entgegen. Man wird diese Neigung besser verstehen, wenn man sich daran erinnert, daß Hausenstein in seinem mütterlichen Großvater, dem Hornberger Gastwirt Friedrich Gottlob Baumann, einen wahren Urahnen mit politischen Leidenschaften hatte. Als ein alter Revolutionär des Jahres 1848 stand er bei der liberalen Bevölkerung in hohem Ansehen, während er selbst zu den glühenden Verehrern des italienischen Freiheitshelden Garibaldi zählte.
Früh schon hatte Hausenstein in München seine Wahlheimat gefunden, der er, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, bis zu seinem Tode treu blieb. Gefesselt von der einzigartigen Lebensform dieser Stadt, in der sich Ländliches mit Urbanität mischt, schätzte er vor allem den Reichtum einer organisch gewachsenen Kultur. In München erhielt er die entscheidenden Impulse, die seinen Charakter formten und prägten. Hier lernte er Menschen kennen, die ihm ein ganzes Leben lang als Freunde verbunden blieben; hier erfuhr der politisch engagierte Publizist bereits in jungen Jahren eine tiefgreifende Begegnung mit dem Sozialismus. War die süddeutsche Metropole mit ihren Kulturschätzen ein idealer Boden für den Studenten und werdenden Kunstschriftsteller, so fand er, von der kirchlich-katholischen Schwerkraft des altbayerischen Landes mächtig angezogen, im Katholizismus eine der tragenden Säulen seines Lebens.
Nur neun Jahre verlebte Hausenstein im heimatlichen Hornberg; dann starb der Vater. Mutter und Sohn zogen nach Karlsruhe. Nach weiteren neun Jahren bestand er hier das Abitur. Er dachte zunächst an ein theologisches Studium, das er in Heidelberg beginnen wollte; doch schon nach kurzer Zeit fühlte er sich mehr zu den in der Philosophischen Fakultät gelehrten Disziplinen hingezogen. Auch in Tübingen war er noch auf der Suche nach einem Studium, das ihn echt erfüllte. Vielleicht zeigt sein im historischen Proseminar angefertigtes Referat über Bischof Otto von Freising am deutlichsten, wie er eine Synthese seiner theologischen und historischen Interessen anstrebte. Doch vermochte er seinen Studien erst in München eine zielende Ordnung zu geben. Zu seinen bevorzugten Lehrern gehörte dort Lujo Brentano, der innerhalb der Nationalökonomie eine betont sozialpolitische Richtung vertrat. In der Tradition Wilhelm Naumanns stehend, dachte dieser Gelehrte daran, möglichst weite Kreise des Bürgertums für die soziale Frage zu interessieren. Dem Kreis um Brentano gehörte auch Theodor Heuss an; hier nahm die Freundschaft Hausensteins zum späteren Bundespräsidenten ihren Anfang. Aber auch die Hinwendung zu sozialistischen Denkvorstellungen wurde in der Umgebung Brentanos grundgelegt. Nach seinen eigenen Worten bedeutete Sozialismus für ihn nicht nur proletarischer Protest; für ihn war er etwas wissenschaftlich Erkennbares, ja bereits schon Erkanntes; er war für ihn erlebte Wissenschaft. Dabei erstaunt nicht wenig, wie sich der von sozialistischen Zukunftsträumen erfüllte Stürmer mit viel Einfühlungsgabe und großer Sachkenntnis in die Geschichte zu vertiefen verstand, um eine Dissertation über „Die Wiedervereinigung Regensburgs mit Bayern 1810“ zu verfassen. Nach Abschluß der Promotion bei Theodor von Heigel schwankte er zunächst noch zwischen der Wissenschaft und Publizistik. Zwar hatte er seine Habilitation bei Heigel ins Auge gefaßt; doch hörte er mehr auf die Stimme seiner politischen Neigung. Daß Heigel seinen Beitrag über das 19. Jahrhundert für die Ullsteinsche Weltgeschichte mit dem begabten Schüler teilte und ihm vornehmlich die Abschnitte über die soziale Frage zur Bearbeitung überließ, bedeutete für den noch jungen Hausenstein eine unerwartete Ehrung. Indessen war die Suche nach einer angemessenen Tätigkeit auch nach der Promotion noch nicht zu Ende. Obwohl Historiker mit einem glänzenden Abschluß, erkannte er schnell, daß sein sozialistisches Engagement, als ein praktisches Wirken unter den Arbeitern verstanden, stärker war als die Verlockung einer akademischen Laufbahn. Echte Beweise einer wahrhaft sozialen Gesinnung blieb er indessen seinen Zeitgenossen nicht schuldig, denn jahrelang hielt er abends, nach getaner Arbeit, Arbeiterkurse in Geschichte, Kunstgeschichte und Aufsatzlehre. Mit der Aufnahme eines kunstgeschichtlichen Studiums unmittelbar nach der Promotion hatte sich ihm noch einmal eine Gelegenheit geboten, über seine persönlichen Berufspläne nachzudenken. Vor die Entscheidung gestellt, in der Historischen Kommission beschäftigt zu werden und auf der Grundlage eines festen Gehaltes eine Privatdozentenexistenz aufzubauen oder als freier Schriftsteller tätig zu sein, wählte er endgültig den zweiten Weg. Sein bevorzugtes Betätigungsfeld war zunächst die soziologische Kunstbetrachtung. Bereits seine erste kunstgeschichtliche Studie „Der Bauern-Bruegel“ (1910) ist von ihr geprägt. Zur vollen Entfaltung aber brachte er sie in seinem sozialästhetischen Hauptwerk „Der nackte Mensch in der Kunst aller Zeiten und Völker“ (1913).
In einer bekannten Sowjet-Enzyklopädie fanden diese bahnbrechenden soziologischen Interpretationen der Kunst schon in den frühen zwanziger Jahren eine eingehende Würdigung. Hausenstein, ein weltoffener Mensch, nahm jede Gelegenheit wahr, um seinen geistigen Horizont durch Auslandsaufenthalte zu erweitern. Als Vorleser bei der ehemaligen Königin von Neapel, Marie-Sophie, angestellt, kam er 1906 nach Paris. Es war die erste Begegnung mit einer Stadt, die ihn bis ins hohe Alter fesselte. Zehn Jahre später, wegen seiner labilen Gesundheit dem Zivildienst zugeteilt, ging er als Redakteur der Zeitschrift „Beifried“ nach Brüssel. Dort lernte er auch Margot Lipper kennen. Hausenstein ging 1919 eine zweite Ehe mit ihr ein, nachdem sie ihren ersten Mann während des Krieges verloren hatte.
Noch einen Einschnitt ganz anderer Art brachte für ihn dasselbe Jahr. Mit einigem Erstaunen wird man zur Kenntnis nehmen, daß ein Mann, der sich seit vielen Jahren mit Wort und Tat zur Idee des Sozialismus bekannte, ausgerechnet im politischen Entscheidungsjahr 1919 der SPD den Rücken kehrte. Man könnte versucht sein, die Gründe für den Parteiaustritt in der Hinwendung zu einer gemäßigten, mehr bürgerlichen Weltanschauung zu finden. Doch Hausenstein begründete seinen Schritt mit der für ihn verwerflichen Absicht der SPD, zum Zwecke der Erringung der Macht mit den rechtsstehenden Parteien einen Kompromiß einzugehen. In dieser Situation schien es für ihn nur folgerichtig, einen Beitritt zur kommunistischen Bewegung ins Auge zu fassen. Eine tiefgreifende religiöse Entwicklung, in der er sich bereits seit Kriegsbeginn befand, hatte ihn schließlich daran gehindert, den folgenschweren Schritt zu tun.
Unmittelbar nach dem Krieg entfaltete Hausenstein eine vielseitige publizistische Tätigkeit. Dabei stellte er seine journalistischen Fähigkeiten vor allem in den Dienst der Frankfurter Zeitung und der Münchener Neuesten Nachrichten. Zusammen mit Efraim Frisch gab er außerdem zwischen 1919 und 1921 den Neuen Merkur heraus, eine Zeitschrift, von der Hugo von Hofmannsthal einmal sagte, es sei „die einzige im geistigen Sinne existente“ in deutscher Sprache. Schriftleiter des „Ganymed“, des Jahrbuches für Kunst, war Hausenstein zwischen 1921 und 1923. Durch seine Hinwendung zu den großen europäischen Kunstepochen, seine profunde Beschäftigung mit Rembrandt und dem Barock, mit den italienischen und modernen Malern wurde bei ihm der Wunsch nach ausgedehnten Reisen zu den Kunstzentren Europas geweckt. Diese parallel zueinander verlaufenden Tätigkeiten bedingten sich in sinnvoller Weise und bewirkten eine reiche Befruchtung. So wird erklärlich, weshalb Landschafts- und Städtebilder – Eindrücke und Erkenntnisse vieler Reisen durch das alte Europa – in seinem Schaffen einen so breiten Raum einnehmen. Hausenstein nannte diese Bücher „Wanderungen auf den Spuren der Zeiten“. Mit dem Buch „Europäische Hauptstädte“ (1932) ist ein Werk entstanden, in welchem der Autor seiner Europa-Vorstellung die wohl großartigste Tiefenperspektive zu geben vermochte.
1934 wurde Hausenstein Redakteur des Literaturblattes und der Frauenbeilage der Frankfurter Zeitung. Für das führende deutsche Blatt war diese Anstellung mit einigen Risiken verbunden. Der neue Schriftleiter war durch eine Ehe belastet, die nicht den rassischen Vorstellungen der braunen Machthaber entsprach. Außerdem galt er in deren Augen als ein „westlerischer“ Kulturhistoriker. Daß ihm diese leitende Position dennoch übertragen werden konnte, dürfte mit der einzigartigen, aber auch merkwürdigen Stellung zusammenhängen, die diese Zeitung seit 1933 innehatte. Ihr ungehindertes Erscheinen sollte der Welt beweisen, daß die Freiheit der Presse auch von den Nationalsozialisten garantiert wurde. Hinzu kam, daß sich der Frankfurter Redaktionsstab in beispielhafter Einmütigkeit weigerte, an den neuen Geist und seine Sprache irgendwelche Zugeständnisse zu machen. Hausenstein, der viel Mut bewies, war in wesentlichen Fragen für keinerlei Kompromisse zu gewinnen. Dies führte dazu, daß seine Laufbahn als Schriftsteller schon 1936 gewaltsam beendet wurde, denn er hatte es abgelehnt, die Namen der jüdischen Künstler aus seiner „Allgemeinen Kunstgeschichte“ zu streichen. Die Nationalsozialisten antworteten mit seinem Ausschluß aus der Reichsschrifttumskammer; in der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ war der Name Hausenstein unter denjenigen zu finden, die sich über nichtarische Künstler positiv geäußert hatten. Wenn künftighin auch keines seiner Bücher mehr verlegt wurde, so konnte er sich durch die souveräne Art, mit der er das Literaturblatt der Frankfurter Zeitung leitete, noch einige Jahre als Redakteur behaupten. Erst im Mai 1943 verlor er auch diese Stellung, nachdem auf Anordnung des Propagandaministeriums die vier letzten nichtarischen bzw. nichtarisch verheirateten Schriftleiter des führenden Blattes entlassen werden mußten – übrigens nur wenige Wochen vor dem Verbot der Zeitung, der man seit Beginn des Zweiten Weltkrieges mehrfach den Vorwurf gemacht hatte, durch Schweigen zu reden. In die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft fiel die Konversion Hausensteins und seiner Gemahlin zum Katholizismus (1940). Aus begreiflichen Gründen hatte er diesen Schritt heimlich vollzogen. Man hat immer wieder versucht, diesen Entschluß aus den damaligen Zeitumständen heraus zu erklären; ja man ging so weit, von der Flucht Hausensteins in eine Geborgenheit zu sprechen, die die katholische Kirche gerade während des Krieges ihren Gläubigen zu geben vermochte. Doch es entsprach nicht recht seiner Natur, aus dem bloßen Gefühl, aus einer reinen Stimmungslage heraus Entscheidungen dieser Art zu vollziehen. Es gilt als sicher, daß diesem Entschluß ein langer, an Umwegen reicher Entwicklungsprozeß vorausgegangen war. Wenn schon der Sozialismus für ihn Bindung an allgemein gültige Werte bedeutete, die an den Verstand, das Gefühl und Gewissen präzise Forderungen stellten, dann war dies für die Beschäftigung mit religiösen Fragen in einem noch höheren Maße zutreffend. Hausenstein entstammte einer konfessionsverschiedenen Ehe, in der sich die ungleichen Bekenntnisse der Eltern nicht störend auswirkten. Auch wurde dadurch seine kindliche Entwicklung in keiner Weise beeinträchtigt. Doch schon während des ersten Weltkrieges war er weit davon entfernt, sich einfach zu der im Elternhaus vorgefundenen Neutralität der religiösen Überzeugungen bekennen zu können. Was er suchte, war eine persönliche religiöse Entscheidung, in ein klar formuliertes Bekenntnis eingebunden. Trotzdem zeigte er keinerlei Neigung, das hohe Erbe einer echt verstandenen christlichen Freiheit einer kleinlichen Parteiung oder gar geistigen Nötigung zu opfern. Es kann wohl nicht bestritten werden, daß Hausenstein von Grund auf katholisch fühlte. Während des Seelenamtes für den früh verstorbenen Vater hatten die liturgischen Handlungen, vor allem aber das „Ewige Licht“, Zeichen für die Gegenwart Christi im Tabernakel, das kindliche Gemüt des Neunjährigen angesprochen. Noch im Alter stand ihm diese Erinnerung vor Augen, als er dieses Symbol – Lux Perpetua – als Titel für seine Lebenserinnerungen wählte. Wahrscheinlich durch seine frühere Beschäftigung mit Otto von Freising angeregt, zog es ihn während seiner Münchener Jahre immer wieder in die altbayerische Bischofsstadt, wo er feierliche Gottesdienste und Prozessionen erlebte. Erst viel später wurde er sich bewußt, in den zurückliegenden Jahren nur Zaungast dieser geistlich-kirchlichen Schauspiele gewesen zu sein. Er war aber auch davon überzeugt, daß es sich bei diesen Episoden um Teile eines höheren Planes handelte, der von der göttlichen Vorsehung für ihn entworfen worden war.
Das Verdikt, das die Nationalsozialisten über den Schriftsteller und Redakteur Hausenstein verhängt hatten, hinderte ihn mehr und mehr daran, als Publizist für sein geliebtes München zu wirken. Gegen Kriegsende waren schließlich die dunkelsten Jahre seines Lebens angebrochen. Ohnmächtig zum Schweigen verurteilt, konnte er seine Erschütterung über das Völkermorden und die sinnlose Zerstörung einer ihm lieb gewordenen Welt nur noch dem Tagebuch anvertrauen. In der Zerreißprobe der Bombennächte und der Arbeitslosigkeit legte er sich eine strenge Arbeitsdisziplin auf. Schwer litt darunter seine Gesundheit. Häufig verlangte das angegriffene Herz Schonung und ärztliche Behandlung. Trost in dieser schweren Zeit fand er vornehmlich im Lesen. Bücher waren für ihn nie versiegende Kraftquellen des Lebens. Immer wieder griff er zu Goethe, als einer der tragenden Säulen seines Denkens und schriftstellerischen Schaffens. Aber auch zu Cervantes, Johann Peter Hebel und Adalbert Stifter hatte er einen persönlichen Zugang. Die Hinwendung zu Baudelaire wurzelte in religiösen Überzeugungen. Die Anfänge der Baudelaire-Übersetzung, die er später mit einem bedeutenden Essay über den französischen Lyriker veröffentlichte, reichen in die Kriegsjahre zurück. Diese Übertragung, die er mit einem außergewöhnlichen moralischen und geistigen Aufwand durchführte, muß ihm ungeheuer viel gekostet haben. Unter dem zusätzlichen Druck der fristlosen Entlassung aus der Frankfurter Zeitung entstanden, sollte sie ihm nach dem Krieg Bewunderung von beiden Seiten des Rheins einbringen. Seine Übersetzertätigkeit erstreckte sich aber auch auf andere Dichter. In der Anthologie „Das trunkene Schiff“ (1950) ist französische Lyrik in Auswahl von André Chénier bis Stéphane Mallarmé vertreten.
Das Kriegsende erlebte Hausenstein in Tutzing. Noch im Jahre 1945 trugen ihm die amerikanischen Besatzungsbehörden die Gründung einer neuen Zeitung für Süddeutschland an. Doch fühlte er sich gesundheitlich so angeschlagen, daß er dieses von ihm sehr ernst genommene Angebot nicht annehmen konnte. Es blieb beim Entwurf verschiedener Aperçus über die politische und literarische Situation in Bayern sowie eines bisher unveröffentlichten Essays über den Kommunismus.
Noch stand Hausenstein ganz unter dem Eindruck der zahlreichen Benachteiligungen und Kränkungen, die er während der Gewaltherrschaft an sich hatte erfahren müssen. Und schon wieder setzte er sich als untadeliger Ritter der Verantwortlichkeit mit seiner ganzen Persönlichkeit ein, um gegen neues Unrecht anzukämpfen. In der ganz eigenen Art des Publizisten wandte er sich mutig gegen den Vorwurf einer Kollektivschuld seines Berufsstandes, als sich Thomas Mann in einem offenen Brief an Walter Molo zu der Behauptung hinreißen ließ, die deutsche Literatur von 1933 bis 1945 sei in ihrer Gesamtheit verdammungswürdig. In seiner Entgegnung vom 24. Dezember 1945 in der Süddeutschen Zeitung, an deren Gründung er selbst maßgeblich beteiligt war, führte Hausenstein Bücher an, die nicht vom nationalsozialistischen Ungeist angesteckt waren, die von der Zensur zwar verschont blieben, auf die aber während des Gesinnungsterrors Menschen des inneren und äußeren Widerstandes sehnsüchtig gewartet hatten.
Bereits 1948 wurde Hausenstein in die neugegründete Bayerische Akademie der Schönen Künste als Ordentliches Mitglied gewählt. Mit dieser Berufung sollte ein Mann geehrt werden, der sich
durch seine schriftstellerische Tätigkeit bleibende Verdienste erworben hatte. Man war aber auch davon überzeugt, in ihm einen Mitarbeiter zu gewinnen, der seine Fähigkeiten ganz in den Dienst der Vereinigung stellen werde. Diese Akademie, die ihre vorrangige Aufgabe darin sah, zu retten und zu bewahren und das wieder zu beleben, was der Begriff „München“ in seiner kulturellen und künstlerischen Tradition seit Jahrhunderten umfaßt hatte, wählte Hausenstein 1950 zu ihrem Präsidenten. Zwar wurde er bald danach infolge seines Eintritts in den diplomatischen Dienst oft monatelang von München ferngehalten; die umfangreiche Korrespondenz bezeugt aber, daß er auf die vielfältigen Aufgaben der Akademie entscheidenden Einfluß behielt. Dazu gehörten z. B. der Wiederaufbau künstlerisch und geschichtlich wertvoller Bauten, die Unterstützung der Theater, die Durchführung von Ausstellungen, die jährliche Verleihung von Kunst- und Literaturpreisen und nicht zuletzt die Zuwahl neuer Mitglieder, die auch aus dem Ausland geholt wurden, um der Vereinigung auf diese Weise einen international-europäischen Rang zu verleihen. Erst die Ernennung zum deutschen Botschafter in Paris (1953) legte die Entbindung vom Amt des Präsidenten der Akademie nahe.
Im März 1950 war Bundeskanzler Adenauer mit der Bitte an ihn herangetreten, als Generalkonsul die Bundesrepublik Deutschland in Paris zu vertreten. Hausenstein zweifelte ernstlich an seiner eigenen Befähigung für ein solches Amt; doch Adenauer gab ihm zu verstehen, daß er wenigstens für den Neubeginn auf einen Vertreter der Kultur und des Geistes größeren Wert lege als auf einen noch so erfolgreichen Politiker. Nach einer Bedenkzeit sagte er zu. Im Grunde genommen war der Gang nach Paris eher ein Rücksprung als ein Sprung ins Politische. Die französische Regierung reagierte überaus positiv auf die Repräsentanz eines deutschen Diplomaten, der auch in Frankreich großes Ansehen als Schriftsteller genoß. Daß man dem ersten Vertreter Deutschlands nach 1945 dennoch mit der gebotenen Zurückhaltung begegnete, ist durchaus begreiflich; aber man war sehr schnell davon überzeugt, den besten Mann bekommen zu haben. Seine Strahlungskraft und Menschlichkeit, seine Würde und Offenheit wirkten ungemein anziehend. Es bleibt das besondere Verdienst Hausensteins, eine erste Brücke zwischen den beiden heillos verfeindeten Völkern geschlagen zu haben. Viele Franzosen sahen in ihm den Garanten für ein neues und besseres Deutschland. Dieses Friedenswerk hat maßgeblich zur Verleihung des „Großen Verdienstkreuzes mit Stern“ anläßlich des 70. Geburtstages am 17. Juni 1952 beigetragen.
Am 4. Juli 1953 wurde ihm der Titel eines Botschafters zuerkannt, doch schon im Mai 1955 wurde er von diesem Posten abgelöst, nachdem der Aufbau und die Wiederherstellung der auswärtigen Beziehungen einen gewissen Abschluß erreicht hatten. Mit großen Ehren wurde Hausenstein in Paris verabschiedet; Frankreich ernannte ihn, als den ersten Deutschen in diesem Jahrhundert, zum Großoffizier der Ehrenlegion. In seine Münchener Wahlheimat zurückgekehrt, dachte Hausenstein vorab an die Wiederaufnahme seiner schriftstellerischen Tätigkeit, für die er während seiner diplomatischen Jahre kaum noch Muße gefunden hatte. Die Verleihung des Professoren-Titels durch das Land Baden-Württemberg am 27. Januar 1955, einige Monate vor seiner Ablösung in Paris, bedeutete für ihn eine außergewöhnliche Ehrung – vielleicht den schönsten Dank für sein jahrzehntelanges literarisch-künstlerisches Schaffen. Die feierliche Ernennung in Stuttgart brachte ein Wiedersehen mit Theodor Heuss.
Hausenstein war es vergönnt zu sterben, wie er es sich gewünscht hatte. Am 3. Juni 1957 erlag er in seiner Münchener Wohnung einem Herzversagen. Auf dem Schreibtisch des unermüdlich Schaffenden lagen Entwürfe zu Studien über Flaubert, Baudelaire und Stifter. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Friedhof der St. Georgskirche in München-Bogenhausen.
Werke: Bibliographie Wilhelm Hausenstein, in: „Die Gegenwart“ Nr. 12, 1957; Bibliographie Wilhelm Hausenstein, Buchveröffentlichungen, Übersetzungen, herausgegebene Werke; zusammengestellt von I. Bode, in: Wilhelm Hausenstein – Wege eines Europäers (Katalog einer Ausstellung), hg. von B. Zeller, München 1967.
Nachweis: Bildnachweise: Fotos StAF, Bildnissammlung.

Literatur: Diplomaten des Friedens von Herberstein bis Hausenstein, hg. von K. Scheucher, Darmstadt 1971; Festgabe für Wilhelm Hausenstein, hg. von W. E. Süskind, München 1952; Freyberger, L.: Wilhelm Hausenstein, in: „Zwiebelturm“ Nr. 12, 1957; Reifenberg, B.: Wilhelm Hausenstein in memoriam, in: „Die Gegenwart“ Nr. 12, 1957; Schöningh, F. J.: Gedenkwort für Wilhelm Hausenstein, in: „Hochland“ Nr. 49 1956/57; Süskind, W. E.: Gedenkwort für Wilhelm Hausenstein, in: Jb der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 1958.
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