Jünger, Ernst 

Geburtsdatum/-ort: 29.03.1895;  Heidelberg
Sterbedatum/-ort: 17.02.1998;  Riedlingen, beigesetzt am 21. 2. 1998 in Wilflingen
Beruf/Funktion:
  • Schriftsteller
Kurzbiografie: 1911 Gemeinsam mit seinem Bruder Friedrich Georg Mitglied der Wandervogelbewegung
1913 Als Gymnasiast Flucht in die Fremdenlegion (Algerien), nach sechs Wochen auf Intervention des Vaters entlassen
1914 Notabitur an der Oberrealschule in Hannover, anschließend als Kriegsfreiwilliger an die Westfront
1917 Einsatz als Kompanie- und Stoßtruppführer im Stellungskrieg. Verleihung des Ritterkreuzes des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern
1918 7-fach verwundet; Verleihung des Ordens Pour le mérite durch den Kaiser. Eintritt in die Reichswehr
1923 Austritt aus der Reichswehr, Beginn des Studiums der Zoologie und Philosophie in Leipzig
1926 Abbruch des Studiums. Seitdem als Publizist und freier Schriftsteller tätig
1939 Beförderung zum Hauptmann und Reaktivierung für den Fronteinsatz
1941 Zunächst im Wachregiment in Paris, dann bis 1944 im Stab des Militärbefehlshabers Frankreich, Otto von Stülpnagel
1945 Weigerung, den Fragebogen der Alliierten auszufüllen, führt zum Publikationsverbot in der englischen Besatzungszone
1950 Übersiedlung nach Wilflingen in Oberschwaben
1984 Zusammen mit Bundeskanzler Kohl und Staatspräsident Mitterrand Teilnahme an der Gedenkfeier zu Ehren der Opfer des I. Weltkriegs in Verdun
1988 Reise mit Bundeskanzler Kohl nach Paris zur Feier des 25. Jahrestags des Deutsch-Französischen Vertrags
1995 Zur Feier des 100. Geburtstages in Wilflingen Besuch des Bundespräsidenten, des -kanzlers und des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg
1999 ff. Jährlich Jünger-Symposion in Heiligkreuztal bei Riedlingen, veranstaltet vom Freundeskreis der Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger e. V.
2002 Internationales Symposion der Philipps-Universität Marburg: Ernst Jünger – Politik – Mythos – Kunst
Weitere Angaben zur Person: Religion: ev., ab 1996 rk.
Auszeichnungen: Literaturpreis der Stadt Bremen sowie Kulturpreis der Stadt Goslar (1955); Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (1959); Ehrenbürger der Gemeinde Wilflingen und Ehrengabe des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie (1960); Ehrenbürger der Stadt Rehburg und Immermann-Preis der Stadt Düsseldorf (1965); Straßburg-Preis der Stiftung F.V.S. (1968); Freiherr-vom-Stein Medaille in Gold der Stiftung F.V.S. (1970); Schiller-Gedächtnispreis des Landes Baden-Württemberg (1974); Kanzler des Ordens Pour le mérite (1975); Verleihung des von der Stadt Nizza vergebenen Preises „Aigle d'Or“ und des Sterns zum Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland (1977); Medaille de la Paix der Stadt Verdun (1979); Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg (1980); Prix Europe-Litterature der Fondation Internationale pour le Rayonnement des Arts et des Lettres, Prix Mondial der Fondation Simone et Cino del Duca und Goldene Medaille der Humboldt-Gesellschaft (1981); Goethe-Preis der Stadt Frankfurt a. M. (1982); Ehrenbürger der Stadt Montpellier (1983); Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Stiftung des Ernst-Jünger-Preises für Entomologie durch das Land Baden-Württemberg (1985); Verleihung des Premio Mediterraneo des Centro di Cultura Mediterranea in Palermo und Bayerischer Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst (1986); Verleihung des Internationalen Tevere-Literaturpreises durch Staatspräsident Cossiga in Rom (1987); Ehrendoktor der Universität Bilbao und Oberschwäbischer Kulturpreis (1990); Verleihung des Robert-Schuman-Preises und Großer Preis der Kunstbiennale in Venedig (1993); Ehrendoktorwürde der Universität Madrid-Alcala (1995)
Verheiratet: 1. 1925 (Leipzig) Gretha, geb. von Jeinsen (gest. 1960)
2. 1962 (Heiligkreuztal bei Wilflingen), Liselotte Lohrer, geb. Bäuerle
Eltern: Vater: Ernst (1868-1943), Dr. phil., Chemiker
Mutter: Karoline, geb. Lampl (1873-1950)
Geschwister: 6: Friedrich Georg, Hans-Otto, Wolfgang, Hermann, Felix, Johanna Hermine
Kinder: 2:
Ernst (1926-1944)
Alexander (1934-1993), Arzt
GND-ID: GND/118558587

Biografie: Gerd F. Hepp (Autor)
Aus: Baden-Württembergische Biographien 4, 167-176

An seinem 100. Geburtstag meinte Jünger sein langes Leben überblickend, dieses sei vom Heraklitischen Grundgesetz der gegenstrebigen Fügung geprägt gewesen. In der Tat spiegeln sich wie in keinem anderen Werk dieses Zeitzeugen geradezu kaleidoskopartig die Widersprüchlichkeiten, Umbrüche und Katastrophen des gesamten 20. Jahrhunderts. Vor diesem Erfahrungshintergrund können auch die Ambivalenzen in Leben und Werk des Autors nicht verwundern. Sie erklären auch, warum sein umfangreiches Œuvre neben leidenschaftlichem Zuspruch gleichzeitig auch massive Gegnerschaft hervorgerufen hat. Spätestens seit den 1990er Jahren ist ihm jedoch auch von seinen früheren Kritikern zunehmend Respekt zuteil geworden. Jünger gilt inzwischen auch in Deutschland als eine der bedeutendsten literarischen Gestalten des 20. Jahrhunderts. Im Ausland, insbesondere in Frankreich, war ihm dieser Rang ohnehin nie bestritten worden.
Vor allem an seinem Frühwerk, das bei manchen auch heute noch die Gesamtwertung dominiert, hatten sich die Geister geschieden. Seine Gegner hielten ihm Kriegsverherrlichung und antidemokratische Polemik vor oder sahen in ihm gar einen Wegbereiter der nationalsozialistischen Ideologie. Bei aller berechtigten Kritik übersahen sie jedoch häufig auch den dokumentarischen Charakter seines Werks, die Eigentümlichkeit einer Epoche mit ihren die damalige Gesellschaft prägenden Denk- und Verhaltensmustern, die aus der Distanz des Heute kaum mehr nachvollziehbar sind. Am Vorabend des I. Weltkrieges waren es Jugendbewegung, ein lebensphilosophisch begründeter Vitalismus, die Verachtung für die als dekadent empfundene bürgerliche Lebensform der Elterngeneration wie auch die Suche nach archaischen Gemeinschaftserlebnissen, die damals große Teile der jungen Generation in eine rebellische Aufbruchstimmung versetzten. Wie viele seiner Zeitgenossen war der 18-jährige 1914 mit einer geradezu rauschhaften Begeisterung in den Krieg gezogen, voller Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen und nach der großen Gefahr, in einer trunkenen Stimmung von Rosen und Blut, wie es im Vorwort des Kriegstagebuchs „In Stahlgewittern“ (1920) hieß. Dieses Buch, das später in alle Weltsprachen übersetzt wurde, ist bis heute sein berühmtestes und zugleich umstrittenstes geblieben. Jünger schildert hier mit der ihm eigentümlichen Sprachgewalt das Grauen der Materialschlacht, die er unter Verzicht auf moralische Wertungen in allen Details präzise beschreibt. Für viele schockierend bleibt er streng um innere Distanz zu dem blutigen Geschehen bemüht, die er unter anderem dadurch erreicht, dass er in den Gefechtspausen sich intensiv der Lektüre entomologischer Zeitschriften oder schöngeistiger Literatur widmet.
In seinem Essay „Kampf als inneres Erlebnis“ (1922) und seiner autobiographischen Erzählung „Sturm“ (1923) hat Jünger in den Folgejahren das Fronterlebnis weiter zu reflektieren und philosophisch zu verarbeiten versucht. Im I. Weltkrieg sah er einen Wendepunkt der Weltgeschichte, eine totale Mobilmachung der Materie und der Technik, wobei für ihn im Massensterben des Stellungskrieges die Illusionen von den heroischen Zweikämpfen gleichwertiger Gegner und den Heldengesängen der Ilias in ein Nichts zerstoben waren. Für Jünger war dies Anlass, nach einem Ausweg aus erfahrener Sinnlosigkeit, nach einer Sublimierung des Dilemmas zu fragen. Unter dem Einfluss von Nietzsches Lebensphilosophie und dessen Diktum eines „heroischen Nihilismus“, inspiriert auch von Spenglers morbider Kulturmorphologie, suchte er nach einer Metaphysik des Krieges, um die traumatische Erfahrung der Materialschlacht zu transzendieren. Im Begriff des Kampfes und des metaphysisch überhöhten Opfers findet er schließlich die Antwort und damit eine neue Sinngebung: Der todesmutige Soldat, der den nivellierenden Tendenzen der modernen Technik Paroli bietet, wird so in seinen Nachkriegsschriften zur idealen Gestalt, zum Übermenschen im Sinne Nietzsches. Im heroischen Kampf wird er zum „neuen Menschen“ geboren, so dass das überlebte bürgerliche Zeitalter mit seiner Langeweile und Sinnleere aus der Agonie erlöst werden kann. Im Geist des Krieges ist so die Hoffnung auf eine fundamentale Erneuerung, eine Neuschöpfung des Menschen begründet.
Jüngers damalige Kriegsphilosophie ist in erster Linie als Gesellschaftskritik zu verstehen. Der Krieg selbst wird zum Bürger-Krieg, mit dem über eine „Umwertung der Werte“ die Auflösung alles Bestehenden zugunsten einer neuen Ordnung intendiert werden soll. Von daher ist es konsequent, dass er in den Jahren seit 1925 sich ganz der politischen Publizistik verschreibt, um seine radikalen Ideen und Vorstellungen von einem besseren Deutschland öffentlich zu machen. Geprägt durch Fronterlebnis, Revolutionswirren, das „Versailler Diktat“ sowie die wirtschaftlichen Turbulenzen der frühen Weimarer Republik, findet er Anschluss an nationalrevolutionäre Gruppierungen und Zeitschriften. Zunächst als Aktivist eines Neuen Nationalismus beim Frontkämpferbund „Stahlhelm“, für den er in dessen Wochenschrift für die Sonderbeilage „Standarte“ regelmäßig Beiträge verfasst. Das Programm, das er hier in einem leidenschaftlichen Sprachgestus verkündet, atmet den Geist der Konservativen Revolution. Er ist getragen von der Auffassung, dass der große Krieg noch gar kein Ende gefunden und somit die eigentliche Revolution noch gar nicht stattgefunden habe. Die künftige Politik sei deshalb als eine Form des Krieges mit anderen Mitteln zu betrachten, ihr Ziel die Verwirklichung des Nationalismus in seiner schärfsten Form. „Der kommende Staat“, so formulierte Jünger damals apodiktisch, „muss national, sozial, wehrhaft und autoritativ gegliedert sein“. Nur so könne die aus dem Kaiserreich überkommene individualistische Idee allgemeiner Menschenrechte und des bloßen Strebens nach materiellem Wohlstand überwunden werden. Daraus erwachse jene „seelische Revolution, die aus dem Chaos neue, erdwüchsige Formen“ schaffe, worauf sich dann neue Gefühle der Gemeinschaft und der Verbindung mit dem Ganzen bilden könnten.
Diese Zielsetzungen schlossen für Jünger die scharfe Ablehnung des gesamten Weimarer Systems als Verkörperung des Überlebten in all seinen politischen Dimensionen mit ein. Seine Position beginnt sich nach 1926 weiter zu radikalisieren. Er verlässt den ihm zu liberal und bürgerlich gewordenen „Stahlhelm“, um in wechselnden Publikationsorganen der rechten, aber auch der nationalrevolutionären Linken für seine nun zunehmend anarchistischen Ideen zu werben. Seine Kritik richtet sich praktisch gegen alles Bestehende, da, wie er einmal bemerkt, Chaos und Ordnung für seine Generation eine enge Verwandtschaft besäßen und „wir durch den Nihilismus hindurchgehen und unseren Glauben noch nicht formulieren“ können. Von daher erklärt sich seine Polemik gegen die Parteien, sei es auf der Rechten oder der Linken, gegen die parlamentarische Republik wie überhaupt gegen den „schwächlichen Liberalismus“ insgesamt.
In den Jahren nach 1927 wechselt Jünger die Fronten und wendet sich zunehmend nationalbolschewistischen Kreisen um Ernst Niekisch zu. In der Zeitschrift „Widerstand“ wird er für einige Jahre zum ständigen Mitarbeiter, obwohl er aus seiner Ablehnung des Marxismus kein Hehl macht. Die politische Stoßrichtung gegen die „Parteien als Hauptträger einer von Grund auf verruchten und korrupten Weltanschauung“ verändert sich dabei nicht, wobei sich Jünger jedoch nicht mit deren inhaltlicher Programmatik auseinandersetzt. Er distanziert sich nun vom Konservatismus, ebenso aber auch von den Nationalsozialisten, die ihm als zu westlerisch und zu legalistisch, insgesamt einfach nicht revolutionär genug erscheinen. Was ihn primär interessiert, ist der Bruch mit jeder geschichtlichen Überlieferung, die revolutionäre und entschiedene Tat an sich. Vor dem Hintergrund dieses antibürgerlichen Dezisionismus, der nur das vitalistisch Elementare als Kennzeichen des nachbürgerlichen Zeitalters gelten lassen will, sind ihm alle revolutionären Kräfte innerhalb des Staates unsichtbare Verbündete. Zerstörung, so schreibt er 1929 in einem linksliberalen Tagebuch, sei daher das einzige Mittel, das dem Nationalismus angemessen sei. Von daher entwickelt er zeitweise Sympathien für die bolschewistische Wirtschaftspolitik und äußert auch Bewunderung für Lenin.
Dennoch bleibt Jünger auch in diesem Umfeld ein den interessenpolitischen Gegensätzen distanziert gegenüberstehender Einzelgänger. Was ihn umtreibt, ist die Hoffnung auf eine Weltenwende, die jenseits aller Vernichtung eine neue Kulturepoche und damit auch eine neue wesentliche Ordnung zu begründen vermag. In dem essayistischen Tagebuch „Das abenteuerliche Herz“ (1929), das im Stile surrealistischer Verfremdung erstmals Züge eines magischen Realismus trägt, hat er bekenntnishaft und in rauschhaft anmutender Sprache hinter der Fülle des von Schmerz und Schönheit erfüllten Lebens, hinter all seinen konkreten Erscheinungen, einen tiefer liegenden verborgenen Sinn zu erschließen gesucht. Sinnfällig wird das nicht zuletzt auch in seinem Essay „Der Arbeiter“ (1932), der keineswegs eine sozialwissenschaftliche Abhandlung, eher eine poetisch-philosophische Vision darstellt. Mit diesem theoretisch anspruchsvollen Essay, der seine zweite Werkphase einleitet, rückt Jünger nun noch weiter vom konkreten politischen Tagesgeschäft ab. Der vieldeutig auslegbare Text, der den Untertitel „Herrschaft und Gestalt“ trägt, geht von der neu formulierten Annahme aus, dass Nationalismus und Sozialismus nun überholte weltanschauliche Frontstellungen seien. Die Tendenz des modernen Zeitalters, das seit dem I. Weltkrieg durch eine planetarische Ausweitung der Technisierung und die Expansion der großstädtischen Metropolen charakterisiert sei, führe notwendig zur Heraufkunft eines neuen Menschentypus. Fassbar wird dieser für Jünger in der Gestalt des Arbeiters, den er als Gegentypus zur überholten bürgerlichen Lebensform, nicht als Vertreter eines Standes oder als Proletarier beschreibt. Vielmehr steht er für eine Daseinsform, die sich aus den hochverdichteten Arbeitsverflechtungen und deren unentrinnbaren Funktionszusammenhängen der Modernität zwingend ergibt. Die Symptome dieser Veränderungen macht Jünger phänomenologisch an einer Vielzahl von Beispielen aus dem Alltagsleben fest, so etwa am Wandel der Mode, dem Freizeitverhalten der Massen oder den Gefährdungen durch das moderne Verkehrswesen. Dieser epochale Wandel führt nach Jünger unausweichlich zu einer umfassenden Auslöschung der bürgerlichen Individualität und Autonomie, zur Kollektivierung der Daseinsformen, wobei der Einzelne einer „ständig verschärfende[n] Beschlagnahme durch den Staat“, der alles durchdringt, ausgesetzt sei. Der Arbeiter begrüßt jedoch all diese neuen Tendenzen als eine neue Sinngebung: Er bejaht jene „organische Konstruktion“, in der Technizität und Natürlichkeit sich versöhnend miteinander verbinden, ist wie vormals der Krieger ein Titan an Selbstverleugnung und Opfermut, fügt sich ein in den hierarchischen, nach militärischen Führungsprinzipien gegliederten Staat, der vom Prozess der „totalen Mobilmachung“ geprägt wird. Er übt Herrschaft dadurch aus, dass er dient, ist beseelt vom Willen zur Macht, die ihn alle verfügbaren technischen Mittel mobilisieren lässt, deren er sich zugleich bedient, um der am Zukunftshorizont sichtbaren supranationalen planetarischen Ordnung zuzuarbeiten, die den Nationalstaat hinter sich lässt.
Das Echo auf den „Arbeiter“ war zwiespältig. Sowohl Bolschewisten wie auch Faschisten meinten, dort selektiv Bestätigungen eigener Ideen finden zu können. Die Nationalsozialisten vermochten damit nichts anzufangen, weshalb der „Völkische Beobachter“ mit drohendem Unterton notierte, der Autor nähere sich mit diesem Werk „der Zone der Kopfschüsse.“ Schon lange vor 1933 war Jünger zu den künftigen Machthabern auf Distanz gegangen. Gelegentliche Kontakte und auch Sympathien in Richtung NSDAP unterhielt Jünger in den Anfängen der Bewegung. So hatte er 1923 im „Völkischen Beobachter“ einen Artikel unter dem Titel „Revolution und Idee“ veröffentlicht und 1925 hatte er Hitler nicht ohne Wohlwollen als „die Vorahnung eines ganz neuen Führertyps“ bezeichnet. Zu einer persönlichen Begegnung mit Hitler, der den Autor der „Stahlgewitter“ schätzte und ihn allzu gerne für seine Bewegung gewonnen hätte, ist es allerdings nie gekommen. Vielmehr entzog sich Jünger seit Mitte der 1920er Jahre konsequent allen Vereinnahmungsversuchen der ihn umwerbenden Partei. 1927 und auch 1933 lehnt er ein an ihn ergangenes Angebot ab, für den Reichstag zu kandidieren. 1933 wie auch 1934 muss er Hausdurchsuchungen durch die Gestapo über sich ergehen lassen. Geradlinigkeit und Mut bewies er, als er die Aufnahme in die politisch gereinigte Dichterakademie ablehnte und als er nach der 1937 erfolgten Einlieferung von Ernst Niekisch ins Konzentrationslager dessen Frau und Kinder bei sich aufnahm. Jünger zog sich nun für mehrere Jahre ganz in die innere Emigration zurück, schaffte sich eine innere Gegenwelt durch naturkundliche und historische Studien und mehrere größere Reisen. Erst kurz nach Ausbruch des II. Weltkrieges trat er dann mit seinem berühmten Roman „Auf den Marmorklippen“ wieder ins öffentliche Rampenlicht. In Form einer bilderreichen Parabel erzählt er hier die Geschichte einer unter dem barbarischen Oberförster und seinem mordlustigen Gefolge hereinbrechenden Tyrannis. Sowohl im In- wie im Ausland wurde das Werk unmittelbar nach seinem Erscheinen übereinstimmend als ein mutiges und entschiedenes Dokument des politischen Widerstands gegen Terror und Konzentrationslager gedeutet. Auch wenn Jünger dieses Werk später nicht als „Tendenzschrift“, sondern eher als ortloses Phantasiebild für auch anderswo mögliche Pervertierungen politischer Ordnungen gedeutet wissen wollte, war der konkrete Anlass eindeutig. Mit den Marmorklippen vollzog er zugleich eine deutliche Abkehr von der Titanenwelt des technizistischen Kollektivismus und Totalitarismus, die er im „Arbeiter“ in Verkennung ihrer autodestruktiven Wirkungen noch als Modell der Zukunft gefeiert hatte. Von dem dort noch vorherrschenden Diktum Nietzsches, dass anbetungswürdig sei, was immer als neue Tendenz heraufkomme, hatte er sich damit abgewendet. Seine Schilderung der Schinderhütten des Oberförsters als „Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde und der Menschenfreiheit schauerlich ergötzt“, machte deutlich, wie sehr die Verurteilung unmenschlichen politischen Machtgebrauchs sowie die Verpflichtung der Politik auf das ontologisch Unverfügbare nun zu einer unhintergehbaren Dimension in Jüngers Einstellung zur Welt geworden waren. Jüngers Denken findet nun definitiv Anschluss an die Tradition eines alteuropäischen Humanismus und Individualismus.
Dieser neue Befund erhärtet sich auch in den Kriegsjahren, die Jünger von 1941 bis 1944 überwiegend als Offizier in Paris im Kommandostab des Militärbefehlshabers von Frankreich verbringt. Seine Erfahrungen und Gedanken in diesen Jahren, die auch von tiefen Selbstzweifeln über früheres eigenes Denken und Tun und depressiven Stimmungen über die aktuelle politische Lage geprägt sind, hat der Diarist in den „Strahlungen“ festgehalten. Schon zu Beginn des Krieges schrieb er in Abkehr von früheren Positionen, dass sein Ehrgeiz, soweit er sich auf militärische Dinge beziehe, erloschen sei und er auch das Wort deutsch aus allen seinen Büchern gestrichen habe. Als er Ende 1941 auf einer Dienstreise an die Ostfront von Massenexekutionen erfährt, notiert er aufgebracht: „Ein Ekel ergreift mich vor den Uniformen, den Schulterstücken, den Orden und Waffen, die ich so geliebt habe“. Ebenso schockiert kommentiert er im April 1943 eine ihm zugetragene Schilderung über die Erschießung von Juden. „Bei solchen Mitteilungen erfasst mich Entsetzen, ergreift mich die Ahnung einer ungeheueren Gefahr ... In der Tat habe ich das Gefühl, dass diese Menschen den Erdball anbohren, und dass sie die Juden dabei als kapitales Opfer wählen ...“
In diesen Jahren vollzieht Jünger, der zweimal die Bibel liest, zunehmend eine Wendung ins religiös Metaphysische. Nicht zuletzt sein gewandelter moralischer Standpunkt ist es, der ihn in einen engen und vertrauten Umgang mit der Verschwörergruppe führt, die von Paris aus aktiv an der Vorbereitung des 20. Juli beteiligt ist. Jünger ist in die Pläne des Attentats eingeweiht, beurteilt diese jedoch skeptisch, da er meint, dass mit der Beseitigung Hitlers die Lösung der allgemeinen Ordnungskrise letztlich nicht gelingen könne. Dahinter steht ein metahistorisches und geschichtsphilosophisches Denken, wonach die individuelle Tat nichts Grundlegendes verändern könne, solange dem Regime nicht durch ein umfassendes Umdenken von den Wurzeln her die allgemeine Grundlage entzogen sei. Auf der anderen Seite versucht Jünger, der sich in diesem Umfeld ganz auf die Rolle des kritischen Beobachters und Literaten zurückgezogen hat, jedoch selbst einen Beitrag zu der von ihm geforderten geistig-moralischen Wende beizusteuern. In enger Abstimmung mit den Verschwörern in Paris arbeitet er an einem Manifest mit dem Titel „Der Friede“, das er im Herbst 1943 abschließt. Die Schrift, die aufgrund des Scheiterns des 20. Juli erst nach Kriegsende in Holland erscheinen kann, wird jedoch von der politischen Entwicklung überholt und kann so keine öffentliche Bedeutung mehr erlangen. In ihrem ersten Teil wird nochmals der enormen Opfer und Leiden der beiden Weltbürgerkriege gedacht sowie in Form einer schicksalhaften Opfermetaphysik die Hoffnung artikuliert, dass die Kriege nun die Frucht „zum neuen Bau der Welt“, zu einem guten und dauerhaften Frieden bringen müssten. Im zweiten Teil werden konkretere Schlussfolgerungen formuliert, die teilweise – noch mitten im Krieg – geradezu hellsichtig in prognostischer Weise die künftige europäische Integration vorwegnehmen. So sieht Jünger den „nationalen Stoff“ der Völker aufgezehrt, die alten Grenzen müssten fallen und insbesondere Europa solle sich unter einer gemeinsamen Verfassung zu einer politischen Gemeinschaft zusammenschließen. Der allgemeine Zuwachs an Menschen, Energien und Technik, wie auch der Austausch von Gütern und Menschen dränge die Menschheitsgeschichte planetarischer Ordnung und Einheit zu. Den neu sich bildenden „großen Imperien“ müsse Europa zum Partner werden und so teilnehmen an der neu gewonnenen Freiheit. Jünger fordert unter anderem die Bestrafung der Kriegsschuldigen, die Wiederherstellung des Rechts und des Rechtsgefühls sowie die weltweite Achtung der Menschenwürde und der Freiheitsrechte. Bezüglich der Verfassung des künftigen Europa müssten die Prinzipien der Einheit und Mannigfaltigkeit Anwendung finden. Daneben geht Jünger auf das ethische Fundament der neuen europäischen Friedensordnung näher ein, wobei er hier Gedanken einer christlichen Anthropologie und einer hierauf gründenden Staatsauffassung artikuliert. Der Friede dürfe nicht allein auf die menschliche Vernunft gegründet sein, ergänzend müsse vielmehr der Nihilismus in „dem Einzelnen“ überwunden werden, wobei dies nur mit Hilfe der Kirchen gelingen könne, die sich allerdings zeitgemäß erneuern sollten.
Den totalen Zusammenbruch von 1945 und den Abwurf der Atombombe über Hiroshima im August des gleichen Jahres hat Jünger als Höhepunkt einer epochalen Krise gedeutet. Er reflektiert diese Ereignisse in dem Essay „Über die Linie“ (1950), wo er konstatiert, dass der europäische Nihilismus nun seinen Höhepunkt erreicht habe. Er spricht dort vom Kollabieren der tragenden Werte von Nomos und Ethos, an deren Stelle eine „technische Ordnung“ reiner Funktionszusammenhänge von „insektenhafter Perfektion“ getreten sei, die eine Schwundstufe menschlicher Lebensformen darstelle. Auch der „durchgebildete Staat“ des 20. Jahrhunderts mit seinen mächtigen Ordnungsstrukturen und Apparaturen sei so zu einem nihilistischen Objekt, zum Instrument der Zerstörung der Freiheitsräume des Einzelnen geworden. Nachdem er bereits seine surrealistische Erzählung „Gläserne Bienen“ (1957) ganz in den Dienst seiner zunehmenden Technikkritik gestellt hatte, mündet sein geschichtsphilosophischer Essay „An der Zeitmauer“ (1959) schließlich in eine schonungslose Kritik des ökonomischen und technologischen Fortschrittsglaubens der Moderne. Er führt nach Jünger zur Zerstörung des Individuums und seiner humanen Substanz, die an bestimmten Symptomen sichtbar wird: Allgemeine Sinnentleerung, geistige Verflachung, Entzauberung der Welt, Klimaveränderungen, Artenschwund, Umweltzerstörung und Risiken der Gentechnik.
Allerdings enthält die nihilistische Katastrophe für Jünger aber auch die Hoffnung auf ein Umschlagen in eine Gegenbewegung, die „über die Linie“ des Nihilismus hinausführt. Seine optimistische Zuversicht schöpft Jünger, der sich von christlichen Grundpositionen teilweise wieder entfernt hat, aus metaphysischen und mythologischen Überzeugungen. Sie verdichten sich zu einem unerschütterlichen Glauben an den Sinn der Geschichte wie auch zu der in „An der Zeitmauer“ neu entwickelten Vorstellung einer Posthistorie. Im Zeitalter planetarischer und globaler Entwicklungen, so Jünger, sei die historische Zeit des Menschen zu einem Ende gekommen. Er befinde sich nun am Übergang in eine neue, eine erdgeschichtliche Phase, in ein Zeitalter der Erdrevolution, in der „die geologische Einbettung des Lebens, der Sinn der Erde“ den Gang der Entwicklung bestimme. Diese sei ungewiss, lasse aber durchaus die Möglichkeit eines neuen goldenen Zeitalters aufscheinen.
Die Überwindung der nihilistischen Krise erhoffte sich Jünger primär durch die im Kosmos waltenden Kräfte einer unzerstörbaren Welt- und Erdvernunft. Von den politischen Ordnungssystemen und dem Staat erwartete er dagegen für die menschlichen Belange im Allgemeinen nichts Gutes. Schon kurz nach 1945 zeigte sich, dass die positive Grundstimmung der Friedensschrift zunehmend einer skeptischen Einstellung gewichen war. Die Gründung der Bundesrepublik hat ihn kaum bewegt, und auch danach hat Jünger auf bemerkenswerte Weise seine ganz persönliche Distanzhaltung zu allem Politischen und zu den Problemen der jungen Demokratie bewahrt. So bemerkt er z. B. 1956 im „Rivarol“ geringschätzig: „Es gibt auch andere Sorgen, denn wie die meisten ahnen, sind unsere Probleme nicht politisch oder, wo sie sich politisch stellen, nicht die schwierigsten“. Entsprechend sparsam und marginal, häufig mit einem lakonischen Unterton, fallen seine Anmerkungen zu aktuellen politischen Tagesfragen aus. Im Gegensatz zu früher stellen politische Fragen für ihn keine Sinnfragen mehr dar, vielmehr sind sie, verglichen mit den im Kosmos wirkenden Geistesmächten, bedeutungslos geworden. Lediglich der zwischenstaatliche Makrobereich vermochte ihn zeitweise aus der Reserve zu locken, vermeinte er hier doch geschichtsphilosophischen oder gar mythischen Vorgängen auf der Spur zu sein. In seiner Schrift „Der Gordische Knoten“ (1953) griff er in einer bilderreichen politischen Raumsemantik das damals aktuelle Problem des Ost-West-Konflikts auf, den er durch eine synthetische Versöhnung der widerstreitenden Prinzipien von abendländischer Freiheit und östlichem Fatalismus in einem künftigen Weltstaat zu überwinden hoffte. Jünger ging es aber auch bei diesem visionären Entwurf nicht um eine Analyse konkreter politischer Ereignisse und Strukturen, sondern ausschließlich um das Allgemeine, um die hinter den konkreten Erscheinungen sich verbergenden überzeitlichen Prozesse. Besonders deutlich wird dieses Grundmuster in dem politischen Essay „Der Weltstaat“ (1960). Grundgedanke ist hier die Annahme, dass aufgrund der durch die Technik beschleunigten planetarischen Entwicklung die beiden Supermächte USA und Russland sich in ihren Strukturen und Formen immer stärker angleichen, so dass die Entwicklung auf einen einheitlichen Weltstaat zusteuert. Der „globale Stil“ und dessen Gleichförmigkeit kommen nach Jünger nicht nur in derselben Technik, sondern auch in denselben Leitworten wie Friede, Freiheit oder Demokratie zum Ausdruck, wobei er – von seiner metahistorischen Warte aus – die politisch-ethische Differenz von westlicher Demokratie und kommunistischer Diktatur als unwesentlich übergeht. Wichtig ist für ihn einzig die mit evolutionärer Notwendigkeit sich realisierende Vollendung des Weltplans, bei der die Geschichte „als Teil der großen Erdbewegung“ die Politik überholt. Politik scheint in dieser Zukunftsvision weitgehend überflüssig zu werden, wenn nicht sich gänzlich zu verflüssigen. Am Ende des weltweit sich durchsetzenden „Nivellements“, das nicht nur das Verschwinden der Nationalstaaten und territorialen Grenzen bewirkt, sondern auch die Einebnung der Geschlechterrollen, der Rassen, Stände und Klassen zur Folge hat, steht schließlich, so Jünger, der Weltstaat als „finaler Staat“. Ihm eignet eine neue Qualität als Staat, da mit ihm der Staat im historischen Sinne aufhöre, Staat zu sein. Dies komme unter anderem darin zum Ausdruck, dass Kriegsheere nun überflüssig seien, der Weltfriede möglich werde, so dass dann „der menschliche Organismus als das eigentlich Humane, vom Zwang der Organisation befreit, reiner hervortreten“ könne.
Mit dem Gegensatzpaar von Organismus und Organisation führt Jünger zugleich biologistische Aspekte in seine Sicht des Politischen ein. Im Staat sieht er eher ein inhumanes Organisationsgebilde, das stets tief in die Substanz der Individuen, der natürlichen Gemeinschaften und der allgemeinen Lebensgrundlagen eingegriffen habe, so dass die Menschen ihm von jeher mit Misstrauen und Befürchtungen begegnet seien. Die Verwirklichung des finalen Weltstaates, der eine „neue Phase der Evolution“ einleitet, verknüpft er so mit einer anthropologischen Vision, nämlich der Hoffnung, dass die species humana hierdurch zu ihrem Wesenskern, der menschlichen Willensfreiheit, zurückfinden könne. Geistiger Vordenker und Wegweiser dieser Entwicklung kann nur der „Anarch“ sein, der mit dem Typus des „Waldgängers“ identisch ist, den Jünger Anfang der 1950er Jahre bereits symbolhaft als eine Gestalt eingeführt hatte. Gemeint ist durchweg der autonome Einzelne, der absolute Nonkonformist, der es versteht, auch gegen die Zumutungen des Staates und der Gesellschaft seine Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren. Somit ist der Anarch, der seine „Leitbilder im Jugendstand der Menschheit“ sowie „Heil und Unheil der Gesellschaft an der Wurzel sucht“, gewissermaßen selbst zu einer Gestalt der Metahistorie geworden und hier mit der Aufgabe betraut, für die kommende planetarische Ordnung ein neues menschliches Ethos zu konzipieren. Dass er damit ganz offensichtlich auch seine eigene Autorschaft im Blick hat, verschweigt Jünger indes nicht, denn: „Immer muss Dichtung, müssen Dichter vorangehen.“
Als Jünger 1965 siebzig Jahre alt wird, beginnt er mit der Arbeit an seinen fünf Tagebüchern „Siebzig verweht“, seinem zentralen Alterswerk, das eine lange Spanne von drei Jahrzehnten umfasst. In dem für den Diaristen typischen aphoristischen Stil berichtet er hier über Erkenntnisse zum Zeitgeschehen, schildert Reiseeindrücke und Traumerlebnisse, reflektiert über historische Ereignisse, Mythen und Kulturen, meditiert über die Schöpfung und den Tod oder zeigt sich als passionierter Naturforscher, der in seinen botanischen und zoologischen Studien das Elementare und Unvergängliche zu entdecken sucht. In dieser langen und überaus produktiven Schaffensperiode, in der Jünger auch mehrere Essays, Reisetagebücher und Erzählungen publiziert, erfährt sein Werk zwar graduelle Variationen und Ergänzungen, in den Grundpositionen zeigt es jedoch Konstanz. So etwa in der ontologischen Gewissheit, die den Spätplatoniker auch angesichts globaler Nomos- und Umweltzerstörungen, trotz aller damit verbundenen Erschütterung und Skepsis den Glauben an eine harmonische Ordnung der Dinge im Ganzen nicht aufgeben lassen. Die Weltstimmung am Ende des Jahrtausends deutete er so in seinem Essay „Die Schere“ (1990) als widersprüchlich und unentwirrbar. Neben katastrophischen Gefährdungen sah er durchaus auch Anzeichen, dass das 21. Jahrhundert als ein „Interim“ zu einer „Vergeistigung“ der Welt führe, dass in einer „geschichtslos“ erscheinenden Zeit der Weltstaat näher rücke, der nicht mehr von den Machtkämpfen, Weltkriegen und Völkermorden der bisherigen Geschichte bestimmt werde. Sein literarisches Œuvre, das in dieser Phase noch stärker im Metaphysischen und Kosmischen aufgeht und auch zeitgeschichtliche Ereignisse zunehmend global und metahistorisch zu deuten sucht, lässt ihn fast als einen kosmopolitischen Seher erscheinen, der in den Ambivalenzen der Moderne geradezu rastlos einem irgendwo hinterlegten geheimen Weltplan auf der Spur ist. Diese metaphysische Suche nach dem „Unvermessenen“ kennt viele Zugänge und Annäherungen. Dazu gehören geschichtsphilosophische und religiös-mythologische Reflexionen ebenso wie astrologische Spekulationen und Traumerfahrungen wie auch gezielte Experimente mit Drogen, die er in dem Essay „Annäherungen. Drogen und Rausch“ (1970) als Möglichkeit der Bewusstseinserweiterung beschrieben hat. Aber auch seine zahlreichen Reisen, die ihn häufig ans Mittelmeer, mehrfach aber auch nach Afrika und Ostasien führten, wo er häufig vor allem als Entomologe und Naturforscher unterwegs ist, dienen dem Entdecken der unzerstörbaren „Harmonie im Ganzen.“ Auch in „Subtile Jagden“ (1967), wo er in der Mikrowelt der Käfer unterwegs ist, sucht er dem numinosen Urgrund der konkreten Erscheinungswelt mit seinem „stereoskopischen Blick“ phänomenologisch auf die Spur zu kommen. Die gegenwartsbezogene Erscheinungswelt, soweit sie im Zwischenraum von Mikro- und Makrowelt angesiedelt ist, lässt er zunehmend hinter sich. Anlässlich der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl bemerkt er ganz zeitenthoben, dass er persönlich mit der Technik zur Zeit Alexanders und des Aristoteles auskäme, sie – vom Kultus und der Kultur ganz abgesehen – sogar vorziehen würde. Beeindruckt zeigt sich Jünger dagegen vom epochalen Ereignis des Mauerfalls, was ihn mit „Freude, Rührung, Hoffnung erfüllt“ habe: „Endlich einmal auch eine gute Nachricht für unser Land. Sie wirkte wie ein Regen in der Wüste nach langer Trockenheit“, um sogleich aber auch anzumerken, dass er dabei weniger an ein nationales Erwachen als an ein Einschmelzen der Grenzen innerhalb der allgemeinen Entwicklung zum Weltstaat gedacht habe.
Für die Demokratie als Staatsform und ihre konkrete Ausprägung in der zweiten deutschen Republik hat Jünger sich allerdings auch im Alter nie sonderlich erwärmen können. So schrieb er 1983 in provokanter Äquidistanz: „Warum sollte ich mich zur Demokratie bekennen, und gerade heute, wo ich sie täglich beobachte, von Moskau bis New York“. Offenkundig hat er nicht zuletzt aufgrund eigener biographischer Erfahrungen, zu denen vier politische Herrschaftsordnungen mit den dazu gehörenden Umbrüchen gehören, jedes Vertrauen in die Stabilität und Legitimität politischer Systeme, auch in die gegenwärtig existierende Demokratie, verloren. In der Erzählung „Eumeswil“ (1977), die an mehreren Stellen auch verschlüsselte Bezüge zur bundesrepublikanischen Entwicklung enthält, wird dies deutlich. Jünger lässt dort seinen Helden Venator, der die Rolle des politisch unbeteiligten Spectateurs, des Anarchen, verkörpert, beziehungsreich verkünden, das Beste, das man von einem Regime erwarten dürfe, sei „eine bescheidene Legalität – von Legitimität kann nicht die Rede sein.“ In einem weiteren Essay, „Autor und Autorschaft“ (1984), meint er mit Blick auf die Verfassungswirklichkeit, dass „Standardbegriffe“ wie freiheitlicher Rechtstaat und soziale Marktwirtschaft in der Realität zu Schlagwörtern verkommen seien, weshalb der Autor sich besser an die Maxime halten solle, „dass jedes Regime mehr oder weniger betrügt und dass es überall eine offene oder geheime Opposition gibt, auch eine privilegierte Schicht“. Aber nicht nur von den Regierenden, auch vom Demos der Demokratie sei im juste-milieu Klima der Bundesrepublik angesichts verbreiteter mentaler Mittelmäßigkeit und banaler Konsumzivilisation kein Heil zu erwarten. So sind nicht zuletzt die modernen Massendemokratien für Jünger zum Synonym für die von ihm beklagten Defizite geworden: Inhumane Verzifferung, sinnentleertes Komfortstreben, Allmacht bürokratischer Kollektive, lebensfeindliche Zerstörung und Verwüstung der Umwelt und der Natur als Folge eines ungezügelten technischen Titanismus. Optimismus vermeint er so nur noch aus der überzeitlichen Logik des Weltgeistes schöpfen zu können, da „die Erdrevolution mit politischen Mitteln nicht zu bewältigen“ sei.
Aufrufe zur politischen Partizipation waren so von ihm nicht zu erwarten, nur für die deutsch-französische Aussöhnung hat er sich tatkräftig eingesetzt. Ansonsten wehrte er sich, stets auf seine Unabhängigkeit bedacht, gegen jegliche Vereinnahmung, von welcher politischen Seite oder Richtung auch immer. Versuche, ihn zu instrumentalisieren, gab es nicht nur bei „Konservativen“ der unterschiedlichsten Färbung, sondern nach der Zäsur von 1989 zunehmend auch bei Linksintellektuellen, die ihn ihm den Visionär verehrten, der über den beschränkten Horizont moderner Selbstzerstörung hinweg verloren geglaubte kulturelle Tiefenschichten auszudeuten vermochte. Jünger selbst hatte bei aller Distanz weder intellektuelle noch politische Berührungsängste. Freundschaft verband ihn mit Carlo Schmid, Theodor Heuss, Kurt Georg Kiesinger und Hans Filbinger; mit Helmut Kohl, François Mitterrand und Felipe Gonzales, die ihn in Wilflingen aufsuchten, pflegte er wohlwollende Kontakte. Auf das modisch gewordene politische Literatentum seiner Zeit hat er sich nie eingelassen, dies bewusst im Sinne der alten deutschen Trennung von Macht und Geist. Als er 1983 gebeten wurde, an einer Demonstration der Friedensbewegung gegen die Stationierung von Atomraketen teilzunehmen, wehrt der unpolitische Anarch entschieden ab. „...was würde ich damit ausrichten? Die Politik jeder Färbung ist mir seit langem zuwider, und ich marschiere hinter keiner Fahne mehr her.“ Der technische Fortschritt lasse sich nicht aufhalten, die einzige Hoffnung, die aus dem Dilemma führe, liege im kommenden Weltstaat begründet, meinte der 98-jährige auch noch in seinen „Prognosen“ (1993). In einer geradezu verzweifelt anmutenden Kraftanstrengung setzt er zugleich seine ganzen Zukunftshoffnungen nicht auf die Politik oder die Demokratie, sondern ausschließlich auf den Einzelnen als Mensch. So schrieb er schon 1973 in „Siebzig Verweht“: „Letzten Endes bleibt das Problem beim Einzelnen. Wenn er es löst oder sich der Lösung nähert, stellt sich Zuversicht ein. Mit ihm geht die Welt sowohl unter wie auf.“
Zuversicht für sich selbst schöpfte der greise Jünger zunehmend aber auch aus der Religion. Zeitlebens von Leon Bloy, dem radikalen französischen Katholiken, fasziniert, standen für ihn Dichten, Denken und Beten in einem engen Zusammenhang. Er konvertierte eineinhalb Jahre vor seinem Tod noch zum Katholizismus, wobei sich diese Wende jedoch schon viele Jahre zuvor abgezeichnet hatte. Zu wenig eschatologisch und zu rational-innerweltlich erschien ihm das nüchterne lutherische Wortchristentum, der Katholizismus dagegen sprach ihn primär als mystischer Schöpferglaube an: Die sich auf dem Altar ereignende „göttliche Heilstat unter dem Schleier der Symbole“ (O. Casel) und die Lehre vom Gebet als mystische Selbsthingabe entsprachen seinem eigenen Verständnis von Transzendenz. Zudem pflegte er die Lektüre der Kirchenväter, schätzte die bilderreiche Farbigkeit des katholischen Ritus und Kultus und fühlte sich der heiteren Lebenszugewandtheit katholischer Alltagsfrömmigkeit eng verbunden. Dem Tode nahe, erwuchs ihm, dem das 20. Jahrhundert ein Jahrhundert der Gottesferne war, aus dem Glauben so Hoffnung für das 21. Jahrhundert: „Von allen Domen bleibt nur noch jener, der durch die Kuppeln der gefalteten Hände gebildet wird. In ihm allein ist Sicherheit.“
Quellen: Nachlass im Dt. LiteraturA Marbach a. Neckar; Jünger-Haus Wilflingen. Gedenkstätte für E. u. Friedrich Georg Jünger (enthält insbesondere Teile von Jüngers Bibliothek).
Werke: Bibliographien (Auswahl): Horst Mühleisen, Bibliographie d. Werke E. Jüngers. Begründet von Hans Peter des Coudres, 1996; Nicolai Riedel, E. Jünger. Internationale E. Jünger Bibliographie (1986-1996). Ein Jahrzehnt Wirkungsgeschichte im Spiegel geistesgeschichtlicher u. literaturwissenschaftlicher Forschung, in: Les Carnets E. Jünger 1, 1996, Teil II, Chronologische Ergänzung u. Nachträge, 1997, in: Les Carnets E. Jünger 2, 1997; Werkausgabe: E. Jünger, Sämtliche Werke (SW), 18 Bde. u. 4 Supplementbände, 1978 ff. – Auswahl: In Stahlgewittern, 1920; Der Kampf als inneres Erlebnis, 1922; Feuer u. Blut. Ein kleiner Ausschnitt aus einer großen Schlacht, 1925; Das Wäldchen 125. Eine Chronik aus den Grabenkämpfen 1918, 1925; Das abenteuerliche Herz, 1. Fsg., 1929; Über Nationalismus u. Judenfrage, in: Süddt. Hefte 27, 1929/30; Die totale Mobilmachung, 1931; Der Arbeiter. Herrschaft u. Gestalt, 1932; Blätter u. Steine, 1934; Afrikanische Spiele, 1936; Das abenteuerliche Herz, 2. Fsg., 1938; Auf den Marmorklippen, 1939; Gärten u. Straßen. Aus den Tagebüchern von 1939 u. 1940, 1942; Der Friede, 1946; Strahlungen, 1949; Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt, 1949; Über die Linie, 1950; Der Gordische Knoten, 1953; Das Sanduhrbuch, 1954; Am Sarazenenturm, 1955; Rivarol, 1956; Gläserne Bienen, 1957; Jahre d. Okkupation, 1958; Der Weltstaat. Organismus u. Organisation, 1960; Subtile Jagden, 1967; Annäherungen. Drogen u. Rausch, 1970; (mit Alfred Kubin), Eine Begegnung. Acht Abbildungen nach Zeichnungen u. Briefen von E. Jünger u. Alfred Kubin, 1975; Die Zwille, 1973; Eumeswil, 1977; Siebzig Verweht I, 1980; Siebzig Verweht II, 1981; Aladins Problem, 1983; Autor u. Autorschaft, 1984, Eine gefährliche Begegnung, 1985; Zwei Mal Halley, 1987; Die Schere, 1990; Siebzig verweht III, 1993; Prognosen, 1993; Siebzig verweht IV, 1995; Siebzig Verweht V, 1997; (mit Rudolf Schlichter), Briefe 1933-1955, hg., kommentiert u. mit einem Nachwort von Dirk Heißerer, 1997; (mit Carl Schmitt), Briefe 1930-1983, hg., kommentiert u. mit einem Nachwort von Helmut Kiesel, 1999; E. Jünger, Politische Publizistik 1919-1933, hg., kommentiert u. mit einem Nachwort von Sven Olaf Berggötz, 2001.
Nachweis: Bildnachweise: Sechs Büsten in d. Gedenkstätte in Wilflingen, neben d. von Arno Breker (1980) die 1990 von Serge D. Mangin gefertigte Altersbüste; Sonderbriefmarke d. Deutschen Post (1998); Heimo Schwilk (Hg.), E. Jünger Leben u. Werk, 1988 (vgl. Lit.); Gisela Linder, Die Jahrzehnte in Oberschwaben, 2002.

Literatur: Auswahl: Karl O. Paetel, E. Jünger. Weg u. Wirkung. Eine Einführung, 1949; Hans-Peter Schwarz, Der konservative Anarchist. Politik u. Zeitkritik E. Jüngers, 1962; Karl Heinz Bohrer, Die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik u. E. Jüngers Frühwerk, 1978; Wolfgang Kaempfer, E. Jünger, 1981; Norbert Dietka, E. Jünger nach 1945. Das Jünger-Bild d. bundesdt. Kritik 1945-1985, 1987; Heimo Schwilk (Hg.), E. Jünger. Leben u. Werk in Bildern u. Texten, 1988; Ders., Das Echo d. Bilder. E. Jünger zu Ehren, 1990; Peter Koslowski (Hg.), Der Mythos d. Moderne. Die dichterische Philosophie E. Jüngers, 1991; Martin Konitzer, E. Jünger, 1993; Martin Meyer, E. Jünger, 1993; Helmut Kiesel, Wissenschaftliche Diagnose u. dichterische Vision d. Moderne – Max Weber u. E. Jünger, 1994; Stefan Breuer, Anatomie d. konservativen Revolution, 21995; Daniele Beltran-Vidal, Chaos et renaissance dans l'œuvre d'E. Jünger, 1995; Günter Figal/Heimo Schwilk (Hg.), Magie d. Heiterkeit. E. Jünger zum Hundertsten, 1995; Hans-Harald Müller/Haro Segeberg (Hgg.), E. Jünger im 20. Jh., 1995; Peter Koslowski, Die großen Jagden des Mythos. E. Jünger in Frankreich, 1996; Paul Noack, E. Jünger. Eine Biographie, 1998; Heiner Schwilk/Uwe Wolff, Die Konversion. E. Jünger u. d. Katholizismus, in: Welt am Sonntag vom 28. 3. 1999, 33 f.; Elliot Yale Neaman, A Dubious Past. E. Jünger and the Politics of Literature after Nazism, 1999; Armin Mohler, Die Schleife. Dokumente zum Weg von E. Jünger, Neuaufl. d. Ausgabe von 1955. Mit einem Nachwort von Tobias Wimbauer, 2001; Steffen Martus, E. Jünger, 2001.
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